Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1921)
- Date
- 1921-07-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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9?r. 30. Seite ä VT: T,.r,,y: .7 : 28. Juli 1981._ : Gemeinschaft und ihrer Gotteslehre zu zeugen. VeachtensVerte Mahnungen- Im Kölner „Jüdischen Beobachter" richtet Rabbiner Dr. Wolf eine scharfe Zurechtweisung an die. Adresse der jüdischen Gemeinden und Organi satio neu Deutschlands, weil noch immer nicht in einer den außergewöhnlichen Zeitverhältniffen entsprechenden Weise der himmelschreienden Notlage der Beamten durch Besoldung und einmalige Entschädigung Rechnung getragen werde. Auch die Orthodoxie komme, namentlich ihren Rabbinern und in den Großstädten auch ihren Lehrern gegenüber, ihren Verpflichtungen nicht genügend nach. Diese Kreise hätten im Dienste der heiligen Sache auch in finanzieller Hinsicht mehr geleistet, als der reichste jüdische Philantrop, denn sie hätten zum großen Teil ihr kleines Vermögen ihrem Amte geopfert, weil die Gehaltserhöhung der Aufwandssteigerung gewöhnlich Monate und Jahre nachhinkte. Ein Rabbiner müsse sich mit einem winzigen Bruchteil des Gehaltes ein es Prokuristen begnügen. Während bei den Bolksschullehrern auf dem Wege der Selbsthilfe eine gewisse, wenn auch noch lange nicht ausreichende Besserung der Verhältnisse eingetreten sei, — zur anständigen Lebensführung genüge für einen jüdischen Lehrer keineswegs der staatliche Besoldungssatz — sei dies bei den oben genannten Beamten-Kategorien nicht der Fall. Der Artikel schließt: „Möge es die deutsche Orthodoxie nicht so weit treiben, daß ihre Rabbonim und ihre Beamtenfamilien versagen und sich infolge des schweren Lebenskampfes gezwungen sehen, ihre Kinder freien Berufen zuzuführen." Wir können uns diesen Gedankengängen durchaus anschließen und bedauern nur, daß der Artikel die von ihm vertretene gute Sache dadurch fördern zu sollen glaubt, daß er dem wohlbegründeten Appell an das Gewissen und Pflichtgefühl der Gemeinden und Organisationen eine Spitze gegen die Opferfreudigkett dieser selben Kreise für unsere ausländischen Brüder gibt. Wir bedauern das, weil es Torheit ist zu glauben, daß das Schicksal unserer deutschen Rabbinen und Lehrern ein besseres würde, wenn sich das Herz der jüdischen Geber gegenüber dem Todesschrei, der aus dem Osten zu uns herüber schallt, verhärtete, oder aber sich in kurzsichtiger Ktrchturmspolitrk von den großen geistigen Aufbau- Arbeiten innerhalb der östlichen Volksmassen abschlösse! Man soll wahrlich in einem so ernsten Augenblick nicht ironisch von „sentimentalen" Artikeln sprechen, wo es sich doch nur um die pflichtgemäße Aufrüttelung der Gemüter zur Bediesen Gelehrten aus München nach der Reformschule in Riga als Direktor berufen. Der Mivister Uwarow, der ln der Reformschule ein willkommenes Mittel für seine Zwecke sah, berief ihn nach Petersburg und in einer längeren Unterredung schlug Ltlienthal ihm die Abschaffung aller Chadarim und der Talmidim vor, empfahl ihm, überall Reform schulen zu gründen und die Lehrer aus Deutschland kommen zu lassen. Er will es gut gemeint haben, es sollte dieses Vorgehen die Hindernifse, die der Emanzipation im Wege standen, aus dem Wege räumen. Als er sah, wo man in Rußland hinauswollte, nicht Emanzipation, sondern Amalgamierung, da verließ er dieses Land und ging nach Amerika, um dort als orthodoxer Rabbiner zu wirken; seine Tätigkeit in Kußland war allerdings dafür keine Empfehlung. Wollte er aber wirklich für die Orthodoxie wirken? «£ ören wir, ivaS Jllowy inrinemtm „Occident" erschienenen offenen, zebr Lisch geschriebenen Brief an Liltenthal diesem ins Äesicht sagt. „Vor allem antworte mir: Hast du deines Schwurs vergessen, den du im Gotteshause vor Gott und sor der versammelten Menge leistetest, als dle Gemeinde Schaare Schomajlm in New-Iork dich zu hrem Führer erwählt hatte? Damals dieltest du den Schulchan Aruch in deiner Linken, deine Rechte hobst du ,um Schwur empor: so wahr Gott mit dir sein möge rlle Tage, so solle solange du lebest nur noch ein -Atemzug in dir sei, dieses Buch dir zum