Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1921-06-02 · Heft 22 (2.6.1921) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 22 (2.6.1921)
Date
1921-06-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450138-2450159--68978-2526134
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

2. Hunt 1921. Vom jüdischen Lehen im Kriege. Der „Fünfstern"*) ist das Symbol einer auf das allgemein Mensckheilliche gerichteten, Egoismus, Machtstreben und Rassenhaß bekämpfenden Brüderschaft, aus der der Held des Romans seine Lebensideüle schon im Wilhelminischen Deutschland geschöpft hat und die ihn als Kriegsinvaltden und Revolutions- Helden an ^er Spitze einer alle Gegensätze überbrückenden Jugendbewegung seine endliche Befriedigung finden läßt. Das Buch bietet für den Leserkreis des „Israelit", abgesehen von seiner gut jüdischen Grundtendenz, ein besonderes Interesse durch das gelegentlich zutage tretende, in liberalen christlichen Kreisen sonst nicht alltägliche Verständnis für jüdisches Wesen. Zwischen einem — sonst nur episodisch behandelten — sozialdemokratischen Anwalt, Dr. Adler, und seinen Gastgebern entwickelt sich — Jahre noch vor dem Zusammenbruch — ein Gespräch über Erfahrungen im Kriege. Adler erzählt: „Hat ihr Mann Ihnen nicht erzählt, daß ich der Sohn eines jüdischen Geistlichen bin und streng nach unseren rituellen Vorschriften lebe? Msine Familie ist erst seit drei Iah, hunderten in Deutschland ansässig. Vorher lebte sie in Spanien und Portugal, wurde da ihres Glaubens wegen vertrieben und irrte verarmt und gehetzt in der Welt umher, bis sie im 30 jährigen Kriege nach Deutschland kam und sich in Altona in der Freiheit ansiedeln durfte. Nie in dieser ganzen furchtbaren Zeit haben meine Vorfahren ihr Volk und ihren Glauben verleugnet. Er war ihnen der Leitstern, der sie sicher und zuverlässig durch die feindliche Fremde bisÄtn die neue Heimat führte, und es war für mich deshalb selbstverständlich, daß ich seine Gesetze auch im Felde bekennen und befolgen mußte. Aber diese Gesetze sind nicht leicht, sie sind schon in der Heimat schwer durchzusühren und es war im Felde manchmal fast unmöglich, alle Vorschriften innezuhalten, ohne den Körper allzusehr zu entkräften. Meine liebe Frau hat mir mit der größten Aufopferung die Speisen selbst zubereitet und alle paar Lage in Paketen zugeschrckt, aber die Sendungen kamen recht häufig verspätet und oft verdorben an". „Das muß ja außerordentlich mühsam und kostspielig gewesen sein". „Daraus wäre es uns nicht angekommen. Es hat mehr gekostet als die Erhaltung meiner ganzen siebenköpfigen Familie zusammen, aber das war weitaus nicht das Schlimmste. Nur waren diese Speisesendungen natürlich bald in der ganzen Truppe bekannt und wurden mir von den Kameraden und den Vorgesetzten übel genommen. Erst hieß es, die Mannschaftskost wäre mir zu schlecht, dann wurde es mir als Eigensinn ausgelegt. Wohlenberg hat mir damals unendliche Dienste getan, daß er mit freundlichen und ausklärenden Werten den Leuten verständlich machte, daß ich nur meine religiöse Pflicht erfüllte und selbst gar kein Sonderinreresse dabet hätte. Aber selbst dann blieb immer ein gewisses Mißtrauen gegen mich zurück. Das hat zur Folge gehabt, daß Ihr Mann und ich viel Gelegenheit zu einsamen, stundenlangen Plaudereien hatten und daß wir uns so recht in die geistige Geschichte unserer Völker und die Verwandschaft ihrer Schicksale vertiefen konnten". Fritz