Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1921)
- Date
- 1921-05-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Seite 8. Der Israelit. 19. Mat 1921. unserer Väter und Vorväter. Wir haben mit Ihnen gefühlt, mit Ihnen gearbeitet, mit Ihnen gemeinsam allem Edlen und Guten zugestrebt. Wir waren blotz nicht registriert, wir haben blotz unsere Nummer im Verzeichnis uichi erhalten. Das Heimweh, geehrte Herren, kann nur jenen erfassen, der fern ist von seiner Heimat. Auch aus Ihre unausgesprochene Frage, warum wir gerade jetzt kommen, will ich die Antwort nicht schuldig bleiben. Wir, meine Herren, haben uns nicht geändert. Auch Sie änderten sich nicht. Dieser heilige Verein steht auch heute im Dienste der Menschheit, der Wohltätigkeit und der Glaubenstreue. Aber die Zeiten änderten sich und mit ihnen die Menschen. Große Stürme tobten über unseren Häuptern und plötzlich sahen wir uns in eine andere Welt hineingewirbelt. Meine Herren! Ich habe wohl schon den größeren Teil des mir zugemessenen Lebensweges zurückgelegt Viel mehr liegt vereirs hinter mir, als ich noch vor mir habe. Niem Leben verlies ständig in Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit, ich lernte, wählte eine Laufbahn, arbeitete. Ich erwarb mir einen Namen, errang mir Anerkennung und erreichte Erfolge. Mit tausenden und abertauferlden Menschen hatte ich im Leben zu tun. Ich erwarb mir Freunde, hatte Verkehr mit Dichtern, Künstlern, Politikern, Gelehrten, kleinen Leuten, einfachen Bürgern. Ich kam auch viel im Lande herum, war im Auslande und die Zahl derjenigen, mit denen ich im Verlauf eines Menschenatters mehr oder weniger in Berührung kam, reicht wohl an die Tausende. Aber niemals in meinem Leben richtete ich an einen Menschen die Frage: „Welcher Konfession sind Sie"? Auch ich wurde nicht viel darum befragt. Ich war des Glaubens, dah die Religion der Glaube der Seele sei, daß jeder es mit seinem Gott, mit seinem Gewissen, eventuell bei festlichen Gelegenheiten mit dem Geistlichen seiner Kirche auszumachen habe. Und nun mußte ich es sehen, hören und erfahren, daß von allen Seilen die Frage niir emgegenstarrt, „Bist du Jude"? Wohin immer ich auch blicken mag, überall höre ich dieselbe Frage. Ich lese sie in den Spalten der Blätter, sie donnert aus den Pcnlamentsreden hervor, sie wird tn Flugschriften verbreitet, aus den Wänden plakatiert: „Bist du Jude"? Mit dieser Frage wird das Kind in der Schule, der Bürger im Steueramt, der Zeuge bei Gericht empfangen. Die Frage starrt aus den Augen, sitzt auf jedermanns Lippen und diese Frage wird mir drohend geballter Faust, mit niedersausenden Knütteln gestellt: „Bist du Jude"? Nun sind wir zu Ihnen gekommen, um auf die ewige Frage zu antworten. Wir sind gekommen, Farbe zu bekennen. Wir sind gekommen, ein Glaubensbekenntnis abzulegen. Wir sind gekommen, unsere Seele zu offenbaren. Wir sind gekommen, offen, mannhaft, erhobenen Hauptes zu verkünden: «Wir sind Juden, glaudenstreue Juden und wollen es auch , bleiben"! Nicht Demonstrationslust führt uns hieher, auch nicht revoltierender Trotz. Die innere Ueberzeugung rief uns, die Anhänglichkeit an den Glauben unserer Vorfahren, die Achtung vor den religiösen Traditionen unserer Väter. Und nun stehen wir vor Ihnen erhobenen Hauptes mit geschwellter Brust und sind gewärtig, was uns für unsere Glaubenstreue beschteden fein wird: Das Brandmal auf unsere Stirne oder die Auszeichnung auf unsere Brust. Wie immer es kommen mag, in vieler Augen ist der jüdische Glaube ein Brandmal. Für uns wird er immer ein glänzender Orden sein. Und wäre es auch ein Brandmal, wollen wir es auch tragen. Wir tragen es tn dem Bewußtsein, daß der Stempel nur auf wahre Werte gedrückt zu werden pflegt. Kleine Tüchtigkeiten erhalten niemals eine Bezeichnung. Eitles, nichtssagendes Geschreibsels wird niemals mit dem Stempel beglaubigt. Nur inhaltsvolle Dokumente tragen den Stempel. Wertloses Eisen wird nicht punziert, nur schweres Gold und teures