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Der Israelit · 1921-07-14 · Heft 28 (14.7.1921) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 28 (14.7.1921)
Date
1921-07-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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14. JuN 1921. Der JSraelit. Nr. 38. Sette 3 nicht der Schlechtesten bewegt, soll auch der öffentlichen Diskussion unterworfen werden. Wir selbst möchten nun aber glauben, daß der Weg, den unser gesch. Mitarbeiter vorschlägt, um eine Art innerer Selb stdisziplin jeder jüdischen Einzelgemeinde zu organisieren, allzu künstlich konstruiert ist, als daß er praktische Erfolge zeitigen könnte. -Ein Volk oder eine Neltgionsgesellschaft ist eben keine Standesgemeinschaft. Das Problem ist unseres Erachtens überhaupt nur dann lösbar, wenn' das ganze jüdische Gemeindeleben wieder auf die unverrückbare Grundlage des Sch ulch an Oruch, des Tb o ra ge setz es gestellt, durch Renaissance des Thorastudiums wiederum eine Thora-Atmosphäre geschaffen wird, die die Autorität der Rabbontw, die Wiederaufrichtung und Anerkennung der Bothe-Dinim verbürgt. Ohne den Druck einer öffentlichen Meinung, die selber an festen jüdischen Maßstäben orientiert ist, wird der Egoismus des Einzelnen, der Individualismus ganzer Gesellschaftsgruppen niemals zu überwinden sein. Diese öffentliche Meinung aber kann nur auf dem mühseligen, in Jahrzehnten erst zu durchmessenden Wege einer vollkommenen Umformung unsres Erziehungswesens Hand in Hand mit der geistigen Propaganda der jüdischen Organisationen geschaffen werden. Bis dahin dürften alle künstlichen Ersatzmittel für die geschwundene Thora-Autorität eben nur — Kriegsersatzware sein. Eine Gememdekammer. Bon Rabbiner Dr. M. Grurrwald in Wien. Schwerer Druck lastet auf uns, Millionen Menschen haben zu büßen, was einige wenige Machthaber verschuldet haben. Doch fügen wir uns darein, Quidquid delirant reges, plectuntur Aohivi. Das Land haftet für die Mißgriffe der Negierenden. Noch eine ganz andere Verantwortung wird aber uns Juden als Juden aufgebürdet. Wir tragen sie nicht für einige wenige Unheilstifter, sondern für alle öffentlich Beschuldigten, die mit uns die Bezeichnung „Jude" teilen. Schon hier, ich weiß es, begegne ich auf den verschiedensten Setten entschiedenem Widerspruch. „Geradezu geboten, jede Solidarität mit Verbrechern, nur darum, weil sie Juden sind, öffentlich abzulehnen!" Man sollte einen Verein der anständigen Juden gründen!" Oder wie sonst Entrüstung über vermeintliche oder wirkliche Untaten von jüdischer Hand sich Luft machen auch eine Sonne, die da in uns widerstrahlte und unfern Sinn umleuchtele, es war die np*7j{ die da plötzlich aufgegongen war. Und das kam so: Wir hatten, nachdem jwqp vorbei war, 14 Tage in dem zwar gesunden, aber doch recht nutzlosen Nichtstun der Ferien verlebt, als eines Abends in unserm Hotel ein Bortrag eines jüdischen Journalisten aus Berlin angekündtgi wurde. Von dem Vortrag soll hier nicht die Rede sein. Aber in seinen einleitenden Ausführung n, mit denen er Gelder für eine gute Sache werben wollte, sprach der Redner ein goldnes Wort. Und das will ich bier hinletzen: „Ich verlange von euch garnicht viel. Ihr sollt der Nor, um deren Linderung ich euch bitte, nur einen Tag eures Ferienaufenthaltes schenkenstau 3 Wochen nur 20 Tage, statt 15 Tage nur 2 Wochen - und wenn ihr den so gesparten Betrag in die Schale der Wohltätigkeit werfet, und so wie ihr, jeder Jude tut, dann habt ihr wenig entbehrt und doch viel gewährt". So . oder ähnlich sprach der Mann. Und das Wort stieg vor uns auf wie ein Leuchtfeuer und erhellte die Nacht. Und aus ihrem Dunkel traten hervor tausenderlei Gestalten und Erscheinungen. Wir sahen im Lichtschein dickes Wortes die Armut der palästinensischen min *ja, sahen in ihm die Not und das Elend flüchtender Emigrantenmaflen, sahen in ihm die Gemordeten der Ukraine und das Wehgeschret trostloser W'twen, verlasiener Waisen, sahm tausendfältiges Elend und grenzenlose, ungeteilte Not. Und soviel Gräßliches stieg herauf aus dem Schatten der Nacht, daß von seinem Tukckel das Wort beschattet wurde, das ztelwetsend jener Mann gesprochen hatte. Doch bevor wir ganz mutlos geworden, lasen wir plötzlich