Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1921)
- Date
- 1921-06-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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16. Jurlt'1821. Nr. 24. Seite 3 Wochemundschau. Die ukrainische Hilssattion Unsere Leser finden in der heutigen Nummer den bereits angekündigten Ausruf des „ K rieg sw a i s e n f o n t> s der A g u d a s I s r o e i" nt Halberstadt zur Bereitstellmtg umfassender Geldmittel für die ukrainische Waisenhilfe. Die Verwaltung des Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel hat durch ihre bisherigen Erfolge in praktischer Arbeit gezeigt, daß. sie es versteht, die oott ihr begonnenen Unternehmungen mit Tatkraft und Umsicht durchzuführen, und sie darf daher gewiß das Vertrauen der gesetzestreuen jüdischen Oeffentlichkeit auch angesichts der 'neuen Rieseuausgabe beanspruchen, deren teilweise Lösung ihr nun obliegt. Während der Aufruf selbst sich lediglich auf die Beschaffung der erforderlichen großen Geldsummen bezieht — die bisher infolge unserer Artikel bei der Agudas Jisroel in F r a n k f u r t eingegangenen Gelder werden nach Halberstadt überwiesen werden —, wird der Kriegswaisenfond der U n t e r b r i n g u n g v o it W a i f e n in Familien und der Gewinnung voit Patenschaften für W.a i s e n k i n d e r keilte geringere Aufmerksamkeit widmen. Es soll in dieser Hinsicht jedoch nicht auf dem Wege öffentlicher Aufrufe, sondern durch Rundschreibelt an Rabbinen, Lehrer und Gemeinden vorgegangen iverden. Wir sind sicher, daß die ans Herz greifenden Ausführungen Dr. I. W o h l g c m tt t h s , die unsere Leser an anderer Stelle finden, ihre tiefe Wirkung nicht Verfehlelt und für viele Hunderte der elternlosen unglücklichen Geschöpfe warntes Gli'tck und neues Leben im Schooße wahrhaft jüdischer Familien schaffen werden. Wer irgend welche nützliche Anregungen hinsichtlich der Rettung der ukrainischen Waisen geben zu können glaubt, oder wer seine Tatkraft, seine Zeit, feilte Mittel in den Dienst der heiligen Sache zu stellen wünscht, wende sich vertrauensvoll an den Kricgswaisenfond der Agudas Jisroel in Halberstadt, Spiegelstraße 52. Me Rede Herbert Samuel«. Bei der Beurteilung der Rede, die .Herbert Samuel aut letzten Freitag in Jerusalem gehalten hat, und die lvir angesichts ihrer Bedeutung an der Spitze unserer Nummer int Wortlaute lviedergeben, muß man unseres Erachtens zwei Momente streng unterscheiden.' die rein menschliche, gefühlmäßige Würdigung ihrer Motive nttd Wirkungen nrtd die Kolitis ch e Betrachtungsweise. Faßt man die Stimmung ins Auge, iit der sich die jüdische Bevölkerung Erez Jisrocls Der Israelit. begreiflicherweise zttr Zeit befindet und die, jmnt darf das ruhig anssprechen, von allen gut jüdisch empfindenden Kreisen der jüdischen Ewfamthdit geteilt tvird, so ist es geradezu rätselhaft, tote Sir Herbert Samuel glauben tonnte, das liebevolle, ja enthusiastische Vertrauen, das utait thm entgegettbrittgt, einer so unerträglich starken Belastungsprobe aussetzett ztt dürfen. Arabische Mordgesellen und Räuber sind in friedliche jüdische Wohnungen eingcdrungeu, habett unschuldige Rtenschen, die inr Vertrauen auf die von etner englischen Verwaltung geschaffene Rechtssicherheit ins Land gekommen waren, tot geschlagen, unzählige vertvuudet, ihres Hab uuö Gutes beraubt und wochenlang die ganze jüdische Siedlung in Schrecken gehalten — und die erste öffentliche Kundgebung des für diese trautigert Ereignisse doch in erster Reihe verantwortlichen politischen Beamten beginnt it i ch t damit, t> c: arabt schen Bevölkerung das Bild ihrer Untaten it n b d i e F o 1 g c n iv eite r e r gewaltsa nt e r A ufich n u n g e n g c g cu d t e staatliche llK ach t vor A tt g e n zu führen, beginnt nicht einmal mit einem Worte der Beruhigung und der Aufmuntecuitg für die an Leib und Leben geschädigte jüdische Bevölkerung, sondertt mit Entschttldiguttgeu, Beteuerungen uttd Versprechungen au Die A drcsse der e r, die tttitten im Frieden Mord und Totschlag als politisches Ausdrucksmittcl auzuwenden für gut befunden haben! Man steht hier, mag mau die Dittge drehert tvie man tvill, vor einem psychologischen Rätsel. Wir weigern uns vorläufig, es, wie anderweitig geschehen, mit einer angeblich