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Der Israelit · 1921-06-09 · Heft 23 (9.6.1921) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 23 (9.6.1921)
Date
1921-06-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Nr. 23 des „Zraelll". Von Cordowa nach Chafarien. Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) „Ihr wißt es Rabbis" „Sei gesegnet, Kind, das den Geist und den Wagemut eines Jünglings zur großen Tat bewegte und darum an dieser Tat reichen Anteil hat." „Rabbi", fand Hadassa den Klang ihrer Stimme wieder, „euere unendliche Güte erspart mir alle Worte der Einführung. Man sagt hier, euer hellsehender Geist weiß alles. Wo ist Jzchak, wann kommt er wieder?" „Man sagt von mir zu viel", wehrte der Alte ab. „Was aber meinen Sohn Jzchak anbelangt, so ging er, wie Josef in der Schrift, aus, seine Brüder zu suchen. Und solche Wege sind immer steinig und gefahrvoll. Aber wie Vater Jakob fühle auch Ich es im tiefsten Innern: mein Sohn lebt . . „Wann kommt Jzchak wieder?" bestand Hadassa. „Wann, wann?" schüttelte Rabbi Nathan den grauen Patriarchenkopf. „Das große „Wann" ist der Angelpunkt all unserer Hoffnungen und Träume, der ewige Kehrreim all unserer Erlösungsgebete seit bald neunhundert Jahren. Und dennoch! Wer wollte sich anmaßen, dieses „Wann?" beantworten zu wollen? Hören wir nicht „die Stimme des Geliebten, der kommt, springet über die Berge, hüpfet über die Hügel -Einem Reh gleicht mein Lieber oder einer jungen Hindin-- Sieh, er steht schon hinter der Mauer, schauet durch die Fenster, winkt durch die Gitter . . „So heißt es im Hohenliede, ich kenne es auswendig, wie mein täglich Gebet", sagte das Mädchen ergriffen. „Ja, im Hohenliede" bestätigte der Rabbi, „und deutet auf Israels nahende Erlösung hin. Ist aber Balsam für jedes in langem Warten bangende Herz. Jndeß wir bangen und beben und schmerzvolle Erwartung sich in bittere Verzweiflung wandeln will, winkt schon die Erfüllung hinter der Muer, blinkt sie durch das Fenster . . ." „Segnet mich Rabbi!" bat das Mädchen mit umflorter Stimme. Rabbi Nathan hob seine zitternden Hände. „Ziehe in Frieden, meine Tochter, und der Gott Israels gewähre dir den Wunsch, der dein Herz erfüllt und deine Seele bewegt-—" Mit diesem biblischen Segenswunsche ging Hadassa von dannen. Und 'ihr war so leicht zu Mute, als hätte sie aus einer Quelle des Heiles geschöpft. Sie wand Blumen und sang mit den Vögeln: „Die Stimme des Geliebten . . . Er springt über die Berge, Er hüpfet über die Hügel, Er steht hinter der Mauer, Er schauet durch das Fenster . . ." XII. Rascher als erwartet, hatte sich die Prophezeiung Chasdais erfüllt. In Rom war es zwischen Kaiser und Papst zum offenen Zwist gekommen. Eine römische Synode, eingesetzt und geleitet von Kaiser Otto, setzte Johann XII. ab und rief Leo VIII. zum Papste aus. Kaum aber war Otto nach Deutschland zurückgekehrt, als die Gegenpartei den kaiserlichen Papst gefangensetzte. Nun war Otto zum zweitenmale auf dem Wege nach Rom. In Cordowa, wo Ottos Sendboten noch des neuen Sendschreibens und der Audienz harrten, erfuhr man all diese Dinge über Nordspanien rasch und sah dem Widerstreit der Mächtigen in Nord und Süd mit stiller Befriedigung zu. Im Kalifate konnte man die weise Voraussicht Chasdais nicht genug bewundern, der seine Politik auf diese erwarteten Erscheinungen aufbaute. Man wunderte sich keineswegs, als schon in verhältnismäßig kurzer Zeit der rückgesandte Bote über Granada wieder kam, mit einem vom Kaiser Otto best gelten neuen Schreiben und einer vollen Bestätigung aller von Chasdai getroffenen Abmachungen. Das Schreiben floß von Freundschaftsbezeugungen geradezu über. „Es freut den Kaiser Otto", hieß es im köriglichen Schreiben, „daß des Kalifs Ansichten über das Recht der Menschen auf Liebe, inssonderliche auch der Juden auf menschliche Behandlung, ganz mit den seinigen übereinstimmen. Wer nicht feind dem Staate und dem Kaiser ist, genießt Burgfreiheit in den deutschen Landen unter der Krone Ottos." Auch die Juden, schrieb dann Otto, könnten sich nicht beklagen. Das Lehnsystem erstrecke sich fortan nur auf ihre Steuerabgaben, nicht aber auf Leib und Leben, die durch die k iserlichen Gesetze geschützt und gesichert seien. Als Beweis dafür, wie sehr die Juden die gute Behandlung anerkennen, diene die Tatsache, daß als nunmehr, in Einhaltung des Cordowaer Vertrages, die fremden Juden im Schlosse zu Magdeburg sreigelaffen wurden und ihnen anheimgegeben wurde, nach der Heimat zu ziehen, die meisten von ihnen es vorzogen, in Deutschland unter dem Schutze des Kaisers zu bleiben —- „Drei Juden", hieß es im Schreiben weiter, „wollten dcn Weg nach Cordowa nehmen. Sie werden unter sicherem Geleite über die Alpen bis Genua gebracht, von wo sie auf dem Seewege nach der gronadischen Küste und von dort nach Cordowa