Freidorf ergriff das Wort: „Ich habe garnicht den Eindruck und kann mir auch garnicht vvrstellen, daß zwischen der Geschichte des jüdischen Volkes und des deutschen Parallelen sein sollen. Aber ich gebe zu, daß ich eigentlich garnichtS über die Geschichte Ihres Volkes weiß, soweit wir es nicht in der Bibelstunde im Schulunterricht gelernt haben. Adler sprach noch immer langsam und zögernd. Es war, als ob er innerlich mit jedem Worte ringe, und als ob er mühsam sein lebhaftes Temperament bändige, um nicht mehr als das Notwendigste zu sagen. „Die innere Geschichte der Völker ist eine ganz andere wie die äußere. Sie meinen, daß unsere Völker grundverschieden seien, weil bas Ihrige seit zwei Jahrtausenden aus eigener Scholle fitzt, das meintge über die ganze Welt zerstreut, ewig von anderen bedroht und ewig dem Untergange geweiht scheint. Aber das alles ist nur äußerlich und unwesentlich. Der Geist, der in unseren Völkern lebt, ist ein ähnlicher und deshalb ist auch unser inneres Schicksal ein gleiches. Wer uns emporgeführt hat,' führt auch Ihr Volk zur Größe. Die Gefahren, die uns 'bedrohen, drohen auch Ihnen und deshalb war für mich die Verständnislosigkeit der Kameraden meiner religiösen Pflicht gegenüber so tief erschütternd. Zeiten, tn denen die Gesetze der Thora und die Vorschriften des Talmud in unserem Volke mißachtet wurden, hat es durch Kahrhunderte gegeben. Stets hat das Volk die Mißachtung durch tiefstes Elend und durch erbarmungslosen Niedergang gebüßt. ES gibt Völker, denen ein gütiges Schicksal eine ruhigere, gleichmäßigere Geschichte beschicken hat wie uns, sodatz sie du»ch Jahrhunderte und Jahrtausende kaum nennenswerte Schwankungen ihres inneren und äußeren Lebens zu verzeichnen haben. Germanische und semitische Völker haben immer um ihr Leben ringen müssen. Wenn wir *) „Der Fünfstern." Roman ans dem Leben eines Suchenden von Julius Walter Brun au. Broschiert 14 Mk., geb. 18 Mk. Hammerich u. Leffer, Verlag. Altona 1921. _ Her Israelit. nicht durch das ganze Volk dauernd die Begeisterung für das Höchste in uns wachhalten, dann erliegen wir unrettbar dem Ansturm unserer Feinde oder wir zerfleischen uns selber im Kampfe aller gegen alle". Adler war erregt geworden. Er hatte sich vornübergebeugt und stieß die Worte in wilder Leidenschaft heraus. Man sah, wie ernst er die Dinge nahm, von denen er sprach und konnte sich dem Eindruck der düsteren Worte nicht entziehen. Der Staatsanwalt siel erregt ein: „Unser Volk verteidigt seine Existenz mit dem Schwert und mit der Tat, nicht mit Gedanken und religiösen Vorstellungen. Wenn unser Schwert nur scharf und unser Wille kampfesfroh ist, dann habe ich keine Sorgen um unsere Zukunft". „Ich will Ihnen wünschen, daß Sie nicht die Macht der Tat über- und die Wucht des Wortes unterschätzen. Ich kenne die Sprtchworie, die die Tat hundertfach höher bewerten als Geist und Gedanken. Aber ich sage Ihnen, daß alls, die das Leben der Völker kennen, den Einfluß starker Gedanken viel höher bewerten, als die Wirkung selbst der tapfersten Tat. Wenn meine kleine Schrift, die ich Hans Wahlenberg gewidmet habe, einen Zweck hat, dann möchte ich eines damit erzielen, daß man den Geist, den man im Volke wachhält, nicht niedrig etnschätzt, sondern a's wichtigstes Kleinod der Nation pflegt. Wenn mein Volk heute noch wächst und ausstetgt, dany ist eS die Kraft des Gotteswortes, das in ihm hochgehalten worden ist. Unser größter Dichter, Jehuda hal