Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1921)
- Date
- 1921-06-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450138-2450159--68973-2526129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 4. No. 22. Der Israelit. meinde auszmrelen, in keineur Falte gesprochen werden darf. Ja, jene Aeutzerung Hildesheimers zeigt mit voller Deutlichkeit, dah ihm die Ordnung derZDinge, wie sie hier in Frankfurt vollzogen worden ist, als eine nachahmenswerte und mustergültige erschienen war.^ Zunächst sei festgestellt, daß es sich gegenüber den von uns zitierten unmittelbaren Aeußerungen Hildesheimers bet den hier angeführten Zeugnissen um Aussagen zweier Männer handelt, an deren subjektiver Glaubwürdigkeit zwar nicht der gertngte Zweifel erlaubt ist, die aber doch bei ihrer scharf prononcierten gemeindepolitischen Auffassung unbewußt sehr leicht Nuancen in Hildesheimersche'sche Bemerkungen und Ansichten hinein getragen haben können, die mit dem objektiven Sachverhalt nicht absolut üöerelnfLimmen. Der Wunsch ist sehr häufig der Vater des Gedankens, und was liegt naher, als das Bedürfnis, in den verehrten Meister von Berlin — nach den scharfen Auseinandersetzungen des Jahres 1878, die in ihrer persönlichen Gereiztheit wirklich nur „Episode" waren — auch eine prinzipielle Ueberetnstimmung hinsichtlich des Haupt-Differenzpunktes. von 1878 hineinzureflektieren? Wir halten diese Annahme für wesentlich wahrscheinlicher als die einer so vollkommenen Abkehr Israel Hildesheimers von dem kurz vorher mit äußerster Entschiedenheit sowohl Horovttz, als Hirsch gegenüber als allein richtig proklamierten halachtschen Standpunkt. Wir erblicken in den von Dr. Horovitz zitierten Berichten lediglich die Widerspiegelung der Tatsache, daß Israel Hildesheimer sich, seiner Eigenart gemäß, in ganz anderer Weise mit vollzogenen Tat s a che n ab zu sin den wußte als sein großer Zeitgenosse. Man denke an den von uns selbst veröffentlichten Brief, in dem Hildesheimer unter ausdrücklicher Betonung seiner theoretisch unveränderten Mißbilligung des „v»n Dr. Horovitz getanen Schrittes" dennoch die Empfehlung eines önitf nach Frankfurt damit rechtfertigt, daß eine „unabänderliche Situation" vorliege, die von anderen gegen seine Ueberzeugung religiös sanktioniert sei. Es ist somit sehr wahrscheinlich, daß Hildesheimer dem NIL^n-Falle der nun einmal geschaffenen dualistischen Gemeinde gegenüber sich seelisch wesentlich milder einftellte als zu dem -Falle, der ihm im Februar 1878 zur Beurteilung vorlag, und daß diese veränderte seelische Einstellung im Lause der Jahre sine immer größere Vertiefung in der persönlichen Freundschaft mit Markus Horovttz erfuhr. Grade dies mag dann kurz vor der Gründung der „Freien Vereinigung" — neben Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des Systems der Raböinerbildung — zu einer Entfremdung von S. ft. Hirsch geführt haben, der in der geschlossenen Einheitlichkeit seiner willensmächtigen Persönlichkeit für das persönliche Freundschaftsverhältnis Hildesheimers zu dem eigentlichen Exponenten der von ihm als gesetzwidrig bekämpften Gemeindebildung nicht das mindeste Verständnis haben konnte. Aber daß darum Hildesheimer in der Tat, sei es 1886, sei es auch am letzten Tage seines Leben-, fürhalachisch erlaubt gehalten haben sollte, was er 1878 in der unzweideutigsten Form als verboten anerkannte, das scheint uns auch nach vorurteilslosester Würdigung der Dr. Horovttz'schen Beweise unglaubhaft. Der „Hildesheimer von 1878" war ja keineswegs eine plötzlich anstauchende Ueberraschung und keineswegs bilden die von uns zuerst veröffentlichten Brtefstellen einen isolierten Beleg für die halachisch-gemeindepoltttschen Anschauungen des Meisters. Dessen ganzes öffentliches Leben vielmehr, in Ungarn, beim Kong resse, als Schöpfer und Rabbiner