Wegweiser sein und du weder rechts noch links abweichen. werdest von dem, was darin steht. Wie bald hast du vergessen und dieses Buch hinter deinen Rücken geschleudert". Seitdem er nach Cicinnatt gekommen, so wirft Jllowy ihm weiter vor, sei der Streit und Zank ausgebrochen, er habe tnit dem Versprechen, er wolle das alte Judentum erhalten, sich seine Stellung erschlichen und habe bet dem Antritt seiner Stelle erklärt, er wolle vor allem gefällig sein und sich Her Israelit. I tättgung höchster jüdischer Bruderliebe handelt, die keine Grenzpfähle kennt. Es ist eine alte Erfahrung: N12H2 rr™ mxö/ wird die jüdische 'Gesamtheit nur zur vollen Erfassung des j1N2 MN erzogen, dann werden die Zwecke, die am nächsten liegen, darunter gewiß nicht notleiden. Es ist aber doch noch ein weiterer Gesichtspunkt, der bei der Beurteiligung der ganzen Sachlage nicht vergessen werden darf. Die jüdischen GemeindeÄamten, und an ihrer Spitze in allererster Re'he die Rabbinen, haben ein heiliges Recht darauf, nicht aus Spenden, sondern aus den steuerlichen Abgaben der Gemeindemitglieder standesgemäß besoldet zu werden. Die Summen also, die erforderlich sind, um dem Lehrstande innerhalb der jüdischen Gemeinden Deutschlands Lebensmöglichkeit und Arbettsfreudigkett zu sichern, sollten überhaupt nicht in Wettbewerb zu treten haben mit dem was eine schicksalsschwere Zeit für Erez Jtsroel, für die Ukraine, für die Heilung des aus tausend Wunden blutenden jüdischen Volkskörpers von der freien Opferfrevdtgkeit jedes jüdischen Mannes fordert. Zurück zur Thora. Von Dr. Wilhelm Freyhan in Breslau. Die Frage der Umgestaltung des Reform- Gottes-Dienstes, die jüngst in 0er in Breslau erscheinenden Jüdisch-liberalen Zeitung angeregt wurde, liegt tiefer als es den Anschein hat. Sie ist nicht die Angelegenheit einer einzelnen Partei sondern alle Kreise, deren Herz für Judentum und Jugend gleicherweise warm schlägt, sollten sich mit ihr beschäftigenkein Augenblick darf dabei außer Acht gelassen werden, daß die Vernachlässigung des einen Faktors zu Gunsten des anderen in Wirklichkeit dem anderen keinen Nutzen bringt. Denn wie wir uns keine Vorstellung von der Erhaltung des Judentums machen können, wenn wir nicht die jüdische Jugend für unsere heiligen Ideale gewinnen, so können wir auch niemals erwarten, daß die kommende Generation Träger des jüdischen Gedankens wird, wenn wir nicht selbst unser Glück und unseren sittlichen Halt in den göttlichen Lehren des Judentums suchen. Wie die Berücksichtigung beider Faktoren auch im Gottes-Dienst zum Heile der Gesamtheit zum Ausdruck kommen kann, soll in den nachfolgenden Zeilen anzudeuten versucht werden. „Seit 100 Jahren wird an dem Gottes-Dienst herumgedoktert, ohne, daß Befriedigendes geschaffen wäre", ist mit Recht gesagt worden. (Jüdisch-liberale Zeitung). Aber nicht nur am Gottes-Dienst ist herumgedoktert worden, sonnach den Wünschen des Publikums richten. Dann folgt die Aufzählung alles dessen, was Lilienthal gegen das jüdische Gesetz verbrochen habe. Gegen solche Gegner hatte also Jllowy zu kämpfen und wir können aus dem wenigen, was hier mit» getelt wurde, erkennen, wie groß vor 70 Jahren die Zerfahrenheit im jüdischen Lrben Amerikas war und wie verheerend die Reform dort gearbeitet hat. Wenn nicht alles zugrunde gegangen ist, wenn auch ein Rest übrig geblieben, an den eine Renaissance sich später bilden konnte, so ist dem Jllowy ein großer Teil des Verdienstes zuzuschreiben. Daß das Andenken an diesen großen Manne der Nachwelt erhalten bleibt, verdanken wir der Pietät seines Sohnes, der in dem vorliegenden Buche seinem Vater ein schönes Ehrendenkmal errichtet hat, in dem die gelehrten Gutachten und die Kampsschrtften Jllowys gesammelt sind. Dieses Buch bietet eine belehrende Lektüre, aber nicht nur belehrend, sondern auch unterhaltend und genußreich und fesselnd durch den prächtigen, stellenweise poetisch angehauchten Stil, der uns zeigt, mit welcher Meisterschaft der Verfasser die hebräische Sprache — und auch die englische — beherrscht. Es wird uns hier alte Klassizität geboten und so verdient das Buch weiteste Beachtung. (,Der