Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1921)
- Date
- 1921-06-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 22 des „Israelit". »2* Von Lordowa nach Gasarien. Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) Johannes von Gorze hatte Mühe, diese unbekannten Worte gleich ganz zu erfassen. Dann sagte er verbindlich: „Diese Anschauungen treffen ungefähr mit denen Kaiser Ottos zusammen. Auch er spricht zuweilen von Frieden, Völkerfretheit und ähnlichem mehr, obwohl ich als Vertreter der Kirche nur den Frieden und die Freiheit innerhalb der Kirche und nur für die auf dem Boden der Kirche Vereinigten kenne. Die Juden liebe ich schon ganz und gar nicht . . . Aber Kaiser Otto ist den Juden wohlgesinnt. Darum wird es ihm auf ein bischen mehr oder weniger Judenrecht wohl nicht ankommen. So glauben wir denn diese Konzession Abdul Nhaman machen zu dürfen, so er uns bald empfängt und anhört." Johannes betonte scharf die letzten Worte und unterstrich das bald.., „Dieser Empfang hängt von der Art des Sendschreibens ab, das ihr dem Kalif zu überreichen gedenkt. Solange dieses Aeußerungen gegen Islam und das Kalifat enthält, kann der Empfang nicht stattfinden." „Die Aeußerungen sind die Antwort auf die Botschaft Abdul Rhamans", sagte Johannes käst. „Es sind seitdem baid drei Jahre in die, Lande gegangen", erwiderte Chasdai, „ich war damals noch nicht auf meinem heutigen Posten, das Schreiben wäre ansonst anders abgefaßt worden. Es hieß darin, das Christentum spreche andauernd' von der Liebe, und der islamitische Staat betätige sie. Es lag kein Grund vor, diese Wahrheit auszusprechen." Johannes Gesicht überdeckte Zornesglut. „Abdul Rhamans erster Ratgeber hält somit die Aeußerungen zwar für unangebracht, aber die Behauptung an sich aufrecht und für wahr." „Die Aeußerungen im Sendschreiben", erklärte sich Chasdai näher, ^richteten sich gegen das christliche Nordspanien, das damals im Namen der Liebe Scheiterhaufen für Ungläubige anzündete und mit Foltermaschinen zum höheren Ruhme der Kirche arbeitete. Das Reich Ottos berührte dieses Wort nicht. Ich bitte, durch den Boten, der um ein neues Sendschreiben ausgeht, den Kaiser in diesem Sinne aufzuklären." „Das soll geschehen", sagte Johannes, „aber es steht zu befürchten, daß das neue Schreiben nicht erreicht wird und die ganzen Verhandlungen dadurch zum Scheitern kommen." „Das wäre zu bedauern im Interesse beider Staaten", betonte Chasdai scharf. „Aber ich glaube, die Zeit arbeitet für unsere Freundschaft." „Die Zeit?" Johannes sah Chasdai durchdringend ins Auge, als könnte er auf diesem Wege bis auf des Herzens tiefsten Grund schauen. „Die Zeit" wiederholte Chasdai ruhig und vielsagend. XI. Im Garten des Nassi blühte der Mandel- I bäum wieder, die Oelbäume in der Allee reckten s sich empor, streckten ihre Glieder und reichten sich oben die Hände zu schattenspendendem Laubdach. Der Miyrtenbaum, der die Rückwand der Gartenhütte bildete, schlug kräftig aus und seine taubedeckten Zweigleinmit grünschimmernden Blätteraugen kletterten in jugendlicher Lust hoch zur Laube empor. Wie Schäfer inmitten ihrer bunten Herde erhoben sich einige steile Palmen aus dem Rosenhain. Auch die gefiederten Sänger stellten sich wieder ein. Zum dritten Male sah Hadaffa seit Weggang Jzchaks ihr Reich in neuem Blühen. Und jedesmal blühten mit den Palmen und Oelbäumen tausend neue Hoffnungen in ihrem jungen Herzen auf. Vereinsamt traf sie der Lenz diesmal wie nie zuvor. Denn dem Vater durfte sie von ihres Herzens Regungen immer noch nichts verraten und der einzige treue Freund, Menachem ben Saruk, der sie von allen ganz allein verstand, war gegangen. Ihretwegen, unschuldig verbannt, was sehr auf ihrer Seele drückte. Da faßte sie einen kühnen Entschluß. Sie hüllte sich eines Tages in ihr langes, schwarzes Gewand und suchte Rabbi Nathan in seiner bescheidenen Behausung auf. Rabbi Nathan hatte sich, seitdem er Rabbi Moscheh ben Chanoch neidlos das Lehr- und Richteramt übertragen hatte, dem Leben immer mehr abgewandt. Des Augenlichtes fast ganz beraubt, schuf sich der greise Rabbi Nathan auf dem Wege stillen Nochgrübelns sowie alter Ueberlieferungen i und Urkunden eine eigene innere Ltchtwelt, in die er nur seine erlesensten Schüler einzuführen für würdig hielt. Diese lasen ihm aus dem Buche „Jezirah" -kleine Abschnitte über die „zehn Stufen" (Sesiraus) und „zweiundzwanzig Buchstaben" vor, daraus er die Entwicklung der Schöpfung und die Geheimnisse der Welt zu enträtseln suchte. „Das Wort der Schrift", lehrte Rabbi Nathan, „ist immer Hülle tiefer Geheimnisse, zu welchen nur nach langem mühevollem Suchen die Würdigen nur den Schlüssel erhalten, um in den Kreis der Wissenden und Eingeweihten ausgenommen zu werden.