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Der Israelit · 1921-07-28 · Heft 30 (28.7.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 30 (28.7.1921)
Date
1921-07-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Juli 7.92t __ öeartü eift istzt, d-'ß i.'s NM hier nroI 'UM einfache Diebe handetre, sondern um einen reoolut t onären Akt, der aus Prinzip in Verfolgung einer Idee begangen wurde. „Revolutionäre", man kannte dieses unheimliche Wort im Städtchen. Waren es doch diese Taugenichtse, die fortwährend der Regierung und der Polizei zu schaffen machten und an allen Leiden, allem Haß, allen Pogromen Schuld waren . . . Und bitterer Haß loderte in vieler Herzen gegen düse Unheilbringer auf. Man schalt und schimpfte über die Verbrecher, die „den jüdischen Namen entweihen". Schlome packte gleich den einen am Kragen, um ihn zum Jnspravnik, dem höchsten Beamten der Kreisstadt, zu führen, der andere war von Schlomes Söhnen erfaßt worden. So ging die Prozession unter Begleitung der großen Menge durch die lange Gaffe bis zur Amtswohnung des Gewaltigen. Es gab keinen im Städtchen, der nicht die beiden „Räuber" von Kindheit auf gekannt hätte. Es waren die Söhne der reichsten und angesehensten Leute am Platze. Der eine hieß Borts Knack, ein schöner Jüngling von mittlerer Statur mit dunklem Gesicht, energischen Zügen und schwarzen, klugen Augen. Sein Vater, Nachum Knack, besaß zwöi große Häuser in der Stadt, chatte das größte Holzlager in der Umgegend und lieferte das Material der Staatsbahn. Er war auch Vorsteher eines großen Bethauses und galt als großer „Millionär", dessen Geschäft im Jahre einen Umsatz von mindestens dreißigtausend Rubel hatte ... Der zweite „Räuber" war noch halb Kind, kaum sechszehn Jahre alt, mit edelgeschnittenem Gesicht und verträumten Augen. Er hieß Elt Kravetz. Sein Vater, Laiser Kravetz, war ebenso reich und angesehen, wie Knack. Er war Apotheker von Beruf und konnte Latein . . ., hatte daher einigen Einfluß an höheren Stellen. Und Söhne dieser Spitzen der Gesellschaft ertappt man bei solchem wilden Verbrechen. jSo was war nicht gehört, seitdem die Welt besteht. Man konnte sich gar nicht beruhigen. „Hört, Juden, wozu die Polizei, wozu der Jspravnik?" riet einer. „Jüdische Kinder führt man man, wenn sie gefehlt haben, Vater und Mutter zu, nicht aber nichtjüdischen Händen". (Fortsetzung folgt.) rrü jw rx 'n inso. inderecke Wenn nach Zion die Zerstreuten Führt einst Gott zurück, Wer vermag uns da zu deuten Wie ein' Traum das Glück. Dann entströmet unserm Munde Fröhlicher Gesang, Und der Botschaft frohe Kunde Tönt die Welt entlang. „Wunderbar hat Gott bewiesen", Heiht's bei Völkern dann, „Seine Allgewalt an diesen „Schon von Anfang an"! Wunder tat Gott unsretwegen Immer und auch heut', Und geleitet uns zu Segen, D'rum sind wir erfreut.' Wie ein Wasserstrom erquicket Ausgedörrtes Land, Werden Leidende beglücket, Herr, von deiner Hand! Der'Israel;? ■\? Müni)? üu repr Lieder werden froh erschallen, Wenn die Ernte steht! , Weinend ging er hin und streute In die Erd' den Keim, Und frohlockend kommt er heute, Trägt die Garben heim! Au- Jerusalems letzten Tagen. (Nach dem Midrasch Echo.) I. Dreieinhalb Jahre belagerte Vespasjan Jerusalem, und vier fürstlicheHcerführer unterstanden seinem Befehl, die Fürsten von Arabien, Afrika, Alexandrien und