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Der Israelit · 1921-06-09 · Heft 23 (9.6.1921) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 23 (9.6.1921)
Date
1921-06-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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h. Hunt 1921.__ _• ben Sarük aus Fez, in dem er demütig und zugleich selbstbewußt den Nässt an all dte Versprechungen erinnert, die ihn nach Cordowa gelockt hatten, an seine Lehrtätigkeit und seine Mitarbeit an der Politik und zur Begründung des Ruhmes Chasdais Eine Reminiszenz im Briefe entlockte Hadassa hetßeTränen. Menachem erinnerte an die Mitternachtstunde, da der Nässt, aufgelöst vor Schmerz, in des Dichters ärmlich stilles Gemach trat, um bei ihm über den erfolgten Tod seiner geliebten Frau, der Fürstin, zu weinen, ihn, Menachem, aber bet der Lampe antraf, an der Arbeit, dem Schmerz des Nässt und der Gemeinde zu Cordowa in Reim und Rhytmus Ausdruck zu geben,' wie er, der Nässt, ihm ewige Liebe und Hilfe gelobte. Menachem klagte aber nicht den Nässt an, sondern seine Feinde, die Hetzer, und bat um Gnade. (Forts, folgt.) Ein Brief aus Trotzkischok in Sowjelrußland. An meinen lieben Neffen Mansch eh, gen. Moritz in New -Jork. Ich und deine Tante soll leben, befinden uns bei bester Gesundherr. Mögen wir bald das nämliche von dir hören. Amen! Mein teurer Neffe. Ich Hab' oir sehr viel zu erzählen, und sogar viel Erfreuliches. Aber bevor ich dir von der großen Erlösung schreibe, die Trotzkischok beschieden war, muß ich dir doch Zuvor von den Leiden, Gefahren und Verhängnissen berichten, denen wir am letztjährigen Purim und Pessach ausgesetzt waren. Genau drei Tage vor Purim kam der strikte Befehl von Moskau, wir dürften dieses Jahr unter keinen Umständen mehr Human klopfen. Höchstens A ch a s ch w e r o s ch. Achaschweroich war ein König, also ein Zar, so möge er geklopft und gehängt werden mit allen Zaren seinesgleichen. Wer Haman war ein Mann aus dem Volke, von Haufe aus Proletarier. Also wage es keiner, Haman' anznrühren. Nun kannst du dir denken, lieber Neffe, die Aufregung in Trotzkischok. Tie Zungen waren alle schon mit Hamanklopsern versorgt, die „Hnmantaschen" (ein Purimgebäck in Rußland) waren gebacken und nun auf einmal darf Haman nicht geklopft noch gegessen werden. Konnte da noch von einer echten Purimfreude die Rede sein? Das war das Verhängnis Nummer 1. Jetzt aber Nummer 2. Ernigc Wochen .lach Purim kommt wieder ein Befehl von den hohen Stellen, es dürfe kein Jude a:n Sederabend sich König nennen, und seine Frau dürfe nicht Königin sein. Wer es wagen sollte, wird sofort als Kontra-Revolutionär in Haft genvmnren und nach Tomsk verschickt, wo für Zaven Ehrengräber vorgesehen sind. . . . Nun kannst da dir denken, rote es uns Exkönigen in Trotzkischok Zu Mure war. Aber damit noch nicht genug. Kaum fingen wir an Mazzos zu backen, da stellte sich ein junger Marin ,ein und sprach bei unserem Rabbiner vor. Er sei, sagte er, eigens von Moskau hergeschickt, mir die Z e n s u r über die M azz o s auszuüben. Zensur über Mazzos? In Nikolaus Zeiten hatten wir wohl einen Zensor für Gebetbücher, Le lich aus, Kino us, aber hat man schon je von einer Zensur über Mazzos gehört? Wer der Zensor erklärte kategorisch: „Nach,dein die Hauptkommission für Volksernährmrg zur Ueberzeugung gekommen ist, daß durch das Löchern der Mazzos große Quantitäten an Mehl verloren gehen, so ist das Löchern svrtan bei Strafe der Erschießung verboten". . . . Es darf also nicht mehr sein, aus ökonomischen Gründen. Ta entstand große Aufregung in Trotzkischok. Unglaublich und unerhört seit dem Auszug aus Aegypten. Es drohte uns die Gefahr, ungelöcherte Mazzos zu essen. Unser ^tabbiner hat sofort einen Fasttag