Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1921)
- Date
- 1921-05-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 20 des „Israelit". fr, ’ . : ■ ..-t Von Eorbowa nach Lhafarien. Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) IX. Im Garten saß Hadassa und sah der sinkenden Sonne entgegen, wie sie hinter den Wipfeln, zu einer glühroten Kugel zusammengeballt, noch einmal ihr strahlend Gesicht der Erde zuwandte. Eigentümlich war doch ihr Geschick von frühester Kindheit an und sie hatte eigentlich bis heute nie darüber nachgedacht. Wie und warum kam ihr jetzt das Wissen um sich selbstwie kam es, daß sie beim Auf- und Untergehen der Sonne an sich, ihr Leben denken mußte! . Denken! Das war ihr von jeher zuwider — Sie sah sich täglich von dem Morgen geküßt und lachte. Abends sagte ihr die Sonne „Gute Nacht", und das klang auch nicht traurig. Dazwischen gab es hellen Sonnenschein, Duften und Blühen,' Farben und Lachen und singende Vögel. Und alle Menschen um sie lachten froh. Warum denken? Denkt der Myrtenstrauch, den der Vater bei ihrer Geburt auf ihren Namen gepflanzt, denkt dev bünte Schmetterling, der in der warmen Luft herumstattertdenkt die Blume, wenn sie den Kelch öffnet, um den frischen Tau einzusaugen? . . . Denken? Nein! Wenn sie dachte, so stimmte sie dies traurig, so sah sie das wachsbleiche Gesicht der Mutter im Leichentuche, den weinenden Vater. Sie war damals noch so klein, daß sie das alles noch gar nicht begriff. Jetzt aber sah sie dieses alles klar und deutlich, so sie nur dachte. Und ein unsägliches Gefühl schlich sich dann in ihr Herz. — Vielleicht das, was die Menschen Trauer nennen. Sie aber mochte dieses Gefühl nicht, sie mochte nicht traurig sein. Darum dachte sie nicht gern, darum lachte sie denn mehr als Andere, lachte sie sogar da, wo Andere ernst verstummen und galt als leichtes Gemüt, das die Schwere des Lebens nicht kennt. Sie war im strahlenden Glück und Glanze des Fürstenhauses großgezogen und Liebe, des Vaters, wie der Menschen, streute Blumen auf all ihre Pfade, sie war von allen beneidet, von vielen umworben. Kannte sie darum den Ernst, die Schwere des Lebens nicht, weil sie diesem dummen Leben herausfordernd ins Gesicht lachte?- Oder sagte sie nicht mit heiterem Lachen mehr als Andere mit schweren Worten, drang sie nicht spielend tiefer in die Dinge als etwa die ganze Grammatik des guten Menachem? ... Und dabet war es doch dieser allein von all ihren Freunden, der um die Wandlung in ihrer Seele wußte, der sie miterlebt. Sie hatte immer hinter seiner Satz- und Wurzellehre eine warme Herz geahnt und hatte sich nicht getäuscht. Sie hatte die Gewohnheit, ihr Leben an den jungen Myrten am Baume zu beobachten und zu bewerten, den der Vater bet ihrer Geburt gepflanzt. Wie sie große glänzende Augen machten, wenn morgens der Tau von ihnen fiel. Und ob es Sommer oder Herbst oder Winter war, ob Sonnenschein oder Nebel auf ihnen lagerte, immer schimmerten sie in frischem Grüne . . . „Hadassa", weckte sie Menachem ben Saruk sanft aus den Träumen, „Einsamkeit ist stille Freundin der Glücklichen wie der Unglücklichen. Doch ziemt es Hadassa nicht, dumpfem Brüten zu verfallen. „Sorge im Herzen des Menschen drückt dieses