Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1921)
- Date
- 1921-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450138-2450156--68925-2526078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
mit Mitteleuropa nicht verzichten kann. Den deutschen Antisemiten genügt aber schon die Zufälligkeit, daß eine Konferenz in einem Hause mit einem jüdischen Namen stattfindet, um die ganze Mion als eine jüdische dahin zu stellen. Wir sagten es schon jüngsthin: zu den drei Internationalen kommt noch eiye vierte: die der Dummheit und Bosheit. Ser neue Gemeindedund und die Orthodoxie. II.*) In den vorangehenden Ausführungen wurde der Nachweis erbracht für die von dem ,.Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands" in jedem Stadium der Verhandlungen mit dem D. I. G. B. streng beobachtete Loyalität und die offenherzige Bekundung des von ihm vertretenen Standpunktes der Orthodoxie. Eben darum hat er das Verhalten des D. I. G. B. auf dem Gemeindetag als eine schwere Enttäuschung empfunden. Ob trotz dieser Enttäuschung der bis zum Gemeindetag bestehende Plan eines friedlichen Nebeneinonderwirkens und Miteinanderwirkrns der beiden Bünde zu gegebenen Zwecken noch verwirklicht werden kann, wird nunmehr von dem Maß eines guten und ernsten Willens abhängen, den der D. I. G. B. in Zukunft betätigen wird. Schwerer allerdings noch, als die Enttäuschung, die der Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden als Ganzes erfahren hat, wiegt die Enttäuschung des Teiles der ihm zugehörigen Gemeinden, die bis zum Gemeindetag entschlossen waren, unter gewissen Voraussetzungen auch der neuen Organisation - - des D. I. G. B. . sich anzuschließeiu ' ' ‘ J '';; - -' Wir begreifen es, daß die einzelne Shna- Remetnde, die bis zum letzten Gemeindetag iaubens war, die Zeit der Majorisierung in Fragen des Gewissens sei vorüber, jetzt — nach Ablauf des Gemetndetags — erschrocken über Standpunkt und Aussprüche, Tonsall und Stimmungsmache gewisser maßgeblichster Persönlichkeiten des D. I. G. B., erneut in ernste Erwägung der Fragen eintritt, ob sie einen Anschluß an die Organisation des D. I. G. B. auch jetzt noch rechtfertigen und vor der zukünftigen Generation verantworten kann. Es ist Sache jeder einzelnen Synagogengemeinde, ein gerechtes Urteil sich darüber zu bilden, ob der Rückhalt, den sie an einen selbständigen und auch von der neuen Organisation *) Bergt. Israelit Nr. 15. des D. I. G. B. als selbständig anerkannten Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands finden kann, ausreichend ist, um der neuen Organisation ebenfalls als Mitglied beizutreten. Der gesetzestreue Bund als solcher hat die Entscheidung dieser Frage jeder einzelnen Synagcgengemeinde zu überlassen. Soweit zu den tatsächlichen Vorgängen. — III. Angesichts des Wendepunktes in der inneren Geschichte der deutschen Judenheit, welcher das Vorgehen des D. I. G. B. bedeutet, hat die Oeffentlichkeit den Anspruch, daß die ganze Frage auch von der theoretischen Seite beleuchtet wird- Mir können dabei den Schmerz nicht unterdrücken, daß dcr beste Kenner dieser Verhältnisse, der sel. Rabbiner Dr. Cahn-Fulda, nicht mehr unter uns weilt und unsere Sache führt Schließlich sind wir den ernsten Menschen auch auf der Gegenseite die Rechenschaft darüber schuldig, warum selbst unter den so gewaltig veränderten Verhältnissen die Orthodoxie ihre prinzipielle Gegnerschaft gegen eine Gesamtorgantsation aufrecht erhält. Scheint es doch, als ob jetzt jeder Zwang in Wegfall gekommen tz>äre und als ob infolgedessen alle Befürchtungen die sich an das Zwangsmoment knüpfen, gegenstandslos seien. Allein die Trennung von Kirche und Staat ist nicht vollzogen. Es ergibt sich im Gegenteil für den sorgfältigen Beobachter die Wahrnehmung, daß-die Weimarer Verfassung hier auf halbem" Wege stehen geblieben ist und daß tatsächlich die Jngerenz des Staates, namentlich auf dkm steuerlichen Gebiet, viel stärker zu Tage tritt. Das Verhältnis, das bisher nur in der örtlichen Gemeinde den Gesetzestreuen zu einem schwierigen Problem wurde, soll jetzt für die Gesamtheit in Scene gesetzt werden. All die