der Berliner Austrittsgcmeinde „Adaß JtSroel" zeigt ja nach der gleichen Richtung wie die Briefe von 1878, und als im Jahre 1872 Hildeshei mermitHirsch und nach 3vS Rabbtnen den Austritt aus - der Wiener Gemeinde für geboten erklärten, da best an den in Wien alle die orthvdoxenInstitutionen in weit vollkommenerem Maße als sie m Frankfurt 1 2. Juni ISA. unmittelbar nach Markus Hororitz Amtsantritt zu schaffen möglich waren. All das aber, ein ganzes Leben soll nun plötzlich zu einer rasch vorübergehenden „Episode" degradiert werden, die bei der Beurteilung des Hildesheimer'schen Standpunktes vor zwei indirekten Zeugnissen in den Schatten treten soll! Es liegt uns bet dieser Auseinandersetzung ganz fern, für den Austriitsstandpunkt Propaganda machen zu wollen,' es geht uns Lediglich um die Feststellung der geschichtlichen Wahrheit. Die Behauptungen der Herren Rabbiner M. Horovitz und Joseph Chajim von der MetnungSänderung Israel Hildesheimers in dem Zeitraum nach 1878 werfen ein interessantes psychologisches Problem zur Biographie Israel Hildesheimers auf, dessen befriedigende Losung nach unsrer Ueberzeugung nur in der von uns angedeuteten Weise möglich ist. Mögen sich nun diejenigen äußern, die Israel Hrldeshelmer in dem Jahrzehnt nach 1878 am nächsten gestanden haben und die vielleicht in der Lage sind, durch neues urkundliches Material zur weiteren Klärung der Frage — die für uns keine Frage ist — beizutragen. Bis dahin müssen wir an der dokumenrarisch belegten Tatsache fefthalten, daß Hirsch und Hildesheimer in der haiachijchen Beurteilung der Austrittsfraze eines Sinnes waren. LehrertdeMmus. Boa Dr. ffl. Auerbach iu Köln. Es gibt wohl kaum einen Berus, der im allgemeinen bei Erwählung und Ausübung soviel Idealismus poraussetzt wie der des. Lehrers. Wer biefcu Berus erwählt, hat sich entschlossen, vornehmlich nicht Frucht, sondern.Saatkorn zu sein. Das Beste, was er Hat, will er andereil geben, der Menschheit dienend in erster Linie , durch Vermittlung der Kulturwerte der Gegenwart an die Zukunft, die kommende Generation, erst in zweiter Linie an die eigne Vervollkommnung denkend Md auch dann diese mehr in den Dienst des Berufes als des Eigenlebens stellend. Das ist. das schwere Opfer, das der Lehrberuf seinen Priestern auferlegt. Und daneben noch ben Verzicht ,auf wirtschaftliche Annehmlichkeiten, welche die meisten anderen Berufe dem geistigen Arbeiter versprechen, wenn auch nicht immer bieten. Dem gegenüber gewährt der Lehrberuf das so unendlich Schöne, daß die Berufstätigkeit als solche, richtig aufgefaßt und ausgeübt, eine Kette seelischer Freuden ist. Zu sehen, wie der Schüler von .Dag zu Tag sich entwickelt, wie der Fortschritt fast täglich wahrzunehmen ist. Und wenn der Schüler in einer Krise sich befindet, mit Ruhe und Geduld dem Ringenden zur Seite stehen, fn dem Gefühl zu Helsen, und welche Befriedigung, ihm wirklich geholfen zu haben! Wohl hat auch der Lehrer manche Enttäuschung, aber je reifer und ruhiger er aus das Fazit seines Tuns blickt, urnso mehr wird er merken, daß ein reines Lehren niemals ohne Erfolg war. Man har manchmal größeren Erfolg erhofft, aber verloren ist das Arbeiten nie gewesen. Und sollte man dem aus Abwege geratenen Schüler auch nur ein einziges Monrent der Sittlichkeit gerettet haben ysbty H31P V' nnarriMZC Mancher kann in einem Augenblick des zukünftigen Lebens wert werden. Und vielleicht hat der Lehrer der Jugend die Veranlassung für diesen Augenblick gegeben. Und viel, viel mehr als die Enttäuschungen sind die Zeiten der inneren Befriedigung. Deshalb fühlt sich der wahre Lehrer glücklich, diesen Berus gewählt zu haben. So denke der Lehrer. Aber die Eltern der Kinder oder ihre Vertreter, die Gemeinde, darf sie sich damit zufrieden geben, daß gar mancher Lehrer, der einen schweren Wirtschaftskampf