Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1921)
- Date
- 1921-07-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 29 des „Israelit". y» - Die Revolution im Vrisler Mur Lhaulim. Lebte da in Brisk in Litauen kurz vor Untergang dieser Gemeinde ein Mann mit Namen Reb Schapse, „Reb Schapse der Lichtzieher", wte^ er allgemein genannt wurde. Ohne Kind und Rind ernährte er sich mit seiner Alten schlecht und recht von den Talgkerzen, die er je am Donnerstag für die Synagoge und die ganze Gemeinde zum Ltchtentzünden am Sabbat anfertigte. Diese Arbeit verrichtete er aber nur so nebenbei, Im Hauptberufe war er „Gabbe" des Btkur Chaulim. In diesem Vereine, dem er seit undenklichen Zeiten Vorstand, entfaltete er seine ganze Tätigkeit, feine ganze Kunst, seine ganze Arbeitsfreude. Hier fand er seine Welt, die er anderswo gar nicht suchte. Keiner wußte, wann und ob er überhaupt je zum Gabbe gewählt worden war. Aber keiner verweigerte ihm den Obolus. Jährlich pflegten wohl fvrmell Wahlen stattzufinden. Aber Reb Schapse nahm keine Notiz davon. Die Bikur Chaulim-Büchse blieb doch bei ihm, und wenn jemand in Not geriet oder krank wurde, so wußte man nichts anderes, als daß man es Reb Schapse meldete. Da konnte man sicher damit rechnen, daß gleich darauf ein Arzt im Krankenhaus erscheinen wird, daß Rezepte und auch eine warme Suppe beschafft werden. Bei Nacht saß schon jemand am Krankenbett und wartete des Kranken. Auch für die Familie war schon irgendwie gesorgt. Und das alles ging so still, so geräuschlos vor sich, als würde eine geheime Hand ihren Segen ausschütten. Man wußte wohl, daß das alles von Reb Schapse ausging, daß Reb Schapse seine letzten Groschen für diese Zwecke ausgab. Wo bekam Reb Schapse sein Geld her für die unzähligen Armen und Kranken dieser großen Judengemetnde? Man hätte richtiger fragen können, wo bekam er kein Geld? Da stehen zwei Männer auf dem Markt und sprechen eifrig von einem Geschäfte und wie aus dem Boden gewachsen, steht Schapse vor ihnen. „Juden, ich muß Geld haben!" Kommen die Beter ahnungslos ins Gotteshaus. Da empfängt sie. Schapse mit der Büchse. „Gebt eine Kopeke!" Und diese Kopeke mußte ihm jeder geben. Das war die natürliche Abgabe, ohne welche sich kein Jude in der Synagoge, auf dem Markte oder sonst wo zeigen durfte. Mehr wollte Reb Schapse gar r tcht haben, nur eine Kopeke. Aber ohne die Kopeke kam keiner von ihm los. Zur damaligen Zeit pflegte noch kein Jude in Brisk den täglichen Gottesdienst zu versäumen und so stand das Geschäft Reb Schapses in höchster Blüte. Es war fast wie ein Wunder, daß er in allen Synagogen der Stadt fast zur gleichen Zeit mit seiner Sammelbüchse austrat. Gab es gar eine Hochzeit, ein Beschnetdungsfest, eine Verlobung, ein „Ptdjon habben", Reb Schapse fehlte mit seiner Büchse nicht. Reb Schapse war nicht eigentlich zudringlich und nie grob. Aber ein Versagen gab es ihm gegenüber nicht, so bestimmt, so entschieden forderte er seinen Tribut. War Jahrmarkt in der Stadt, so fand man Reb Schapse in jeder Herberge, auf dem Markt, in den Läden, überall. Und jetzt mahnte er sogar ganz kategorisch: „Es ist mein Einkommen, der schuldige Zoll. Tausend Arme warten darauf. Oder glaubt ihr etwa, es ginge so in der Welt? Man kommt und man handelt, man