Bau wankt und unsere. Führer reisen"). Vom rein ästhetischen Standpunkt ist ein satyrischer, aber recht ernster Artikel bemerkenswert, den der palästinensische „Daor Hajaum" unter der genvnnten Ueberschrift veröffentlicht. In einem köstlichen Sarkasmus wird darin dargetan, wie zersetzend und auflösend es auf das pälästinenstsche Judentum, soweit es zionistisch ist, wirken müsse, daß die führenden Persönitchkeiten: Jabot in ski der „Schöpfer der Legionen, Schmarja Lew in der „Philosoph der dern am gesamten Judentum. Diese chirurgischen Eingriffe sind nicht zum Nutzen des Judentums ausgefallen. Bor allem deshalb nicht, weil man sich bet Abschaffung alter und Einführung neuer Riten wohl selten des Zusammenhangs bewußt wurde, welchen sie mit dem Gesamt-Judentum als einheitlichem Ganzen besaßen. Als Jacobsohn 1810 die erste Orgel in Spesen aufstellte, glaubte er diese Konzesston den christlichen Bekenntnissen schuldig zu sein. Ihm schwebte jedenfalls eine Versöhnung aller Religionen vor, als er bei der Einweihung seiner Orgel sang: „Mit Roms und Augsburgs Glaubenssöhnen geht Ahrons Enkel Hand in Hand." Er tat sich nicht wenig darauf zu gute, daß alle Kirchen der Stadt anläßlich der Einweihungsfeier seiner Synagoge ihr Glockengeläut ertönen ließen. Der Emanzipation, welche Napoleon den Juden gebracht hatte, wollten diese sich wert zeigen, indem sie nicht nur äußerlich Sprache, Kleidung, Gewohnheiten und Sitten, sondern auch den Gottesdienst dem ihrer christlichen Mitbürger anzupajsen suchten. Daß man sich allen modernen Forderungen anpassen konnte, ohne mit Ueberlieferungen zu brechen, die sogar manchem von ihnen lieb und teuer waren und mehr bedeuteten als antiquierte Gebräuche, gerade dessen sind sich wohl die meisten Reformer selten bewußt geworden. Vor allem ist ihnen niemals der erzieherische Gehalt vieler Thoragesetze und der im Geiste der Thora verordneten rabbtnischen Gesetze klar geworden, sonst hätten sie sich sagen müssen, daß der Jugend, auf der doch nun einmal die ganze Zukunst des Judentums beruht, mit Aufgabe mancher jüdischer Gesetze und Gebräuche unendlich viel genommen wurde, ohne daß man ihr einen Ersatz dafür bot. Die meisten Reformen geschahen aus äußeren Rücksichten, und gerade beim Gottesdienst waren diese maßgebend. Man wird nicht behaupten können, daß Jacobsohn und seine Zeitgenossen Orgel und deutsches Gebet sowie Frauenchor — die wesentlichsten Merkmale eines reformierten Gottesdienstes gegenüber dem überlieferten — einführten, weil sie etwa nicht mehr die hebräischen Gebete verstanden und von dem Gottesdienst, in dessen Formen sie selbst erzogen wurden, keine Befriedigung mehr fanden. Würde unsere heutige Jugend noch der hebräischen Kenntnisse sich rühmen können, welche jene Alten aufzuwetsen hatten, so brauchte man sich^wahrlich nicht mit dem Problem der Erhaltung unserer Jugend beim Judentum zu belästigen. Jene „Vorkämpfer" des Judentums glaubten den alten Geist, von dem fie noch erfüllt waren, und der ihnen durchaus Befriedigung bot, eine neue Bewegung", Dr. Ruppin, der „Abgott der Arbeiter", Menachem Ufsichkin, der „Eiserne Mann" in der Welt herumreisen und ihre Schutzbefohlenen in Erez Jisroel der furchtbarsten politischen und moralischen Krisis überlassen. Der Artikel schließt: „In Jaffa, in Pethach Tikwah, in Chedera, fallen die Helden — habt ihr die Stimme Wetzmanns, Schemarjas, Jabolinskt, Ussischkis, gehört? Glimmen allerdings sind vernommen worden, Trompetengeschmetter und Freudenfanfaren über windige Stege. Kein Wort jedoch,, das beruhigen könnte, kein verständiges Wort ist von jenseits des Meeres zu uns gelangt! Und dabet gibt es noch Leute, die dem Oelberg (cf. Herbert Samuels Residenz), Borwürfe machen, ob seines erzwungenen Schweigeus, ob seiner Stellung, die schwer ist, durch die Schuld unserer Führer selbst." Zabbat-Hnlatig und Mzgang. pnrs wv- O rt: Anfang Datum AuSgang UhrjMtn. 1»21 5681 Uhr Min. Frankfurt a. M. 7 .15 30. 24. 9 05 Berlin . . 7 30 Juli TammuS 8 25 München . . . 7 15 8 39 Straßburg . . - - — — Stuttgart. . . 7 30 8 55 Posen .... - - — — Nürnberg. . . 7 — 8 47 Hamburg. - 7 45 9 23