Palästina. In Jerusalem aber standen an der Spitze der Bevölkerung vier reichbegüterte Männer: Ben Zijis, Ben Gurton, Ben Nakdimon und Ben Kalba S ab ua. Jeder von ihnen hatte so reiche Mittel, daß er eine ganze Provinz zehn Jahre lang hätte ernähren können. Da war aber an der Spitze einer zum äußersten Kampfe entschlossenen gewaffneten Mannschaft, der Barjonim, Ben Batiach, der Schwestersohn Rabbi Jochanan beu Sackais. Dieser Kraftmensch, der vor keiner Gewalt zurückscheute, hatte kein anderes Ziel im Auge, als die Jerusalemer Mannschaft zum Ausfall aus der Festung zu zwingen und auf Leben und Tod eine Entscheidung herbeizuführen. Unglücklicherweise war ihm die Bewachung der Lebensmittelvorräte in der Festung anvertraut. Mit trotziger Entschlossenheit steckte er diese seiner Obhut anvertrauten Schätze an Nahrung in Brand, um den Ausfall aus der Festung und die militärische Entscheidung zu erzwingen. Als Rabbi Jochanan ben Sackat von diesem Verzweiflungsakte hörte, rief er tieferschüttert aus: „Wehe l'lli über Jerusalem!" Ben Batiah wurde diese Gefühlsäußerung seines Oheims sofort hinterbracht, er ließ den Greis zu sich entbieten, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. „Warum hast du Wehe gerufen", herrschte er ihn an. Rabbi Jochanan, der in all seiner Bescheidenheit wußte, wie bitter nötig seine weitere Wirksamkeit dem schwergeprüften jüdischen Volke noch sein werde, antwortete, um sein Leben zu retten: „Nicht '11 habe ich gerufen, sondern „Wo." („Wo", ist im Aramäischen ein Ausdruck der Freude.) Warum dics? fragte Ben Batiach. „Ich freute mich, daß du alle Vorräte verbrannt hast, denn so lange sie vorhanden waren, würde das Volk in der Tat sein Leben nicht hingeofert haben, um den Kampf mit der Velagerungsarmee aufzunehmen." So wurde Rabbi Jochanan durch den haarscharfen Unterschied zwischen ' und 7t vom sicheren Tode errettet. Drei Tage später ging Rabbi Jochanan ben Sackai auf den Markt hinaus und sah, wie dort bereits hungernde Menschen Stroh kochten und den ausgekochten Strohsaft als Nahrung schlürften. Da sagte sich Rabbi Jochanan: „Wo sollen Menschen, die von ausgekochtem Strohsaft leben, den Heeren eines Vespasjan widerstehen können, hier bleibt keine Rettung, als die Anknüpfung von Verhandlungen mit dem Belagerer." Rabbi Jochanan überlegte! Sollte er nicht seinen Neffen Ben Batiach trotz dem furchtbaren Zusammenstoß der letzten Tage durch ein Wort der Liebe zu gewinnen, suchen? Er glaubte auf Ben Batiachs guten Kern vertrauen zu dürfen und war sicher, daß dieser nur unter dem Druck seiner sanatisierten Genoffen so schroff gegen den Oheim ausgetreten war. So ließ er denn Ben Batiach bitten, ihm den Austritt aus der Festung zu gestatten. Ben Batiach ließ erwidern, daß das Militär beschlossen habe, niemand aus den Mauern Jerusalems herauszulassen, solange er lebenur Leichen könnten die Torwachen passieren. Kurz entschlossen ließ sich Rabbi Jochanan, als sei er gestorben, in ein Leintuch gehüllt, von seinen Schülern Rabbi Elteser und Rabbi Josua zum Stadttor tragen, während der in die List Gette 6 Nr. eiugew'ühte Ben Batiach :-M dem —euhcuzugc ooc>!