kaust und man verkauft und der liebe Gott gibt einem Gewinn, nnd dies alles umsonst? O nein, Bruder, bezahl' bezahl cs, ich brauche für meine Kranken." Und keiner wagte, zu Widerreden, oder den Zoll zu verweigernalle zahlten sie, wenn Reb Schapse mit seinem Klingelbeutel auf dem Bilde erschien. Man erzählt sogar von Rabbi Schapse, daß er eines Tages einen Anteil am Paradies verkauft hätte. Und das trug sich folgendermaßen zu: Im Städtchen wohnte Burke, der Wafferträger, der als roher Mensch und Trunkenbold allgemein bekannt und verachtet war. Als eines Tages sein Pferdchen auf der Straße hinfiel und nicht mehr aufstand, fiel er über Reb Schapse her und drohte, für den Fall, daß ihm kein neues Pferd gekauft werde, das Schlimmste zu begehen. Reb Schapse wußte, daß diesem Manne keiner zu Hilfe kommen werde. So nahm er sein rotgeblümtes Tuch in die eine, die Büchse in die andere Hand und trat seinen gewohnten Gang von Haus zu Haus, von Laden zu Laden an, und keiner wagte, den Beitrag zu verweigern. Nur Hillel, der Geldverleiher, schrie, als er Reb Schapse erblickte: „Für Burke, den Wasserträger, für diesen Rohling, gebe ich nicht eine Kopeke her." „Dem Burke gebt ihr nichts," besänftigte Reb Schapse, „aber dem Heiligen, gelobt sei Er, könnt Ihr die Gabe nicht verweigern." „Es ist keine Wohltat, e ne Sünde ist es." „Ihr seht", sagte Reb Schapse, „wie ich von Haus zu Haus gehe, laßt mich nicht umsonst an Euere Türe geklopft haben." „Umsonst?" lachte Hillel. „Und der Lohn der Mizwah, Euer Anteil am Paradies?" „Ich tue es nicht deswegen," erwiderte Reb Schapse. „Der Gotteslohn wird wohl nicht ausbletben. Aber, wahrlich nicht darauf sehe ich. Ein Mensch hungert, leidet und will sich ein Leid antun, da muß man ihm helfen. Alles andere, Lohn, Paradies, schenke ich Euch gern . . ." „Ich nehme Euch beim Wort", begeisterte sich Hillel", Ihr sollt mir den Lohn der Mizwoh abtreten. Ich zahle einen halben Rubel." „Einen halben Rubel? Ihr seid wohl billige Einkäufe gewöhnt. Nein, mein Lieber. Aber für drei Rubel könnt Ihr den Lohn dieser Mizwoh haben." Hillel ging auf das Geschäft ein und zählte ihm sofort drei Stlberrubel in die Hand. Am zweiten Morgen wußte es die ganze Stadt. Aber Reb Schapse rechtfertigte sich ohne Erregung: „Meine Rechnungen mit dem Heiligen gelobt sei Er, gehen wohl keinen anderen an. Für die drei Rubel, die ich von Hillel bekam, kaufe ich Burke ein neues Wafferfaß. Das alte ist abgebraucht und das Geld für das Pferdchen habe ich bereits ohnedies beisammen. Zieht mir der liebe Gott den Lohn dieser Mizwoh ab, so hat doch Burke sein Faß und seinen Gaul und kann Frau und Kinder ernähren . . ■; Je am Freitag Abend nach dem Gottesdienst pflegte Reb Schapse die armen Durchwanderer an die Mitglieder zu verteilen. Mit scharfem Auge und kluger Erfahrung gab er jedem das Seine. Der eine mußte einen Gelehrten haben, der andere einen von ansehnlicher Gestalt, der dritte sah auf gute saubere Kleidung, der vierte wollte einen Vielgereisten haben, der viel erzählen konnte. . . Und Reb Schapse hatte von allen Arten und Sorten zu vergeben. Die letzten Grades, die ganz Armen und Abgerissenen, die Lahmen und Blinden und sonstigen Krüppel, die nur Hunger hatten, pflegte er mit sich nach Hause zu nehmen. Wer würde sonst