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Der Israelit · 1921-07-21 · Heft 29 (21.7.1921) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 29 (21.7.1921)
Date
1921-07-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 39 Der^JSraelit. 21. Juli 1921. „Rechnung ablegen, Rechnung", schreit alles im Chore. Reb Schöpfe sagte aber weinerlich: „Ich will euch was sagen, Kinder, ihr wollt Rechnungen, meinetwegen, führet Rechnung. Aber wie kann i ch das Geld dazu hergeben? Ich brauche es doch für meine Kranken. Da ist Jente, die Wäscherin, eine Kindbetterin, und hat nichts im Hause. Soll ich nun ein Bündel Holz kaufen, um ihr ein warmes Zimmer zu bereiten, oder euch ein Buch, um die Ausgaben einzutragen?..." Das wirkte. Und die jungen Leute rückten mit ihren Ersparnissen heraus. Das Geld für das Buch war beisammen. Da weinte Reb Schapse wieder und flehte: „Ein langes Leben sei Euch beschert, liebe Kinder, für Eure Güte. Aber seid vernünftig und gebt mir das Geld her. Selig, der Krämer, ist schwer erkrankt, er muß einen Aderlaß haben und ich mutz den Doktor bezahlen". Und Reb Schapse fleht und drängt'solange bis ihm das Geld wirklich hergegeben wird. „Und was soll nun mit dem Buche werden?" schreit alles. „Ein Buch?" sagt Reb Schapse. „Es ist wirklich schade, daß ich keines habe. Hätte ich ein Buck, ich würde es sofort verkaufen, um dem Jungen da die Stiefel sohlen zu lassen. Seht ihr nicht, daß er halb barfuß ins Cheder geht? Und Jostel der Schuster muß eine neue Brille haben, wenn er nicht sein Augenlicht ganz verlieren soll. Ist das nicht viel wichtiger wie Euer dummes Buch? ..." Da gibt die Jugend ihr Spiel verloren. Die Revolution ist gescheitert. (Bolschewismus im alten Aegypteu.) In einem ägyptischen, 4000 Jahre alten Papyrus findet sich in einem Berichte über eine soziale Umwälzung folgende intereffante Stelle: „Im Rechtswesen herrscht der Pöbel, und das Haus der Dreißig (der höchste Gerichtshof) ist öde und verlassen. Die Auflehnung gegen die Behörden und gegen die Großen ist allgemein, und «jede Stadt erklärt: „Wir wollen unter uns keine Großen mehr haben." Die höchsten Würdenträger hungern, und die Bürger mit eigenen Händen ihr Mehl mahlen. Der Pöbel gelangt mühelos zu Reichtümern, die Sklaven führen das große Wort, und'dte Fremdlinge können ungestört das Land überschwemmen. Räuber und Mörder beherrschen das Land, die Städte sind verwüstet, die Gräber geschändet und die Häuser verbrannt. Man bestellt die Felder nicht mehr, baut keine Häuser mehr, und keiner will noch Steuern zahlen. So ist das Land verlasien und der hungernde Mensch beneidet die Schweine um ihr Futter. Sitte und Anstand werden nicht mehr geachtet, man lacht nicht mehr, und selbst die Kinder sind schon des Lebens überdrüssig. Die Menschen sterben und es werden immer weniger geboren. Man hat nur noch den einen Kunsch, daß alles ein Ende nehme." Waffenmacht und Gottvertrauen. Non Salomo ben Jehuda aus Babylon (10. Jahrh.) Uebersetzr von Zunz (Synagogale Poesie) "m ll'3D3 nStl 23*13 n*\S‘ Gnade, Gott, Gnade uns gewähre! Heute, Gott, heule uns erhöbe! Hilf, du uns're Wehre! Diese mit Rittern kommen, jene mit Wagen; Wir es auf deinen Namen wagen Und 'chauen die Hilfe aus Wolken ragen. Diese mit Legionen, vermessen jene sich brüsten; Wir haben sein Wort statt Kriegeslisten, Unter dem Schutze-der Schwachen wir rüsten. Diese mit Tartschen sich decken, jene mit Schilden; Wir mit deinem Wort, unsere Zuflucht zu bilden, Das uns berge vor dem Grimme der Wilden. Diese mit funkelnder Waffe, jene mit stampfenden Rossen, Wir nennen den Lichtumhüllten unseren