Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1921)
- Date
- 1921-06-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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16 Junt L»äl__ Wurzel des Unbewußten reichende Enrpfinden gehabt für ihr Kind? Ihr irrt, denn dem von der Moderne unberührten, dein mit der ursprünglichen Natur verbundenen Mutterherzen ist das Kind noch mehr, weit mehr als jmdj! Und diese Kinder sterben ein grauenhaftes Lsterben, sie verkommen in Schmutz und Elend, sie hungern. Sie hungern! Habt ihr je in die Augen eines Kindes gesehen, das hungert? Nein, denn ihr, denen, das Herz krampfhaft zusammenzuckt, wenn ihr das Schreien enres Säuglings hört, dem nur kurze Zeit die Nahrung entzogen, ihr könntet nicht stille bleiben, angesichts des hunderttausendfältigen Jammers. Sollen es denn iiumei leere Worte sein, die wir an unserm großen Trauertag sprechen, sollen wir detln auch, da uns die göttliche Vorsehung lebendige Zeugen werden ließ des in den Klageliedern Geschilderten, hart, kalt und fühllos bleibeir bei den Worten: „In Trärren schwinden ineine Augen dahin, mein Inneres glüht, der furchtbarste Schmerz packt mich bei dem Unglück meines Volkes, ivenn Kinder und Säuglinge verschmachten in den Straßen der Stadt." Und denkt nur, was aus den überlebenden Kindern wird, wenn sie dein Tode entrinnen. Wie sie heranwachsen, unbehütet von der Sitte eines jüdischen Familienlebens, preiseegebeu allen zerstörenden und verheerenden Einflüssen zur Zuchtrute des Judentums. Tie Seelen alle, die am Sinai gestanden, auch sie dazu bestimmt, jüdische Seelen zu werden. Ihr, die Ihr Gottes Kehre uub Gesetz im Munde führt unb sie euren Kindern artpreist, wollt ihr nicht dessen gedenken, den ihr bim Vater der Waisen nennt und der auch euch, euch zu ihrem Vormund bestellt hat? Tenn das ist mein Vorschlag. Ihr sollt die euch von Gott gestellte Vormundschaft nicht ablehnen. Ihr sollt eines dieser Kinder in euer Hans nehmen. Groß ist das Opfer, das euch zugenmtet lvird. Ihr sollt eure Kinder kürzett, materiell, um das, was an Kostet: euch erwächst aus der Uw lerhallnngspfticht des neuen Kindes, ideell, indem, ihr die geistigen Kräfte, die ihr ans das Erziehungswerk verwendet, teilt mtb so auf das einzelne eurer eignen Kinder ein Welliger kommt. Kann ferner nicht die. Eigenart des anderen Kindes störend inib zersetzend auf die Ent in ick lung der eigenen Kinder mirfeit? So ist es doch j nicht, daß jeder sich das gesündeste, das schönste, j das begabteste, das Kmd ans der besten Familie. j aussuche. Gerade d i e Kinder, die an körperlichen und seelischen Mängeln leiden, sind doch im höchsten Grade der Fürsorge innerhalb der Familie bedürftig und würdig. Hub in so st rn es sich nicht;uu schwere. Mangel handelt, die nur! in Anstalten und Erziehungsiustituteu gehobelt! rverden können, ist die Ailfgabe an diesen Kindern doch die dankbarste. Kann ich, oars ich ( aber dieser schweren Aufgabe mich unterziehen, j die noch Gefahren für lneine eigenen Kinder in 1 sich birgt? Und werde ich denn meinen Pflichten gegeu- . über dem fremden Kinde je nachkolnmcn »öntien? Das eigene Kilid karul ich züchtigen, wie ich tvill unb wann ich will. Ich barst ohne die schwersten Gewissensbme mir machen zu müssen, es a'uch einmal zu Unrecht strafen, darf meine schlechte Laune an ihm aublaffcu. Es weiß immer: es ist mein Fleisch und Blut, ich kalin ihm aus die Dauer niemals wehe tun. Doch das fremde?! Riesenhoch recken sich da die Worte der