Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1921)
- Date
- 1921-06-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12. No. 33. „Der JSraetil." Minderecke. Aus -er talmudifchen Aga-a. Angeb erei. Gott sprach zu Josua: „Israel hat gesündigt." „Wer hat gesündigt?" fragte Josua „Soll ich etwa den Angeber spielen?" gab Gott zur Antwort. „Willst du den Sünder feststellen, so laß ihn durch das Los bestimmen." Josua tat also und das Los fiel auf A chan. Achan aber sprach: „Wie kann einLo s bestimmen? Auf einen muß es doch fallen. Es könnte auch gerade so gut auf dich oder auf den Hohenpriester Eliasar fallen". „Schätze nicht das Los gering", erwiderte Josua, „mit dem Lose wird ja der heilige Boden Palästinas an die Stämme verteilt". Neid. Rabbi Simeon, Sohn Menasfias sagt: Wehe, was für ein großes nützliches Glied wir in der Schlange verloren haben. Hätte die Schlange nicht gefehlt, und sie wäre so groß und so schlau geblieben wie ehedem, wieviel hätte sie zum Aust bau der Welt beitragen können. Nach Nord und Süd hätten sie die Menschen ausgeschickt, um Perlen und Edelsteine aus den weitesten Inseln herbeizuholen. Was hat aber die Schlange zur Sünde verleitet? Adam saß im Garten Eden bei reichgedeckter Tafel, und die Engel bedienten ihn und trugen die leckersten Speisen auf. Das sah die Schlange und wurde gelb vor Neid. Der Neid brachte sie aber dazu, das erste Menschenpaar und damit sich selbst und das ganze Menschengeschlecht ins Unglück zu stürzen. Sabbatheiligkeit. Der Statthalter Tyrannus Rufus fragte Rabbi Akiba: „Was hätte denn der Sabbat vor den anderen Tagen voraus, daß ihr ihn so liebt und ehret? Geht denn etwa an diesem Tage die Sonne anders auf und unter oder bleibt dieser Tag von Regen, Wind und Wolke verschont?" Rabbi Akiba antwortete mit einer Gegenfrage: „Was hast du Rufus vor allen anderen Menschen voraus, daß sie alle vor dir niederfallen und dir huldigen. Bist du etwa anders gebildet und weniger aus Fleisch und Blut zusammengesetzt, als die anderen Sterblichen?" „Ich bin römischer Stadthalter und was die Menschen in mir ehren, das ist der Kaiser, das römische Weltreich". „Und Sabbat", antwortete Akiba, „ist der Vertreter des höchsten Herrschers, des Königs aller Könige und in ihm ehren, lieben und huldigen wir Gott selbst" Am Sterbebette Rabbi Eliesers. Rabbi Elieser, Sohn Horkcnos war infolge eines Streites, den er mit den Gelehrten Israels hatte, in den Bann getan. Als seine Stunden zur Neige gingen, (es war' an einem Freitag nachmittag) da traten seine Jünger und Freunde, die die ganze Zeit sich nicht in seine Nähe befinden durften, in sein Gemach. „Warum seid ihr gekommen?" fragte der Rabbi. „Wir kamen, um Thora zu lernen", gaben sie zurück. „Und wo wäret ihr bis jetzt?" sagte er bitter. „Wir fanden bis jetzt keine Zeit", erwiderten sie gesenkten Hauptes. Rabbi Elieser teilte vieles in dieser letzten Stunde aus seines W.sfens Quelle seinen Schülern mit. Und wie die Schüler merkten, daß die Stimme abnahm und das Lebenslicht des Meisters im Erlöschen war, da stellten sie ihm einige Fragen, über Reinheit und Unreinheit. „Rein."