Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1921)
- Date
- 1921-06-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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23 Juni 1921_ jeirefetent, der in dem katholischen Bayern ein derartiges, die Volksleidenschaften wild auspeitschendes Plakat mit seinem Zensurstempel versieht, ft inen, Amte überhaupt gewachsen ist. Tie praktischen Konsequenzen dieser unglaublichen Hetze ließen denn auch keine zweimal 24 Stunden aus sich warcken: Nachdem diese, .in ihrem relrgiös-dogmatischen Teile auch, gegen das Wesen und die Geschichte des Christentums gerichteten unflätigen Anwürfe nur vier Tage lang, bis zum Dienstag der vorigen Woche an allen Straßenecken der bayerischen Landeshauptstadt plakatiert waren, wurde am Tonnerstag abend in der Heilig-Geist-Kirchs in München die übliche Herz-Jesn-Andacht dadurch in bedauerlicher Weise gestört, daß, als der Geistliche über die Wunder Jesus' auf Erden sprach, die Predigt durch einen höhnischen Zwischenruf unterbrochen wurde: „Wie kann denn Jesus uns helfen, nachdem er selbst ein Jude war!" Ter Störer des Gottesdienstes, ein Kellner, wurde mit Gewalt aus der Kirche entfernt und zur Polizei gebracht, die ihn jedenfalls für geistesgestört erklären wird, obwohl es sich bei diesem bedauerlichen Zwischenfall doch nur um die automatische und psychologisch durchaus verständliche Auswirkung des erwähnten Hetzplakates handelt. Man kann nicht gleichzeitig, wie dies der bayrische Ministerpräsident zu Beginn der gegenwärtigen Landtagsperiode in seinem Regiernngsprogramm verkündete, „die Sammlung aller aufbauenden Kräfte und den Schutz und die Verteidigung aller positiven Weltanschauungen" der Bevölkerung verheißen und gleichzeitig durch die Polizeidirektion München eine wüste Plakatagitation sanktionieren, die ans die wildeste konfessionelle Verhetzung hinausläuft. Und man kann weiterhin nicht jedwede linksradikale Volksversammlung durch einen Trupp von Polizeimann- 1 chaften überwachen, den Satz jedweder dort gehaltenen Rede daraufhin prüjen, ob er zu keinem Einschreiten wegen „flaatsgefährlicher Umtriebe" Anlaß gibt und gleichzeitig verschränkten Armes passiv zuschauen, wenn in Heller Vollmondnacht die israelitischen Gotteshänser von oben bis unten besudelt, oder wenn durch deutschvölkische Radauhelden wissenschaftliche Versammlungen gesprengt und mehrheitssozialistische Abgeordnete auf dem friedlichen Nachhauseweg überfallen und mißhandelt werden. Und man kann endlich nicht bayerische Ordnungszelle im Reiche prästicren und in seinen offiziellen 'Kundgebungen von Reichstreue und Reichs einheitsbekenntnis in pathetischen Worten überfließen, wenn unter den Auspizien der Preisezensur der Münchener Polizeidirektion die Mitglieder der gegenwärtigen Reichsregicrung als eine jüdische Ansbeuterdynastie Abraham-Josef-Walter Rathenau und eine Rotte von Zuchthäuslern und Verbrechern und die Reichstagsmehrheit als „eine Bande parlamentarischer Zuhälter des Butteuhauseiier Judenstämmlings" in dem führenden Blatte der dentsch-völkischen Bewegung dreimal wöchentlich stigmatisiert werden. Derartige Widersprüche und Unstimmigkeiten müssen zu gewaltsamen Entladungen und Erschütterungen der Volkspshche und zur systematischen Untergrabung jedweder Staatsantorität führen. Schreiber dieses hat einstens in gefahrvollster Stunde, am Palmsonntag 3919, als in München die Räterepublik ausgernfeii wurde, den Herren Mühsam, Wadter, Neurath und Toller tu einem offenen Briese prophezeit, onh der von ihnen eingeschlagene Weg unfehlbar'in ein Meer von Blut und Tränen münden müsse. Die Entwicklung hat ihm leider recht gegeben. Er