Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1921)
- Date
- 1921-07-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Veits 6 Nr. BO Lri K-rarUr 28. Juli 1931 stehe die Tatsache fest, daß die englische Truppenmacht in Palästina während der letzten Monate unausgesetzt vermindert wurde. Im Nnterhause wurde am Dienstag auf Anfrage mitgeteilt, daß die palästinensische Regierung einschließlich des Eisenbahn- und Poftpersonals 2571 Beamte beschäftige. Von diesen sind 1338 Christen, 719 Muselmänner und 514 Juden. Die jü3ifcheflusman8erung gor öem Völkerbund. ^oudon, 22. Juli. In der letzten Sitzung des Board of Deputtes die zum erstenmal unter dem Vorsitz des aus Palästina zurückgekehrten Präsidenten Stuart Samuel stattfand, teilte Lucien Wolf namens des Komitees für auswärtige Angelegenheiten u. a. mit, daß \ntt der polnischen Regierung freundschaftliche Verhandlungen wegen der auf polnischem Gebiete zusammengedräneten jüdischen Flüchtlinge aus der Ukraine und "aus Sowjet- Rußland geführt worden seien. Eine unmittelbare Gefahr der Austreibung dieser Flüchtlinge bestehe nichts jedoch ist die Grenze nach Osten am 1. Juli geschlossen worden, und ein Registrierungssystem für die Flüchtlinge wurde eingeführt. Die Lösung des Problems hängt von den - Anstrengungen des Komitees und anderer jüdischer Organisationen ab, einen Abfluß- Kanal für die Flüchtlinge nach dem Westen zu finden. Leider hat inzwischen die australische Regierung abgelehnt, ukrainische Flüchtlinge in größerer Zahl aufzunehmen- Verhandlungen mit anderen Ländern schweben noch. Es ist nun wichtig, daß im Verfolg der vorigen Monat in Brüssel abgehaltenen jüdischen Emigrationskonferenz die ganze Frage der Organisation und Kontrolle der jüdischen Auswanderung der „Internationalen Emtarations - Kommission", die unter den Anspizien des Völkerbundes zu Anfang August in Genua zusammentreten soll, vorgelegt werden wird. Wenn es eine Frage gibt, in der der Völkerbund im Namen der Menschlichkeit eingreifen müßte, so wäre esgewtß das Schicksal der verzwetfelten jüdischen Massen, die, von ihrem heimatlichen Boden ausgestoßen, überall auf Erden verschlossene Pforten finden! Hat die Menschheit keinen Raum mehr für die unglücklichsten Nachkommen der Gottesmänner und Propheten, denen die Welt ihr Sittengesetz verdankt? Amerika. Die £re? lisroel-Drbeit 8er BranöeisPartei. Werv-Lork, 6. Juli. Wie bereits angekündigt, har Brandeis seine Anhänger gleich nach Beendigung der Clevelander Konferenz zu einer Beratung nach Ptttsburg versammelt,um dort diepraktisch e Palästina- Arbeit der Minderheitszionisten zu organisieren. Wenn es richtig ist, daß infolge des deprimierenden Eindruckes der Londoner Konferenz die Mitglied erzähl der zionistischen Organisation Amerikas von 150000 auf 20060 zurückgegangen war, und wenn man das überaus geringe Ergebnis der Wetzmann'schen Keren Hajeßod-Propaganda ins Auge faßt, so dürfte für die Arbeit der das Vertrauen der Massen doch immerhin im höchsten Maße genießenden Brandeis, Frankfurter und ihrer Mitarbeiter ein weites Feld der Tätigkeit in Amerika vorhanden sein. An der Versammlung in Pittsburg nahmen 300 Delegierte teil. Sie sprach Herbert Samuel ihr Vertrauen aus und beschloß, ein ständiges Komitee von Vertrauensmännern und Bevollmächtigten in Erez Jisroel zu stationieren. Das erste praktische Projekt, für das sofort 600000 Dollar in bar gegeben wurden, soll die Gründung einer palästinensischen Agrarbank sein, die allen Landleuten ohne Unterschied der Nationalität und Religion ihre Dienste zur Verfügung stellen wird. Zu den Mitarbeitern Brandeis gehört auch Nathan Strauß, der Brandeis versprochen hoben soll, einen wesentlichen Teil seines Vermögens der Aufbau-Arbeit im heiligen Lande zu widmen. Die Versammlung faßte mit Mehrheit den Beschluß, an dem