Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1921)
- Date
- 1921-06-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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die Erez Jisroel mit der „Kultur" der modernen Großstadt beglücken wollen. Aber hier spricht nicht sittliche Entrüstung, sondern blinder Haß, der durch maßlose Uebertreibungen einem großangelegten Verleumdungswesen dient, das nun leider allerhöchste Sanktion von Rom erhalten hat. Die paar irregeleiteten Jünglinge in Palästina, denen eine nach Zehntausenden zählende, in frommer, stiller Gottergebenheit oder frischer Hoffnung und fleißiger Arbeit dahinlebende jüdische Bevölkerung gegenübersteht, vermögen das christliche Europa so wenig zu beunrnhigen, wie sie je daran gedacht hatten, die heiligen Stätten anderer Confessionen zu entweihen. Eigene heilige Traditionen werden zuweilen zu unserem großen Schmerze verletzt. Aber daraus darf der Haß, der — der Schlußsatz des zitterten Artikels zeigt es deutlich — ganz nach dem Mittelalter orientiert ist, kein Kapital für sich schlagen, wenn auch andererseits diese Erscheinungen den 2'2HNL)1 L'vmv aus , unserer Mitte die Augen darüber öffnen sollten, welch schweren Schaden sie uns auch nach außen hin zufügen. Jeschiwoh und Schule. Man schreibt uns aus Leipzig: * In der heutigen Zeit des Materialismus berührt es den Leser angenehm, wenn er die Fortschritte einer jüdischen Schule verfolgt. Die Leistungen einer solchen werden in einem Artikel in einer der letzten Nummern des „Israelit" gewürdigt. Die Gründung der Jüdischen Schule in Leipzig war eine hochzuschätzende Tat und die Generation, welche die Schule absolviert, hat zu beweisen, ob die Schule in ihrer heutigen Fassung das gehalten hat, was Rabbiner S. R. Hirsch bei der Gründung seiner Schule vorgeschwebt hat. In der Agudoh-Bewegung wird mit Recht als einer der Leitsätze ausgestellt, zur Tboralehre zurückzukehren. Was verursachte den Rückgang des Thorastudiums in Deutschland? Es war das Aufhören der Jeschiwaus und damit des gründlichen Thorastudiums. Eine Schule, welche in ihrem Lehrplan das Thvralernen als Nebenfach behandeln muß, kann unsere Jugend nicht zum Besuch einer Jeschiwoh vorbereiten. Das Material der Schüler setzt sich so zusammen, daß ein großer Teil kein Interesse am ernsten Studium der Thora hat. Wäre es sonst möglich, daß in einer jüdischen Schule ein großer Teil der Schüler nicht einmal Tefillin legt? Was der Verfasser des besagten Artikels über die vom Osten kommende Geringschätzung des p« pn ap mm-Prinzips sagt, hätte er noch begründen müssen. Besteht denn der pW pH allein darin, daß sich der Schüler profanes Wissen aneignet? Hat denn der Osten den pK pH in seinen Jeschiwaus vernachlässigt? Ais Grundsatz gilt pw “p*7 BP min und nicht umgekehrt. Es muß von einer Schule unbedingt verlangt, werden, daß das Studium der Thora eine Hauptrolle spielt. Läßt sich dies nicht durchführen, so muß den Kindern, welche sich dem Thorastudium widmen wollen, Gelegenheit gegeben werden, ihre Thorakenntnisse außerhalb des Rahmens der Schule so zu vervollkommnen, daß sie beim Verlassen der Schule die Jeschiwoh besuchen können. In Leipzig besteht seit zwei Jahren eine vorzüglich geleitete Jeschiwoh, weiche es sich zur Aufgabe gestellt har, innerhalb und außerhalb von Leipzig Thorageist zu verbreiten. Ist es nicht mindestens so wichtig, eine solche Anstalt zu unterstützen? Es ist zu spät, wenn die Jugend beim Verlaßen der Schule sich erst die notwendigsten Vorkenntnisse aneignet. Diesen Fehler müssen wir tn Deutschland gutzumachen suchen. Hierfür hat die der Jeschiwoh anqegliederte vorbereitende Unterstufe zu sorgen Tie Frage, die der Verfaffer aufwlrft, ob es Fort- oder Rückschritt bedeutet, wenn die jüdische Schule denen überlassen welche pW pH ÖP .min vereinigt. Eltern und Schullettung zusammen müssen bestrebt sein, den Schulplan so zu gestalten, daß