Bedenken religiöser Art, die in früheren Perioden gegen die Steuergewalt einer nicht nach dem Reltgtonsgesetz aufgebauten Gemeinde ins Feld geführt werden mußten, gewinnen wuchtigere Gewalt angesichts der neuen Sachlage. So kommt es, daß die allerzarteften Gewissensfragen, die sicher auch nach dem Urteil anständiger Menschen aus der Gegenseite sich jeder Diskussion entziehen, aufs neue aufgerollt werden. Wenn die Gegenseite auch nur einen Hauch wahrer Freiheit verkörpern will, so mutz sie diesen Erwägungen Raum geben. Wir wollen davon gar nicht reden, daß, wie die Ereignisse der jüngsten Woche zeigten, auch die Furcht vor brutaler Vergewaltigung nicht so ganz von der Hand zu weisen ist. Im Gegenteil, die jetzt sich deutlicher zeigenden Spuren zeigen einen sehr häßlichen Beigeschmack. Während man in abgelauftnen Perioden mit der Macht der Idee zu kämpfen glaubte und nur in Stunden schmachvoller Entgleisung die Polizeigewalt zu Hilfe nahm, arbeitet man jetzt ideenlos, mit der Macht des Geldes. Ernsten Menschen bereitete es bitteren Schmerz, als sie sehen mußten, wie „liberale" (!!) Herren in die alte Manier verfielen. Aber turmhoch über diesen aus der Situation geschöpften Wahrnehmungen steht ein doppeltes prinzipielles Bedenken. Die Orthodoxie kann es aus Gründen der Ehrlichkeit uub Ueberzeugung nicht zugeben, daß das Judentum zu einem wesenlosen, farblosen Spiel der freien Kräfte erniedrigt wird. Man kann natürlich als ehrlicher Mensch, der sich bemüht, jedem gerecht zu werden, die Überzeugung des Anderen als ein subjektives Gebilde achten, das kann man und muß mau. Niemals aber kann man in einer diametral entgegengesetzten Meinung die objektive Wahrheit erkennen. Gerade weil uns das Judentum das Höchste ist und wir in der Judenheit nur den Träger des Judentums erkennen, können wir unsere Hand nicht dazu bieten, das; das Judentum zum völligen Aufgeheu in dem Begriff Judenheit verurteilt wird. Wir können es nicht zugestehen, daß innerhalb unserer Religion alle Stufen von dem Glauben an die Verbalinspiration bis zur vollkommenen Entgottung des Judentums in Form einer Volksreltgton völlige Gleichwertung beanspruchen. Es geht eben nicht an, daß eine Gesamtorganisation sich in verschämter Weise mit Religion drapiert, in Wahrheit aber nicht den Mut findet, die Einheit und Einheitlichkeit des religiösen Wollens zu proklamieren und sich selbst ausschließlich und allein in den Dienst des .Religionsgesetzes zu stellen. Wennschon die Herren, welche die Gesamtorganisalion zu schaffen beabsichtigen, bewußt oder unbewußt in den uferlosen Gedanken der'Volksgemeinde hinüberleiten, so wäre .es richtiger gewesen diesen Gedanken zu proklamieren und die Gesa mtorganisatton bar jedes religiösen Inhaltes a u f z u bauen. Das wäre ein ehrliches Ziel, und es wäre Sache des Staates gewesen, welche Rechte er auf Grund der Weimarer Beschlüsse diesem neuen Volkskörper einräumt. Solange aber die deutsche Judenheit sich als eine religiöse Gemeinschaft begreift, bedarf es einer viel stärkeren Betonung des religiösen Momentes und im Namen des Judentums, nicht im Namen der Orthodoxie, legen wir feierlich Protest dagegen ein, daß der Versuch gemacht wird, eine Willkür-Konfession im Namen des Judentums zu etablieren. Denn dies, aber nicht weniger, bedeutet die Verfassung der Gesamtorganisatton. "tittn «Vi: „Du sollst dich nicht rächen und nicht nachtragen den Söhnen deines Volkes/'' „Liebe was deines Nächsten ist ais ob es das deine wäre". Das sind wohl Sätze, die oft genug im Munde geführt werden. Nur regeln sollten sie auch das Verhalten der Menschen und Völker, damit in Wahrheit jenes Ziel erreicht werde, das da das Schriftwort anbahnt: „Werdet heilig"! Es bleibt furchtbar, daß der Streit und Hader noch immer nicht auf Erden oushört, noch immer die Gtftsaat ihre verheerenden Keime reift. Wer bringt da endlich die Erlösung? Wir meinen, den Weg zu ihr zeigt unsere heilige Lehre. Liebe und nicht Hast, nachgeben und vergeben und nicht grollen und nachtragen, diese Forderungen, vor Jahrtausenden durch den allweisen und allgerechten Gesetzgeber auf dem Sinai verkündet, müssen