Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1921)
- Date
- 1921-07-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3 Nr. 30 Der Israelit. 28. Juli 1931. Seine GesetzgebertättgketL bestimmt von Anbeginn, um so die andern symbolisch zu belehren. Dieses Volk aber soll das ganze Leben seiner Einzelnen „intellectualistisch", 'bewußt allstündlich mit jeder Lebensregunq Gott unterstellen. Nichts darf es naiv aus der Schöpfung hinnehmen. Denn dieSchöpfung ist noch nicht vallkommen. Sie wird es erst sein, wenn Paclfismus und Menschlichkeit die Welt umspannt. Bis dahin ist auch das Außergetstige im Menschen dem Irren nahe. IV. Auch die einfachste Lebensregung — Nahrungsaufnahme, Ehestiftung, Erbrecht und vieles noch viel Geringere — muß anders gemacht, muß vor allem bewußt bis ins Etnzeiste geschehen. Diesen Grundgedanken erkennen wir selbst in der unergründlichsten Mizwa wieder; selbst in der unergründlichsten von allen: der Absonderung von der Allmenschheit, denn nur dem Steigern des Bewußtseinkönnens dienend ist eine solche Sonderung zu rechtfertigen. — Und dies Bewußtseinkönnen als Aufgabe — ist es etwa ein unterstelltes Motiv? Nein, wer die Reinheitsgesetze Gottes kennt, wie sie uns Hirsch n"y erklärt hat, der erkennt in ihnen als Ziel der Thora das stetige bewußte, freie Beherrschen des Willens in jedwedem Klima und Zeitalter. (Schluß folgt.) Wochenmndschau. Was geht in Außland vor? Ueber die baltischen Staaten, teilweise auch über England gelangen in den letzten Tagen Alarmnachrichten aus Sowjet-Rußland nach dem Westen, die rwar wie gewöhnlich einen etwas sensationellen Charakter tragen, die aber immerhin, auch wenn man einen Teil auf Rechnung der Tendenz setzt, als ernste Symptome für die katastrophale Zuspitzung der inneren Lage im Bolschewisten-Jmperium gewertet werden müssen. In Moskau sollen Hungerrevolten ausgebrochen seinaus Minsk wird von einem großen Judenpogrom berichtet und in Astrachan habe sich die Bevölkerung infolge einer Cholera-Epidtmie auf die Aerzte gestürzt und diese umgebracht. Englische Blätter berichten, daß die Sowjetbehörden über Petersburg den Belagerungszustand verhängten. Am schlimmsten aber scheint der Hunger zu wüten und mehr noch die Furcht vor dem kommenden Hunger alle Bande der gesellschaftlichen Ordnung aufzulösen. Ein offizieller Moskauer Fuukspruch gibt zu, daß Rußland eine furchtbare Krise durchlebe, da in einer ganzen Reihe von Bezirken das Getreide infolge großer Trockenheit verbrannt und die Ernte verloren ist. In den 15 Gouvernements, die von der Hungersnot am meisten betroffen sind, flieht die Bevölkerung, die man auf 20 Millionen schätzt, gegen Turkestan, Sibirien, das Uralgebiet und die Ukraine. Dabet schreitet die Cholera fast im ganzen Lande bet dem Mangel aller sanitären Maßnahmen unaufhaltsam fort. Trotz der Trockenheit sind die Straßen der Städte voll Kot. Eine Kanalisation besteht nicht mehr und aus dem versiegenden Wasser sind Tümpel geworden, die eine ungeheure Gefahr der Ansteckung darftellen. In der südlichen Ukraine sind alle Einwohner im Alter von 20 bis 50 Jahren, ohne Unterschied des Geschlechtes, zur Feldarbeit befohlen worden. Wenn man alle diese Nachrichten zu einem Gesamtbilde vereinigt, so.kann man nur mit Entsetzen an das Schicksal denken, das unter der Herrschaft dieses Chaos vor allem Rußlands Juden unmittelbar bedroht, und das ihrer im Falle des Sturzes der Sowjetherrschaft wartet. Wenn Millionen von der Peitsche des Hungers getriebener Bauern sich über die Ukraine ergießen, wenn in dem allgemeinen Verzweiflungswirrwarr Banditen und Räuberbanden in den weiten Ebenen des russischen Reiches überall aus der Erde wachsen, wenn in den von klarer Erkenntnis nur schwach erleuchtenden Gehirnen der Muschniks die Frage nach Quelle und Ursache all dieses Elendes sich erhebt, so bedarf es keiner großen Phantasie, um sich auszumalen, wer zu allererst das Opfer des großen russischen Zusammenbruches sein wird. Käme es nun gar zu dem bisher allerdings immer verfrüht angekündigten Sturze der Bolschewisten, dann würde zu den elementaren Kräften die aus