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Der Israelit · 1921-06-16 · Heft 24 (16.6.1921) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 24 (16.6.1921)
Date
1921-06-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Aeuillelon-Vellage m Ar. 24 des „Israelit". Von Lordowa nach Ehasarien. Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) Im ganzen Briefe war mit keinem Worte Hadassas erwähnt und nicht von dem Vorgänge im Garten die Rede. Hadassa war es klar, daß Menachem absichtlich und geflissentlich den unmittelbaren Anlaß seiner Verbannung umging, um dem Nässt zu zeigen, daß er sich über die tieferen Zusammenhänge seines Sturzes nicht htnwegtäuschen ließ. Hadassa traf dieser Brief, so wehmütig er sie stimmte, wie eines Freundes stützende Hand bet emem gefahrvollen Uebergange. Daß ihr Lehrer und Freund litt, ging ihr ans Herz, daß er um ihretwegen litt, — trotz seiner Versicherungen glaubte sie es dennoch — lastete zentnerschwer auf ihrer Seele. Auch Jzchak litt, vielleicht noch ungemein Schwereres, um ihretwegen. Aber kam ihr je der Gedanke, ihn zu bemitleiden? Nein, sie trug stolz mit ihm und nahm innerlich teil an seinem mutigen Ausharren. Aber Menachem nahm Verbannung, Verleumdung und Mißhandlung auf sich, zunächst nur um ihr Geheimnis nicht Preiszugeben, um das seelische Band zwischen ihr und Jzchak nicht frühzeitig von Vaters Hand zerreißen zu lassen. Hatte sie recht daran getan, dieses ungeheure Opfer von Menachem anzunehmen? Hätte sie nicht vor den Vater treten müssen und sagen, sie warte Jzchaks, und Menachem sei an der Sache ganz unschuldig? . . . Menachem wäre dann frei von Schuld und Strafe gewesen, aber Jzchak für ewig verbannt . . . Sie erschrak bei diesem Gedanken und redete sich vor, daß Menachem und sie gemeinsam Jzchak decken mußten und retten für seine große Aufgabe. Je länger sich die Zeit hinzog, umso wehr verzweifelte sie aber an dieser Aufgabe. Wo blieb Jzchaks große Mission? Fand der Wanderbrief den Weg bis Chasar'en, so geschah dies ohne Jzchak, und Menachem litt mehr als er es in seiner feinen Art eingestand. Sollte sie jetzt noch zum Vater gehen, ihm, die ganze Wahrheit sagen und auf eine Wiederberusung Menachems dringen? Aber statt zum Vater, trugen sie die Füße, wie schon oft in letzterer Zeit zum weisen Rabbi Nathan. Rabbi Nathan hatte sich immer wehr den einzelnen Dingen verschlossen, er sah nur noch das Große und Ganze, in und über sich. Als jhnr Hadassa von Menachem sprach und dem unverdienten Haß, der ihm zuteil geworden, sagte er mit z\mx Stimme, die wie aus einer anderen Welt klang: „Was ist Liebe und was ist Haß? Alles, ob wir kleine Menschen es so oder so wollen und fügen, alles strömt in das weite Becken der großen Liebe, die als Sphäre des „Chkffed" die Welt erfüllt und erhält . . ." Rabbi Nathan vermied es peinlich, Namen von Menschen und Dingen zu nennen. Sein Auge hatte sich in letzterer Zeit gänzlich geschlossen, seine Stimme klang farblos und zuweilen gebrochen. Doch wenn seine Schüler sich . besorgt um ihn schaarten, sagte er abwehrevd: „Noch nicht, Kinder, die Vorsehung wird schon ein Zeichen geben, wenn die Stunde geschlagen." XIII. In nächtlicher Stille hatte Rabbi Nathan wenige seiner besten Jünger an sein Bett