>>sch»t:- »vultCii zunächst, wie sie gewohnt waren, die Leiche mit dem Schwerte durchbohren, allein Ben Batiach wehrte ab. „Wollt Ihr — so rief er — vor dem Feinde die Schmach auf den jüdischen Namen laden, daß jüdische Soldaten die tote Hülle ihres allverehrten Lehrers und Meisters schänden?" So konnte denn der Leichenzug ungestört das Tor passieren und Rabbi Jochanan wurde in eine benachbate Grabhöhle gebracht, während die Begleiter zur Stadt zurückkehrten. (Schluß folgt.) Unterm Äpfelbaum. Von Heinrich Einstädter. Heißer Mittag ist's. Glühender Sonnenbrand macht da das Wandern schwer. Um so angenehmer ruht sich's auf dem weichen Grasteppich hier unterm schattenden Baume. Wohlig streckst du die Glieder. Rings um dich herrscht stiller Mittagssriede. Die Vögel sind verstummt. Nur die Käfer und Mücken schwirren von Blüte zu Blüte. Die staubige Landstraße ist menschenleer. Ihre grelle Farbe blendet dein Auge. Du wendest es von ihr ab und schaust lieber hinauf in des Baumes Krone. Gerade über deinem Haupte hängt ein Apfel. Leise wiegt er sich an schwankem Zweige, so daß der Sonne Strahlen, die durch die Lücken des Blätterdickichts zu ihm dringen, wechselnde Lichter auf seinen Backen aufblitzen lassen. Nach und nach erst wird es dir klar, daß der Apfel durch seine Bewegungen deine Aufmerksamkeit auf sich lenken möchte. Er will dir etwas erzählen. So hör' denn zu. „Fühlst dich recht wohlig da unten, mein Lieber?" fragt er. „Glaub' dir's gern. Aber viel schöner ist's noch hier oben bei mir. Ich sehe alles weit in der Runde, gucke dem Vögletn ins Nest, in dem die Eier liegen und die Jungen piepsen, laß mir von der Sonne rote Backen malen, trinke kräftigen Saft, der durch den Stiel zu mir stießt, und freue mich, wenn mich der Wind so lustig hin und her schaukelt." „Ei, so sag' ihm doch, daß er kräftiger schütteln soll! Das wird dir noch viel besser gefallen, wenn du von einer Sette des Baumes weithin zur anderen stiegst." „Ich werde mich wohl hüten! Soll ich Gefahr laufeu, losgerissen zu werden und da unten zu sterben, wie mein armer Bruder dort, der im Straßengraben liegt und fault? Man muß das Vergnügen mit Maß genießen!" „Bist du aber ein weises Geschöpf! Kennst du vielleicht auch die Todesursache deines bleichen Bruders, der hier neben mir im Grase liegt?" „Gewiß! Sind wir doch miteinander ausgewachsen! An einem und demselben Aste verlebten wir eine frohe Jugend. Morgens wusch uns der Tau das Geflchtchen blank, und abends sang uns die Wachiet im Kornfeld das Wiegenliedchen. So wurden wir größer und größer. Da kam einst ein bunter Schmetterling und schwirrte um uns herum. Er schmeichelte uns gar sehr und sagte, wir seien zum Küssen schön. Ich wußte aber von der kleinen Meise, daß er ein böser Verführer ist, vor dem man sich hüten muß. Ich hörte darum nicht auf seine Reden und schüttelte ihn von mir ab, als er sich mir nähern wollte. Mein Bruder aber ließ sich betören; die bronzenen Querstreifen'auf den Vorderflügeln des luftigen Gesellen hatten es ihm angeian. Von jenem Tage an krankte er. Ein Wurm zerfraß ihm das Fleisch, und frühzeitig sank er ins Grub. So aeht's denen, die nicht hören wollen." — Diese Worte machen Eindruck auf dich. Du nimmst den blaßgrünen Apfel in die Hand und durchschneideft ihn. Und steh da! In seinem Innern sindeft du eine häßliche Raupe. Sie hat dunkle Gänge in das Fmchtfleiich gewühlt und das Kerngehäuse zerfressen. Und sie stammt — von dem Schmetterling mit den bronzeschimmernden Flügeln.

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