zu bestehen hat, durch die idealen Freuden des Berufes entschädigt wird? Nie und nimmer! Jeder ist verpflichtet, an sich die höchsten Anforderungen zu stellen, von anderen fordere er nicht mehr als dessen Pflicht. Der einsichtige Vater, die vernünftige Gemeinde, die wissen, baß der Beruf des Lehrers, vor Allem des Religionslehrers, den höchsten Idealismus verlangt, sie sind verpflichtet, alles zu tun, diesen Idealismus .nicht zu zerstören pdjpi 1 "18122 D\“n rmns. Wer einen Mühlstein am Halse hat lvie kann er sich mit der Thora beschäftigen,? Mit dieser Frage charakterisieren unsere Weisen die schier unüberwindliche Schwierigkeit, sich der Thora zu befleißigen, wenn man schwere Nahrnngsforgen hat. Und wieviel jüdische Gemeinden haben das Recht zu sagen: „Wir tun unsere Pflicht!".? Wie viel Gemeinden stellen ihre geistigen Führer wirtschaftlich so, daß sie nicht durch Nahrungssorgen in der Ausübung ihres, heiligen Berufes beeinträchtigt werden? Gar manche Gemeinde klagt heute über ihren Lehrer. lieberlegt sie aber auch-, ob sie hierzu moralisch berechtigt ist? Hat sie nicht oft den Lehrer^ den sie verdient, weil sie ihm selbst durch schlechte wirtschaftliche Lage allmählich seinen Idealismus geraubt hat? Auch heute in unserer, in mancher Beziehung mit Unrecht, materialistisch genannten Zeit, gibt es unter unseren Lehrern reinste Idealisten, ganz besonders auch unter den Junglehrern. Unvergeßlich ist dem Schreiber dieser Zeilen ein Augenblick der Lehrerversammlung des rheinischen Zweigvereins des „Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer", als ein junger Wann als Forderung der Junglehrer aufstellte: der jüdische Lehrer muß Sorge tragen für die religiöse Fortbildung der schulentlassenen Jugend. Dabei wurde gerade von seiten der Junglehrer betont, hierfür solle der Lehrer kein Entgelt verlangen. Das freiwillige Geben verbürge den Erfolg. Das sind nicht nur Worte, sie sind bereits in die Tat umgesetzt. In mancher rheinischen Gemeinde ist durch das ausopferungsvolle Wirken des Lehrers ein neues jüdisches Leben im Erblühen. Sicher ist es auch außerhalb des Rheinlandes der %üll Genügend Beispiele für den Erfolg oes selbstlosen Wirkens nicht weniger Lehrer sind ja auch Gott sei Dank aus früherer Zeit bekannt. Aber mit besonderer Freude erfüllt uns das Verantwortlichkeitsgesühl und der sreuoige Idealismus im Nachwuchs der jüdischen Lehrerschaft. An die Gemeinden aber geht unsere Mahnung: verstehet, was für eure Zukunft der Lehreridealismus bedeutet! Lasset ihn nicht verkümmern, sondern erhaltet ihn! Ausgabe eurer geistigen Führer ist es, für eure und eurer Kinder religiös-sittliche Entwicklung zu sorgen. Eure Pflicht ist, sie vor wirtschaftlichen Sorgen zu schützen. Wie eure eigenen Einnahmen, müssen auch die eurer Lehrer Schritt halten mit der allgemeinen Teuerung. Die Opfer, die ihr euch auserlegt, um dieser elementaren Pflicht nachzukommen, bringt ihr nicht einzelnen Männern, ihr bringt sie für die Zukunft eurer Kinder und Enkel! Der neue Grmeindebund und die Srlhodvkie. VI. In Wirklichkeit wäre ja mit den Ausschüssen, selbst wenn ihnen viel mehr praktische Selbständigkeit gegeben wäre, und die Befugnisse der einheitlichen Organe des Verbandes, nämlich des Rates und Bundestages', viel mehr beschnitten wären, noch lange nicht das erreicht, was einen Vergleich rechtfertigen würde zwischen dem Aufbau des Gemeindebuudes einerseits und unseren Hamburger Gemeindeverhältnissen andererseits, von denen wir ja ausgingen. Vollziehende Gewalt ist den Ausschüssen in der Verfassung überhaupt nicht gewährt. Die Bestimmungen über die „Wirksamkeit" der Ausschüsse bleibt überhaupt erst zukünftigen Bundesbeschlüssen überlassen. (§ 28 der Verfassung). Die gesamte vollziehende Gewalt ist aber bereits jetzt dem .Rat zugesprochen. (§ 33 der Verfassung.)