demjenigen Teil der Schüler, welche später das Studium der Thora eifrig betreiben wollen, Gelegenheit gegeben wird, schon während der Schulzeit sich für den Besuch der Jeschiwoh vorzuberetten. Der geringe Besuch der deuschen Jeschtwaus von einheimischen Schülern beweist, daß in den jüdischen Schulen den Kindern nicht genügend Liebe zum Studium der Thora etngeprägt worden ist. Der Verfasser des Artikels bemängelt, daß im Kuratorium der Leipziger Jüdischen Schule keine Gesetzestreuen sitzen. Gewiß ist dies ein Mangel, für welchen nicht allein der Letter der Schule verantwortlich zu machen ist, sondern auch die Eltern der Schüler, welche sich diesen Zustand gefallen lasten. Das Kuratorium einer Schule hat dafür zu sorgen, daß den der jüdischen Schule anvertrauten Kindern Gelegenheit gegeben wird, den Hauptzweck zu erfüllen — Thora zu lernen. Die Jeschiwaus sollen keine Schüler abbalten, eine jüdische Schule zu besuchen, aber eine jüdische Schule muß dahin wirken, daß die Schüler, welche das Streben zum Thorastudium haben, in den Stand gesetzt werden, eine Jeschiwoh besuchen zu können. Wir erblicken eine dankbare Aufgabe der Agudas Jisroel-Organisation darin, hier aufklärende Arbeit zu leisten. — Jwrt. — Corrc$pondcnzcn u. Nachrichten. Deutsches Reich. Die OffjuOenfraae in Deuffdifanö. Werkin, 10. Juni. Am 6. d. Mts. abends 7 Uhr fand im Berliner Logenhaus auf Einberufung des Arbeiter-Fürsorgeamtes eine Beratung der Vorhände und Vertreter aller großen jüdischen Orqaniiationen Deutschlands statt, um die Frage des Ostjudenhilfswerks in Deutschland zu klären. Auch die Agudas Jisroel war auf der Conferenz vertreten. Nach einiger Begrüßung durch Herrn Dr. Siegfried Moses (Zionistische Vereinigung für Deutschland) gab Paul N atha n (H ifsverein der deutschen Juden) in längeren Ausführungen ein Bild der Situation. Dr. Nathan bestätigte auch u. a. die Angaben von den Deportationen ostjüdischer Arbeiter nach Deutschland zu Arbeit in der deutschen Kriegsindustrie. Die Behandlung der Oftjudenfrage in Deutschland durch die republikanische Regierung zeuge von Ernst und gutem Willen. Es wäre auch sehr unklug, den fremden Mächten Gelegenheit zu geben, sich gegen die deutsche Einwanderung einmal unter Berufung auf die Maßnahmen zu wehren, die heute Deutschland etwa gegen die ostjüdischen Arbeiter anwenden würde. Und vom jüdischen Stadpunkt wäre nur eine vernünftige sozialpolitische Behandlung der Frage geeignet, dem Antisemitismus seine Waffen aus der Hand zu winden. Dr. Nathan verurteilte scharf die Stellung der sog. „nationaldeutschen Juden" um Dr. Naumann. Die Amerikaner, die Millionen für das Hilfswerk zur Entlastung der deutschen Judenheit gegeben haben, machen eine weitere Unterstützung von der stärkeren finanziellen Beteiligung auch der deutschen Juden abhängig. Die Sekretäre des Arbeiterfürsorgeamtes, Dr. Senator und Herr Berger berichteten über die guten Erfahrungen, die man mit jüdischen Arbeitern gemacht habe und die Stellung, . . . , --die die deutschen Gewerkschaften den jüdischen bleibt, die kein Interesse am Thorastudium haben, l Arbeitern und der ganzen Frage gegenüber durfte in einer Mischen Schulenichtaktuellwerden, einnehme». Herr Dr. Berthold Haase (Centralverei^ deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens,) brachte nach einem kurzen Referate zugleich im Namen des Arbeiterfürsorgeamtes folgende Resolutionen ein: Die am 0. Juni 1921 versammelten Vorstände und Vertreter der jüdischen Organisationen Deutschlands und der jüdischen Gemeinde Berlin, haben von den Berichten Kenntnis genommen, die ihnen über das Hilfswerk des Arbeiter fürsorgeamtes für die ostjüdischen Flüchtlinge erstattet worden sind. Sie halten den Weiterbestand einer geregelten Flüchtiingsfürsorge in Deutschland und die Weiterführung der vom Arbeiterfürsorgeamt geleisteten Hilfstäligkett für unbedingt erforderlich. Das Interesse der deutschen