gelangen wollen. Sie bringen kaiserliche Schreiben und Geschenke für den Kalif Abdul Rhaman und seinen ersten Minister mit." Damit waren alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt und das Verhältnis von Frieden und Freundschafr zwischen Cordowa und Deutschland konnte endlich besiegelt werden durch einen Empfang der Gesandten im Marmorsaale, den Chasdai so glänzend als möglich gestalten ließ. Alle Großen des Reiches waren anwesend und der Kalif segnete in kurzer Begrüßung die Stunde, da sich zwei Herrscher über alle Gegensätze des Glaubens und Denkens hinweg die Hände zum gemeinsamen Bunde reichten, zum Segen der Menschen, zum Wohle der Menschlichkeit. — Rasch hatte sich die Kunde von dem Schreiben des deutschen Kaisers in Cordowa verbreitet. Man war gespannt auf die Gäste, die aus weiter Ferne kommen und von Krieg und Gefangenschaft crzählen konnten. Seit Eldad dem Daniten waren keine direkten Berichte aus den Ländern der Zerstreuung nach Cordowa gelangt und man bereitete einen würdigen Empfang vor. Granadische Kausteute berichteten, daß in den Häfen von Cadix und Malaga Schiffe aus Genua für die nächsten Tage erwartet würden. Man durfte hoffen, die fremden Gäste bald in Cordowa zu sehen. Hadassa erhielt zum erstenmal einen Brief aus der Feder des Menachem ben Saruk. Der Bote, der ihn überbrachte, tat sehr behutsam, als hätte er die wichtigsten Staatsgeheimnisse zu wahren. Der Brief, so hatte ihm der Ueber sender auf die Seele gebunden, dürfe nicht in fremde Hände kommen, am wenigsten in die des Nassi. Hadassa empfing ihn in der Myrtenlaubr, erbrach das Siegel und las ihn gleich. Saruk war noch in Fez. Es ging ihm gut und er stand infolge seiner Gelehrsamkeit in hoher Achtung. „Ich habe mit meiner Grammatik", fo schrieb er, „hier mehr Glück. Im Norde» Afrikas gedeiht die zarte Pstanze der Poesie nicht auf Kosten der strengen Forschung. Poetik nutz Forschung sind hier treue Schwestern, die si^ ileben und gegenseitig schätzen.-Und dennoch fühle ich mich verb annt, losgelöst vom Boden, in dem ich mit meinem Schaffen wurzelte . .. Meine Grammatik wird hier geschätzt, mein „Machberet" von Vil len Schreibern abgeschrieben und verbreitet-Aber keiner hat noch hier, wie du Hadassa, die Seele hinter dieseni dürren Gerippe erfaßt. Ich schaffe aus den, Geist und dem Genius unseres Sprachhetligtumz I und sie loben die Formen, die Sätze, die mem Stammlehre- ■ „Mir fehlt hier der gute Geist, der mit meiner» Gelehrsamkeit Fangball spielt und sie im tändelnden» Spiele als Ganzes und Seelenvolles erfaßt:» mir fehlt meine lachende Hadassa.- „Mir fehlt der Halt und der äußere Glanz, den ich als Rahmen zum arbeiten nicht entbehren kann: mir fehltdasHausdesNassi- „Mir fehlt — lache nicht meiner, Hadaffa - die Bosheit, die meinen Geist mehr befruchtet und meine Arbeit mehr gefördert hat, als ich es wußte, die Kritik, die uns wach erhält und Augenmaß für die Eigenbewertung gibt: mir fehlt Dunasch ben Labrat. „Ich schreibe dir, Hadassa, für den Fall, daß günstigere Winde in Cordowa wehen sollten. — Ich hörte, daß sich bis dahin nichts geändert hccy aber ich hörte auch, daß die Feinde und Hetzer noch fleißig am Werke sind. Sogar aüs meinem Rechtfertigungsschreiben, dessen Inhalt außen dem Nassi keinem zu Gesicht gekommen ist, sucht man Stellen zu erraten, die gegen mich zeugtet,. Gedemütigt hätte ich mich und dabei gemein Andere, deren Vertrauen ich genoß, preisgegeben . . . „Könnte auch Hadaffa solchen Ausstreuungen Ohr leihen? Nein! Dennoch mögen ihr die Abschriften der Briefe zu Gesicht kommen, daß sie die ganze Wahrheit erfahre. Und wäre es nm darum, daß Hadassa wisse, ich leide nicht um ihretwegen. .Um ihretwegen allein hätte ich willig Leid auf mich genommen. Aber der Vorgang im Garten war nur der äußere Anlaß, die Gründe meiner Verbannung liegen tiefer. Unä diese aufzudecken, ist der Zweck meiner Rechtfertigung" . . . Neben dem Schreiben an Hadaffa lagen wohlgeordnet die Abschriften der Briefe zwischen Menachem und dem Nassi die Hadaffa ein genaues Bild der brieflichen Auseinandersetzung, über die man sich in Cordowa allerlei Wahres und Unwahres erzählte, gaben. Der erste Brief war eine kurze Anzeige aus Tortofa über erlittene Verfolgungen und Mißhandlungen, die sogar im Namen des Nassi, an ihm, Menachem, ausgeführt werden. Man habe von Cordowa aus ausgestreut, er sei verkappter Karäer und deswegen vom Nassi verstoßen worden. Er flehte um eine Ehrenerklärung, mii er den den Feinden seine Unschuld beweisen wollte. Die Antwort des Nassi lautete kurz und knapp: „Bist du schuldig, so wirst du durch die Strafe zur Besserung geführt, bist du aber unschuldig, so ist dir durch unverdientes Leiden die ewige Seligkeit gesichert . . Darauf folgte ein langes Schreiben Menachem

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