anberaumt. Fasttage setzt man bei uns bei jeder Gelegenheit ein. Es ist das billigste und beste Mittel. Sogar Kinder fasten tapfer mit. Gleich nach dem Fasttag beschlossen wir, mit aller Energie an die Abwehr zu gehen . Dem Zensor überreichten wir zunächst ein Säckchen Mehl mitsamt einem Quantum Zucker und er verschwand, wie er gekommen war — aus ökonomischen Gründen nämlich.". . . Dieser rasche Erfolg ermutigte uns derart, daß wir am Sederabend unser Zarentum in üblicher Weise ohne uns von d-en Moskauer Ukasen stören zu lassen, proklamierten. Natürlich ging die Sache nicht alatt ab. Der Ortskomissar zu Trotzkischok erklärte am zweiten Pessachtage sämtliche männliche- Gemeindemitglieder für verhaftet. Natürlich nur im Pttinzipe. Denn ivas konnte er in der Tat anfangen? Für soviel Arrestanten müßten die Gefängnisse in Trotzkischok erst gebaut werden. Außerdem hatte die Sache auch sonst ihre Haken. Erstens gibt es in Trotzkischok so viel Juden, daß ihnen die Trotzkischoker Sowjet-Polizei nicht im entferntesten gewachsen ist und zweitens Äer Israelit. _ lvill man beobachtet haben, wie — man höre — der Herr Kommissar selbst, in Verleugnung aller bolschewistischen Traditionen, am Festabend hinter geschlossenen Türe« feierlich aus seinem Königsthrone an der Seite seiner Königin gegessen hätte. . . . Damit uns crem verehtren Kommissar nicht gar zu viele Ungelegenheiten geboten werden, schickten wir ihm am" ersten Chol-hamoed-Tage noch ein größeres Quantum Zucker als dem Zensor, natürlich gut „jomtewardiken", mitsamt einigen Flaschen Rosinenwein. Tamit war fürs erste die Angelegenheit erledigt. Es mußte aber auch für die Zukunft Sorge getragen werden, und so riefen wir gleich nach den Feiertagen die ganze Gemeinde zu einer Versammlung ein und beschlossen, eine Delegation nach Moskau 511 entsenden, um an höchster Stelle Uns für alle Zukunft das Recht, am Purim Haman zu klopfen, für Pessach die Mazzos zu durchlöchert: und an den Sederabenden König in unserem Hause zu sein, zu sichern. Wir machten zu Punkt 1 geltend, daß Haman ganz und gar kein bolschewistischer Kommissar, sondern ein echter, rechter Reaktionär gewesen sei. Dazu noch ein Kapitalist. Beweis: Er konnte dem König zehntaus end Kikar anbieten für einen Juden-Pogrom. Außerdem konnte die Telagation beweisen, daß Pessach kern Fest der Bourgois ist, sondern der Arbeiter, denn die Inden arbeiteten in Aegypten an Lehm und Ziegeln weit über den Sechsftundentag hinaus und wurden tief unter Tarif bezahlt. . . . Aus diesem und tausend anderen Gründen sei das jüdische Arbeitersest nicht zu stören. Und was Punkt 3 anbelangt, so bleibt der Jude König nur m seinen vier Wänden und kann draußen nach wie vor Genosse unter Genossen sein. Also kurz und gut, die Delegation wurde von den großen Herren in Moskau mit großer Aufmerksamkeit von Anfang bis Ende angehört. Dann zogen sich diese in ihre Gemächer zu einer Beratung zurück, indes die jüdischen Delegierten im Wärtern um fleißig Tehilim beteten. Tie Beratung dauerte über drei Stunden, darin trat ein junges, blondes Mädel, die Sekretärin bei den hohen Herren ist, auf die Schwelle und richtete an die Delegation etwa folgende Anrede: „Genossen, wir haben beschlossen, daß ihr Haman klopfen könnet, soviel ihr wollt. Zum Leusel mit diesem Explitator! Löcher an den Mazzos dürft ihr auch machen, nur Vorsicht, daß nicht zu viel gelocht wird und die Löcher nicht zu groß geraten, Antrag 3 muß aber strikte abgelehnt werden. Warum? König ist soviel wie Zar, und die Zaren mögen sich alle zum T. scheren. Wir wollen von ihnen nichts mehr hören, noch sehen. Wer nachdem euer Pessach ja wirklich ein Arbeitersest ist, so geben wir euch bcu freundlichen Rat, euch von nun ab am Festabend nicht mehr König, sondern „Oberkommissar" zu nennen. Und wenn ich Euch die Wahrheit sagen soll, Genossen, so hat heute ein Oberkommissar in Rußland hundertmal mehr Zusagen, als alle Zaren von früher. ... " Also bleibt uns keine Wahl übrig. Unsere Kommission mußte sich wohl oder übel mit diesem Entscheid zufrieden geben. Hauptsache ist, wir können nach wie vor Haman ktopfen und unsere Mazzos richtig, feiildurchlocht backen. Und sind wir auch am Lederabend nur noch Obcrkommissarc mtö unsere Frauen OberkommissarinriLn, so ist es doch immerhin besser als nichts. Und am Ende hat auch die Sekretärin recht: der Kommissar ist heute alles bei uns. . . Wir hoffen, daß wir jetzt Ruhe bekommen und daß wir zum kommenden Schwnaus mit keinem neuen Befehl überrascht werden. In dieser Hoffnung wünsche ich dir sröhlichrn Jomtew dein Freund und Onkel Mannes, Schochet zu Trotzkischok in Sowjetrußland. Flüchtling-elend. . Aus Bukarest schreibt Nadja Ornstein der „Wiener Morgenzeitung": „Sie hatteic ein Hans, sie hatten ein Dach" . . . und viele von ihnen hatten mehr, weit nrehr, hatten Häuser und Felder, das bestrenommierte Unlernehmen im Ort und heute. . . Da stehen sie vor dein Massenquartier, ein paar elende, kleine Bündel als letzte Habe in der Hand, und zittern darum, ob sie Aufnahme finden. Frauen mit Säuglingen an der Brust, Großmütter mit einem Haufen halbwüchsiger Enkelkinder, in deren Augen sich die grauenhaftesten Szenen, die Hmschlachtllttg der eigenen Eltern gespiegelt haben, Familienväter, deren Blick und Haltung trotz der abgerissenen Kleidung verrät, wie angesehen sie einst gewesen sein müssen, intelligente, jnirge Menschen, Studenten Und Gymnasiastinnen, die nur mühsam ihren Jugendstolz beugen, um eine Bitte über die Lippen zu bringen, und viele, viele Gesichter, denen inan auf den ersten Buck unbedingtes Vertrauen, ja herzliches, kameradschaftliches Fühlen entgeoenbringt, und die lnan gern im eigenen Hans, am eigenen Tisch bewillkommnen würde. Müde und beschmutzt kommen sie von der Reise nt cs irgendeiner beßarabischen Stadt, in der sie seit ihrer Flucht aus der Ukraine viele bange Monate verwartet haben, in der Hoffnung, zu Verwandtet: nach Amerika reisen können. Itun rücken sie weiter vor auf dsm endlosen Rr. 23. Sette 11 Wege durch den ganzen Erdteil nach Bukarest, sei , es, weil sie Reisegeld erhalten haben und sich nun Paß und Visum zu beschaffen hoffen können, oder weil sie von hier ans eine bessere Verbindung mit drüben erhoffen, sei es, weil sie versuchen müssen, sich irgendwie bis zum Hafen durchzuschlagen, wenn ihre Leidenszeit eit: Ende nehmen soll. So kommen sie täglich in Scharen aus dem Bukarester Bahnhof an. Manchmal sind es Dutzende, manchmal Hunderte von Leuten auf einmal und mehr. Viele von ihnen besitzen schon ordnungsgemäße Reisepapiere und meinen, daß sie in eilt bis zwei Tagen das amerikanische Visum erhalten und gleich Weiterreisen können. Da man ihnen versichert, daß in den Hotels kein Platz sei, so lagern sie sich neben die Scharen von Bauern und Soldaten, die immer auf den Bahnhöfen herumliegen, auf die schmutztriefenden Fliesen der Bahnhofshalle . . . Für ein, zwei Nächte, so trösten sie sich. Und am ersten Morgen geht es zum amerikanischen Konsulat. Aber dieses ist dicht belagert von visumheischeuden Flüchtlingen. Wachleute halten die Ordnung aufrecht. Es geht nach der Nummer. Heute wird Nummer 6000 ansgegeben, aber erst Nummer 3000 wird vorgelassen. Man findet, daß man reichlich seine Pflicht tut, wenn täglich 30 bis 40 Püffe visiert werden. Auch die, die über Mittel verfügen, klopfen mm schon seit Wochen vergebens an den Gaühöfen der Stadt an. Alles ist bis aufs letzte Plätzchen überfüllt, zum großen Teil von ukrainischen Flüchtuugett. Man muß sich für die