zionistischen Kongreß in Karlsbad nicht teilzune hmen, die Verantwortung für die dort zu fassenden Beschlüssen vielmehr den europäischen Führern und ihrer amerikanischen Anhängerschaft zu überlassen. In einem Interview erklärte Brandets, daß er die praktische Arbeit in diesem Augenblicke für bedeutend wichtiger halte, als alle politischen Verhandlungen. Rabbiner Teitelbaum hat angeblich zwei Millionen Dollar für seine Häuserbau-Gesellschaft zusammengebracht und wird zusammen mit dem bekannten Philantropen Harry Fischer dieser Tage nach Erez Jisroel fahren, um die Projekte für den Häuserbau ausarbeiten zu lassen. Matastina. Die arabifche Delegation bei Herbert Samuel. Jerusalem, 6. Juli. Die arabisch e Delegation, die nach London fährt, wurde, wie die arabische Presse meldet, von Herbert Samuel vor ihrer Abreise empfangen. Der Oberkommissar erklärte, daß er keine Veranlassung zu der Aktion sehe, die die Delegation ins Auge faßt. Die Regierung stehe im Begriffe, Palästina eine gewählte Volksvertretung an Stelle des bestehenden Staatsrates zuzugestehen. Andererseits könne sich die Delegation jede Mühe sparen, bei der englischen Regierung eine Rücknahme der Balfour-Erklärung zu erwirken. England sei nicht gewohnt, sein Wort zurückzunehmen, auch wenn es vor Schwierigkeiten stehe. Die Mitglieder der Delegation suchten hierauf durch eine Reihe von Fragen Näheres über die Kompetenzen des zu wählenden Parlamentes zu erfahrendoch erklärte Herbert Samuel, daß er darüber vorläufig im einzelnen keine Auskunft zu geben vermöge. Auch weigerte er sich, der Delegation, wie sie wünschte, ein amtliches Zeugnis darüber auszustellen, daß sie in der Tat den Willen der arabischen und christlichen Bevölkerung vertrete. Jerufalemer-Brief. Jiusch-Sttmmung. — Heldenehrung. — Neue Bauten. — Agudas hajischuw. — Hebräisches Theater. Jerusalem, 11. Juli. Die Stimmung ist infolge der immer wieder sich erneuernden einzelnen Ueberfälle von arabischer Sette und angesichts der Schwierigkeiten, die die arabischen Bootsleute noch immer bet der Landung machen, recht gedrückt und die Zeitungen bemühen sich unausgesetzt, den Massen Trost zuzusprechen, um sie zur positiven Weiterarbeit zu ermutigen. Charakteristisch für diese Verzweiflungs-Stimmung ist, daß ein an der Spitze einer bedeutenden öffentlichen Institution stehender, durchaus national gesinnter Klall-Arbeiter soweit gegangen ist, den Widerruf der Balfour-Erklärung als Grundlage für die weitere ungestörte Erez Jtsroel-Arbett allen Ernstes zu verlängert! Wir registrieren diese Tatsache lediglich als ein Symptom für die geradezu kindliche Reizbarkeit, mit der die jüdische Volksseele hier im Osten zwischen den entgegengesetzten Stimmungen hin und herschwankt. Nach dem Erlösungsrausch von San Remo eine Tischobeaw-Trauer um verlorener politischer Scheinerfolge willen. Im „Daor Hajaum" macht Israel Porath den Vorschlag, das Andenken der in den Kolonien gefallenen jüdischenHelden nicht durch Steindenkmäler zu ehren, sondern durch die Stiftung eines Preises für erfolgreich fortgeschrittene Thorajünger, der alljährlich am Jahrzeitstage der Gefallenen vergeben werden soll. Der Reiseverkehr bleibt weiter ziemlich starknamentlich stellt Amerika ein großes Kontignent an Palästinafahrern, einige von ihnen haben Grund und Boden in der Umgegend von Jerusalem angekauft, um dort Häuser für private Rechnung zu bauen. Diese Woche hat man auch mit den vorbereitenden Arbeiten für den Neubau des Diskin'schenWaisenhausesbegonnen. Man wird zunächst große Zisternen Herstellen, deren Wasser nach der Regenzeit für den Bau ausreichen soll. Zur Zeit sind bet den Arbeiten 50 Mann beschäftigt, doch werden in einigen Wochen 200 Arbeiter Beschäftigung finden können. In der Generalversammlung der aus orthodoxen Kreisen gebildeten „Agudas hajischuw" wurde