ein ganz anderes Wort, das der Genius jüdischer Väterweisheit vor unser Auge schrieb: „Nicht auf dir liegt es, die Arbeit zu vollenden". Glaube nicht der Stimme, die sich ‘ mag. Allein — es hilft nichts. Wir mögen noch so laut, mit noch so berechtigter Empörung jede Gemeinschaft mit solchen Verbrechern an der Ehre des Judentums von uns weisen. Die Welt hält uns an der Kette, an die wir mit ihnen geschmiedet sind, wir mögen wollen oder nicht. Und es gibt solche, die es wollen. Es sind die Frommen, die an dem Grundsatz festhalten: „Ganz Israel bürgt für einander." In einem jüngst erschienenen Buche werden de Leiden der Oftiuden von diesen selbst als Buße für die religiöse Laxheit der Westjuden bezeichnet. So nimmt der religiöse Jude in passiver Gottergebenheit die Verantwortung für seinen Glaubensgenossen als selbstverständliche Pflicht hin. Echtes Judentum bekundet sich aber aktiv darin, daß jeder Jude ethisch und sozial ein Plus zu leisten sucht, in dem Bestreben, hiermit bas sittliche Manko irgend eines unbestimmten, ihm gar nicht bekannten anderen Juden wettzumachen. Daß ihm dies freilich allenfalls vor Gott, aber nicht vor den Menschen gelingt, lehrt die tägliche Erfahrung. Ein jüdischer Verbrecher wiegt alles sittliche Heldentum jüdischer Edelmenschen in Vergangenheit und Gegenwart auf. Welche Tragik! Daß sich trotz dieser erdrückenden Bürde das Judentum behaupten konnte, findet eine Erklärung in der früheren Struktur der jüdischen Gemeinde. Der Gemeindevorftand haftete der staatlichen Behörde gegenüber für jeden Vorgang in der Gemeinde. Dieser schweren Pflicht entsprach aber auch das unentbehrliche Recht der Aufsicht über jeden Juden, der sich an demselben Orte aufhielt. Liest man die alten jüdischen Gemetndesatzungen mit ihren Luxusverboten, ihren strengen Stttei'noten gegen in die Augen stechende Gastereien, auffallenden Frauenputz und dergleichen, ihren Bannandrohungen ujw., so begreift man die Durchführbarkeit der jüdischen Gemeinbürgschaft. Und nun sehe man klar und scharf der Tatsache ins Auge, daß die Verpflichtung zur Solidarität uns Juden, wenn auch nicht mehr vom Staatsgesetz, jo doch gesellschaftlich und politisch genau so, wie einst, aufgezwungen wird, daß wir aber auf der anderen Seite jedes Mittels zur Betätigung dieser Solidarität im Sinne einer Sittenzensur entraten. Das wir hierdurch fortgesetzt einem unerhörten Unrecht preisgegeben werden, dem so viel Schwächlinge sich durch die Taufe zu entziehen suchen, daß für die Schuld von Menschen, deren Gebühren sich unserer Kontrolle entzieht, der Wechsel uns jeden Augenblick in Gestalt eines Pogroms präsentiert werden zwischen dich und das Leid der Gesamtheit mit dem Etnrvurf stellt: „Die Not ist zu groß, du bist so klein". Glaube jener Stimme, die zu bescheidener Mitwirkung bet der Linderung der Not dich anspornt. Und wenn wir so oft gedacht haben: Was kann ich tun? Jetzt wiffen wir die Antwort. E'nen Tag weniger Kurmusik und Meeresstrand, einen Tag weniger Ferientuft und Badetrubet und wir haben schon etwas geleistet. Und wem die Leistung gar zu klein erscheinet, der spende zwei oder drei Jerieniage oder, wenn er es fertig bringt, ahme er das Beispiels meines Freundes nach, der, von den neuen Schreckensnachrichten aus der Ukraine so ergriffen, den ganzen für die Ferienwelle bestimmten Betrag zur Linderung der Not hingibt und zuhause bietbr. Vielleicht fühlt er sich mit diesem:wn im Herzen zu Hause wohler als andere im Bade. Doch solche Bereitschaft wollen wir nicht von Jedem verlangen. Doch den einen Tag verlangen wir von jedem Einzelnen. Du, lieber Bruder, du, teure Schwester, die ihr jetzt in die Bäder eilet, ich gönne euch die Ruhe und die Ausspannung, doch vergeffet nicht, zu geben, "iewd von Geld zu geben, ist nicht schwer. Das vom Vergnügen, von der Erholung, das verlangt schon einen besseren Menschen. „Der Zehnte sei heilig dem Ewigen". Jeden zehnten Tag eurer Ferien kürzet von eurem Aufenthalt und gebet das Ersparte für die große Not. Das war der schönste Tag der Sommerfrische, die uns diese Lehre gab. Möge sie jedes Herz, das sich jetzt nach Erholung sehnt, offen, jeden Sinn der jetzt Erfrischung sucht, bereit finden, dann preisen gemeinsam das durch gute Tat gehobene