bei früherer Gelegenheit bereits bestätigten S ch w ä ch e Herbert Samuels zu lösen, dem matt vorwirst, daß er auch in seinem früheren Amte im Honte Office die jüdischen Interessen, benachteiligt habe, um nidjt in ben Verdacht der Parteilichkeit zu Gunsten seiner Stammesgenossen zu geraten. Wie dem auch sei, jedenfalls ist eS zu begreifen, weitu sich ob der tnoralischen Mißhandlung, die diese Rede für die von beut Pogrom heimgesuchten palästinensischen Juden bedeutet, tiefste Depresfiott auf das jüdische Palästina lagert. :Zu einem anderen Ergebnis kommen wir jedoch, wenn lvir vott Ton und Form der Rebe absehen und uns lediglich auf die politische Würdigung ihres Inhaltes beschränken. Es mag für denjenigen, der die Balsourerklä rung aus einer gewissen politischen Phantastik heraus als Anerkennung des „jüdischen Rechtes auf Palästinas" bewertet hat, eine vernichtende Enttäuschung sein, wenn der Begriff der nationalen Heimstätte nunmehr in offiziellster Form aus seine wahre Bedeutung zutüstgeführt tvird. Aber tvenn man sich vor Augen hält, daß die arabische Welt ja gerade durch diese p h a u t a st i f ch e A u s d c tt t u tt g den Balsourerklärtmg in Attfruhr versetzt und damit r e ch t eigentlich die fn r ch t b a r e L e b e u s g e f a h r f ü r jede irr l a n g f a m e in W a ch s t u ut e tt t st e h e tt d e jüdische S i e d - l tt tt g a u f d ent B v d e tt E r e z Jisroel s h e tauf b e s ch tv o r e n >v o r d e tt ist, sv muß man die Samuelfchc Rede als eilte ztvar gransaut bitter e, aber vielleicht immerhin heilsame Arzuei in mäunlicher Eutschlosseuheit hinnehtneu. Einer Täuschuttg tvollett lvir ntts dabei nicht hiugeben. Nach ben Erklürungett Herbert Sautuels denkt England nicht daran, den Juoen in Palästina durch Bevorzugung ihrer Einwanderuttg zu einer Mehrheit zu verhelfen, sodaß allmählich neben dem wirtschaftlichen auch der maßgebende politische Einfluß den jüdischen Bewohnern zu fallen sollte, sondern es wird in uttztveidetttiger Betvußtheit „Zahl und Interessen der g e g e n w ä r t i g e tt p a l ä st i tt e tt s i s ch e tt B e - v ö i f c r tt tt g " als Rlaßstab für eine begrenzte jüdische Eituvanderung zur Grundlage genotuute/t. Wenit dattn weiter die Bildung einer Palästiuensischett Regierung in Berbinduttg gebracht tvird mit detu Wunsche, der Willeusmeinung der Bevölkerung zu eittew autoritativen Ausdruck zu verhelfen, fo scheint die Teitdenz dahitt ztt gehen, daß diese künftige Regierung die arabische Vorherrschaft stabilisieren soll. Was in Palästina aus diese Art herauskäme, wären demnach in p o l i t i s ch e r Hinsicht jüdische Mittderheitsrechte unter arabisch-jüdischer Verwaltung und englischer Oberleitmtg. Dennoch berechtigt u. E. nichts dazu, die englische Regierung, tvie es „Jcwistz Chrontcle" lut, einfach der betvußtert Täuschung ztt beschulden. Die Balfourerklärrtng war vott vornherein in äußerst behutsamen Wenduugeri abgcfaßt uttd in ben Spalten des „Jewish Chrotticle" selbst!var bei Erscheinen des Mandates mit schärfster Logik nachgewieseu, daß auch das Mandat jeder klaren Teulnitg der Phraseologie der Balfoucrklärung ängstlich ans dem Wege gehe und alle Möglichkeiten für die Einschränkung der jüdischen Einwanderung ztt Gunsten einer arabischen Dauermehrheit bewußt offen läßt. Getäuscht haben also nur diejenigen, die aus Balfour uttd Satt Remo ein Jnstrutnent zur Berauschuug der jüdischen Volksseele gemacht und zur Verherrlichung der eigenen politischst Superklttgheit ihr unbedachtes „ P a l ä st i n a ivird jüdisch" mit Trompctengeschmetter in die christliche und arabische Welt hinausposannt haben. Alten, bezieht sich auf die Priester, die der Herr segnet —, als die Vollstrecker seines Willens, als die Wegweiser zu ihm, als das wahre Gewissen der Menge, als die ewigen Mahner an Recht und Wahrheit, an Lauterkeit und Menschenliebe. Der Prtestersegen, der da in den Momenten besonderer Erhebung und Weihe erklingt, ist das Vorrecht der Ahroniden, er ist aber eine Anweisung an alle, insbesondere an alle vom Priestervolke, das Leben als eine Pflanzstätte des Reinen und Heiligen, des Ewigen und Göttlichen zu werten. Er bedeutet nicht nur eine Verheißung, ein Vermächtnis, sondern auch eine eindringliche Mahnung und Verpflichtung. Der