darnieder", sagt der weise Spruchdichter in seinen „Mtschle". Man kann es auch übersetzen: „Ist Sorge im Herzen, so erzähle man sie, gebe ihr in Worten Ausdruck." Denn „Jaschenoh" kann auch von „Stach", „Aussprechen" kommen ..." „Schon wieder der Grammatiker", lachte Hadassa hell. „Aber sie verliert von ihrem Grauen, diese schreckliche Grammatik, im Munde Menachems, wenn sie darauf hinausgeht, Herzen und Zungen zu lösen-Doch was wißt ihr, Lehrer und Meister, von Jzchak?" „Nicht mehr als alle Anderen. Er war in Slavonien, ging von dort nach Ungarn, wo wir seine Spur verlieren . . . Vielleicht wartet er dort, vielleicht ging er weiter, feinem Ziele entgegen -Und er ahnt nicht, daß seine Mission beendet ist." „Beendet?" „Beendet," erklärte Saruk, „Erreicht der rollende Brief fein Ziel, dann bedarf es Jzchaks aufopfernder Tat nicht mehr." „Und kehrt dann Jzchak mit leeren Händen von irgendwo heim?" fragte des Mädchen. „Ich kenne Jzchak von Kindheit auf", sagte der Gelehrte, „noch von den Zeiten her, da er als junger Schüler vor mir saß und und, wie du es jetzt noch tust, mir seines Herzens Nöte ausschüttete. Er kommt mit dem Lorbeer des Erfolges in der Hand oder er kommt gar nicht." „Und nun ist ihm der Lorbeer durch den Brief aus der Hand geschlagen und er kommt nicht wieder . . ." ' Hadassa verdeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. Saruk legte seine Hand sanft auf Hadaffas Schulter. „Du darfst nicht schwach sein, wenn der Mann, der um dich leidet, stark ist. Deiner Herzensstärke ein Hauch muß er in weiter Ferne, wo er um dich ringt und bangt, verspüren, auf daß auch seine Kraft gestählt, sem Mut gehoben wird . . „Die Hindernisse sind zu groß", seufzie Hadassa. „Die vielen Wasser vermögen die Liebe nicht zu löschen und die Ströme sie nicht sortzureiß en", heißt es in deinem Lieblingsbuche, im heiligsten aller Lieder . . ." „Und die Dränger hier? Aus Granada und Toledo, aus Babylon und Bagdad kommen die Werber mit ihren Fürstenkronen und dem Glanze hoher Namen. Wie soll ein schwaches Mädchen, das nur im Singen und Blühen ihre Welt fand, diesem Ansturm widerstehen können?" Menachem ben Saruk überlegte und sein mildes Auge umfaßte das Mädchen wie warmer Sonnenstrahl. „Hadassa", sagte er, „die Sulamtth im Hohenliede, die Bild ist für Israel, die Gottesbraut, ist Schäferin nur, die man zur Hüterin des Weinberges" gemacht. Und: „Ein verschlossener Garten ist die Braut, verschlossener Garten, versiegelter Quell . . Bis er kommt und Sulamit singt: „Es komme der Geliebte in seinen Garten und breche die liebliche Frucht... Set stark Hadassa!-" Die Türe zur Laube ging rasch auf, bevor noch Saruk weiter sprechen konnte, und vor der Oeffnung stand mit kreideweißem Gesichte der Nässt Chisdat eben Schaprut. „Du, Menachem, der Mann meines Vertrauens und Lehrer meiner Gemeinde, meines Kindes? . . Auf einen Wink des Vaters entfernte sich Hadassa, ohne daß es ihr erlaubt war, ein Wort, zur Rechtfertigung zu sagen. Vor dem erzürnten Fürsten stand Menachem ben Saruk, ruhig, aufrecht. „Also du Menachem, der mein Vertrauen mißbraucht, meinem Kinde statt es in die Wissenschaften einzuführen, die Sinne verwirrt, es zu Ungehorsam gegen den Vater aufftachelt, daß