Silber. Mag sein, daß manche von uns glauben werden, daß wir aus Feigheit unter dieses uns heilige Obdach geflüchtet sind, um Unterkunft und Schutz zu finden, bis der Sturm vorbeigezogen sein wird, wie die Schafe sich unter das schützende Dach ihres Pferchs drängen, wenn Sturm und Hagel hereinbricht. Auch wenn es so wäre, würden wir das Gebot der Klugheit befolgen, die die Menschen zur Zeit des Sturmes zum Zusammenhalten und zu gemeinsamem Fühlen aneisert. Aber -er selbstbewußte Mann flüchtet nicht nur, um Schutz zu suchen, unter das heimatliche Dach, sondern eilt auch als Beschützer in sein Familienhaus. Das Dach schützt den Menschen, der Mensch beschützt sein Dach. Wir sind in der Zeit der Bedrängnis unter Ihr schützendes Dach geeilt, aber nicht nur, um während des Unwetters Schutz zu finden, sondern um diesem uns heiligen Heim sichere Stützen und unerschütterliche Säulen zu seit,. Wir brachten unser Wissen, unsere Fähigkeiten, unsere Arbeirsliebe mit uns, um mit Ihnen gemeinsam weiterzubauen, zum Wohle unseres Hauses, unseres Glaubens und unseres Vaterlandes. So helfe uns Gott"! Hierauf wurden sämtliche Angemeldeten vom Präsidenten Julius Adler mit Handschlag und mit dem Losungswort: „Ochinu atto" („Du bist unser Bruder") als Mitglieder in die Chewra Kadischa auf» genommen. Ainderecke. Nie Mesusa. Von Heinrich Einftädter. „Wir sind also vollkommen einig. Der Kaufpreis des Hauses ist festgesetzt. Du kannst noch vier Wochen wohnen, und dann ziehe ich ein. Nur eine Bitte habe ich jetzt noch: Laß die „zehn Gebote" an der Haustür. Ich will sie heilig und in Ehren halten." Leopold Wiener war damit einverstanden. Er hatte das kleine Haus, in dem seine Eltern ge» lebt hatten, verkauft, weil die Räume für ihn nicht mehr ausreichten. Ungern trennte er sich von der Stätte, die ihm so teuer war. Er tröstete sich damit, daß Konrad Sauer der neue Besitzer war. Konrad war ihm von Jugend an als ein braver, guter Mensch bekannt. Er hatte mit ihm in der gleichen Kompagnie gedient, und er schätzte ihn wegen seiner geraden, ehrlichen Denkweise, seines unermüdlichen Fleißes und seiner religiösen Gesinnung. Obwohl verschiedenen Glaubens, hatten Leopold und Konrad während der Militärdienstzeit enge Freundschaft geschlossen. Wenn ihre Kameraden sich in ausgelassener Fröhlichkeit belustigten, so waren sie oft miteinander in das Freie gewandert, um die ewig schöne Natur zu bewundern und ihre Gedanken über ernste Dinge auszutauschen. Dabei hatte es sich herausgestellt, daß ihre Ansichten meistens übereinstimmten, imö im L mfe der Züt schlossen sie sich immer aneinander an. Leopolds Geburtshaus war seit seiner Errichtung im Besitze jüdischer Familien gewesen. Im Steinpfosten neben der Eingangstür war eine Vertiefung ausgehauen, und in ihr befand sich eine große Mesusa. In manchen Gegenden bezeichnet die nichtjüdische Bevölkerung die Psostenschrift als „Zehngebot", obzwar .sie in Wirklichkeit die beiden ersten Abschnitte des Sch'ma enthält, und viele glauben, daß sie dem Hause zum Schutze gereiche. Sauer mochte gleichfalls dieser Ansicht sein. Auch wäre durch das Herausnehmeu der Kapsel eine unschöne Vertiefung im Pfosten entstanden. Jedenfalls hatte Wiener keinen Grund, dem Freunde die Erfüllung seiner Bitte zu versagen. Er war ja davon überzeugt, daß von seiner Seite kein Mißbrauch mir der Mesusa getrieben werde. Dem Umzuge folgte eine unruhige Zeit. In dem Grenzftädtchen und seiner Umgebung wurde infolge der politischen Zustände das Verhältnis zwischen der deutschen und polnischen Bevölkerung immer gespannter. Beide Parteien traten sich tn Versammlungen feindlich gegenüber, und nicht selten kam es zu Tätlichkeiten. Konrad stand an der Spitze eines deutschen Vereins. Er machte aus seiner deutschen Gesinnung kein Hehl. Treu hielt er zum Vaterlande, und alle Bestrebungen, es durch Abtrennung von Grenzgebieten zu schwächen, fanden in ihm einen entschiedenen Gegner. Daher wurde er im polnischen Lager sehr