Thora, der Propheten und unsrer Weisen auf von der Schuld, die inall sich auflädt, ivelm mall eine Waise nur mit einem Wort, mit einem Blick gekränkt. WelUl sie sageil '"13# 12V Wn 72 lüXvb IHK ."131p, wer einen hebräischen Kllecht kauft, kaust sich damit einen Herrn, weil er sich garnicht genug Lun kann, die Pflichten, die gegen einen hebräischen Knecht geboten sind, zu erfüllen, wieviel mehr erst bei einer Waise, deren jede Der Israel». No. 24 Sette 8 Träne von Gott gewogen wird auf der Wage des Gerichts, wenn gegen den geurteilt wird, der sie erpreßt hat. Und dennoch! Und dennoch ergeht an cucü die Forderung: Nehmt eine Waise in euer Hans! Denn seht! all das, was ich obe.il in eureirr Namen angeführt, das sind ja Ausflüchte des deres liebt, sich in eilt frommes Gewand zu hüllen, der aus allen Winkeln die Wappen herholt, mit denen er seinen Mantel von Liebe uub Gerechtigkeit zusamlnenflickt, unt in diesen Mantel gehüllt, euch als Vorkämpfer zu erscheinen für das, was er als eure wahre Pflicht ausgibt. Wenn ihr nicht wollt, so. nur deshalb, weil ihr das Geld liebt, iveil ihr die Mühe und Arbeit scheut, weil es cmch beaitemer dünkt, für Gm: zu schwärmen, als für Gott, mit Gott mtb wie Gott zu handeln, iveil ihr selbst angesichts des Gewaltigsten, das sich begeben, des Furchtbarsten, das wir erlebt, all euer Einzelinteresse denkt. Es gibt freilich viele Verhältnisse, in oenen die Erfüllung dieses Wunsches unmöglich ist. Dann »lögen sich eine Reihe, von Familien vereilligen, um ein Kind bei Leuten unterznbringen, die auf einen Nebenverdienst angewiesen sind, mögen einen ans ihrer Reihe bestellen, der über das körperliche Gedeihen und die geistigen nuo die sittlich-religiösen Fortschritte wacht. Es wird schon für jeden Einzelfnll sich eine Lösung sinden lassen. Unsere Organisationen sollen die Verhandlungen mit den Regierungen führen, daß für eine getvisse Zeit bis zur Erwerbssähigkeit der Ans genommenen der Aufenthalt gestattet wird. Und welcher Reichtum an neuen thoratrenen Elementen würde nus zmvachsen! Trott aller Bestrebungen beu Zusammenschluß der Thoratrenen im Osten zu fördern, kann es dem, der mit mse nem Auge die Tinge sieht, luie sie wirklich sind, [ nicht verborgen bleiben, daß lvir im bestell Falle j die Alten gewinnen, daß die. Jugend aber nnrett- I bar dem religiösen Radikalismus verfällt. Es wäre seltsam, ivenn es in dieser Zeit des Ueber-- j gangs, die au umstürzend wirkenden Kräften mtb; wilden Gährungen ihres Gleichen sucht, anders j wäre. Hier ist die Gelegenheit, Menschen zit bill beu nach unserem Bilde, die uns gleich feien, | Seelen zu schaffen, ja noch mehr: 3eefeu zu! retten. Soll es denn immer eilt leeres Wort i _x ■ vV-Si r \ fj» WX. bleiben, V"V ibvz bsiwz: rnx ets: c"P'-h cHli? □,!P HKr rinrn, daß auch nur eine Seele erhaltell, soviel bedeutet wie die ganze Welt erhalten. Und eins vergesset nicht: Wir haben in einer Zeit, da das Verderben umgeht, unser aller Lebert verwirkt: So gebet beim D3s?33^ 123, ein Lösegeld für eure Seele. Denket der eigenen ' Kinder, nrenn vor euch anssteigt das Bild der fremden. Tcnket an die Worte der großen Strafrede, die in der Sesirozeit, kurz vor dem Feste der Sinaiofsenbarnng sich iährt. Denket des Sinai selbst, ans dem drohendes Gewölk lagert, es grollen die Donner, und eine Stimme von oben : Weh der erschaffenen Welt ob der Schmach der Thora. Ob der Schmach, daß auch die Thora geworden ein Buch, dessen Worte, man liest, dessen Gebote man lehrt und dort, wo es beguem ist, befolgt, aber eben nur ein Buch. 