/ entschied er die letzte Frage. Und mit diesem letzten Worte „Tahor" hauchte er seine reine Seele aus. Da stand Rabbi Josua auf und rief laut: „Der Bann ist'gelöst, der Bann ist gelöst! . . ." Am Grabe zerriß Rabbi Akiba seine Gewänder und weinte bitterlich: „Viel Geld habe ich bei mir, aber kein Bankier ist da, der es mir wechseln könnte!" Er meinte damit, er hätte noch so viele der Fragen, die der Erläuterung und der Klärung des Lehrres bedürften, dessen Mund nun verstummt war. S atan. Rabbi Jochanan gibt im Namen von Rabbi Jose wieder: Bei den Eniwöhnungsfetern für Isaak trat Satan vor Gott und sprach: „Siehe doch nur diesen Alten an. Im Alter von hundert Jahren hast du ihn mit einem Kinde beschenkt und nun sind Gäste geladen und rauschende Feste werden gefeiert. Hat der Undänkbare nur je daran gedacht, dir nur eine Taube zu opfern?" Da sprach Gott: „All diese Feste und Freuden und Feierlichkeiten gelten de.n Sohne, den ich ihm in hohem Alter gab. Stehe, Satan, diesen Sohn selbst gibt er mir her, so ich es ihm nur verlange." Und bald konnte Satan sehen, wie recht Gott hatte. Wiederauferstehung. Die Königin Kleopatra fragte Rabbi Meir, wie die Wiederauferstehung der Toten vor sich gehen würde, ob die Erwachenden nackt oder in Kleider gehüllt ins neue Leben treten würden. Rabbi Meir sprach: „Lerne es vom Weizenkorn. Nackr wird es in den Boden gesenkt und mit viel bunten, schönen Gewändern kommt es wieder ans Licht. Wie erst die Frommen, die bekleidet in die Gruft gesenkt werden!" Ein römischer Kaiser spottete in einem Gespräche mit Rabbi Gamlie: „Ihr behauptet, Leben erblüht aus der Erde, während wir doch täglich sehen, wie im Gegenteil Leben in die Erde sinkt." Die Kaiserstochter, die die Frage hörte, erbot sich, Antwort zu geben und sprach: „In unserer Stadt wohnen zwei Töpfer, der eine formt seine Geräte aus Wasser, der andere aus Ton, welchem von beiden ziemt mehr Ruhm?" „Dem, der aus Wasser seine Töpfe bildet", antwortete der Kaiser. „Nun", sagte die Kaiserstochter weiter, „sehen wir nicht täglich, Gott aus Nichts neue Gebilde entstehen läßt, sollte der gleiche Künstler nicht auch Leben aus harter Erde wieder schaffen können?" Am das zehme Gebot. Von Heinrich Einstädter. Ueber Slegmund Reimer wurde viel gelacht. Der Bub hatte auch gar zu drollige Einfälle. Er sah, was keiner außer ihm je gesehen hatte, hörte Stimmen, die niemand vernahm, und erlebte, was vor Jahrhunderten erfolgt war. Er war noch nicht in die Schule gegangen, da kam er eines Tages nach Hause und erzählte seinen Geschwistern: „Gerade habe ich die Israeliten gesehen, wie sie durchs Meer gegangen sind." Alle lachten. Da sprach Stegmund ernst: „Wollt ihr sie auch sehen?" Und er führte die anderen Kinder auf die Wiese hinter dem Hause. Ein schmales Bächlein floß hindurch. Aus seinem Bette erhoben sich an einer Stelle hohe Schtlfgräser in zwei Rethen von einem Ufer zum andern. Dazwischen spiegelten sich im Wasser die Zweige eines Baumes, die vom Winde leise bewegt wurden. Ter Knabe zeigte mit dem Finger auf die sich hebenden und senkenden Schatten. „Seht ihr sie dort? Wie sie eilen. Gleich werden die Aegypter kommen." Und er schaute in die Ferne, als ob sie wirklich kommen mußten. Als er zur Schule kam, war ihm die höchste - , V„ ft. fliwi 1921J Freude, wenn biblische Geschichten erzählt wurden. Der Lehrer bemerkte bald mit welcher Spannunz der Knabe zuhörte. Als von Josephs zweitel! Traume die Rede war, nickte Stegmund lebhaft mit dem Kopfe. Der Lehrer fragte lächelnd: „Nun, Stegmund, was ist denn los?" „Vor mir haben sich