Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1921)
- Date
- 1921-07-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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14. Juli 1921. Der JSraelit. Nr. 38 Seite 9 über die Karpathen, nach der Türket und nach dem heiligen Lande, wo sie sich überall ihren jüdischen Brüdern in Liebe und Treue anschlossen und unter ihnen aufgingen. Ihrer ein gut Teil ging auch über die Pyrenäen nach Spanien, wohin sie mit anderen Kostbarkeiten auch die seinerzeit von Kaspi und Balschan aufgenommenen Aufzeichnungen der Aussprachen zwischen Sangori und dem Chakan Bulan, die zum Uebertrltte des Chasarenvolkes Zesübn batten, Mitnahmen'. In Toledo fand 200 Jahre später der große 'Gelehrte und Gottessänger Rabbi Jehuda ben 'Samuel Halevy, die kostbare Urkunde und gestaltete sie mit sehendem Dichterauge und schaffendem Meistergriffel so, daß uns die fünf Gespräche über das Wesen und Walten Gottes, den Sinn unseres Lebens und die Aufgaben Israels als Volk Gottes in arabischer und hebräischer Sprache unter dem Namen „Kusari" bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben find. Ende. inderecke. Da- Gespmst. Von Heinrich Einstädter. Ein heißer Sommertag nahm Abschied. Seit dem stützen Morgen hatte die Sonne -ohne Unterbrechung ihre sengenden Strahlen zur Erde gesandt. Der wette, mit weißen Steinen gepflasterte Marktplatz des Städtchens hatte die empfangene Gluthhitze wieder in die Luft zurückgegeben. Dadurch war es am Mittag fast unmöglich geworden, ihn zu überqueren. Still, verlassen lag der Platz da, bis endlich nach Sonnenuntergang sich die Leute vor ihre Häuser hervorwagten. Stühle und Bänke wurden neben die Türen gestellt, die, gleich den Fenstern, weit geöffnet, nur langsam den Austausch der dumpfen Ztmmerluft mit dem erfrischenden Abendhauche vermittelten. Das war die Stunde, zu der allabendlich die Nachbarn gemürltchm Verkehr pflegten, um den Feierabend möglichst ergötzlich zu gestalten. Heute fehlte es nicht an Unterhaltungsstoff. Ueberall bildeten sich kleinere und größere Gruppen, die mit lebhaftem Interesse die weiteste Entwicklung der gruseligen Gespenstergeschichte besprachen, die in den letzten Tagen die Bevölkerung des Städtchens in die höchste Aufregung versetzte. In der damaligen Zeit gab es in P. noch keine Eisenbahn. Der Personen-Verkehr wurde hauptsächlich durch Postwagen vermittelt, die zu bestimmten Zeiten zwischen dem Städtchen und den nächsten Bahnstationen pendelten. Ein solcher Omnibus verband auch P. mit dem 30 Klm. entfernten M. Er verließ nachts 11 Uhr P. und kam nachmittags 2 Uhr wieder zurück. Vor einigen Tagen war der Postillon, der den Wagen lenkte, schreckensbleich im Städtchen angelangt. Er hatte erzählt, daß in der Nacht plötzlich im Wtesengrund ein Gespenst aufgetaucht lei, ein Mann, der seinen Kopf unter dem Arme trug, und ihn eine Strecke weit begleitet habe. Zuerst hatten die Leute den Postkutscher ausgelacht. Als aber an den nächsten Tagen auch die Fahrgäste den wunderlichen Vorgang bezeugten und der Postillon schließlich erklärte, den Wagen nicht „um alles Geld in der Welt" fernerhin führen zu wollen, da wurde die Angelegenheit recht ernst behandelt. Der Aberglaube hat in den Herzen vieler Menschen immer noch einen geräumigen Platz. Da zuverlässige Leute öffentlich bekundeten, daß sie selbst das Gespenst gesehen hätten, glaubte die Mehrzahl der Bevölkerung