Levi, hat einmal in dem schönsten feiner Werke, dem Kusart, eine wundervolle Widerlegung aller materialistischen Philosophie gegeben. Alles Streiren über Weltanschnuungen, über das Recht auf Lebensgenuß und Eigenart ist überflüssig. Wer den Glauben an das höhere Ziel verloren hat, geht unter. Wer ihn sich erhält, lebt, solange er seinen Glauben besitzt. Aus den Erfahrungen meines Volkes heraus sage ich Ihnen: Wenn Sie ihrem Volke den Opfergeist, den Glauben an seine Zukunft nicht erhalten, dann nutzt die blinde Tat Ihnen so wenig, daß die Sinn. topgreu des Tatendranges mehr vernichtet ais Gutes schafft." inderecke. Aus den Kindhettsiagen eines Große». Sum Jaftr^eifsfage des ÜauSs Bijehuda (17. Ijar). Am 18. Marcheschwan des Jahres 5474, d. h.nach der üblichen Zeitrechnung am 6. November des 'Jahres 1714 wurde der kleine JecheSkiel Landau geboren. Der glückliche Vater war Jehuda Landau, der in dem kleinen Städtchen Apta tn Galizien weniger wegen seiner Reichtümer, als vielmehr wegen seiner berühmten Ahnen sich eines hohen Ansehens erfreute. Von keinem geringeren a;s von Ra'chis, ja andererseits sogar von Dawids königlichen Nachkommen stammte er ab. Ein wunderbarer, geheimnisvoller Zusammenhang schten zwischen ihm und jenen Ahnen zu bestehen, sodaß alle, die ihn sahen, den Eindruck bekamen, daß er nicht lange leben werde, so vergeistigt sah er aus, als ob er garnicht von dieser 'Welt wäre. Seine Eltern freilich dachten nicht an derlei düstere Bilder. Mit freudigem Stolze behüteten sie das Kind, das sich früh schon als ein Wunder der W^lt entpuppte. Bis der Tag kam^ wo Jecheskiel — noch nicht vier Jahre — in die Schule geschickt werden mußte. Andere Kinder mochten sich in den Gassen herumckummeln, er machte sich nichts daraus. Aber auch die Schule mußte zu klein und ungenügend für diesen Feuergeist werden, der mit elf Jahcen alle Lehrfächer von Dtkduk bis Schulchan-Aruch bizur Vollkommenheit umfaßte. So wählte man für ihn einen besonderen Lehrer, den berühmten R. Jzchok Eisik Melaremer, der zwei Jahre lang mit ihm lernte. Wer da der Empfangende und wer der Gebende war, ist schwer zu sagen. Sicher ist, daß der Lehrer nie so fleißig und erfolgreich _ Nr. 28 Seite 9, gelernt hat, wie damals, sicher auch, daß der gerade Verstand Jechesktels und die verblüffende Scharfe seines Geistes mehr als einmal die überlieferten Gedankengänge seines Lehrers über den Haufen warf. Jecheskiel brauchte keinen Lehrer mehr. Eines Tages stellte sein Vater den schmächtigen Jüngling dem als rabbinische Autorität allgemein bekannten R. Mosche Jacob von Apto vor. Die beiden unterhielten sich nun zum großen Erstaunen der Anwesenden über die schwierigsten Probleme von Kodoschim, dann kamen sie auf den Talmudabschnitt von den 'a'JPi 'EblD zu sprechen. Was da für Geistesblitze dem Jünger durch den Kopf schossen, hat er im Zlach zum Traktat BTTM niedergelegt. Als er mit 18 Jahren heiratete, hatte er bereits eine Periode reichsten Schaffens hinter sich. Wie die meisten unserer Großen hat er eine Kindheit in des Wortes gewöhn!über Bedeutung nicht gehabt. Mrrdochai. Vermischtes. Berlin, 16. Mai. Der Israelitische Fortbildung-, verein „Montefiore" (Bereintzhetm Oramenburgerstr. 