Herz, der in den Ferien gestärkte Körper den lebendigen Gott: 'n bpi in» 'iw2i 'ib. kann, diese Feststellung sollte, meineich, genügen, um uns zum Bewußtsein zu bringen, daß hier ein ernstes Problem vorliegt, dem näher zu treten unsere Selbsterhaltung unabweisbar fordert. Doch so klar die Erkenntnis, daß hier etwas geschehen muß, so schwer beantworten läßt sich die Frage: „Was ist zu tun?" Die einen werden sagen: „Gar nichts! Das Ganze ist eine Utopie. Die Zeit läßt sich nicht zurückschrauben. Wir fühlen uns glücklich, die Theokratie der alten Gemeinde los zu sein. Eine neue Sittenzensur würde nur jämmerlichem Denunziantentum Vorschub leisten, wir müffen an dem demokratischen Grundsatz festhalten, daß jeder nur für sich haftet." Andere werden nach beliebter Methode die Rabbiner und Re^tgtonslehrer verantwortlich machen, einen intensiveren Gemeindebetrieb fordern, oder aber man wird alle Schuld auf bestimmte Gruppen innerhalb der Judenheit laden,, damit den Hader in unseren Reihen verschärfen' und den äußeren Feinden neue Waffen, liefern Bei alledem bleibt aber doch jedem von uns das Unbehagen, mit dem wir des Morgens zur Zeitung greifen. Vielleicht bringt sie wieder in der Gerichtssaalchronik Namen mit semitischem Anklar g! Und welchen Zwischenfällen setzt uns jede E senbahnfahrt aus! Immer und immer wieder in die Bresche treten zu müffen, in das Bollwerk unserer jüdischen Ehre, gebrochen von gewissenlosen Schurken, die wir selbst doch aus tiefstem Herzensgründe verachten! Oder weiß man nicht, welchen Eindruck geschickte Ausbeutung solcher Ehr- und Schamlosigkeit an regierenden und über unser Geschick entscheidenden Stellen von jeher ausgeübt Hai? Sind wir Juden denn nicht wirklich vogelfrei, nur darum, .weil wir Juden sind und es ebenso, wie christliche und andere, eben auch jüdische Verbrecher gibt? Dieser Zustand ist unhaltbar. In ihm liegt eln Keim zur Sprengung des Judentums. Einer solchen Gefahr nicht begegnen, hieße sich selbst aufgeben Der springende Punkt ist, wir bilden eine Gemeinschaft. Welchen Charakters, das zu entscheiden wird jede Partei für sich das Recht in Anspruch nehmen. Jedenfalls sind wir, was alle zugeftehen müssen, eine Gemeinschaft, die eine gemeinsame Ehre zu schützen hat. Mehr als irgend eine andere religiöse oder nationale Gemeinschaft. Am nächsten liegt der Vergleich der jüdischen Ehre mit einer Standesehre. Hieraus ergiebt sich eine Lösbarkeit unseres Problems. So wie es in verschiedenen Ständen eine Kammer g'ebt, die über die Ehre dieses Vom heutigen Vagdad. Bagdad hat heute noch eine jüdische Bevölkerung von über 50 000 Köpfen. Der größte Teil der Juden ist in einem e'genen Viertel an einem Stadtende vereinigt. Doch merkt man in letzterer Zeit, besonders seit Einzug der Engländer, das Bestreben unter den Juden, aus der Enge des Ghetto herauszukommen und in anderen Stadtteilen Wohnung zu nehmen. Die schlechten sanitären Verhältnisse im übervölkerten Judenviertel mögen wohl das meiste dazu beitragen. Die ^,uden gehören hier den verschiedensten Schichten und Btldungsklaffen an. Man sieht viele Chachamtm, die den Tag in der Jeschiwah zubringen und in der lalmudischen Literatur sehr bewandert sind, aber auch viel moderne Jugend, die ganz nach der westlichen Kultur orientiert ist und auf modernen Schulen ihre Ausbildung genoffen haben. Daß es unter einer solchen Massenbevölkerung auch ungebildetes Volk gibt, braucht nicht erst gesagt zu werden. Ihren Berufen nach teilen sich die Juden Bagdads in Kaufleute, Handwerker und Arbeiter. Unter den ersteren gibt es sehr reiche Leute, die ausgedehnte Geschäfte machen und auch mit Europa in Handelsbeziehungen stehen. Die Handwerker, zumeist Schuhmacher oder Gold- und Siiberschmtede, ernähren sich redlich und bequem. Nur die Alten kleiden sich noch nach alter Sitte jtaiarartiger eng um den Leib gegürteter Rock, zu dem zuweilen noch ein langer, loser Mantel kommt). Der größte Teil der Juden kleidet sich europäisch bis auf die Kopfbedeckung, die aus einem roten Fez besteht. Die Frauen sind tief verschleiert. Die Mädchen aber sind europäisch, zuweilen sogar nach der neuesten * Mode gekleidet. Verheiratete Frauen sieht man nie

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