an die Sache, und niemand wollte mehr mit dem Omnibus fahren. Nur einer spottete über den dummen Aberglauben und behauptete, die Angelegenheit zur allgemeinen Befriedigung erklären zu können. Es war der Viehhändler Salomon, dem es, wie alle wußten, nicht an Klugheit und auch nicht an, Mut fehlte. Aber er fand wenig Beachtung. Dagegen meldeten sich Leute, die noch vielerlei hinzudichteten. Von ihren Beifügungen abgesehen, wurde der Vorgang im Wesentlichen gleichartig dargestellt. An einer Stelle, bei der die Straße eine Biegung machte, erschien neben dem Flüßchen, das die Wiesen der Chaussee entlang durchzog, ein gebeugter Mann. Der Kopf, den er unter dem rechten Arm trug, war im Mondlicht deutlich zu erkennen. Das Gespenst hielt gleichen Schritt mit der Postkutsche, mochte der Postillon seine Rosse auch noch so stark antreiben. An einem ganz bestimmten Orte, an dem sich neben der Straße ein Bildstock befand, verschwand das Gespenst. Die Sache war peinlich, am peinlichsten für den Posthalter. An einigen Tagen konnte er keinen Kutscher auftretben, und er mußte sich entschließen, selbst auf den Bock zu steigen. Dabei fühlte er sich aus doppelten Gründen nicht wohlhatte er doch selbst eine abergläubische Furcht, und dazu kam noch der Aerger über den Verlust des Fahrgeldes, da der Wagen dauernd leer blieb. Schließlich setzte er noch seine ganze Hoffnung auf den alten Salomon, der sich ja gerühmt hatte, den Spuk beseitigen zu können. Der Gang zu Salomon fiel dem Posthalter nicht leicht. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er einmal selbst mit ihm nach M. gefahren war. Damals hatte Salomon bei Morgenanbruch im Wagen Tesfilltn gelegt und dadurch recht gehässige Aeußerungen des Posthalters heroorgerufen. Salomon hatte seitdem den Postwagen gemieden. Jetzt bereute der Posthalter sein damalig« s Verhalten, das vollkommen unberechtigt gewesen wardenn die Fahrgäste, Leute aus der Gegend, hatten das jüdische Gebot ja gekannt und an seiner Uebung durchaus keinen Anstoß gewonnen. „Herr Salomon", begann der Posthalter, nachdem ihm jener freundlich einen Stuhl htngeschoben hatte- „ich komme mit einer großen Bitte zu Ihnen, obwohl ich m'ch Ihnen gegenüber nicht frei fühle. Ich habe Sie einmal gekränkt und bereue das aufrichtig.-" „Bitte, sprechen Sie nicht davon, Herr Posthalter", unterbrach ihn der Viehhändler. „Diese Sacke ist hiermit erledigt." Der Posthalter atmete erleichtert auf. Er hatte sich die Versöhnung nicht so leicht vorgeftellt und war schon darauf gefaßt g wesen, sie durch geschäftliche Versprechungen erkaufen zu müssen. Unsere Gegner glauben ja oft, von den Juden alles für Geld erkaufen zu können. Angenehm überrascht, drückte er Salomon fest die Hand und rückte dann mit seiner Bitte heraus. „Es ist mir erzählt worden, daß Sie nicht an das Gespenst glauben. Können Sie wirklich die Erscheinung, die ich selbst gesehen habe, auf natürliche Weise erklären?" „Das wäre ein Leichtes", erwiderte Salomon, „aber niemand würde mir glauben. Wenn Sie es aber wünschen, will ich dem Zauber selbst zu Leibe rücken. Nur damit kann Ihnen geholfen werden". „O, Sie würden mich zu großem Danke verpflichten. Wie aber wollen Sie das machen?" Ter Händler lächelte. „Ich fahre heute Nacht mit Ihnen. Nehmen Sie eine alte Pferdedecke mit und sehen S'e zu, daß nock jemand mit uns fährt. Denn einen Zeugen müssen wir haben, selbst wenn er für Geld gemietet werden