Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1921)
- Date
- 1921-06-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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16. Juni 1921. Der Israelit. er in das Endlose der Zetten unter. Dann sprach er leise, kaum hörbar: „Von zehn Weltreichen sprechen die alten Schriften, die aber in Wahrheit nur achte sind. Das erste Reich ist das Gottes, wie es am Schöpfungstage in seiner Ganzheit und Vollkommenheit dastand. Und auch das letzte wird Gottes sein. Dazwischen rollen aber die acht Menschenreiche im ewigen Auf und Ab aufeinander. Der Mensch suchte schon zu Zetten Nimrods mit seinem Willen Gott entgegenzutreten und sein Weltreich, das erste menschliche, zu errichten. Ihm folgte ein drittes in der Zeit des Pharao, des Königs von Mtzrajim, das vierte hatte Israel nach dem Auszuge aus Mizrajtm inne, das aber infolge von Sünde und Abkehr nicht das letzte sein konnte. Zu Zeiten Nebukadnezars ging unter ungeheuerlichen Schmerzen und Erschütterungen das Reich Israels tn das fünfte, babylonische Weltreich über. Dieses wurde bald von den Persern und Mediern abgelöst, sie hielten die Welt in ihrer Gewalt bis zur Stunde des großen Mazedoniers Alexanders, der berufen war, das siebente, Hellas' Kulturreich zu errichten. Hellas gab die Palme an Rom weiter.-" „Und dann?" ... Die Jünger horchten atemlos. „Dieses achte Weltreich b esteht noch. Rom, das mit Schwert und Lanze, über Blut und Tränen und Leichenhügel durch die Welt marschiert, ist noch wirksam, ob in Byzanz oder in Nordspanten, ob tn Deutschland oder in Slavonten. Rom ist das Schwert, Rom ist die Gewalt, Rom sind die Esau-Hänoe, die solange in Wirksamkeit bleiben, als bis Israel für würdig befunden wird, das verlorene vierte Weltreich als neuntes aufzurichten, unter dem Banner Maschiachs, der uns zum letzten Gottesretche zurückfuhrr.--" „Wann, wann, o Rabbi?" Der Jünger Stimme zitterte in banger Angst, der Atem des Rabbi würde nicht mehr hinreichen, um auf dieses brennende Wann die Antwort zu geben. „Wann? Wer wüßte es, wer könnte es sagen? Durch all' die Lichtfluren suche ich den Weg nach diesem „Wann". Wann? „Heute schon, wenn ihr auf meine Stimme hört", sagte der Psalmsänger" ... Rabbi Nathan schloß den Mund, aber die Außentore seiner Augen blieben wett geöffnet- Draußen klopfte es leise an das Fenster. Der Sterbende zuckte auf. War das das Zeichen? Ein Leuchten ging wieder über das welke Gesicht, in dem sich die bleichen Lippen unhörbar fortbewegten. Draußen klopfte es noch stärker. Aber keiner dachte daran, vom Bette zu weichen und an die Türe zu gehen. Da bewegte sich des Sterbenden Hand. Sie deutete merklrch nach der Türe. „Oeffnet, er kommt! . . ." Ohne zu fragen, öffneten die Hüter die Türe und, wie aus der tiefen schwarzen Nacht gewachsen, trat eine schlanke, verhüllte Gestalt in das abgedunkelte Gemach. Der Kranke machte eine Bewegung, als wollte er seine letzten Kräfte zusammennehmen, um sich im Bette aufzurtchten. Aber nur die Lippen bewegten sich und die Hand winkte leise. Da trat der Fremde mir langsamem Schritt und scheuen Blicken aus nassen Augen näher an das Beft. Und nun erkannten ihn alle. Jzchak, Sohn Nathans, der langverschollene und halbvergessene, stand am Bette des sterbenden Vaters, schluchzend warf sich Jzchak auf das Bett. „Vater, hast