Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1921)
- Date
- 1921-07-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 3 Nr. 28 tausenden unserer Brüder und Schwestern buchstäblich die schauerliche Androhung: „Und unter diesen Völkern wirst du keine Ruhe finden, und deiner Fußsohle wird keine Ruhestätte werten. Gott gibt dir d rt ein Herz voll Zittern und Betrübnis der Sele. Deln Leben schwebt vor deinen Augen in Gefahr. Du wirst nachts und tags in Angst sein und keinen Glauben an dein Leben haben. Am Morgen sprichst du: o, wäre es Abend! und am Abend sprichst du: o, wäre es Morgen! ob der Angst deines Herzens und ob all dessen, was du mit eignen Augen ansehen mußt." Diese fürchterliche Drohung, die wir alljährlich in der.lN31Il zu hören uns schon gewöhnt haben, die wir längst erfüllt wähnten durch die Leidensgeschichte unseres Volkes, sie ist in unseren Tagen, in lebendiger Gegenwart Ereignis geworden. Sie ward uns zur Schilderung für das, was nicht tage- und wochenlang, nein, was jahrelang das Geschick der mit uns lebenden Brüder wurde Doch nicht nur klagen wollen wir über das Unglück, nicht nur uns selbst anklagen ob der Stumpfheit und Ruhe, mit der wir die Blutnachrichten aus der ukrainischen Hölle ausnehmen. Grund genug hätten wir wahrlich. Aber mit Klagen und Selbstanklagen ist unseren Brüdern wenig geholfen. nrem mol -iviv nn«i mxs vinna ^3 „Meine Kinder sind in Not, und du stehst lang da im Gebete." NvV VI fTO V* „Es gibt Zeilen zum langen Gebet und Zeiten zum kurzen Gebete". So belehrte einst Gott unseren Lehrer Mosche, als er am Schilfmeer im Gebete versunken da stand. Und jetzt ist Zeit zum kurzen Gebet. Es ist Zeit zum Handeln. Kein Mensch und keine Organisation ist imstande, das Unglück wieder gut zu machen, aber lindern kann jeder und muß jeder. Und wenn wir nicht Hunderttausenden helfen können, so seien es Zehntausende, seien es Tausende. Die Größe des Unheils darf kein Grund sein zur Untätigkeit. Der Kriegswaisensonds der Agudas Jisroel fordert alle Juden auf zur Hilfe für die ukrainischen Waisen. Nehmen wir den Ruf auf! Dreifach denken wir uns den Weg der H lfe: wer selbst keine Kinder mehr zu erziehen hat, übernehme ein Kind zur Erziehung, falls er hierzu imstande ist. Wir sagen ausdrücklich: „übernehme es zur Erziehung". Wir wollen zur ernsten Pflichtübernahme auffordern, nicht aber zur Sentimentalitäten, deren Folgen man nicht überschauen kann. Zur Erziehung eines Kindes darf man sich nach ernster Ueberlegung schnell entschließen. Ein Kind adoptieren soll man erst, wenn man es genau kennt. Den zweiten Weg sollen die Verwaltungen der bestehenden Waisenhäuser beschreit-n : öffnet die Anstalten ukrainischen Waisen! 3m Dienste der Gesamtheit. Züm Wochenabschnitt. „Nimm den Stab und versammle die Gemeinde, du und dein Bruder Aharon, und Ihr sprechet zu dem Felsen vor ihren Augen und er gibt sein Wasser, dann wirst du ihnen Wasser aus dem Felsen herausbringen und wirft die Gemeinde und ihre Tiere tränken". Um den Wechsel in der Anrede von der Mehrzahl zur Einzahl in diesem Verse zu erklären, bemerkt der berühmte Ksaw Sofer etwa folgendes: Bekannt ist das Wort der Weisen, wonach während der Wüstenwanderung unseren Vätern der Wunderbrunnen im Verdienste Mirjam8, die schützenden Wolken im Verdienste Aharons und das nährende Manna um Mosches willen zuteil wurde. Um dem Volke die Heilesmirkung der unsterblichen Verdienste seiner großen Führer zu recht deutlichem Bewußtsein zu bringen, versiegle der Brunnen, wie am Beginn Der Israelit. Wo es nötig ist, ändert die beschränkenden Statuten! Der dritte Weg ist für jeden: gebt reichlich und schnell, ein jeder nach seinen Verhältnissen und über sie hinaus. Auch der Arme ist verpflichtet, Zedoko zu geben. Gebet einmalige und regelmäßige Spenden dem Kriegswatsenfonds. Sind die Mittel da, dann ist zu überlegen, ob der Fonds die Kinder in seinen bestehenden polnischen oder österreichischen Anstalten unterbringen soll, ob er dort, oder in Deutschland oder in der Slowakei oder in Erez Jisroel neue Anstalten gründen oder anderweitig bestehende vergrößern soll. Die Lo'ung der Stunde ist: Helfet! Jeder Tag kann Menschenleben bedeuten! Wochenmndschau. Sin