müßte". Gern versprach der Posthalter, alles zu besorgen, und gegen ein reichliches Trinkgeld fand sich auch ein armer Bursche, der bereit war, an dem Abenteuer tteilzunebmen. Die Sache sprach sich bald im Städtchen herum. Als der Omnibus abfuhr, fanden sich viele Neugierige ein, die sehen wollten, welche Mittel gegen den Zauber Salomon mttnehmen würde. Während sich aber der Posthalter mit einem Jagdgewehr und der Bursche mit einer Pistole vorgesehen hatten, bestieg der Jude ohne irgend einen Gegenstand den Wagen, und manche traten mit einer gewissen Scheu vor ihm zurück. Salomon lächelte still in sich hinein, und der Wagen fuhr ab. Es war eine warme Sommernacht. Der volle Mond warf silbernes Licht über die stille Erde. Tiefblau hoben sich Berge und Wälder vom Sternenhimmel ab. Kein Ton drang an das Ohr der Reisenden als das Rollen der Wagenräder auf der harten Landstraße. Ein kleines Dorf wurde passiert. Die Häuser mit den geschloffenen Fensterläden sahen aus, als ob auch sie schla en würden. Nur aus den Stallen drang ab und zu das Blöken eines Rindes. Bald bewegte sich der Omnibus wieder auf freier Straße. Die Spannung der Mitreisenden wuchs, je mehr man sich der berüchtigten Stelle näherte. Jetzt kam eine Straßenbiegung und — drüben im Wiesengrunde erhob sich auch schon das Gespenst! Der junge Bursche wurde kreidebleich. Salomon aber bat ruhig den Posthalter, die Pferde anzuhalten. Fast widerwillig gehorchte der. Jener stieg aus und ließ sich die Pferdedecke reichen. Drüben war auch das Gespenst stehen geblieben. Der Händler machte Miene auf es zu zu gehen. „Warten Sie doch", flüsterte ihm M. sein Begleiter zu. „Wir wollen erst einmal nach ihm schießen." Zwei Schüsse krachten, und lang rollte der Donner nach im nahen Bergwald. Das Gespenst stand wie vorher. Da winkte Salomon den anderen, die Waffen zu senken. Mit festen Schritten näherte er sich dem Gespenst. Zitternd sahen seine Begleiter, wie er zum Schlage ausholte. Unwillkürlich schlossen sie die Augen, — und im nächsten Augenblicke war die Gestalt verschwunden. Ein unförmiger Klotz erhob sich an seiner Stelle. Ruhig kehrte Salomon zurück. Die Anderen wagten kaum eine Frage an ihn zu richten. Lächelnd stieg er ein, und sogleich trieb der Posthalter die Pferde an. In scharfem Trabe ging es durch die unheimliche Gegend. Erst als man am hellen Tage die Rückfahrt antrat, verließ die beiden Helden einigermaßen das Grauen, das sie in dieser Nacht befallen hatte. Der Wagen hielt an der gleichen Stelle, und die drei Reisenden schritten in den Wtesengrund hinein. Schweigend ging Salomon voraus bis zu einem verkrüppelten Wetdenbaum, über den eine alte Pferdedecke gebreitet war. Er zog sie herunter. Da sahen sie denn das Gespenst in nächster Nähe, und zwei Kugeln saßen ihm im Fleische. Nein, im Holz! Sücherbesprechnngen. Akiba Historische Erzählung aus der Zeit der letzten Kämpfe der Juden gegen die römische Weltmacht. Von Dr. M. Lehmann. 2 Auflage. Frankfurt a. M. 1920. I. K a uf fm a n n, Verlag. Preis geb. 2t,30 $)lt. Das klassische Werk des Begründers des „Israelit", das in der reizvollen Form des Romans die reichste Fülle religiöser Belehrung und Anregung bietet, bedarf keiner Empfehlung. Es ist erstaunlich, daß eine zweite Auflage erst jetzt kommt, erfreulich, daß sie endlich da ist. Möchte das Buch allen jüdischen Jungen und Mädchen vom 12. bis 18. Lebensjahr in die Hand gegeben werden.