du kein Wort mehr für den hetmgekehrten Sohn?" Ja, es kam noch ein schwaches Wort über die sterbenden Lippen. „Er—r—reicht?!" „Erreicht, teuerer Vater. Unter Mühsalen und Gefahren gelangte ich doch zu den Brüdern und bringe Gruß von ihnen. Morgen spricht ganz Cordova davon". „Gesegnet sei Gott!" flüsterte der Sterbende kaum hörbar und schloß die Augen. Das erwartete Zeichen war gegeben. Rabbi Nathans Gesicht erstrahlte im ewigen Lichte . . . (Fortsetzung folgt.) „Der Sumpf". Von Hermann Seckbach. Di) Sprechstunde des vielbeschäftigten jungen Arztes D-r. Beermann war wieder überfüllt. Zwilchen all den Wartenden, deren leise geführte Unterhaltung sich in der Hauptsache um ihre Leiden und Gebrechen drehte, befand sich eine sympathische, durchaus gesund aussehende Frau, die sichtbar kaum die Zet abwarten konntest bis die Reihe an sie kam. „Na, meine liebe Frau Maherfeld", io begrüßte sie endlich Tr. Beermann, „was führt Sie heute zu mir?" „Lieber Herr Toktor, ich bin furchtbar aufgeregt und weiß mir feinen Rat. Nur Sie können und müssen mir helfen! Denken Sie sich", fuhr sie fort, „diese entsetzliche Geschichte. Drunten in der Kronengasse wohnte, oder besser gesagt, hauste die Familie Perlstein, Mann, Frau nebst sieben Kindern tn — einem Zimmer. Dieses Zimmer schließt direkt an ein Lädchen an, das jndenseindlichen, nnsreundttchm Leuten gehört. Nun wurden heute in aller Früh) die armen Leute buchstäblich vor die Türe gesetzt man warf ihr bißchen Hab und Gut einfach in den Hof — mit der Begründung, daß das Zimmer dem Ladeninhaber gehöre. Als unserem FrauenvMin dies gemeldet wurde, ging ich gleich hin und fand einen trostlosen Zustand vor. In einem schmutzigen, kleinen Höschen sahen die armen Leute, und in der Ecke auf einer Matratze lag fiebernd der vierjährige Jakob, eitt goldiges, blondlockiges Kerlchen. Kurz entschlossen, ließ ich zunächst den Jungen zu einer mir bekannten Frau — einer ehemaligen Pflegerin — bringen. Die Perlsteins befinden sich mit den übrigen Kindern bei einer ostjüdischen Familie. Und nun bitte ich Sie, lieber Herr Doktor, nehmen Sie sich des Kaltes an, ich weiß, Ihr gutes Herz, Ihre unermüdliche Hilfsbereitschaft werden mir einen Weg zeigen, der einznschlagen ist. Ich muß noch bemerken, daß es sich um eine Flüchtlingsfamilie handelt, die hier noch keine Wohnungsberechtigung hat, sodaß amtlicherseits nicht Damit) eingegriffen werden kann." „Was Sie mir da schildern, liebe Frau Maherfeld, ist im höchsten Grade traurig .Also ich werde zunächst den Jungen aussuchen und sehen, wo es da fehlt. Und dann möchte ich von Ihnen folgendes wissen, wer ist der Hauseigentümer?" „Ja, das ist ja gerade das Merkwürdige. Tos Haus ist von altersher in jüdischen Händen. Besitzerin ist eine verwitwete Frau Mendel, die draußen in der Wilhelmstraße wohnt, die aber, wie ich annehme, keine Ahnung davon hat. Die Leitung untersteht einem ehemals im Hause Mendel befindlich gewesenen Angestellten, der, so viel ich gehört habe, in Pension lebt und nebenbei mehrere vorhandene Häuser selbständig verwaltet." „Na, da werde ich mal diese Frau Mendel, die hosstntlich kein Drache sein wird, direkt auffncheu und sehen, was hier zu machen ist." „Ich wußte, lieber Doktor, ich komme nicht vergeblich zu Ihnen; Sie sind und bleiben ein sdler Mann, bei dem ich nur eines bedaure. . . ." „Bedauern, ja, was