nimmt daher keinen Anstand, heute den leitenden Männern der bayerischen Regierung mit gleicher Offenheit »orauszusag-en, daß der jetzt von einem anderen Extrem auls eingeschlagene, unter der stillschweigenden Billigung der Münchener Polizeidirektion beschrittene deutsch - völkische Irrweg uns in ein neues Chaos voir Zerstörung und Verwüstung unfehlbar führen muß. Aber nicht nur innerpolitische Erwägungen sind es, die uns veranlassen, uns mit diesem Notschrei in die bayerische und außerbayerische Öffentlichkeit zu flüchten. Münchens Bedeutung als eine der größten Jrcmdenstädte Mittelenropas bringt es nun einmal mit sich, daß diese blutrünstigen Plakate der deutschvölkischen Partei nicht nur von der heimischen Bevölkerung, sondern von tausenden und abertausenden auswärtiger und ausländischer Besucher Tag sür Tag gelesen werden. Glaubt Herr von Pöhner, der Polizeipräsident, wirklich, mit derartigen Anschlägen dem guten Rufe van Bayerns Hauptstadt zu dienen, und vermeint die bayerische Staatsregierung weiterhin, der Zerrüttung unserer bayerischen und Reichsfinanzen zic steuern und die Kreditwürdigkeit Deutschlands im Auslande zu heben, wenn die tausende von Schweizern, Holländern, Skandinaviern, Engländern ilnd Amerikanern, die in den Sommermonaten auf der Durchreise in München weilen, derartige von Lieblosigkeit und Haß gegen die ejgenen Volksgenossen geschwängerten, zu Progromen förmlich aufreizenden Plakate an Münchens Anschlagsäulen lesen? Es mag ja sein, daß die Bannerträger der deutsch-völkischen Partei sehr geliugschätzig über die Bedeutung dieses Fremdenverkehrs für Bayerns Wirtschaftsleben denken -- aber der bayerische Minister rat sollte sich aoch die Frage vorlegen, ob die Tinge so weiter laufen können und ob ecun das geistige Niveau von Bayerns Hauptstadt dem Gelächter der gesitteten Kulturwelt darrernd preisgegeben werben kann. Wir wissen bei- I spielsweise, daß vor wenigen Tagen eine auf der 1 _Der JSraelit,_ i Durchreise weilende hochangesehene Schweizerin, die während der letzten Jahre viele hunderte unterernährte deutsche Kinder auf ihre Kosten verpflegte und kleidete, persönlich im bayerischen Ministerium des Innern vorsprach, um ihr Entsetzen über die in den erwähnten antisemitischen Plakaten der Teutschvölkischen enthaltenen gehässigen Angriffe zum Ausdruck zu bringen und daraus hinzuweisen, daß nach ihren Erfahrungen der größte Teil der in der Schweiz in den letzten zwei Jahren untergebrachten deutschen Kinder ihre Kräftigung und Genesung ausschließlich dem jüdisch-amerikanischen Hilfswcrk dort zu verdanken haben. Juznuscheu har der politische Morö in München wohl auch manchen bisher Gleichgültigen aus seiner Ruhe aufgeschreckr. Die von Haß und Lüge geschaffene Atmosphäre muß schließlich zu gewaltsamen Entladungen führen. Nuswsngerung. Merlin, 3. Juni. Das „Zentralbüro für jüdische Auswanderungsangelegenheiten", des Hilfsvereins der deutschen Juden, schreibt uns: Laut den neuen kanadischen Einwanderungs- Vorschriften müssen alle Passagiere, welche nach Kanada reisen, direkt von ihrem Heimatland in einer ununterbrochenen Reise nach Kanada fahren und deshalb müssen sie auch die Schiffskarte nach Kanada bereits in ihrem Herkunftslande lösen. Ausnahmen werden nur in besonderen Fällen gemacht. In solchen muß eine Landungsgenehmigung von Col. I. Obeh Smith Superintendent of Emigration for Canada, 1 Regent Street, London, erlangt werden. In Rücksicht auf die vorgenannten Umstände sind die deutschen Schiffahrtsgesellschaften angewiesen, an Emigranten aus dem Osten Schiffskarten nach Kanada nicht mehr zu verkaufen. Koten. 