dem Stande halbtierischer Unbewußtheit gegen die, jüdischen Opfer sich wenden, noch die bewußte und systematische politische Reaktion treten, die wie auch anderwärts, nicht verfehlen würde, den Judenhaß als bestes Ablenkungsmittel in den Dienst ihrer politischen Berechnungen zu stellen. So ist es denn ein trübes Bild voll finsterer Gefahren, das mit dem Beginne der drei historischen Trauerwochen des jüdischen Volkes vor uns emporsteigt und es bleibt uns nichts, als die Bewährung des alten Satzes: LNx D'IP' Möchte man sich allüberall, gerade weil keine Möglichkeit besteht, durch irgend welche menschlichen Mittel vorbeugend einzugretfen, des Ernstes der Stunde bewußt scin, die mehr als je uns die Bitternis des Golus in die Seele hämmert und uns an das lTTnsR nttölK, an n^an und Pip^rat mahnen sollte. Lla Sinter-Prozeß. Das von der ersten Strafkammer des Kasseler Landgerichts soeben gefällte freisprechende Urteil gegen den bekannten Agitator Dr. Artur Dt nt er (siehe den Bericht an anderer Stelle),! der wegen Gotteslästerung angeklagt war, zeigt wieder einmal den zweifelhaften Wert juridischer Aktionen auf dem Gebiete der Religion. Die bisher vorliegenden Berichte lassen zwar nicht deutlich erkennen, welche Motive denn nun das Kasseler Gericht dazu veranlaßten, die gemeinste Beschimpfung der von derjüdischenReligionsgemeinschaft als Gottes Wort verehrten Bekenntnis-! schriften, für straffrei zu erklären und einen Trennungsstrich zwischen „Lehre" und „Religionsgemeinschaft" zu ziehen; soviel aber steht fest: es gehört schon ein Zusammentreffen ganz besonders j günstiger Umstände dazu, um in der geistigen i Atmosphäre, die heute fast die ganze akademische Welt Deutschlands einschließlich der Richterstandes > beherrscht, eine klare Erkenntnis von dem wahren Charakter der jüdischen Bibel, des jüdischen Gottesi begriffes und des Verhältnisses zwischen Religionsi gemeinschaft und Lehre zu erzeugen. i Der in Kassel geladene Sachverständige, j Pfarrer Stein, hat sich gewiß redlich bemüht, dem Gerichtshof die gröbsten Torheiten und die abenteuerlichsten Konsequenzen des Dinter'schen Haßgebitdes aufzuweisen, aber das Gericht scheint — eine endgültige Kritik muß man bis zur genaueren Veröffentlichung der Urteilsgründe auf- > schieben — über alle diese Dinge zur Tagesordnung übergegangen zu sein. Nach den Erfahrungen im Leipziger Fritzsche- Prozeß mit dem Gutachten Profeffor Kittels ist keinerlei Sicherheit dafür geboten, daß nicht auch die höhere Instanz sich auf den Standpunkt ( stellt, die heutige jüdische Religionsgemeinschaft j sei nicht beleidigt und ihr höchstes religiöses Ideal ni cht herabgewürdigt, wenn man die Bibel in den Staub zerrt und das Wort, das erlösend von Zion ausgtng, als ein „Tagebuch jüdischer Bei trügereien" denunziert. j Jedenfalls müßte, wenn der Prozeß weiter j gehen sollte, dafür gesorgt werden, daß nach der. juristischen,wie nach derreligiönspolitischen Seite hervorragend befähigte Vertreter der . jüdischen Sache als Anwälte und Sachverständige zu Worte kommen. Wird schon einmal über die religiöse Ehre des Judentums — was wir bedauern — vor den Tribunalen des Staates Recht gesprochen, dann darf auch kein Opfer zu schwer sein, wenn es gilt, diese Ehre zu schützen und mit der zwingenden Gewalt einer auf wissenschaftliche Erkenntnis gegründeten religiösen Wahrhaftigkeit für die unlösbare Einheit der jüdischen Kleines Feuilleton. An Vorkämpfer für die Orthodoxie in den Vereini-ien Staaten. Von Prof. Sulzbach in Frankfurt a. M. Aelieren Lesern des „Jeschurun" von S. R. Hirsch wird der Name Jllowy nichtunbekannt sein. Seine Korrespondenzen aus Amerika über die jüdischen Zustände in den Vereinigten Staaten wurden mit Interesse gelesen. Schon aus diesen Berichten konnte man erkennen, mit welchen Schwierigkeiten dieser Mann zu kämpfen halte, der es sich vorgesetzt, jüdisches Leben in Amerika zu wecken und gegen die immer mehr um sich greifende Reform und die Männer, die sie förderten, Stellung zu nehmen. Aber immerhin gaben diese Berichte nur eine schwache Vorstellung von dem Schaden, den die nivellierende Reform bereits angertchtet hatte, als Jllowy vor 72 Jahren nach Amerika kam, und von dem Krastaufwande, die Männer wie er aufb^eten muhten, um nur ein Weniges zu retten, an das Spätere anknüpfen konnten, der Qnhodoxie Nahrung und Stärkung zu bieten. Damit macht uns erst in seinem ganzen Umfange das von Hcmy Jllowy, Verfasser verschiedener medizinischer Werke, dem Andenken feines Vaters gewidmete Buch bekannt.