mannhaftes Wort. Angesichts mancher bitteren Erfahrung, die man leider gerade in der letzten Zeit mit dem Verhalten auch solcher christlicher Kreise machen mußte, die früher schon aus religiösem Sympathiegefühl heraus sich ein gewisses Wohlwollen gegenüber Juden und Judentum bewahrt hatten, berührt eine Zuschrift von katholischer Sette in Stefan Großmanns Wochenschrift „Das Tagebuch" besonders wohltuend. Siebzehn katholische Geistliche, die leider ihre Namen nicht veröffentlicht wünschm, haben dem Blatte eine Erklärung übersandt, die ein schönes Denkmal wahrhafter Menschenliebe und echten Gerechtigkeitsgefühles darstellt. Es heißt in dieser Zuschrift ii. a. wie fotot: „Wir siebzehn katholischen Geistlichen haben diese nachfolgende Erklärung versaßt und mit unserem Namen unterschrieben: wir übersenden ne Ihnen mit der Bitte um Abdruck in Ihrer Zeitschrift, 'die wir mit lebhafter Teilnahme lesen und deren Haltung und Inhalt uns die Gewißheit geben, unsere Bitte nichr vergeblich zu stellen. Es wird ja der Lag nicht mehr fern sein, an dem die Kirche einen, d em S i n n e na ch m i t unserer E rkl ä r u n g g l e i ch lautenden Brief erlassen wird, und bis dahin werden wir es geduldig ertragen, daß man unsere geistliche Verfasserschaft au diesen Zeilen hämisch nnzweifle, diese für eine Judenmache oder wie sonst das Wvrt in diesem Jargon heißt, ausgebe. Was wir zu erklären haben, ist aber dieses: Es ist eine. Folge der deutschen Niederlage — die ein Volk getroffen hat, in nichts darauf vorbereitet, sie christlich zu tragen - daß ein solches immer noch wahnbefangenes, zu keiner reuevollen Einsicht bereites Volk, von Haß erfüllt, den Schuldige!! au seinem Sturze sucht, nicht an die eigene Brust in Demut tlovfend, sondern auf eines anderen Brust mir der Jaust schlagend. Menschen, deren ganzes Sinnen aut Bereicherung durch alle Mittet stand, wollen nun, da sie Uebetstes damit angerichtet haben, nicht nur nicht Verantwortung für ihre Lasterhaftigkeit tragen, jon- 14. Juli 1921. dern sie stellen sich so, als ob sie es nie gewesen wären , sondern — die Inden. Es ist nun weder unseres Amtes, noch Zweck dieser Erklärung, die Negierungen auf das Reden und Tun dieser Leute ausmerksam zu machen, die uns hier nur in einem nuzigen, aber dem wichtigsten Punkte angehen, nämlich, daß sie sich ans unerfindlichen Gründen Christen '.kennen, denn sie sind wohl vielerlei, aber Christen sind diese Leute mit nichten, welche, ganz in ihren trüben Lastern verharrend, den Inden als den bezeichnen, der allein n-id zum Schaden der Nichtjnden diese Laster besitze. Nicht an die Nichtjnden wenden wir uns mit unseren Worten, sondern nur an die Christgläubigen. und au deren Führer, unsere Brüder im Amte der Seelsorge wenden wir uns fordernd, daß sie jenen argen Leuten in nichts Folge leisten, die den Sturm ans den jüdischen Kassenschrank predigen, um eine danach gierige Menge von eigenen abzulenken. Wie denn kann eö ein katholischer Gläubiger und .gar ein katholischer Priester mit seinem Glauben oereinen, zu verlangen, daß ein Volk vernichtet werde, dem die heilige Kirche durch fast zwei Jahrtausende ihren Schutz angedeiheu ließ und zu deren Gunsten unsere allerschmerzlichste Liturgie zu Gott am Karfreitag betet? Ans welchem Stamme sind die Patriarchen, di - Propheten, die Apostel, die Evangelisten, die ersten Märtyrer, ohne daß wir zu sprechen wagten von der Heiligen Iiingfran und unserem Erlöser selbst, welcher der Löwe von Inda war und ein unaussprechlicher Jude in seiner irdischen Gestalt? Um unseres Glaubens und seiner heiligen Person willen ist es glaubens- und gottlos für Christen, die Vernichtung eines Volkes zu predigen oder solches stillschweigend zu billigen, vor dem wir als einem der leidenvollften aller Völker eher unser Knie beugen müßten und unsere Lippen reinige», bevor wir seinen Namen aussprechen, wie einer der Dichter dieses Volkes, ein armer, jüdischer Schneidergeselle, gesagt hat. -statt dessen sehen wir ein angeblich gesittetes, ja, sich christlich nennendes., oder auch gläubiges Volk wie Indianer das Kriegsbeil schwinge!!, um die Inden zu skalpieren, weil sie, sie allein, sonst kein Christ, kein Deutscher, kein