in ihrer ganzen umfassenden Verbindlichkeit und in ihrer tiefen Wesensfülle beherzigt werden, damit die Menschheit wieder genese und sich zu neuer Glückseligkeit durchringe. Nur auf diesem Wege kann der Friede wieder auf Erden erblühen und der Welt die ersehnte Ruhe bringen. Siegt der Geist der Thora aus Erden, dann ruhen die Waffen und verstummt der Hatz. Thoraltebe — um dieses Panier schade sich unsere Gesamtheit — und Thoragelst — das pjith die Blüte werden, aus der sich für die ganze Menschheit die Früchte des Friedens und der Glückseligkeit entwickeln. Das eine bürgt uns für das andere. Der Geist, der in den Lehrhäusern Israels verkündet wird und das ganze jüdische Leben dnrchströmt, bezwingt am Ende auch die ganze Welt zu ihrem Heil und Segen. nsn Kleines Feuilleton. Die paWinafahrt des Gener Rebbe. An die Aufzüge der jüdischen Fürsten zu Zeilen des Nässt und Rcsch Gelutha erinnern die Berichte der Warschauer Zeitungen über die Abschieds- und Empfangsfeierlichkeiten, die dem Gerer Rebbe aus Anlah seiner Abreise nach Palästina auf dem ganzen Wege durch Polen bereitet wurden. Als in Warschau die Stunde der Abreise aus Ger bekannt wurde, fuhren ganze Scharen von Chasstdtm nach der Residenz des Rebbe hin, die dann am nachmittag mit dem Gefeierten in Warschau anlangten. Aus der ganzen Landstratze von Gcr bis Warschau standen Tausende Spalier, die dem Rabbi Abschiedsgrühe nachrieseri. Nachdem der Rabbi mehrere Besuche gemacht und Konferenzen im Zeutratbureau der Aguda abgehalten hattn, begab er sich abends auf den Bahnhof. Dort aber hielten die Masten schon seit früher Abendstunde Zugänge und Bahnsteig besetzt. Schon gegen 8 Uhr konnten keine Bahnsteigkarten mehr ausgegeven werden. Gegen Uhr abends dürfte die Zahl der Abschiednehmer auf über 10 000 augewachserr fein. Diejenigen, denen eS gegönnt war. auf den Perron zu gelangen, standen in endlosen Reihen vor dem Zuge, um noch ein Wort, einen Wink aus dem offenen Fenster des Wagens, wo der Rabbi mit seinen Begleitern Platz genommen hatten, zu erhaschen. Der Anblick war so erhebend, daß selbst die Bahnpolizei und der Bahnhofskommandant davon ergriffen waren und die Ovationerl in keiner Weise störten, im Gegenteil sich Sei dem nicht leichten Ordnungsdienste einer ausgesuchten Höflichkeit befleißigten. Der orthodoxe Ratmann, Herr K ir s ch b r a u n,sprach auch dem Bahnhofskommandanten öffentlichen Dank im Namen der Aguda aus. Der Raobi langte in Wien Donnerstag nacht 11 Uhr an. Ans allen Stationen, die der ZuV passierte, wie in Skernlwiez, Pltterkow, Radomsk, Czenstochau, sammelten sich, trotz der späten Nachtstunde, Tausende an. Wo der Zug hiett, wurden dem Scheidenden rauschende Ovationen dargebracht, an denen sich auch die umliegenden Ortschaften, aus denen die Leute stundenweite Fußwege machten, beteiligten. Auf höheren Befehl von Warschau, verhielt sich die Bahn- Polizei überall mehr als korrekt. Auf der Station Tschkbtu trafen Delegierte aus Krakau, Oft- und Westgaltzien ein, die den Rabbi bis zur tschechischen Grenze begleiteten, wo er aber wiederum schon von vielen Getreuen aus Wien empfangen wurde. Es war bemerkenswert und wohltuend, daß der Rabbi bet der Zollrevision an der tschechischen Grenze, im Wagen und von jeder Revision unbelästigt bleiben durste. Noch mehr: die grobe Schar der Getreuen durfte nach der Revision noch einmal zurück über die Zollgrenze bis an den Zug, um vom Nabbi noch einmal Abschied zu nehmen. In Wien kam die ganze nicht gelinge chassidische Kolonie bet der Kunde von der Ankunft des Gerer Rebbe in große Bewegung. Trotz der späten Nachtstunde waren Tausende am Bahnhof und am Freitag war schon in aller Frühe eine große Gemeinde in der Wohnung des Nabbi versammelt, um mit ihm das Morgengebet zu verrichten. Der Gottesdienst durfte aber nicht allzulange dauern, da es den Rabbi drängte, zeitig zu der Agudakonferenz zu erscheinen. Bei seinem Eintritt in den Sitzungssaal tönte ihm ein hundertstimmiges „Boruch habbo" entgegen. Der Rabbi nahm abwehrend seinen Platz ein und bat, man möchte die Verhandlung nicht unterbrechen und in der Tagesordnung weiter fortfahren.