denn?" „Daß noch keine Frau da ist, die Ihnen Ihr segensreiches Wirken erleichtert". Lachend begleiten: der Arzt die lebhaft plaudernde Frau, deren gutes Herz er oft in seiner Praxis bewunderte, zur Türe. Frau Mendel bewohnte im sogenannten Villenviertel ein kleines, aber schmuck aussehendes Haus. Gerade von einem Ausgang znrückgekehrt, meldet) man ihr Herrn Tr. Beermann. Sie beauftragte das Mädchen, den Herrn im Salon Platz nehmen zu lassen. Ucbcrrascht sah Tr. Becrinana sich hier um. Eine vornehme Pracht war überall sichtbar. Aber alles wirkte gediegen unauffällig, und den jungen Arzt überkam plötzlich der nie gekannte Wunsch, dock auch mal so sorglos leben zu dürfen. Gewiß, er war zufrieden, er hatte eine ausgedehnte Praxis und das Vertrauen seiner Patienten. Aber schwer war der Weg bis jetzt. Aus einfachen Verhältnissen herovrgeaangen, früh verwaist, mußte er einen steinigen Weg zurücklegen. Aber den Blick immer nach oben gerichter, war er der Vorsehung dankbar für das Erreichte. Ein Geräusch an der Türe ließ seinen Gedankengang unetrbrechen. Frau Mendel trat ein. „Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Doktor?" Was für eine sanfte, melodische Stimme begrüßte ihn da, und diese so jugendlich in einfacher Eleganz vor ihm stehende Frau sollte er in Verbindung bringen mit der ihm heute früh gegebenen Schilderung? „Bitte, behalten Sie doch Platz!" „Verzeihen Sie, verehrte Frau, die Störung, aber zu Ihnen führt mich heute eine etwas sonderbare Mission. Ich bin Arzt und habe, was ja natürlich ist, nebenbei viel soziale Pflichten zu übernehmen. Nun wurde mir mir heute iu meiner Sprechstunde ein Fall unterbreitet, der in seiner Art unsagbar dringend ist." — Und nun schilderte Dr. Beermann dis ihm gewordenen Mitteilungen. Nr. 34 Seite 9. Sehr interessiert hörte die junge Frau ihn an. „Ja, das ist arg, da will ich mich gern nach Möglichkeit an einer „Hilfsaktion" beteiligen. . ." „Ja. gnädige Frau, deshalb komme ich nicht zu Ihnen. Das Haus ist nämlich, wenn ich richtig orientiert bin, Ihr Eigentum. Somit können Sie bestimmen, daß die armen Leute wohnen bleiben dürfen!" „Mein Eigentum? Verzeihen Sie, Herr Dr., das wußte ich wirklich nicht im Augenblick. Als mein Mann starb,. übernahm sein ehemaliger Vertrauter — ein langjähriger Mitarbeiter meines Gatten — die Verwaltungsangelegenheiten. Er liefert mir die eingehenden. Gelder ab und, da ich viel verreist bin, überlasse ich ihm ganz die erforderlichen Erledigungen." Uno auf die erstaunten Blicke ihres Gegenübers erwähnte sie, daß feit dem Ableben ihres Mannes sie sich nie um diese Sachen gekümmert hat und es auch jetzt ungern tun möchte. . . . „Dann ist allerdings keine Möglichkeit zum Eingreifen vorhanden." Tr. Beermann erhob sich. „Sie sind mir böse, Herr Tr.?" „Nein, aber darf ich Ihnen, verehrte Frau, einen Ausspruch meines früheren Lehrers erwähnen: „Im Talmud werden unter der Bezeichnung „Gehinom" — womit wir kurzweg die Hütte übersetzen — die verschiedenen Arten hiervon erklärt.U. a. wird Gehinom in Zusammenhang mit einem Smnpf gebracht. Dieser Sumpf, das ist die allgemeine Gleichgültigkeit, die heute leider mehr als je so oft anzntveffen ist. Wenn wir unsere Ansprüche geringer stellen, wenn wir versuchen, unsere Seele in Verbindung zu bringen mit dem, was uns umgibt, und wenn wir unsere Blicke