gehaßt. Gelegentlich der Landragswahl trat Sauer mit seiner Tatkraft für die deutschen Kandidaten ein. Zu seiner Befriedigung errangen diese auch den Steg. Darüber gerieten die Polen in große Wut. Von einer in der Nähe gelegenen Kohlengrube zog ein Haufe polnischer Bergarbeiter in das Städtchen. Bald entstanden tn den Straßen gefährliche Balgereien. Ein Trupp, der meist aus betrunkenen halbwüchsigen Burjchen bestand, wollte Sauers Haus stürmen und ihn selbst „ausheben". Dte Polizei war zu schwach, um den Ruhestörern wirksam entgegentreten zu können. Sauer und die Seinen befanden sich in großer Gefahr. Ein Pole, der gehört hatte, wo der Gehaßte wohnte, führte seine Anhänger vor dessen Haus. Wie fast alle Leute hatte auch Konrad die Haustür und die Fensterläden geschlossen. Die Polen näherten sich dem Eingang. Da rief der Anführer: „Halt! Ich muß mich geirrt haben. Das ist ja ein Judenhaus." Er zeigte auf die Mesusa. Der Haufe wälzte sich weiter. Sauer erfuhr bald, welchem Umstande er seine Rettung zu danken hatte. Selbstverständlich ließ er jetzt erst recht die Mesusa an ihrem Platze, uno er und seine Angehörigen begegneten auch den anderen Einrichtungen der jüdischen Religion mit höchster Achtung. Omer-Zählen. Von Heinrich Einstädter. Tie Torsuhr schlägt die achte Abendstunde. Dunkler heben sich die Hügel ringsum aus den Gründen, woselbst, seitdem die letzten Sonnenstrahlen sich zurückgezogen haben, eine ge heirnnisoolle Stille eingekehrt ist. Schatten wallen über ihnen dahin. Unter den alten Kastnnienbüumen, die in der Mitte des Dorfes stehen, ist es Nacht geworden, trotz der großen Kerzen, die sie sich allenthalben ausgesteckt haben. Undeutlich zeichnen sich die Umrisse der Häuser ab, die sich ihnen, anschließen. Nur im großen Teiche ain Rande des Dorfes blinkt manchmal ein mattes Licht. Gleich einenr Kessel erscheiltt er mit seiner nächsten Umgebung; bewaldete Hügel, dichte Banmriesen und unregelmäßig verteilte Häuser bilbeit die dunkle Umrandung. Vom Walde her streicht ein warmes, mit Wohlgerüchen erfülltes Lüftchen. Der Dust des Flieders, der an den Mauern blüht, das würzige Aroma, das den Pappeln entströmt, und der inilde Hauch, der von den bereits in Finsternis gchüilten Obftbäumen herüberkommt, mischt sich mit ihm. Die Männer und Knaben, die am Rande des Teiches vor der Synagoge .stehen, nur dort den Omer-Gottesdienst zu verrichten, sobald sich die ersten Sterne zeigen, atmen mit vollen Zügen den süßen Dust und empfindet: schweigend den Zauber, den das geheimnisvolle Weber: und Werden itt der Natur auf sie ansübt. Sie sehen, loie die großen Blätter der Teichrose:: sich in: Mondlichte heben und senken und denken schor: die Blüten hinzu, die noch in den Knospen schlummern. Sie können an: Rande des dunklen Gero üssers die grünen Spitzen des Kalmus erkennen, mit dem sie am Schowuaus den Boden der Synagoge bestreuen tverden. Sie vermögen wohl nicht mehr zu den Fluren hinzublicken, die sich an: jenfeitigen Ufer bis zum Walde dehnen; aber ihr inneres Auge schaut schon die goldenen Garben, die sic im Sommer von dort e.inzubringer: hoffe::, m:b die Knaben denken durch der: Blütendust ar: die reifen Früchte, die bald zu ihrer Freude die Aefte und Zweige zieren roeroer:. Man zählt Omer. — — — — In der Nähe steht ein kleines Haus. Im fahlen Dämmerlicht hat eine Mutter ihr Kind zur Ruh gebracht. Sie sitzt still an: Bettchen, bis ihr Liebling einschlummert. Im Zimmer wird es finster, aber in der Seele der Frau desto heller. West hinaus blickt sie in die Zukursit. Sie sieht ihr Kinch wie es eifrig ü: der Schule lernt, wie es fromm als War Mizwv zur Thora schreitet, wie es in einem Berus arbeitet und Ansehen und Wohlstand erwirbt. Sie ist so in ihren Traum versunken, daß erst die tiefer: Atemzüge des kleinen Schläfers sie ar: die Wirklichkeit erinnern. Ganz finster ist es inzrvischen geworderr. Langsam erhebt sich die Mutter, entzündet die Lampe und greift zum Gebetbuch. Man zählt Onrer. — — — —