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Der Israelit · 1921-04-24 · Heft 16-17 (24.4.1921) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 16-17 (24.4.1921)
Date
1921-04-24
Page
– (sequence 20)
Language
German
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21. April 1921. ,m i & 11 c Nr. 14. Sette 3. Rationale Emanzipation. i. Fragen zur Klarstellung. In seinem von den Aguda-Mättern am' 7. Adar 11 (No. 11) veröffentlichten zweiten Aussatz über „Tie Idee des AgudisnmZ" gelaugt der geschätzte Verfasser zu dem Schluffe, daß über das nachEriegliche Judentum die Ausgabe der nationalen Emanzipation verhängt sei. Bei der Prägung dieses Wortes hat der Urheber, darüber ist ein Zweifel unmöglich, eine große Perantwortungslaft gefühlt, war er sich der Gefahr bewußt, die eine solche Tatsache für die in reiner Weise darauf vorbereitete .geschwächte Judenheit bedeutet. Dennoch zeigt er .mit dem Finger aus die ihm feststehende Entwicklung der Tinge, damit Agudas Jisroel in elfter Stunde -am Rüstzeug arbeite und rette, was noch zu retten ist. Tie Rettung kann nach Herrn Dr.. Breuer durch das Frankfurter Programm erleichtert werden, ist ihm die Mahnung an Agudas Jisroel, die Zeit zu begreifen und ihrer geschichtlichen Mission sich bewußt zu werden. Wie in Parenthese sei hier eingeschaltet, daß das Programm von ausgezeichneter Wirkung sein kann, auch wenn die Voraussetzung, unter der es entworfen wurde, nicht zutresseu sollte. Nicht dem Programm wenden sich diese Zeilen zu, sondern der Voraussetzung, die der Per fass er anfstellt. Jedoch wage ich auch nicht, diese Voraussetzung, also die Notwendigkeit der nationalen Emanzipation, schon zu bestreiten, vielmehr möchte ich Fragen stellen. Tie unerhört schwerwlegende Annahme, die uns als unausweichlich dargestellt wird, rechtfertigt, w scheint mir, eine gründliche Besprechung, und diese möchte ich Hervorrufen. Emanzipation heißt wohl doch nach allgemeiner Geltung die Lösung aus Beschränkung, die Zubilligung von Vollrechten. So hat im Deutschen Reich ein. Gesetz vom 3. Juli 1869 den Juden, die staatsbürgerlich bis dahin Rechtsverkürzungen auszuhalten hatten, die Emanzipation, die Gleichstellung mit den übrigen Staatsbürgern ausgesprochen. Das wäre also die „soziale" Emanzipation gewesen. Nationale Emanzipation für die Judenheit wäre dem-' gemäß die Wiederzuerkennung des seit dem Jahre 70 ihr verloren gegangenen Rechtsgennsses als Nation und die Gleichstellung dieser Nation mit dm anderen Nationen. Hier aber erhebt sich schon eine Frage. Im Jahre 1869 bestanden in Deutschland einige hunderttausend Inden; mit ihrer Einwilligung versprach ihnen das Reich die vollen Bürgerrechte. Im! Jahve 1921 aber besteht eine jüdische Nation nicht (im völkerrechtlichen Sinne; daß Israel als Thora- Nation auch ohne Land, ohne Sprache und ohne wirtschaftliche Gemeinschaftsinteressen besteht, weiß jeder Gleichgesinnte, und nur an Gleichgesinnte wende ich mich). Ter Gegenstand, her dis Emanzipation erlangen soll, fehltsomit. Kann mit eigener Zustimmung emanzipiert werden, was nicht vorhanden ist? — Nun hat freilich der britische Mandntsentwurf die Vorbereitung eines nationalen Heims für die jüdische Nation ins Auge gefaßt. Mit der Annahme des Entwurfes wird demnach der Völkerbund seine Bereitwilligkeit bekunden, den seit 1850 Jahren über den Erdball verstreuten jüdischen Individuen die Anwartschaft auf die Mitarbeit an der Kolonisierung und Kultivierung ihres einstigen Bodens, die Anwartschaft aus die fast unbeschränkte Einwanderung nach Palästina zu geben und damit auch Anwartschaft auf dereinstige Wiederherstellung der bis auf weiteres aus der Pälkerreihe gestrichenen jüdischen Nation. Sind wir dadurch, wie Herr Tr. Breuer es ausdrückt, in das Zeitalter der nationalen