*) *) D'p^N JTcnSe *®D. Being the controversial letters and the exenistic decisions of the late Rabbi Bernard Illowy Ph. D. Berlin, M, Poppelauer. VIII u. 238 S. Eine ku ze Biographie lehrt uns den Mann in seiner Wirksamkeit als Rabbiner kennen) in seinen Korrespondenzen in Zeitschristen und Zeitungen zeigt sich uns der unentwegte Kämpfer für die Thora, in seinen Gutachten und gelehrten Abhandlungen der j'jbiö pü*7. Ein Schüler des R. Mosche Sofer, von dem er die ristn mrn e>halten, zugleich auch ein Hörer der Universität von Budapest und dann auch ein Hörer des Rabbinerkollegs in Padua, verband er tiefes tal-> mudtsches Wissen mit gründlicher wissenschaftlicher Bildung und konnte so in dem freien Amerika sich eine achtunggebietende Stellung erringen, sodaß auch seine Gegner ihm die Hochachtung nicht versagen konnten. Dagegen spricht nicht, wenn auch in New- Orleans nach dem Kriege in der Union sich durch Masseneinwanderung minderwertiger Elemente in der Gemeinde eine auf Reformen drängende Partei bildete, die ihn veranlaßte, freiwillig sein Amt niederzulegen. Wie begründet aber sein Ruf damals schon war, beweist die Tatsache, daß die unmittelbare Bewerbung Cincinnatis um ihn, ihn vor Stellenlosigkeit bewahrte. Es waren besonders zwei Gegner, die sich Anhang und Ansehen in den Vereinigten Staaten erworben batten, gegen welche Jllowy im heftigen Kampfe Stellung nahm, Isaak Weih in New-Iork und Max sültenthal in Ctcinnati. Mit dem extremen Reformer David Einhorn kam er nicht in Konflikt, da er einen Kampf gegen diesen für unnötig fand. Dieser hatte zwar Anhänger, aber nur einen kleinen Kreis, der sich nur auf die Mitglieder seiner Gemeinde beschränkte. Jener Männer Wirksamkeit hingegen spürte man nach außen sehr. Diesen sagte er öffentlich in Zeischriften, was er ihnen zu sagen hatte, in nicht mitzzuverstehenden Worten, jedoch in verbindlicher Form, und auf der Kanzel machte' er deren Maßnahmen oft zum Gegenstand seiner Predigt. Weiß war nach seiner eigenen Ansicht „konservativ". Dies hinderte ihn aber nicht, barhäuptig zu predigen- Er stürmte nicht, wollte nur Ordnung in den Gottes, dienst bringen, schaffte nur die Pijatim ab, wollte nichts streichen,- das hinderte ihn aber nicht, in seiner Geschichte des Judentums Stellen in der Bibel zu deuten, wie es der b^ste Kritiker nur vermag Das Gebetbuch nach „Minhag Amerika" stellte sich dann von selbst auch in seiner Synagoge ein und was er nicht vollendete, leistete dann die Schar jüngerer „Rabbiner", die sich um ihn gruppierte und die er förderte, ja zum grohen Teil durch Verleihung der Hattoro und eines Doktorritels autorisierte. In Amerika ist ja alles möglich und so kam es, daß junge Männer, die als ehrsame Handwerker nach dorthin kamen und keine Spur vonjüdischem Wissen aufweisen konnten, sich, weil im Besitz einer schönen Stimme, zum Amt eines sin, das gut salariert wurde, berufen fühlten und im Laufe eines Jahres nach Ueberwindung der Stationen LNW, Mohel, Religionslehrer, Doktor, auf dem Rabbinatsfeffel Platz nahmen. Nun paskenenten sie, segneten Mischehen ein, vollzogen an deren Sprötzlingen, wenn die Mutter Nichijüdin war, die Miloh, gestatteten einer pns>^> non1 die Wiederverheiratung usm, kurz, sie waren o'iivn 'vno in größter Auswahl. Der zweite Gegner war der radikale, dennoch nicht barhäuptig predigende Rabbiner Max Ltlienthal, der jedoch im Gegensatz zu Weiß sich zu vornehm hielt, um zu den hergelaufenen „Rabbinern" in Beziehung zu treten. Max Lilienthal hat sich in der Judenheit kein gutes Andenken gesichert. Als man in Rußland d!e Juden aus eine „höhere Kulturstufe" heben wollte, damit sie der Emanzipation würdig würden, hat man i i i f i 1 c r 0 «