nicht immer hinweglenken würden, dann, ja dann können wir in diesen Sumpf, der uns in dieser Welt schon gefährdet, nicht einsinten!" „Sie sind strenge, Herr Tr., aber Sie haben recht." Leuchtenden Auges sah ihn die junge Frau an. Damit Sie sehen, daß Ihre Worte auf fruchtbaren Boden gefallen sind, gehe ich, — wenn Sie gestatten, mit Ihnen zunächst zu dem armen Jungen, und dann wollen wir weiter sehen. . . ." Und es. begab sich, — als der kleine Jakob schon längst wieder hergestellt war, daß in dem kleinen Zimmer sich Arzt und Helferin inrnrer lvieder trafen, bis eines Tages sich die Herzen zum gemeinsamen Bunde fanden. „Siehst Du, mein Liebling", sagte die glückstrahlende Frau, „Du hast mich über den Sumpf hinweggeführt, nun werde ich Dir iu treuer Pflichterfüllung als wahrhaft jüdische Frau zur Seite stehen." Vermischtes. Hamburg, 5. Llpril. In der Hauptvev-, sammlung des Frauenvereins erstattete Fräulein Sidonie Werner, den Jahresbericht, aus dem her-i vorging, daß die soziale Arbeit sich wesentlich ev> weitert hat durch die Mitwirkung an allgemeinen Wvhlfahrtsschöpfungen, wie durch selbständige Ein-? richtungen, die den Aufgaben des Tages entsprechen. So sorgt lt. a. eine besondere Arbeitsgemeinschaft für Berufsberatung, Lehrstellenvermittlung und für vstjüdische Flüchtlinge, denen zur Abwanderung ver-- holfen werden muß. Dem Kinder-?Erholuugsherm in Segeberg sind ein Gartenbetrieb und eine Haushaltungsschule angeschlossen. Der Hamburger Staat hat ihm eine Summe zur Beschaffung eines Speiseraums ausgeworfen. Der Dank für die staatliche Förderung, wie für die vom Roten Kreuz, von der Amvrika-Hilfe, von Privatpersönlichkelten und der großzügigen Holland-Hilfe (durch Vermittelung von Herrn Glazer) fand einen warmen Ausdruck iu der Versammlung. Wie der Kassenbericht, von Paul Laster erteilt, erkennen ließ, wird der finanziell) und geschäftliche Teil von ihm mit hingebender Sorg-, satt wahrgenommen, sodaß das segensreiche Wehlfahrtswerk vorderhand eine wirtschaftlich gesicherte Grundlage hat. Hamburg, 81. Mai. Im Verein „Mekor Chajirn" fand am 23. Mai die diesjährige Generalver'ammlung im Bereinstokat Grindelhvf 46, statt. Der Vorsitzende, Herr Arthur Joelson, erstattete den ausführlichen Tätigkeitsbericht für die letzten drei Jahre und wurde im Anschluß hieran der Vermattung nach vorgelegter Rechnungsablage Entlastung erteilt. Ein Antrag eines der Verwaltungsmitglteder auf Erhebung eines einmaligen Büchereibetnages zur Instandhaltung der wertvollen Bibliothek und eventuellen Neuanschaffung von Lehrmitteln fand einstimmige Annahme. Nach den vorgenommenen Wahlen besteht die Verwaltung nunmehr auS den Herren; Jskar Emanuel, Markus Emanuel, Bernhard Jacobson. Arthur Joelfon, Gott« fried Möller, Manfred Rosenstock, Leo SchenkolewSkt. Basel, 2. Juni. Das unrer Leitung von Rabbiner Dr. Cohn,Basel,stehende SchweizerischeKomitee für Erez Jisroel hielt am 23. Mat feine Generalversammlung, in der Herr Gabriel Ort lieb über seine Erez Jtsroel-Reise berichlete. Das Komitee hat im Jahre 1920 rund 20 000 Fics. vereinnahmt und 19000 Frcs. an Hospitäler, Aliershäufer und Talmud Thora-Schulen tn Palästina überwiesen. Vertrauens« mann des Komitees ln Jerusalem ist Herr Wolf Schocher. Es wurde beschlossen, den vorhandenen Bestand von 19 000 Frcs. alsbald nach Jerusalem zu überweisen,