solche Gäste bei Tisch haben wollen? Seiner Frau Frumme pflegte er zu sagen: „Lauter große Herren, unsere Gemeindemitglieder. Wollen nur Große, Schöne, Gelehrte. Unser Vater im Himmel ist weniger empfindlich und läßt täglich an seiner Tafel gar allerlei Menschen, gute und böse, schöne und mißgestaltete speisen. . . Wir für unsere Person machen es ihm nach. . ." Und Frumme lachte aus vollem Herzen und gab ihrem Manne vollkommen recht. -i- * * Lange Jahre ging es so zum besten aller. Man wußte, daß die Sache in guten Händen lag, daß die Armen und Reichen versorgt waren. Man wußte, daß Tausende, viele Tausende im Jahre verteilt wurden, daß sie alle durch die Hände des Reb Schapse gingen und man war zufrieden. Kommt aber eine neue Generation auf und sie lehnt sich gegen eine „solche Wirtschaft" auf. „Reb Schapse sammelt Geld. Er schickt den Arzt und die Arznei zu dem Kranken. Alles gut und recht. Aber wo bleibt die Abrechnung, wo ist die Ordnung? Warum stellt man kein Budget auf, damit man Einnahmen und Ausgaben kennt? Wo sind Reb Schapses Bücher?" Wie es Reb Schapse hört, zucke er verständ. nislos die Achseln, „Was heißt Buch?" fragt er- „Habe ich je meine eigenen Geschäfte engeschrieben, habe ich je notiert, wieviel Talg ich beim Metzger gekauft und wieviel ich für die Lichter eingenommen habe? W^s sollen einem die Bücher, wenn der liebe Gott ten Gewinn nicht schickt? Das gibt nur Arbeit, Zeitverlust und Kopfzerbrechen." Junges Volk ist aber mit diesem Bescheid nicht zufrieden und es setzt eine Wahlagitation ein, die immer wildere Formen annimmt. Kurz vor den Wahlen bricht eine Art Revolution aus. Reb Schapse sein Amt nehmen, ist schlechthin undenkbar. Denn mit oder ohne Amt, mit oder ohne Sammelbüchse, wird er doch ungestört seine Tätigkeit sortsetzen und die Armen und Kranken würden nach wie vor den Weg zu ihm finden. Was aber verlangt wird, ist, daß noch ein zweiter „Gabbe" gewählt wird, der an der Seite Reb Schapses „Buch führt." Die Jugend setzte auch ihren Wunsch durch und es wurde wirklich ein zweiter Verwalter gewählt. Aber geändert hat sich nichts. Wieder strömten die Notleidenden täglich zu Reb Schapse und es blieb alles wie es war. Die Revolution wiederholte sich alljährlich um die gleiche Zeit vor den Wahlen. Dann blieb alles wieder beim Alten. Nach der sechsten Revolution riß doch der Jugend der Geduldsfaden. Sie wählte einen aus ihrer Mitte zum zweiten Vorsitzenden. Dieser trat schon am zweiten Tage nach seiner Wahl an Reb Schapse heran: „Nichts für ungut, Reb Schapse, ich bitte um Geld für ein Buch zur Eintragung der Einnahmen und Ausgaben." „Geld für ein Buch?" wunderte sich Reb Schapse. „Woher soll ich Geld nehmen? Da muß ich Milch kaufen für einen armen Melammed, der ganz bedenklich hustet . . . Dort muß ich dem Apotheker die Medikamente bezahlen, die ich vorige Woche geholt habe. Leiser, dem Bäcker, ist die Krücke gebrochen und es muß eine neue gekauft werden, damit er zur Arbeit gehen kann. Ich zerbreche mir den Kopf, wo man das alles hernimmt und Ihr kommt mir da mit einem Büchern . . ." Da wird der junge Kollege ernstlich böse, erstattet seiner jungen Gemeinde Bericht und nun bricht eine richüge Revolte aus. „Wir tuen nichts mehr in die Büchse!" „Wir lassen überhaupt nicht mehr sammeln!"