Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1921)
- Date
- 1921-07-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Ar. 28 des Israelit". b ■ rf.rifh., ft,, MI)IM1 , — ■m Von Eordowa nach Lhafarien. m Historis cher Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Schluß.) Inzwischen wurde von großen Plänen Chasdats bekannt, die überraschten und allgemein beunruhigten. Der Nassi trug sich mit dem ernstlichen Gedanken, bald für längere Zeit die Stadt und seine AemLer zu verlassen und der Einladung des Königs Joseph folgend, den weiten, gefährlichen Weg nach Chasarien anzutreten. Sein Schwiegersohn Jzchak wollte als Wegweiser mit ihm gehen. Auch Hadassa wollte sich Vater und Gatten anschlteßen. Zuerst wollte man diesem Gerüchte keinen Glauben schenken. Aber nun sah man deutlich, wie alle Vorbereitungen für die große Reise im Nassihause getroffen wurden. Chasdai wartete nur noch der Genehmigung AL Hakems, der damit sehr zögerte, und der Bestätigung der Empfehlungsschreiben von den befreundeten Staaten, die dem Nassi den Weg bis ans Ziel ebnen sollten. Der Kalif Alhakem wollte seinen ersten Diener für so lange Zeit nicht miffen. Aber Chasdai erzählte seinem Herrn in trauter Mußestunde eine jener alten Geschichten, die der Gelehrte, nachdenkliche junge Kalif so gern aus dem Munde des jüdischen Bibelkenners hörte: „War da ein jüdischer Diener am Hofe des mächtigen Perserkönigs Darms, Nehemja hieß er, aus dessen Hand allein sich der Mächtige den Becher füllen ließ, dieweil dieser Nehemja die eigene Macht besaß, alles was er sprach, weise und schön zu sprechen und alles, was er unternahm, gut und glücklich zu vollbringen. „Aber Nehemja wurde blaß und blässer und er wankte wie ein Schatten daher, ohne Freude, ohne Leben, ohne Lachen. „Da fragten König und Königin: „Was ist dir, Nehemja, daß du so trübe und traurig bist? Hast du Feinde oder drückt dich ein Leid, so sage es." „Nehamja aber sprach: „Wie soll ich froh des Lebens und des Glückes hier am Hofe werden, wenn meine Brüder dort leiden und meiner harren?" „Und der König?" „Er . schickte den Diener dahin, wohin ihn das Herz gewaltig zog, nach dem Lande Israels, das er groß und stark machte und als treuen Vasallenstaat der persisch-medischen Welthegemonle erhielt . . ." „Ich verstehe deine Geschichte, Chasdai", lachte Alhakem. „Allein sie paßt schacht für deinen Fall. Nehamja wollte nach Palästina, wo seine Brüder litten und nach ihm riefen. Dir aber steht der Sinn nach dem Berglande, das nicht das Land deiner Väter ist, und deine Brüder leiden dort nicht, während deine Gemeinde hier deiner benötigt, wie dich das Kalifat nicht missen mag. Wo ist hier das Gleichnis?" „Das Gleichnis ist schlecht, mein edler Kalif", wandte Chasdai ruhig ein, „denn ich erzähle nicht -m eine Geschichte, sondern die des Nehemja, mit dem ich das Glück gemein habe, das Vertrauen und die Liebe meines Herrn zu genießen, mit dem ich aber die Sehnsucht nach den Brüdern teile, die uns über Ehren und Aemtern steht und mit der wir am Ende doch unserem König und Lande nützen und dienen möchten." „Wie das, Chasdai?" „Der edle Kalif sagte mit Recht, meine Brüder leiden nicht hier, noch dort. So ist es. Aber in der weiten Welt leiden sie viel und schwer und ihre gemeinsame heiße Sehnsucht ist nach dem Lande der Väter gerichtet. Mich drängt es zunächst nach den Bergen am Kaspischen Meere. Aber zu einem Brudervolk, das vielleicht von Gott auserkoren ist, die Zerstreuten aus den Ueberresten des Gottesvolkes zu sammeln und sie nach der alten Heimat zu führen. Sollte ich im stillen Genüsse des Glückes und Glanzes hier diesem Befreiungswerke von der Ferne zusehen? Vielleicht ist dort mein Rat und meine Mitarbeit von Nutzen." „Und ich, dein Kalif?" „Der Weg nach Chasarien führt über Konstantinopel oder über Italien, durch Länder und Staaten, deren Freundschaft mit Andalusien ich auf der Durchreise zu befestigen hoffe. In Chasarien selbst werden die Bande zwischen Chakan und Kalif noch enger geschlungen. Und gelingt das große Werk der Befreiung und ist den leidenden Juden auf dem Erdenrunde mit den reinen von Gott gesegneten Waffen des Chasarenkönigs Hilfe, Heil und Heimat geworden, dann bleibt der Name des edlen Kalifen Alhakem mit diesem gewaitlgen Werke der Geschichte, dem er seine Unterstützung und seinen ersten Diener geliehen, für alle Zetten eng verknüpft." „Und deine Gemeinde?" ' „Nie standen die Dinge in der Gemeinde Coroowa so gut wie heute unter der geistigen Führung des R. Moscheh ben Chanoch, der mit Recht der „Gaon von Htspania" genannt wird. Auch andere treffliche Männer sorgen bestens für das geistige Leben. Menschern ben Saruk ist zurückgekehrt und um ihn herum ist ein großer Kreis geschaart, in dem die Wissenschaft und Poesie gepflegt 'wird. Recht und Freiheit sind unter der milden Sonne im Reiche des edlen Alhakems und seiner klugen Räte gewährleistet. Und