Bundesgenoffen, Ihn, dessen Fußtritt drohet ihren Kolossen. Diese mit Heeren von Stahl, jene mit Hörnergeschmetter; Wir unter dem Schilde der Treue, mtt dem zuverlässigen Retter, Der über die Hohen einherfährt, vernichtend im Wetter. Diese mit Posaunengetöse, jene mit Kriegsgeschrei; Wir kommen mit der Stimme Gottes herbei, Die bändigt Fluten, und Felsen bricht sie entzwei. Diese mit geordneten Reihen, jene mit Rüstungsschimmer; Wir mit dem Jeldherrn, des Gleichen nimmer, Getretene setzt er ein in der Tyrannen Zimmer. Diese auf Kämpfer bauen, jene auf Fechter; Wir Heien, ohne zu zagen, verachtend Verächter, Die Israels Siegesherr uns macht zum Gelächter. Ein Flieger. Von Heinrich Einstadter. Alte Leute und jugendfrische Buben und Mädchen verstehen sich meistens gut miteinander. Im Alter treten wieder die Ereignisse der früheren Kindheit ins Bewußtsein zurück, und gern erzählen gütige Greise der muntereg Jugend von den Erlebnissen, deren sie sich entsinnen können. — Die Synagoge in Felding steht inmitten eines von mächtigen alten Nußbäumen beschatteten Grasgartens. Eine breite Steintreppe führt zu ihr empor. Von ihr aus überblickt man fast das ganze Dorf und einen Teil der gesegneten Flur, die zu ihm gehört. Hier war im Sommer nach dem Minchagebet am Schabbos der Sammelplatz der Gemeindemitglieder. Sorgfältig breiteten die Männer ihre Taschentücher über die Stetnstufen, bevor sie auf ihnen Platz nahmen, um ein Stündchen oder auch zwei gemütlich zu verplaudern. Die bequeme Bank aber, die sich unter einem Nußbaum befand, wurde — das war ganz selbstverständlich — den beiden ältesten Leuten der Gemeinde überlasten, und um sie scharten sich regelmäßig die Kinder, die sich immer auf diese Stunde freutendenn sie hörten stets etwas, was sie sehr interessierte. „Was meint ihr?", begann da jüngst der alte Frum (Abraham). „Man spricht da jetzt überall von dem Flieger, der vorige Woche vor dem unteren Dorf landen mußte. Als ich noch ein Kind war, da hatten wir in unserem Städtchen, wo ich dahetm bin, selbst einen Flieger!" Kunstpause. Spannung auf allen Gesichtern. — „Da war ein unglücklicher Menschder war, als man den Verstand verteilt hatte, zu spät gekommen. Er wohnte im Armenhaus und mußte von der Gemeinde ernährt werden, weil er zu keinem Berufe fähig war. Er tat nie» and etw is zuleide und wurde dennoch von vielen geplagt. Wenn wir Buben ihn sahen, so riefen wi „Karl, flieg!" Und regelmäßig breitete er dann die Flügel seines weiten Rockes aus und lief unter drolligen Bewegungen dahin, und wir alchend und schreiend hinterher. Mancher böse Bube warf ihm auch wohl noch Erde und Sand nach. Er hieß überall nur „der Flieger." Ich mochte etwa sieben Jahre gewesen sein, da ging ich einmal am Gutshofe vorbei. Das Tor stand offen, und plötzlich sprang ein großer Hund heraus nnd direkt auf mich zu. Ich war so erschrocken, daß ich mich nicht bewegen konnte - denn ich hatte schon viel von dem bissigen Köter des Pächters gehört. Weit und breit sah ich keinen Menschen, der mir helfen konnte, und ich schrie aus Leibeskräften. Da. kam um die Ecke der „Flieger". Er hörre mein Geschrei, und ohne Furcht vor dem Hunde, der bellend vor mir stand, nahm er mich auf meine Schultern und trug mich fort. Erst vor unserem Hause setzte er mich ab, und dann streichelte er mir die Wange und trocknete mir mit den Zipfeln seines Rockes die Tränen und bemühte sich in seiner unbeholfenen Weise durch allerlei spassige Bewegungen und komische Töne, um mich zu beruhigen und zu erheitern. * Ich aber konnte lange nicht munter werden. Nicht wegen der Furcht, — der Schreck war schon