'Mosen, 15. Jnnt. Der ,,Verein Israelitischer Lehrer der Ostprovtnzen" (Posen—Preußen) welcher eine lange Reihe von Jahren bestand, mußte den politischen Zeitverhältnissen Rechnung tragend, sich auflösen. Zu ihm zählten fast alle jüdischen Lehrer beider Provinzen, die an öffentlichen Volksschulen angestellt waren. Durch die Auflösung dieser Schulen sind die Lehrer stellenlos geworden. Die jüdischen Kinder sind unter vielen Schwierigkeiten den Schuisozieräten anderer Konfessionen zugeteiit worden, genießen also keinen Religionsunterricht. Was soll mit dieser Jugend werden? Der größte Teil der jüdischen stellenlosen Lehrer ist nach Berlin übergesiedelt. Es sind beinahe dreißig Lehrer. Nur einer, Herr Lehrer Brzezinski, hat bisher Anstellung an einer städtischen Gemeindeschule gefunden. Es wäre wünschenswert, wenn die so lange zusammengehörigen jüdischen Lehrer sich wieder vereinigen würden. England. Churchill üb erPaläfiina-JTIanöaf und Zionismus. — Paiäflma im Oöerhaufe. London, 15. Juni. Der Staatssekretär für die Kolonien hat gestern endlich die so lange angekündigten und solange aufgeschobemn Erklärungen über die englischen Mandate im mittleren Osten im Unterhause abgegeben. Nach einem allgemeinen Ueberbiick über die Lage und Etnzelangaben über die bisher Erwachsenen Kosten der militärischen Expedition erklärte er folgendes: Hinsichtlich Palästinas wurde 1917 das wichtige Versprechen gegeben, daß Groß-Britanien, wenn es erfolgreich im Kriege sein würde, sich dafür ein setzen werde, dort ein jüdisch-natonales Heim zu errichten. Wir können uns dieser Unternehmungen nicht leichten Herzens emschlagen und die Bevölkerungen der Anarchie und der Verwirrung als Beute überlassen oder die Juden in Palästina von den Arabern mißhandeln lassen. Ein solches Verhalten würde nicht in Uebereinstimmung stehen mit der Anschauung, die das britische Parlament bisher immer von seiner Pflicht gehabt hat. Es ist nutzlos, Zeit und Kraft in diesem Stadium auf die Debatte zu verwenden, ob wir mit Eingehung dieser Verpflichtungen klug oder unklug ge- No. 35 Sette 5 > handelt haben Wir si d gebunden, eine aufrichtige, ehrliche, geduldige und entschlossene Anstrengung zu machen, um unseren Verpflichtungen nachzukommen. Und ob dieses Verhalten populär oder unpopulär sei, es ist jedenfalls das einzige, das irgend eine britische Regierung oder ein brt.tscheS Parlament schließlich eiuschlagen kann. , Die Verpflichtung ist keine unbegrenzte. Es konnte ein Punkt erreicht werden, wo wir zu erklären haben würden, daß wir gescheitert seien, daß wir nicht berechtigt seien, von den britischen Steuerzahlern weitere Opfer zn verlangen, daß die Lage unserer Finanzen oder unserer militärischen Hilfsquellen derart seren, daß wir nicht mehr milmachen können. Das würde ein sehr demütigendes und trauriges Bekenntnis sein. Und nach sehr sorgfältiger Erwägung des ganzen Gegenstandes glaube ich nicht, daß es im gegenwärtigen Augenblick wahrhaftig sein würde, zu sagen, daß wir gescheitert seien oder daß unsere Hilfsquellen nicht ermöglichten, unsere Verpflichtungen zu erfüllen. (Beifall) Im Gegenteil, es ist unsere Pflicht auszuharren, und ich hoffe, daß wir ein ehrenhaftes, maßvolles und schließlich erfolgreiches Endergebnis erzielen werden. Nach eingehender Behandlung des mesopotamischen Problems wandte sich Churchill Palästina zu und sagte: „Was Palästina betrifft, so ist das Problem hier gegenwärtig akuter als m Mesopotamien. Auf der anderen Seile ist es viel kleiner in militärischer Htnsicht. Mesopotamien ist ein großes, unzugängliches Land, während Palästina an allen Punkten leicht vom 3)1 ere zugänglich ist. Es ist ein Land, das ein Automobil in einem Tage oder noch