sollte mich meine Gemeinde dennoch missen, so stellt sie doch das Geschick von Israels Gesamtgemeinde, um die es bei meinem Unternehmen geht, über alle eigenen Wünsche und Sorgen." Alhakem schwieg eine Weile und überlegte still. Dann sagte er nachgiebig: „Durch deine kluge Beredsamkeit, Chasdai, machst du mir den Abschied noch schwerer. Wann und wie soll die Ausreise geschehen?" Mit dieser Frage nach dem Wann und Wie war die gewünschte Genehmigung in der Hauptsache erteilt, und dankbar bewegt erwiderte Chasdai: „Heute oder Morgen treffen die Boten aus Konstantinopel und auch aus Italien ein. Aus ihren Berichten werde ich Klarheit gewinnen über!)te Umstände und Aussichten der Reise auf dem Seewege oder durch das Festland. Auch erhalte ch aus ihrem Munde Gewißheit über die Untertützung, die mir die befreundeten Staaten auf )er Reise hie und dort angedeihen lassen." XVIII. Die langerwarteten Boten kamen. Zuerst i)ie aus Konftantinopel, dann die aus Italien. Die Reiscumstände waren zu Wasser wie zu Land günstiger denn je. Die Nachbarstaaten freuten sich alle, Alhakems ersten Minister zu empfangen und ihm bei seiner Weiterreise dienen zu können. Aber zugleich mit dieser Botschaft brachten u Unheilskunde, die das Herz des Nassi erchütterten und all seine Pläne und Hoffnungen zunichte machten. Von den Berichten der Konstantinopeler Boten glaubte man zuerst, es sei byzantinische List und Mache, aber nun wurden die Angaben auch von den Italienern und von allen Seilen bestätigt. Alle im Kalifate eingelaufenen Bel richte ließen keinen Zweifel darüber, daß sich das Glück von den Chasaren gewendet hatte und es mit ihnen abwärts ging. Von allen Seiten hörte man vom Aufstetgen der Russen, die von Kiew aus sich immer weiter nach dem Affowischen und Kaspischen Meere ausbreiteten. Der russische Großfürst Swiatislaw warf das Joch der Chasaren ab und nahm ihnen die Grenzfestung Sarkel ab. Der Gegenstoß der Chasaren war nicht von Glück begleitet und führte auch zum Verluste der Festung Jtil und der Stadt Semender. Bald erhielt man Kunde vom Rückzüge der Chasaren auf die Inseln des Kaspt-Sees und von dort nach der Krim. Es war zweifelhaft, ob die Chasaren sich überhaupt noch lange als selbständiges Volk auf eigener Scholle würden erhalt, n rönnen. Chasdai ben Schaprut trafen diese Hiobsposten Wie ein Gewitterschlag nach einem hell aufgegangenen Sonnenmorgen. So nahe dünkte er sich anl Ziele und so fest glaubte er an seine Berufung, mit an den Strängen der Erlösung zu ziehen. Und nun dieses Unglück des Brudervolkes! Es war auch sein Unglück, das des gesamten Israel! ... Zu dem Mitleid mit den von der höchsten Höhe des Glückes gestürzten Chasarenvolke kam das Mitleid mit sich leiber, das Mitleid mit der jüdischen Gesamtheit, die bittere Enttäuschung über einen neuen Fehlschlag, da man sich der Erfüllung schon zu nahe glaubte. Chasdai wartete immer noch auf günstigere Berichte. Er wartete auf ein Wunder. Er suchte sogar, die Könige und Staaten zu Gunsten der Chasaren zu stimmen und sie zur Hiifelcistung gegen den reißenden Strom der Russen zu bewegen. Aber der Weg war zu wett, die Interessen der unzähligen dazwischenliegenden Staaten zu geteilt. In den Regierungsämtern erwog man die Sache nach den obwaltenden Umständen, nach Möglichkeit und Zweckmäßigkeit, aber nicht mit den Impulsen des von glühender Sehnsucht erfüllten großen Herzens des Nassi. Wer hatte Sinn und Empfinden für den großen Menschen, der ein Eriösungswerk vor seinen Augen zusammenbrechen sah? Im Lehlhause zu Cordowa sprach und grübelte man noch lange über diese Dinge und forschte m allen Büchern. Und Rabbi Moscheh, Sohn Channochs, sagte: „Man dränge nicht, und suche nicht das Endziel zu erzwingen. Es war eben noch nicht Zeit, und die Stunde hat noch nicht geschlagen. Es war ein Scheinlicht, das am weiten Horizonte aufleuchtete und sonnige Zukunft vorläuschte, um wieder zu verschwinden. Warten wir geduldig, bis es wieder richtig aufleuchtet." Aeltere Männer mit ernsten Mienen, die das Erbe Ruobt Nathans wahrten, suchten an Hand des Daniel-Buches neue Erlösungstermine und neue Erlösungs-Symptome herauszulesen. Jünger aus den Kreisen Menachems wiederum verherrlichten die Wünsche und Hoffnungen Chasdal's, beweinten seine Enttäuschungen und sprachen ihm Trost zu tn schönen, kunstvollen Liedern. All' dies berührte Chasdai nur noch wenig. Sein Mund kannte kein Lachen mehr mid sein Herz keine Freude. Seine Aemter im Kalifate and in der Gemeinde gingen nach und nach aus seinen Schwiegersohn Flzcyak ben Nathan und andere befähigte Männer über. Er blteb still und der Wett und deren Freuden abgekehrt, bis daß er an einem Herbstmorgen des Jahres 4730 (970) im Alter von nur 55 Jahren seine Seele aushauchte. * j * Chasarien hörte auf, ein Staat unter den Staaten zu sein. Aber die Chasaren gingen nicht unter, sie wanderten nach der Krimdem Kaukasus-