Patriot, kein Stinnes und kein Krupp, ans Gelderwerb versessen seien mit allen Sinnen, während diese Christen, Deutsche, Patrioten, Stinnes und Krupps franziskanische Armut suchen, den Nächsten lieben, das Gewand der Buße tragen und sich in Demut vor Gott beugen welch ein Schauspiel, diese 60 Millionen Tonische, Patrioten und Christen und nichts als armselige Knechte Gottes, von einer 'halben Million Inden, nichts als reichen Juden, in Sklavenketten gehalten und zum Satansdienst des Geldes gegen ihren Willen gezwungen!" Möchte sich die am Eingang dieses Schreibens ausgesp ochene Hoffnung auf ein offizielles Eingreifen der Kirche im Interesse der Menscdlichkeit und des religiösen Bewußtseins recht bald erfüllen; nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch in Polen könnte ein Wort der Kurie unendlich viel Segen wirken. Solidarität und Selbstkontrolle. Wir bringen an anderer Stelle eine Anregung des Wiener Gemeinderabbiners Dr. Grunwald, die einem in jüdischen Kreisen heute weit verbreiteten Empfinden entsprechen dürfte. Das ist der Grund, der uns veranlaßt, sie der Oeffentiichkeit nicht vorzuemhalten. Denn was die Herzen unserer Sidrah berichtet wird, in dem Augenblicke, als Mirjam das Zeitliche segnete; die schützenden Wolken schwanden mit dem Tode Aharons, sodaß unmittelbar darauf der Kanaaniter-König Arad es wagen konnte, Israel mit Krieg zu überziehen. Zwischen diesen beiden Ereignissen spielte sich der Boraang ab, von dem der in der Ueberschrift genannte Vers berichtet. Wenn nun Brunnen und Wolken, nachdem sie vorübergehend geschwunden waren, bald darnach dennoch wiederkehrten und das Volk bis zu seinem Ziele geleiteten, so war es unleugbar das Verdienst des allein noch übrig gebliebenen Führers Moscheh, das die gleichen Wunder wirkte, wie es früher dem Dreigestirn der Geschwister vergönnt war. Warum aber, so fragt Ksaw Sofer, genügte dann nicht von vornherein Mosches sittliche Größe, um ohne die Mitwirkung von Bruder und Schwester dem wandernden Volke die dreifache Wunderführung der göttlichen Herrlichkeit zu sichern? Und die Antwort lautet wie ein süßer Trost für alle diejenigen, die sich in reiner Absicht um Gottes willen ganz dem Dienste an ihrem Volke hingeben. Solange Aron und Mirjam lebten, waren die Bürden uns Unbilden, die des jüdischen Bolksführers harren, auf drei Schultern verteilt — und das Matz des sittlichen Verdienstes steht nun einmal im graden Verhältnis zum Umfangs der Bürde und des Wehes, das die Gesamtheitsarbeit bedeutet. Als nach Mirjams Tode, nachdem die ersten Trauertage vorüber waren, ihr Anteil au der Volksführung auf Mosche und Ahron überging, mehrte sich deren Verdienst so sehr, daß beide die Träger der göttlichen Wunderwalrung waren und beide gemeinsam durch ihr Wort an den Felsen — den Mirjamsbrunnen wieder hervorzaubern sollten. Das göttliche Wort sagt aber in dem angeführten Verse schon die Zeit voraus, in der auch Aharon heimgegangen sein, alle Gesamtheitsbürde auf Mosche allein ruhen und er allein darum dann fähig sein werde, Wasser aus dem Felsen hervorzubringen: jrten D 2'v dd2? njcnm. : Der schönste Tag in der Sommerfrische. In schnellem Fluge sind die Wochen vergangen, die wir in der Sommerfrische verbrachten. Wir halten Rundschau über die Reihe der Tage und Wochen, die wir losgelöst von der Gebundenheit des täglichen Lebens mit seinen Sorgen und Kümmernissen, verlebten und kommen zu dem Ergebnis, daß der Begriff „Sommerfrische" unsere diesjährige Ferienzeit recht treffend charakterisiert, der Jahreszeit nach war Sommer und die Temperatur war reichlich frisch und die liebe Sonne hielt es mtt dem weisen König, der uns lehrt: „Tu' selten deinen Fuß in das Haus deines Nächsten" und mache deinen Besuch ihm dadurch wertvoll. Sie zeigte sich uns nur . selten und dadurch war's oft recht kalr. Doch eines Abends erinnere ich mich, von ihm will ich erzählen, da stiahlre die Sonne nicht mehr — diesmal brauchte sie sich nicht zu entschuldigen, denn nach einem mehr als 18 stündigen Arbeitstag hatte sie Anrecht auf Ruhe — und doch wurde uns allen warm und wohlig zumute, als heute die Sonne ihre glühendsten Strahlen direkt auf unser Herz gerichtet. Und es war