Sonne, Mond und Sterne auch schon gebückt". Allgemeines Gelächter. „So, mein Lieber? Da bist du ja ein zweiter Joseph! Wann war es denn?" „Die Sonne bückt sich vor mir, wenn ich bei der Keduscho nach ihr sehe, und der Mond und die Sterne, wenn ich mit meinem Vater die Lewono mekadesch bin." Wohlgefällig legte der Lehrer dem Kinde die Hand auf die dunklen Locken und wehrte den anderen das spöttische Lachen. Dann erkkärte er ihnen des Knaben Worte. Wenn er sich wiederholt auf die Zehen erhob, was bei den erwähnten Gebeten üblich ist, dann kam es ihm vor, als ob sich die Gestirne bewegten. Sein lebhafter Geist brachte dann die verschiedenen Vorstellungen in eine innige Verbindung. Einmal, es war kurz vor Schowaus, war Siegmund mit Nachbarkmdern auf der Wiese beim Heumachen, als ein heftiges Gewitter los. brach. Seine Eltern führten inzwischen zu Hanse ein ernstes Gespräch. Es handelte sich um dg Geschäft. In dem Dorfe war außer Siegmunds Vater noch ein Kaufmann, und beide bereisten mit ihren Mustern die Dörfer der Umgegend. Sie hatten sich dabet stets an das Verfahren ge« halten, das schon von ihren verstorbenen Vätern gepflegt worden war: Jeder hatte seinen bestimmten Bezirk, und keiner ging in eine Ortschaft, die zum Kundenkreis des andern gehörte. Doch in der letzten Zeit war es vorgekommen, daß in einem Dorfe ein größeres Geschäft Siegmunds Vater entgangen war. Leute, deren Tochter heiratete, kauften die ganze Ausstattung bet Thormanns und heute war es herausgekommen, daß Thormann heimlich an einem Abend hei jenen Leuten vorgesprochen hatte. Siegmunds Vater war sehr aufgebracht darüber und sprach zornig: „Jetzt gehe ich aber auch in Thormanns Dörfer." Doch seine Frau suchte ihn davon abzuhalten. „Schau, lieber Mann", sprach sie in ihrer ruhigen Art. „Man darf nicht Böses mit Bchem vergelten. Thormann hat viele Kinder; vielleicht geht sein Geschäft schlecht, und er war in Not. Sei zufrieden mit dem, was wir haben. Gönne jenem den Verdienst. Es soll deshalb k ine Feindschaft geben. Wenn er sieht, daß du -ich nicht rächst, wird er nächstens besser handeln." Aber ihre Worte fanden diesmal kein williges Ohr. Der Mann glaubte, die gute Gelegenheit benützen zu sollen, um in reiche Ortschaften zu kommen, um die er schon längere Zeit seinen Konkurrenten beneidet hatte. Seine Aniwort wurde durch Siegmunds Heimkehr abgeschnitten. „Habt ihr es auch gesehen, Vater und Mutter?" rief er in seiner lebhaften Art. „Der liebe Gott stand wie bei der Gesetzgebung auf einem Berg in einer ganz finsteren Wolke. Er grollte so arg über die bösen Leute, die morden und stehlen und lügen, und warf Feuer auf den und jenen. Einmal auch gegen unser Haus zu! | Aber da hat gewiß ein Engel gesagt: „Dort wohnen ja so gute Menschen, die halten alle deine Gebote vom ersten bis zum letzten. Warum willst du sie erschrecken?" Da wurde der liebe Gott gnädig gestimmt, als er an euch erinnert wurde, und statt der Blitze, ließ er die ersten Sonnenstrahlen auf unser Haus fallen." Da erhellte sich auch des Vaters Angesicht und er nahm fein Sohn liebevoll auf den Schoß. In der Mutter Au;e aber trat eine Träne. Und während so wie häufig nach einem Gewitter Sonne und Regen gleichzeitig walteten, wölbte ich ein prächtiger Regenbogen über den drei Menschen, die in diesem Augenblicke mit tiefem Gefühl an Gottes Bündnis gedachten.