schneller von einem Ende zum andern durchfahren kann Obgleich nach meinen Informationen in Palästina gegenwärtig g ößere Gefahr besteht, als in Mesopotamien, könnte man mit Unruhen, wenn sie ausbrächen, dort doch leichter fertig werden. Die Ursache der Unruhe in Palästina — die einzige Ursache, — ist die zionistische Bewegung und unsere Versprechungen und Verpflichtungen. Aber im Hinblick auf diese Versprechungen könnte zweifellos die aus britische Kosten in Palästina unterhaltene Beiatzung wesentlich vermindert werden. Unsere Kampftruppe dort ist auf 5000 vermindert worden. Ich kann nicht hoffen, daß diese Streitkraft in unmittelbarer Zukunft weiter vermindert werden kann. Ls ist im Gegenteil möglich, daß wir einige leichte Verstärkungen brauchen. Die Ausgabe in Palästina für die militärische Besatzung war 2V# Millionen Pfund. Es wäre jedoch nicht richtig zu sagen, daß diese. Ausgabe erspart worden wäre, wenn wir nicht nach Palästina gekommen wären, weil die Hauptmasse dieser Truppen reguläre Einheiten der britischen Armee darstellt, die wahrscheinlich sonst anderswo stationiert worden wären. Sehen wir nun, wie wir gegenüber den Juden und den Arabern in Palästina stehen. Ich habe dem Hause bereits die Balfour-Deklaratton erwähnt. Die Schwierigkeit mit diesem Versprechen eines nationalen Heimes in Palästina liegt darin, daß sie im Widerspruch steht mit unserer regulären Politik, die WünfchederBevölkerung in etnemMandargebiete zu Rate zu ziehen und ihnen sobald sie dazu geeignet sind, Vertretungskörper zu geben. Einen derartigen Vertretnngskörper würden sie nungewißdazubenutzen, um ein Veto gegen jede jüdische Einwanderung auszusprechen. Dennoch glaube ich, daß mir mit Geduld, kühlem Kopf und etwas Glück imstande sein werden, unseren Weg htndurchzu finden. Das britische Reich ist von Optimisten aufgebaut worden und mehr durch positive Behauptungen, als dmch Negationen. Es gibt in Palästina 500 000 Mohamedaner, 65,000 Christen und 65,000 Juden. Es sind in diesem Jahre unter dem zionistischen Projekt, ungefähr 7,000 Juden nach Palästina gebracht worden. Diese Einwanderung und die Propaganda haben die arabische Bevölkerung gußerordeutlich beunruhigt und erregt. Diese Erregung ist vervorgerufen nicht so sehr durch die Ziffern, als durch die fortgesetzten und eindringlichen Erklärungen derZiontstischen Organisation in der ganzen Welt von ihrer Hoffnung und ihrem Ziele, aus Palästina ein vorwiegend jüdisches Land zu machen, bevölkert von Juden aus allen Teilen der Welt, auch durch die Furcht, daß diese Juden aus Mitteleuropa und insbesondere aus Rußland kommen werden. Die Araber glauben, daß sie in einigen Jahren von Maffen lausender Einwanderer hinweggeschwemmt, ihrer Ländereien und der dürftigen Nahrung ihres Landes beraubt werden und eorl. die Kontrolle über ihre Institutionen und über ihr Schicksal verlieren werden. Tatsächlich sind die se Befürchtungenvollkommen illusorisch. Die Zionisten, um die Begeiferung und die Unterstützung, deren sie bedürfen, zu erwecken, sind gezwungen, ihre Sache, ihre Ueberzeugungen und Hoffnungen mit starkem Nachdruck darzulegen und diese Erklärungen sind es, die die Araber beunruhigen. Wir haben dort Sir Herbert Samuel, einen geschickten, praktischen, erfahrenen, liberalen Politiker — Eigenschaten, von denen man in einem so ausgebreiteten Weltreiche wie das unsrige einen großen Vorrat besitzen muß. Er ist auch einsehr eifriger Zionist, und ich folge seinen Aktionen mit sehr großem Vertrauen, indem ich ihnen alle mögliche Unterstützung in seiner schwierigen Aufgabe gewähre. Er hat letzhin eine weitere Erklärung abgegeben, worin er erläuterte, was unter