Mafsenquartiere entschließen, die in Bukarest für die Flüchtlinge in notdürftigster Weise hergerichtet worden sind. Synagogen und Keller, leere Magazine und Garagen, ein ehej maliges Heim für jüdische Obdachlose, eine außer Betrieb gesetzte Ofensabrik — alles ist sanitätswidrig voll. Siebzig Menschen, wo bestenfalls nur dreißig, dreißig, wo höchstens zehn Raum haben. Auf dem bloßen Boden, auf Gebotbänken, aus roh zusammengezrmmertcn Brettern, mit und auch ohne Mattatzen, Männer, Frauen und Kinder durcheinander, die prirnitivsten hygienischen Bequemlichkeiten entbehrend, so verbringen Hunderte von Flüchtlingen die qualvollen Wochen oder Monate, bis sich die herbeigeschtuchzte Reisemöglichkeit für sie ergibt. Tie letzte Hoffnung für viele ist das große Massenquartier im Fabrikgebäude der Strada Buttur. Oft ist es ihnen Reiseziel schon von Beßarabien aus, da sie davon gehört. OOder die Bahnhofkutscher, die schon Bescheid wissen, wie es um die Quartiermög- Uchkeit für die Flüchtlinge bestellt ist, bringen sie direkt hierher. Für 400 bis 500 Flüchtlinge hat hier oaS Bukarester Hilfskomitee eine Unterkunft geschaffen. Aber auch hier ist alles bis auf den letzten Platz besetzt. Auch das flehentlichste Ersuchen muß entschieden znrückgewiesen werden. „Uumöglich! Ueberfültt!" Sie können das nicht fassen. Gerade für sie soll es keinen Platz mehr geben? Irgendwo wird sich noch ein Winkel, ein Fleckchen auf der Erde finden lassen. Tie Insassen, die selbst vor Raummangel sich kaum mehr zu helfen wissen, das Berwaltungspcrsonal,, das keinerlei Ordnung mehr aufrecht zu erhalten weiß, wehreit sie verzweifelt ab. Alles ist getan worden, was getan werden konnte. Zu drei, vier und fünf schlafen die Leute ans eitern Bett. Ter- Vorraum, die Stiege, jedes Eckchen ist belegt. Es geht beim besten Wilteir nicht mehr und wenn die abgehärmten Gesichter noch so erbarmungswürdig dreinsehen. Einige, in denen noch etwas Kraft und Wille zum Lebenskampf übrig ist, versuchen, sich den Eingang zu ertrotzen. Heftig fährt man sie an. „Versteht doch, was man euch sagt. Wir möchten euch doch helfen, aber wir können nicht." Alles Reden ist umsonst. Sie lassen nicht ab mit Bitten. Auch die herbeigernfenen VNitgtteder des Hilfskomitees wissen keinen Rat. Alle Versuche, neue Quartiermöglichkeiten ausfindig zu mach-eu, sind gescheitert, uud zu kostspieligen Barackenbanten ist kein Geld vorhanden. Die Ankömmlinge bleiben auf ihre. Gcpäckbündeln im Hofe sitzen, stumpf, erschöpft. Von Zeit zu Zeit versuchen sie einen neuen Sturni. „Was sollet, wir tun in der fremden Stadt .-.An wett sollen wir utts wenden? Alan wird uns als Vagabunden entsperren." Schließlich, überzeugen sie sich durch Augenschein, daß ihnen die Wahrheit gesagt worden ist. Da werden sie stumm. Erst nach einer Weile wagen sie es, kleinlaut, mit der Scheu verschal nt.-r Bettler, die um eine hohe Gunst bitten: Auf ihrem Gepäck am Eingang sitzen bleiben zu dürfen, so lange, bis welche abreison und etit Platz frei wird. Und so kauern sie ein, zwei, viele Tage, eine Woche, oft länger, die Nächte über aus dem" Boden auf ihren Bündeln, ttttb in den Ewigkeiten der schlaflosen Stunden, da die etttsetzlichstett Erinnerungen aus ihnen weinen, fühlen sie ihr grausames Los' furchtbarer als je. Was aber geschieht mit den Ankömmlingen von morgen? . . . Und ans welchen, Stoff sind die Herzen und Gewissen jener Inden gemacht, die über ein freies Bett, ein freies Zimmer verfügen, und die es dulden, daß ihre, dein gräßlichsten Tod entronnenen und so namenlos unglücklich gewordenen Brüder auf ihrer lcidvollen Flllcht in die „Neue Wett" keiti Plätzchen finden, wo sie sich ein wenig heimatlich geborgen fühlen? . . .

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