gebeten. Denn in dieser Nacht erwartete er das Zeichen, das langersehnte, das bis jetzt noch nicht gegeben war. Das Gesicht des kranken Greises hatte längst alle Farbe, alles Leben verloren, hatte dem Fleische ganz entsagt, Nur die blinden Augen suchten und gruben in die Ewigkeit. Zuweilen tat er einen schweren Atemzug, als wollte das Herz stocken, die Jünger sprangen erschrocken auf, und eilten zu dem Kranken. Dieser aber wehrte mit leiser, schwacher Handbewegung ab. Noch war es nicht Zeit, das Zeichen war noch nicht gegeben . . . Die blinden Augen funkelten aber nach innen und der Rabbi sah tief in seine eigene Welt hinein^ jeder lichte Augenblick brachte neue abgehackte Aeußerungen, auf die die Jünger wie auf heilige Offenbarungen lauschten. „Licht strebt zum Lichte, zum großen Lichte der Ewigkeit", sagt; er, „daher das Zittern des Flämmchens. Auch das Flämmchen „Seele" zittert, es will zum Lichte . . . „Als Moses den heiligen Bcrg hinunter kam, da erstrahlte sein Antlitz im heiligen Glanze. Woher dieser heilige Glanz auf Menschengesicht? „Die alten Schriften meinen: Wie Moses die Tafeln aus der Hand Gottes erhielt, umfaßten seine Hände nur ein Drittel der heiligen Steine, das Drittel am anderen Ende ruhte in der Hand Gottes, das mittlere Drittel, der dazwischenliegende leere Raum im Ausmaß von sechs Fäusten, übertrug das Licht von Gott auf Menschen . . . „Wißt Ihr, was die Talmudlehrer mit dieser Erklärung besagen wollen? „Was zwischen Gott und dem Menschen liegt, dieser lrere Zwischenraum, ist verhüllt, aber von einem Fl am menschleier aus Licht umflossen. Erlesenen und Auserkorenen ist es gegeben, schon bei Lebzeiten mit ihrem Geist esauge durch diese Fluten, die zwischen uns und dem Göttlichen trennen, zu dringen. Dann kommt der heilige Strahlenglanz auf des Menschen Antlitz und macht den Begnadeten zu einem Träger des Göttlichen aus Erden. „Ich strebte am Ende meiner Jahre danach, auf dem Wege der Abgekehrtlieit und Forschung, mit Hilfe voic heiligen Schriften, durch diese Fluten zu dringen. Vergebens. Nun merk' ichs, mein Auge öffnet sich, und es ist alles so klar, so hell um wich herum. Ist es draußen Tag, ist es Frühling, ist es heiterer Morgen? . . ." „Es ist Nacht, tiefe, dunkle Nacht, die Welt ist draußen in tiefe Finsternis gehüllt", sagten die Jünger feierlich. „Und ich sage, es ist Tag, es ist Frühling, es ist Morgen. Neues Leben erblüht, neue Sonne erglüht; seht ihr nicht, wie sich die Lichtfluten ergießen? . . Und sichtbarlich sahen die Schüler, wie rote Strahlen über das welke, knochige Gesicht huschten und es hell erleuchteten. „Die Moses-Strahlen", erklang wieder die sterbende Stimme, „kamen, nach einer anderen Erklärung, von der Stunde her, da Moses zu Füßen des Gottesthrones saß und die Lehre aus seinem Munde empfing. Da sprühten Funken hinab auf das Haupt des Führers. Seht ihr nun diese Funken sprühen?" Die Jünger schlossen die Augen und sahen in der Tat die Funken glühen und sprühen . . . „Wißt ihr") sing der Rabbi weiter an, „wie Moses sich in der Höhle barg, an der die Gottesherrlichkeit vorbeizog, da sprach Gott, wie es in der Schrift heißt, „Und ich werde dich Mit: meiner Hand bedecken, bis ich vorübergezogen bin." Die Ha n d G ottes legt sich auf eines Menschen Antlitz