- „Wenn die Lehrer von Mischna und Talmud neben dem schlichten Wortsinne der schriftlichen Lehre noch einen anderen, den Drusch, hervorkehren und zum Gegenstände der Gesetzesforschung und Ueberlieferung machen, so wissen sie doch, daß sie damit die heilige Quelle nicht ausgeschöpft haben. Hinter den Worten und abgeleiteten Satzungen verbergen sich die erhabenen Gedanken und tiefen Geheimnisse, in die man sich ganz versenken muß, will man Anspruch auf eine höhere Welt haben- „Der Heilige, gelobt sei Er, ist der „En Szof", der unbegrenzt über alle Welten und Wesen erhaben, der durch die Schöpfung in die Erscheinung tritt und dem Menschen erfaßbar wird. Die Schöpfung ist aber dadurch geworden, daß der Schöpfer aus sich eine geistige Kraft ausströmen ließ, welche die erste Sphäre bildete. Aus dieser ergab sich eine zweite, die eine dritte hervorbrachte und so weiter bis zu zehn Sphären, die die geistigen Träger der göttlichen Weltordnung und Willensvollstreckung find. Die Verbindung zwischen den Sphären vollzieht sich mittels der Zinoroth, der unsichtbaren Kanäle, die vom „Ehrensitze Gottes" ausgehend, die Welt mit „Schefa", Seinen reichen Segensströmen, erfüllen-" Rabbi Nathan beugte sich der Autorität Rabbi Moscheh ben Chanochs, hatte aber für dessen aus der Gaonttenschule zu Babylon mitqebrachte Lehrmethode, die nun Jünger aus aller Welt anlockte, mehr Verehrung als Verständnis. Er warnte sogar zuweilen vor zu trockener und kalter Behandlung des Lehrstoffes. „Die Gebote der Schrift", sagte er, „sollten durch ihre tiefere Erfassung, durch ihre inneren Beziehungen zum Schöpfer mit größerer Innigkeit geübt werden und Herz und Gemüt ergrei- . sende mächtige Kraft ausströmen-" Rabbi Nathan enthüllte seinen Getreuen die tiefere Bedeutung der Gesetze, ja aller Worte und Buchstaben der Schrift und, andeutungsweise nur, auch des Gottesnamens, seiner Buchstaben und seiner durch verschiedene Zusammenstellungen entstehenden Zahlenwerte. — Als das schwarzverhüllte Mädchen ins abgedunkelte Genrach trat, saßen Meister und Jünger, so vertieft in ihre heilige Materie, daß sie der Eintretenden gar nicht gewahr wurden. Wie man bis zur letzte^ Pforte des „P(a)rd(e)s" gelangt, lehrte der Rabbi. „Denkt euch eine holde, züchtige Fürstentochter in ihrer Laube, die ihrem vorübergehenden stillen Verehrer einen flüchtigen Blick durchs Fenster zuwirft, daß er nur ihre äußere Gestalt sieht und sich ein wenig ihre Züge einprägt. Bleibt der Freund beharrlich und sie findet Wohlgefallen an ihm, so winkt sie ihm freundlich mit der Hand zu. Er wird dann Mut fassen, Häher an sie herantreten und sie wird sich lachend .zu ihm herablaffen. Hat er sich nun der Freundschaft und des Vertrauens würdig gezeigt, so läßt die Fürstentcchter das Flor fallen Und vertraut ihm ihre innersten Herzensgeheimniffe an-" Hadaffa schrak zusammen. Erzählte der greise Rabbi ihre Geschichte, ihr Verhältnis zu Jzchak? Rabbi Nathan sprach weiter: * „Die Thora ist die Fürstin und zeigt sich zunächst nur verhüllt in Linie und Abzeichnung, cffenbart sich uns nur mit ihrem einfachen Wort, das wir „Peschat" nennen. „Wirst du ihr etwas vertrauter, so winkt dir die Fürstin schon freundlich mit der Hand. Wohl dem, der den Wink — wir nennen ihn „Rem es" — versteht. „Es kommt zur freundlichen, lachenden, unverbindlichen Unterhaltung, wie wir sie in „Drusch"'oder „Agadah" kennen. „Mählich ist der Weg zur vierten, letzten Pforte geebnet, wo die Fürstin uns vertraulich ihr tiefstes Geheimnis, den „Sod" offenbart . . Rabbi Nathan hielt mitten im Satze ein. „Seht nach, Kinder, mir ist, als hörten fremde Ohren meine Worte. 5 Die Jünger erhoben sich und erblickten die fremde tiefverhüllte Gestalt. „Wer wagt es?", wollten sie sich auf die Fremde stürzen. „Haltet ein" wehrte der Rabbi ab. „Ist es ein Weib?" „Ja." „Dann ist es eine Hilfesuchende. Geht alle hinaus, bis auf Usiel, der unauffällig im Eingänge zum Vorgemache bleibe." Zagend und zögernd trat Hadaffa an den Tisch. Rabbi Nathan hob ein wenig die dicken Augenbrauen. „Wer bist du, Kind, und was ist dein Begehr? Was will blühende Jugend, die Anrecht hat auf kleines Eigenleben bei dem Greis, dessen finstere Augen nur noch die Dinge als Ganzes sehen?" „Ich heiße Hadassa und bin ..." , „Du, bist die Tochter des Nassi", ergänzte der Rabbi „und Hadassa heißt du, Myrte —" Rabbi Nathan besann sich und mühte sich, die Angenrisse noch mehr zu streiten. „Also die Myrte, nach der zu greifen, Jzchak so weit ausholen mußte . . ." (Fortsetzung folgt.)