Priestersegen wird zu einem unerschöpflichen Segensquell einem jeden, der aus ihm Belehrung und Erbauung. Ansporn und Anregung gewinnt und nach ihm sein Dasein regelt und meistert. Der Lehrfilm. Von Dr.. F.. Kanter in Zwittau (Mähren). Die Ueberschrtft könnte ebensogut anders lauten, etwa: „Die dankbare Nation", oder „Die große Enttäuschung" oder auch „Nur ein Jude . . Alle diese Überschriften wären zutreffend und alle würden nur das eine besagen: Wie eine große Nation einen ihrer Größen ehrt, wenn er zufällig Jude ist. Und doch ist die Bezeichnung „Lehrfilm" am bezeichnendsten, bezeichnend genug für den „Geist" unserer Zeit und auch lehrreich für so manchen Juden, der seine ganze Zeit und Kraft dem Wohle eines Volkes widmete, um bald von ihm verleugnet zu werden, nur wegen seiner jüdischen Abstammung. Es handelt sich hier um den französischen Gelehrten Denis, Professor für slabische Geschichte an der Sorbonne in Paris. Zu den Größen der tschechischen Nation gehörte unstreitig jener Gelehrte von internationalem Ruf, eben der genannte Denis. Er war einer der eifrigsten Mitarbeiter und Mitbegründer des jungen tschecho-slowakischen Staates, ein Gönner und Förderer der tschechischen Nation und ihrer Interessen bei den Ententemächten, ihr Vertreter und Wortführer namentlich in Frankreich. Und die tschechische Nation war ihm auch dankbar, aufrichtig uud vom Herzen dankbar. Wenn die Großen der tschechischen Nation genannt wurden, der Name Denis durfte unter ihnen nicht fehlen. Denis war in der tschechischen Presse, in der tschechischen Oeffentlichkeit und im tschechischen Publikum ebenso bekannt und berühmt, wie alle zeitgenössischen Größen dieser jungen europäischen Republik und seine Verdienste um den neugegründeten tschechoslowakischen Staat werden allzeit mit goldenen Buchstaben in den Annalen dieses Staates prangen und seinen Ruhm für ewige Zeiten den Kindern und Ktudeskindern künden. So ungefähr konnte man bis vor kurzem in der führenden tschechischen Presse lesen. Nun ist dieser große Denis gestorben und bet seinem Tode stellte es sich heraus, daß er — Jude war und als Jude starb. Dies wußte man in tschechischen Kreisen nicht, wahrhaftig nicht. Denn sonst wäre die Enttäuschung in eben diesen Kreisen nicht so groß und die Blamage nicht fo furchtbar. Worin diese Enttäuschung und Blamage bestand, darüber berichtet sehr geistreich die „Ostrowoer Zeitung". Sie schreibt: War da einmal eine junge Republik. Nennen wir sie kurzerhand gleich Tschecho-Slowakei. An der Wiege dieser Republik standen bekanntlich viele Parhen: Franzosen, Engländer und ein Amerikaner. Wir kennen ihre Namen. In dieser Gesellschaft befand sich auch ein Pariser Gelehrter von internationalem Ruf. Geschichtsforscher: Slavische Geschichte. Spezialfach: Geschichte der tschechischen Nation. Der Gelehrte war Professor an der Sorbonne, Dekan, Offizier der Ehrenlegion, Mitglied der Aeademte francaise. Wenn es in Frankreich einen Geheimrat gibt, so war er auch Geheimrat. Ihm dankte die Tschechoslowakei viel. Zum guten Teil vielleicht ihren Bestand. Der Mann agitierte, hielt Vorlesungen, machte Propagandareisen. So erfuhren die Franzosen, daß Prag garnicht in Ungarn liegt, sondern, in Böhmen, wo man nicht „österreichisch" spricht, sondern in vielen Fällen tschechisch. Dieser große, auch in Deutschland voll gewürdigte Gelehrte starb. Ihr kennt auch seinen Namen, selbst wenn ihr nicht Fachleute seid, aus tausend Bildern, Leitartikeln und Feuilletons der tschechischen Presse. Es ist kein Geringerer, als der große — Denis. Denis, das wißt ihr, starb kürzlich also. In dankbarem Gedenken trauerte ein ganzes Volk. Trauerfahnen in Prag. Trauerartikel in der ganzen Preffe. Gedenkfeiern-Borträge — — im kleinsten mährischen Nest. Um das Volk aufzuklären, den Namen Deuts in die Massen zu tragen, kam man in Prag auf die gute Idee, sich einen Film von Denis' Begräbnis aus Paris kommen zu lassen. Und so geschah es. Unter atemloser Spannung Vorführung des Films vor Staatsmännern, Gelehrten Militärs. Rrrrrrrrr . . . Paris! . . . Die Aufbahrung . . . Flankierende Kürasstexe . . . Studenten der Sorbonne . . . Bekannte Staatsmänner . . . Poiricare ... Foch! . . . Da: Die tschechische Gesandtschaft — — — Rrrrrrrrrrrr!