Judenheit verlangt eine Selbsthilfe der jüdischen Gemeinden und Organisationen zur Bewältigung der durch das Ostjudenproblem in Deutschland entstandenen Aufgaben. Das Arbeiterfürsorgeamt, das von den jüdischen Organisationen Deutschlands geschaffen worden ist, benötigt und verdient zur Durchführung seiner Aufgabe die sin auzielle und moralische Unterstützung der gesamten deutschen Judenheit, zumal die Weitergewährung der zur Ausrechterhaliung des Hilsswerks unerläßlichen amerikanischen Subventionen eine stärkere Beteiligung der deutschen Judenheit unbedingt zur Voraussetzung hat. Die jüdischen Gemeinden Deutschlands, die von jeher die hauptsächlichsten Träger der jüdischen Wohlfahrtspflege gewesen sind, werden sich auch fernerhin — unterstützt von der Mita, beit aller Organisationen — der Fürsorge für die Ostjuden in Deutschland nicht entziehen dürfen. Die Versammlung der Vorstände und Vertreter der großen jüdischen Organisationen richtet an die Berliner jüdische Gemeinde, als die größte Deutschlands, das Ersuchen, die Führung einer Aktion zu übernehmen, deren Ziel es ist, eine Verpflichtung der deutschen jüdischen Gemeinden zu bestimmten Beiträgen für das v»m A-beiterfürsorgeamt geleistete große Werk der Ostjudenhtlfe in Deutschland herbetzufüdren. Die Vorstände und Vertreter der großen jüdischen Organisationen Deutschlands und der Jüdischen Gemeinde Berlin, begrüßen es, daß die Zentralstelle für Wanderarmensürsorge bei ihrer letzten Tagung erneut den Beschluß gefaßt hat, ihre Aufgaben in gemeinschaftlicher, freundschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Arbeitersürsorgeamt zu lösen. Sie erwarten von einer solchen Zusnmmenarbett eine Förderung der von beiden Organisationen geleisteten, sich eng berührenden Fürsorgetätigkeit. Nach kurzen zustimmenden Erklärungen wur die vorstehenden Entschließungen einhellig v sämtlichen Vertretern der Organisationen angenommen. Me konfessionelle verketzung in Mncken. Werkln, 13. Juni. In einem Aufsehen erregenden Artikel im „Berliner Tageblatt" hat Kommerzienrat Siegmund F r a e n k e l - München unmittelbar v o r der Ermordung des Abg. Garets auf die ungeheuren Gefahren der unter Duldung durch die Polizei betriebenen deutsch - völkischen Verhetzung in München hingewiesen. Es heißt tn dem Aufsatz n. a.: Tentschvölkische Ausschreitungen und vrrzeit in Bayern und insbesondere in München an der Tagesordnung. Ter Geist des Unfriedens und der Unduldsamkeit, der wie ein Fluch Teit Jahren auf Trentschlanvs innerpolitischer Entwicklung lastet, feiert seit Monaten in der Hauptstadt Bayerns n'irmiiche Orgien auf dem Gebiete wüstester tonfeisioneller Verhetzung. In den jüngsten Tagen prangten an allen Straßenecken Münchens große, mit dem Hakenkreuz gezierte Plakate, auf denen die Bevölkerung von dein Deutsch-völkischen Schutz- -und Trntzbnnde zu dem > Bortrag eines preußischen Landrats a. T. über „Völkischen Wiederaufbau" eingeladen wurde. In- . soweit in diesen Plakaten die Forderung des Ausschlusses der Inden vom aktiven und passiven Wahlrecht, twn den Universitäten nnd Don der Presse aufgestellt wurde, mögen derartige krause Phantasien in der großen Hitze, die in diesem Sommer besonders früh in Bayern eingesetzt hat, ihre pathologische Begründung finden. Aber mit diesem Plakat hat es noch eine besondere Bewandtnis. Es weist nämlich als Belegstellen für den angeblich gemeingefäbrlichen Chabraucht er nicht zu wissen, daß oie katholischen Kirchenväter von einer der besonders angegriffenen Bibelstellen die Abstammung des Stifters der christlichen Religion ableiten — aber man braucht kein katholischer, kein protestantischer und kein jüdischer Theologe zu sein, um einige Zweifel darüber zu hegen, ob denn ausgerechnet die Bibel das geeignete Streitobjekt nnd die passende Unterlage für die politischen Kämpfe nnd Auseinandersetzungen in hetzeriirfir-iT Nnlksueriummlunaen bildet, und ob ein Doli-