69) sieht in feinem Lehrplan für das Sommerhaidjihr 1931 folgende Schturim vor: Montag 8— 9 Uhl abenos, „Mtfchrra",' Herr Rabbiner Dr. Singe rmann. D-ittwock, abends 8—9 Uhr, „Gemoro"; Herr Isidor Fellner. Donnerstag, abends 8—9 Uhr, „Lhuuwch mit Rafcht",' Herr Rabbiner Dr. Singermann. Samstag, oorm. UV,—12*/, Uhr, „Gemoro",' Herr Isidor Fellner. „Chaje Adom"; Herr Max Neuberg er. „Ehumisch mit Raschi"; Herr A. Ptne zower und nachmittags 4 5 Uhr, „Tmach"; Herr Oberlehrer Dr. W. Halberstadt. Die Bibliothek zählt über 1260 Bände. Bücherausgabe jed n Donnerstag abend. Die Vereinsräume sind allabendlich und Sabbat den ganzen Tag geöffnet. Hamburg, 24. Mai. Der israelitische hu man itäre Frauenverein feierte am Sonntag, den 22. Mai, das 10 jährige Bestehen feiner vorzüglichsten Schöpfung, des Kindererholungsheims zu Segeberg,' sie sollte auch gleichzeitig ein Dankfest sein zu Ehren der holländischen Wohltäter. In einem Salonwagen wurden die Ehrengäste mit der Bahn nach dem 17, Stunde entfernten Segeberg gebracht. Man bemerkte unter ihnen den Präsidenten der Niederländischen Ambulaun, Baron van Beoeroorde. die Vorsitzende des holländischen Komitees zur Versorgung jüdischer Kinder in» AuSlande, den in Hamburg wohnenden holländischen Generalkonsul, den Hamburger Bürgermeister Stollen, mehrere Senatoren und Vertreter der Oberschulbehörde, viele Rabbiner, sowie der ganze Vorstand des Frauenvereins; auch der Etsenbahndir ekttonspräsident nahm an der Feier teil. Nach der Ankunft in Segeberg begann eine akademische Feier, umrahmt von Gesängen und Gedichten der Kinder, und besonders glanzvoll durch die Festrede der Leiterin, Frl. Stdonte Werner, die nach einem kurzen Rückblick auf die Entstehung und Entwicklung des Heims dankbar der holländischen und hiesigen Wohltäter gedachte und mit großer Genugtuung die Vertreter deS Senats begrüßte. Bürgermeister Stollen dankte und überreichte dem Vermittler zwischen Holland und Deutschland, Herrn A. Glazer, Generalkonsul Flaes, FrauKovrein und Herrn Rey die Rore Kreuz-Medaille. Dem Herrn Baron vanBeveroorde überreichte er namens des Hamburger Senats ein prachtvolles Album. Frl. Werner und Herrn Glazer erhielten die holländische Berdlenstmedaille. Nach kurzer Pause vereinigte man sich in einem Speisepavtllon zu einem Frühstück, bet welchem nach Worten der Begrüßung durch Herrn Paul LaSkar, die Herren Alfred Leoy namens der Hamburger Gemeinde und LewiSdörfer als Hamburger Rabbiner, Dr. Bamberger und H. Gumpertz namens der Logen, Oberschulrat Meyer namens der Oberfchulbehörde Glückwünsche und Ehrengaben darbrachten. Für den Frauenverein sprach Frau Bauer, für die holländischen Gäste, Frau Kovretn. Die Feier war eine wahrer Kiddtsch haschem und wird nicht nur für daS Heim, sondern auch für die Gäste ein Tag freundlicher Erinnerung bleiben. Wien, 12. Mai. Wer über den Aufenthalt deS Herrn Markus Mortche Welwel Silben mann, Enkel des Rabbiners aus Saffed (Palästina), '68 Jahre alt, Angaben machen kann, wird geberen, diese an M. Lorbeerbaum, Wien il, Große Schiffgaffe 19, gelangen zu kaffen Die Frau deS Vermißten lebt mit zwei Kindern tn großer Not in Wien und hat vor etwa Jahresfrist das letzte Schreiben ihres Manne» aus Berlin (Nußdorserstraße), erhalten. Seitdem fehlt jede Spur. Karlsruhe» LS. Mal. Falls sich Jemand von der Familie LupolianSki aus der Ukraine, in Deutschland in Not befindet, so möge er sich an Josef Lupoltanskt, Karlsruhe, Zähringerstr. 28, wenden. Sresde«, 24. Mat. Wer über den Aufenthalt eines Herrn Samuel Landraih aus Galizien Auskunft geben kann, wende sich an Fräulein Landrath in Dresden A., Räcknttzstraße 7H.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.