'Nicht das Feuer, das Felsen spaltet, das a11cf) in das verstockte Gemüt beu Blitz jcfylcubcvt und es zur Einkehr und Umkehr anfrnft. Wollt ihr?! Ihr werdet wollen. Und dessen seid sicher. Die Freuden, die ihr schöpft, sind Freuden, die nie versiegen. Wenn ihr je die Freude gekannt, die das Bewußtsein erfüllter Pflicht dem Menschen bietet, seid sichere hier habt ihr ein Feld, dessen Früchte ihr in dieser Welt genießt und von dem der Starnmwert euch unverkürzt bleibt in der jenseitigeil. Deutsches Dom „Sunö gefefcesfreuerjüöildieröemeinflen.'' Isrankfurl a. W., 8. Juni. Wie uns aus dem Bundesbüro mitgeteilt wird, sind daselbst von April bis Juni d. I. 101 Unterstützungsanträge leistungsschwacher Gemeinden eingelaufen. Davon sind fünf abgelehnt, neun noch in Prüfung, während 87 Gemeinden Zuschuß erhalten. Zur Auszahlung sind im laufenden Jahre bisher 62100 Mark angewiesen. Das Jnfernierungsiager in Sfargarfl- Berlin- 14. Juni. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen teilt uns mit: Wie wir aus dem Ministerium des Innern hören, wird die Untersuchung wegen der Vorfälle im Intern iertenlager Stargard mit dem wünschenswerten und erforderlichen Nachdruck geführt. Ein abschließender Bericht liegt zur Zeit noch nicht vor, ist aber in den nächsten Tagen zu erwarten. Es werden auch alle Maßnahmen getroffen, die auf Grund des Berichtes des Arbeiterfürsorgeamtes festgestellten Schäden abzustellen und die Schuldigen der Bestrafung zuzuführen. — Es muß nunmehr zum mindesten die Aufhebung der Internierung für diejenigen Internierten, die wegen vorausgehender Arbeitslosigkeit interniert oder ausgewiesen worden sind, gefordert werden. Ehen jüöifchen Rechtes in Deuffch(an9. München, 8. Juni. Das Bahr. Oberste Landesgericht har jüngst;' einen Beschluß erlassen, der wegen seiner praktischen Bedeutung in weitesten juristischen Kreisen Annetten erregt bat uub vom Justizministerium durch Veröffentlichung im Staatsanzeiger zur Kenntnis der Standesämter gebracht ivnrde. Ta er in erster Reiße für die Scheidung der! Ehe von ebemaligen Angehörigen des russischen .1 Reiches von größter Bedeutung ist, dürfte sich Rgri lerne Vctbreining durch die jüdischen Blätter emvsehlen. Tatbestand und Entscheidniigsgründe sind kurzgefaßt folgende: Tie Beschwerdeführerin S. P. und ihr Ehemann P. sind mosaischer Religion und litauische (jnil)ii russische' Staatsangehörige. Ihre Ehe ivnrde a»t 3U .7. 1!) von dem Rabbinat M. nach jüd. Rims durch Erteilung des Scheidebriefs geschieden. Tie - Beschwerdeführerin beabsichtigt nun, sich mit dem polnischen Staatsangehörigen Sch. T. tu M. zu verechlichen und ha! deshalb bei dem Standesamt M. den Antrag gestellt, das Aufgebot zu erlassen. Das' Standesamt hat dies mit Hinblick auf § 1309 B. G. B. mit 'Art. 30 E. G. B. B. abge^ lehnt, da die deutschen Gesetze nur eilte geeicht-; liehe Scheidung der Ehe kennen und deshalb die Scheidung durch das Rabbmar M. nicht als für die Erlassung des Aufgebots zu einer neuen Ehe genügend anerkannt rverden föititc. Das gemäß i? 11 Abs. 3 P. St. G. angeruscne Amtsgericht und das für die von. mir eingelegte Beschwerde zuständige Landgericht richte darf ich hier als dem Nichtjnristen zu schwer verständlich tveglassen. Wesentlich, sind hier nur die folgenden vom Ob. L.-G. festgelegten Rechtssätze: Tie Frage, ob eine in Deutschland durch Ausübung einer geistlichen Gerichtsbarkeit vorgencmmene Ehescheidung als bürgerlich rechts-