es sein Glück verschmäht, Habe ich es an dir verdient, Menachem? . . „Der Nasft hat es an mir verdient," gab Menachem ruhig zurück, „daß ich seinem Kinde, das allein mit der Not seines Herzens ringt, beistehe . . „Not des Herzens?" erwiderte der Nässt erbost. „Wer hat die Not ins frohe reine Herz getragen, wer das sengende Feuer in diesem vor Lust und Freude übersprudelnden Herzen angefacht? Am Ende bist du es selber, dem, wie du es sagtest, Hadassa den Garten hüten „Nein, ich nicht" wehrte Menachem entschieden ab. „Wer sonst? Bekenne es Menachem, daß ich diesen frevlerischen Seelenraub nach Gebühr ahnde . . ." Menachem schwieg. „Bis zum Sonnenaufgang wil ich d^ine Antwort, klar und schlicht, ohne Un'chme.se tvx' Ausflüchte, haben", jagte d:r N ü >. ua? g.U', ohne Gruß von dannen — — — Menachem schwieg beharrlt^ schwieg auch noch als die Nacht vorbei war w b ein neuer Morgen über die Welt erstrahlt war. Die Sonne stand aber noch nicht im Zenit, als ein Bote aus dem Palaste des Nässt Menachem ein kurzes Schreiben überbrachre. Ohne metliche Erregung nahm er den Bogen in die Hrad, er hatte ihn schon erwartet. Verbannung! . . . Noch vor Sonnenuntergang verließ Menachem ben Saruk, den Wanderftab in d, c Hand und den Ranzen auf dem Rückelt, Cordoroa. Er sah nicht, wie hinter ihnl de^ Haß dämonisch grinste. In der Mauerecke rieb fia- Dunasch ben Labrat vergnügt die Hände und summte ein Spottgedicht vom „Wanderer, der der Weisheit neue Wege schafft . . ." Er sah aber die ihm nachweinende Liebe. Ueber den Gartenzaun grüßte mit feuchtschimmerncen Augen Hadassa, und ihr Gruß war eine warme Rcisezehrung, die bis las Herz und in die Seele ging. „Sei stark Hadassa! . . (Fortsetzung folgt.) Ein VekennW. Unter Führung des bekannten ungarischen Publizisten Isidor Kalnoti — rrat eine ganze Gruppe von Schrift lellern, Dichtern und Künstlern (unter ihnen auch der Bühnendichter Eugen Molnar), korporativ in die Budapester „Chewra KadischcL' ein. Mit diesem Schritte iuoüten die Männer, die kaum noch dem Namen nach Juden rvaren, als Demonuratton gegen die feindliche Welt, sich öffentlich zum Judentum bekennen. Die bei dieser Gelegenheit von K a l n o kt gehaltene Rede ist mehr als bezeichnend für die Stimmung in einem Teile des ungarischen Judentums. Er sagte u. a.: „Meine Kollegen und Freunde betrauten mich mit der ehrenvollen Ausgabe, Ihnen unsere Genugtuung und unseren Dank zum Ausdruck zu bringen. Es ist wohl überflüssig, zu betonen, daß nicht meine persönlichen Vorzüge noch meine rednerische Begabung mich dieser Auszeichnung würdig erscheinen ließen, sondern einzig und ausschließlich mein grauer Scheitel. Und es ist, als ob sich angesichis dieser grauen Locken zwei Fragen auf die Lippen drängten: Habt ihr euch hieher gehörig gehalten, warum kämet ihr so spät mit ergrauten Haaren? Warum ward ihr nicht schon längst hier? Und die zweite Frage: Fühlt ihr euch nicht hieher gehörig, warum kvmrnt ihr dann hteher? Und warum gerade jetzt? Auf die erste Frage fällt mir die Antwort leicht. Warum wir nicht schon längst kamen? Weil wir immer hier waren Wir waren mit Ihnen durch unseren Glauben, durch unsere Ueberlieferungen verbunden, wir waren vereinigt mit Ihnen durch die Traditionen