bald vergeffen —, sondern weil ich mich schämte. Weil ich mich vor mir selbst schämte! Weil ich ja auch so oft schon mitgelaufen war, wenn man diesen gutmütigen, .unglücklichen Menschen verspottet und geplagt hatte! Und noch nach vielen Jahren stieg mir die Schamröte ins Gesicht, wenn ich mich dieses Vorganges erinnerte, obschon wir später gute Freunde wurden. Wie das kam? Ei, auf mein Bitten gab mir die Mutter oft etwas, was vom Essen übrig geblieben war, für den Flieger, und ich brachte es ihm in sein ärmliches Stübchen. Und meinen Kameraden erzählte ich, was ich erlebt hatte, und hielt sie davor zurück, den bedauernswerten Menschen zu hänseln. Als aber erst die Kinder aufhörten, den Flieger zu Plagen, da besannen sich auch die Alten auf ihre Pflicht, und sie sorgten dafür, daß dem armen Kerl in den wenigen Jahren, die er noch zu leben hatte, größere Entbehrungen erspart blieben!" Wie man Wohltätigkeit übt. In Frankfurt am Main besteht ein Minjan- Verein. Wenn sich ein Trauerfall ereignet, sorgt der Vorstand dafür, datz im Hause des Verstorbenen während der Trauerwoche regelmäßig morgens und abends Gottesdienst stattfindet. Die] Mitglieder, die hierzu etngeladen werden, erscheinen pünktlich. Sefer Thora, Tefillaus, Chumoschim, Tallesim, Wein und Kerze zur Havdala, kurz — alles Erforderliche schickt der Verein. Auf Wunsch sorgt er auch für einen Vorbeter. Die Trauernden haben sich um all dies nicht zu bekümmern. Sogar eine Zedoko-Büchse für fromme Spenden wird vom Vereinsdiener überbracht. i Sieben Tage lang bleibt der Trauernde in seiner Wohnung, sieben Tage enthält er sich jeden Geschäfts. So selbstverständlich dies ist, manchem, der nicht begütert ist, fällt es doch schwer, so lange auf jede Einnahme verzichten zu müssen. Darum läßt der Verein durch einen Beauftragten dem Owel in einem Umschläge einen Geldbetrag überreichen. Jeder, selbst der Reiche, muß ihn annehmen. Bedarf er nicht der Unterstützung, so kann er die Summe, wenn er allein ist, in die Zedoko-Büchse des Vereins legen. Damit aber auch der Vorstand nicht erfährt, wer den Betrag behalten und wer ihü zurückerstattet hat, wird die Büchse nur nach längeren Zeitabschnitten geleert. In dieser Weise wird Wohltätigkeit geübt ohne daß der Bedürftige beschämt wird.*) Vermischtes. Budapest, 12. Juli. Die Hauptverhandlung gegen den Oberrabvtner L ö w aus Szegedin ist auf den 28 September anberaumt worden. Kulda, 10. Juli. Die hiesige jüdische Volksschule erhält von der Stadt neuerdings einen Zuschuß von 32000 Mk, bei einer Frequenz von 102 Schülern und Schülerinnen. Die Fuldaer Zeitung bemerkt zu der Erhöhung des Zuschusses durch die Stadtverordnetenversammlung folgendes: „Die Bewilligung erfolgte ohne irgend welchen Widerspruch einstimmig. Als Zentrumsleute hatten wir dieses Verhalten unseren jüdischen Mitbürgen gegenüber für selbverstandlich." Berlin, 9. Juli. Die hannoversche Stadt Tostedt gibt als Notgeld einen 50-Pfennigschein heraus, der ein antisemitisches Hetzbild übelster Sorte als „Zierde" enthält. Es ist da als Symbol ein Baum abgebildet, an dem zwei Juden ausgeknüpft sind, während etneAnzcchl Raben sich abseits halten, als scheuten sie sich, diese Leichen anzurühren. Ein Spruch, in dem von „Schiebers" die Rede ist, illustriert diese geistreiche Zeichnung. Gewissenloser kann die politische Hetze kaum mehr getrieben werden. *) Die Einrichtung besteht in ähnlicher Form auch anderwärts und wird von Lazurn» in seiner „Ethik des Judentums" als schönes Zeichen der erfinderischen Kraft jüdischen Zartstnnes angeführt.

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