über die Verhandlungen berichtet, die die Gesellschaft mit Brandeis, der Jca und der „Agudas Jisroel" in London und Wien geführt habealle Stellen hätten sich grundsätzlich zur Förderung der Ansiedlungsbestrebungen des Vereins bereiterklärt. Bemerkenswert waren die Ausführungen eines Redners, der die starke Auswanderung aus Erez Jisroel beklagte und behauptete, es hätten in der letzten Zeit ungefähr 1500 Personen das Land verlassen. Wenn man von gedrückter Stimmung spricht, so äußert sich diese keineswegs in einem schwächeren Besuche der Theater und Kinos. Es mag als immerhin bemerkenswert festgehalten werden, daß auf der hebräischen Bühne in Jerusalem am Donnerstag, den 14 Tammus zum ersten Male Ibsens Nora in Scene geht! Wie mag jener ungarische Buchbinder sich im Grabe umdrehen, der seine herrschaftliche Kundin mit der Mitteilung überraschte, daß er die „Nora" ins Feuer geworfen habe, statt sie einzubinden, weil das „keine Lektüre für gute jüdische Kinder" sei! Unter den Ankömmlingen der letzten Zeit ist Rabbiner Dr. S. Tager zu erwähnen, ein geborener Jerusalemer, der Jahrzehnte turkestanischer Oberrabbiner in Taschkent war, mit dem Emir von Buchara gute Beziehungen unterhielt, zweimal vom Zaren empfangen wurde und für die russischen Juden bei mannigfachen Gelegenheiten! zu wirken imstande war. Dr. Tager ist vor den j Bolschewisten entflohen und sucht einen WirkungsJ kreis in seiner Geburtsstadt.ß *. *4 Personalien. : Neuhof, 20. Juli. Nach langem schwerem Leiden verstarb tm Königswarterkrankenhause in Frankfurt a. M. unser langjähriger Lehrer Kaufmann Ro^u schild. Er entstammte einer angesehenen Familie in Schlüchtern und wurde schon im Elternhause in echtjüdischem Sinne erzogen. Nach Besuch des Lehr>r seminars erlernte er zunächst die Schechitoh und übe? uahm sodann verschiedene Stellen im Mosel- und Rhetnlande. Da die religiösen Zustände in diesen Gemeinden seiner Gesinnung nicht entsprachen, gab er wiederholt günstige Stellungen aus. Er kannte nur das eine Ziel, in einer frommen Gemeinde und einem frommen Rabbinate zu wirken. Endlich erfüllt sich sein längst gehegter Wunsch, als die hiesige Stelle vakant wurde. Die Aussicht, im Cahnschen Rabbinate wirken zu dürfen, lieh jegliche pekuniären Bedenken fallen. Gerne folgte er dem an ihn ergangenen Ruf und siedelte nach Neuhof über. Hier war es ihm vergönnt, in 27 jähriger Tätigkeit reichen Segen zu stiften. Alle ihm übertragenen Aemter versah er mit seltener Gewissenhaftigkeit, bis vor vier Jahren ein heimtückisches Leiden seinem Wirken ein Ziel setzte. Vergebens suchte er in Bädern und Krankenhäusern Linderung und Heilung von seinem schweren Leiden. Auch lasteten schwere pekuniäre Sorgen auf seiner Brust, da die kleine Gemeinde ihm ein zeitgemäßes Gehalt nicht gewähren konnte. Die einzigen Lichtblicke waren ihm die günstige Entwicklung seiner tüchtigen Kinder; insbesondere seines Sohnes, des Studienrats Dr. Rothschild in Köln. Am verflossenen Sonntag wurde der treue Hirt von seiner Genieinde zur letzten Ruhe begleitet. In der Synagoge, wo das rio aufgebahrt war, widmete ihm Dr. Herz, Fulda, als Vertreter des Provinzialrabbiners und sein Schwager Lehrer Heh in Saarwellingen, herzliche Abschiedsworte. Am tvc 0*711? sprach sein Freund Lehrer Freudenberger, Flieden, und schilderte die Wtrks tmkeit und die Thoraltebe des Verblichenen. Sodann widmeten der älteste Bruder, Lehrer Rothschild, Hamburg und der Sohn Dr. Rothschild, dem Bruder und Onkel ergreifende Abschiedsworte. Möge der Verstorbene im Jenseits den Lohn ernten, der ihm hierorts versagt war. n"n5tjn. Vermischtes. Cassel, 22. Juli. Vor der ersten Strafkammer des hiesigen Landgerichts stand der Führer der Deutsch- Völkischen, Dr. phil. Artur D i n t er, unter der Anklage der Gotteslästerung. In einer von der Ortsgruppe