und da soll es nicht strahlen?" „Noch eine andere Deutung kommt mir in den Sinn: Ein paar Tropfen von der heiligen Tinte, mit der er seine heilige Thora geschrieben, blieben Moses an den Fingern haften. Mit diesen fuhr er sich über den Kopf. Und die Tinte war es, die den hetlgen Glanz ausströmte. Seht ihr nun den heiligen Glanz-, der hier das ganze Zimmer, von der Decke bis zum Fußboden und bis in die letzte Ecke anfüllt?" Der Atem des blinden Greises stockte, daß die Jünger erschrocken sich über das Bett beugten. Der Rabbi wehrte mit der schneeweißen, knochigen Hand leise ab „Noch nicht! . . Und weiter sprach er leise und gebrochen: „Nehmet diese vier Deutungen hinaus in das Gestrüpp des Lebens und der Lehre, bis zum Ziele, wo sich die heiligen Strahlen Gottes auf das Menschenantlitz übertragen. „Gottes Hand legt sich auf den Menschen. Das ist der erste' Grad, da wir die göttliche Fügung, den göttlichen Willen, das göttliche Ziel, für Jedermann mit bloßem Auge sichtbar und erfaßbar, erkennen. Es ist der „Peschat" im Studium der Lehre wie im Erleben des Tages, der seine eigenen Strahlen hat.- „Ueber diese Ebene unseres Lebens erheben sich aber die Funken, die glühen und sprühen und auf Höheres, Größeres, Erhabeneres Hinweisen. Das Auge möge sich wappnen, um diesen Funken zu folgen, allsoweit, bis sie sich im Horizonte verlieren. Es ist der „Remes" der aus dem Täglichen ins Ewige hindeutet, der „Remes" in Lehr' und Leben, der tloch größere Strahlen ausströmt. —- „Es bleibt ja immer noch etwas in der Feder übrig, nachdem alles niedergeschrteben ist. Man kann unter und über und zwischen den Zeilen viel Schönes und Erhebendes herauslesen, was gerade nicht in Reih und Zeit hineingehört. Klagt ihr über Abschweifungen in der Lehre? Als ob das Leben auf eine glatte gerade Linie zugeschnitten wäre, und sich nicht jeder Tag, jede Stunde ihren eigenen schiefen Weg bahnten, ihren eigenen Plan machten! . . . Es ist alles Fragment und Abschweifung in unserem Leben. Unvorhergesehene Fälle und nicht htneinpassende Stücke, nur durch unser Ich zu einem Ganzen mühsam zusammengeschweißt, machen die Summe unseres Daseins aus. Es ist dies der „Drusch" in Lehr und Leben, der seine Eigenwärme, sein eigenes schillerndes Farbenlicht hat. — — — „Aber das höchste Licht kommt vomZ w i sch enraum, von der Distanz, die zwischen Gott und Moses sich auf den Tafeln ergab. Wer diese Distanz überwunden, wird des größten Lichtes teilhaftig. Es ist der „S od", das Geheimnis, das das Leben wie das Buch umweöt und umschwebt. Trachte nicht, die Hülle zu heben, aber schließe nicht gewaltsam das Auge, wenn sich dir hie und da eine Pforte austut und dir ein Licht nach dem anderen aufgeht. Seht ihr nicht das Licht, das langersehnte, wie es aus meinem Innern heraus wachsend, das ganze Gemach anfüllt?! . . ." Der Rabbi wurde still, nur der Atem ging schwer und langsam. Einer der Jünger, ein besonders Frommer, wagte die leise Frage: „Wann, großer Rabbi, wann wird das Licht uns allen sichtbar sein, wann ist die Nacht zu Ende und die Stunde gekommen, da Israel das Licht der Erlösung erblüht?" Es sah aus, als wollten die toten Augen des Rabbi in die Ferne starren. Es war, als tauchte

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