Emanzrpatlon getreten? Wir unter uns brauchen uns nichts vorzumachen, sondern können ehrlich und nüchtern die Tinge besprechen, wie sie sind, wir können uns also ruhig, zugestehen, daß die vorarsescomptierto Wiedernationalisierung (immer völkerrechtlich gesprochen) Israels ein politisches Spiel ist, das zwei, drei zionistische Führer bei der englischen Negierung angefangen haben und auf das England einging, um das den Türken in verwahrlostem Zustande abgenommene Land mit Zuhilfenahme jüdischen Geldes und jüdischen. Schweißes aufbauen zu lassen. England will die dichte Besiedlung Palästinas und gibt auch den daran feit Jahrhunderten interessierten Juden das Recht dazu. Machen die Juden im Laufe eines Jahrzehntes, eines Jahrhunderts davon in' solchem Maße Gebrauch, daß sie, ohne die Araberrechte zu schmälern, einen nr aß gebenden Einfluß im Lande gewinnen, dann wäre die Zeit gekommen, die von den Zionisten bereits escomptiert wird, wo also wirklich ein jüdisches Natiönchen (immer weltpolitisch gesprochen) die Zahl der anderen bereichern kann. Daher frage ich nochmals: Wo ist inzwischen die jüdische Nation, die zu emanzipieren wäre? Ist deshalb, weil der Mandntsentwurf von einer jüdischen Nation spricht, die jüdische Nation völkerrechtlich faktisch etabliert und national rmanzipotionsfähig, dermaßen, daß Herr Tr. Brenw mit ernstester Bestimmtheit die nationale Emanzipation als die Gesamtheitsausgabe bezeichnen muß, die das jüdische Volk der neuen Epoche m lösen hat? Nehmen wir an, Herr Dr. Breuer, dessen Blick weiter reicht als meiner, erkennt, man müsse sich jetzt schon dafür bereit halten, wenn auch die Nationalisierung Israels durch die Völker nicht jetzt, nicht üt einigen Jahren geschehen, sondern in Jahrhunderten erst Tatsache werden kann. Unter diesem Gesichtspunkt müßte, so mag Herr Dr. Breuer denken, Klugheit in der Tat die Aguda mahnen, sich aus hie Emanzipation des jüdischen Volkes schon jetzt einzustellen. Ist dem so? Muß, darf Agudas Jisroel auf die Möglichkeit, selbst auf die Wahrscheinlichkeit einer Ausrufung Israels als Natron unter den Völkern Hill, dieserhalb in den Gemütern der Unsrigen etwas anderes wecken als Abweisung und Abneigung, Furcht und Abwehrdrang gegen die nationale Emanzipation? Wohl verstanden, Herr Tr. Breuer selber, wenn ich seinen Aussatz begriffen habe, hat diele Abneigung, hat dieses Uebelgesühl gegen eine „Erdenkrone" für das Thoravolk, „wie sie das Haupt aller Nationen trägt". Er will die Erniedrigung Israels zu einer Nation von Völkerbundsgnaden nicht, er will die nationale Emanzipation, wenn überhaupt, so nur im Geiste der Thora. Er sagt es deutlich: „Wahrlich nicht wir, nicht die Orthodoxie, hat sich in spielerischem Leichtsinn diese furchtbare Ausgabe gestellt." Aber, so fügt er hinzu: „Wir haben nicht mehr die Freiheit der Wahl!" Steht das fest? Wer und was hindert uns, soweit ivie die Stimmen einer Million Agudatreuer reichen, die uns wie Hohn und Schande dünkende „Rehabilitierung" abzulehnen? Wer und was hindert uns, der Völkergemeinde zu sagen: Wenn nicht Gott und sein Moschiach unsere nationale Emanzipation verfügt — Ihr könnt es nicht bei noch so dankenswert gutem Willen! — Zu befreien ist die Nation der Thora von der gottsrernden, nationalistische!» Fiktion, zu befreien ist das Land der Thora von den Greueln des Abfalls. Zu besiedeln ist Palästina möglichst dicht mit zionstreuen Nichtzionisten. Zu gewinnen ist der Rest Israels für Gottes Gesetz. Daß Agudas Jisroel durch solche Arbeit die nationale Emanzipation, die nur Israels Gott vollziehen kann. I beschleunigt herbeizuführen helfe, im nächsten Jahre, in diesem Jahre, heute — in diesem Wunsch sind wir einig. Vielleicht ist das gar der Sinn beS Tr. Breuerschen Aussatzes, den ich nebst anderen TurchschnittSlesern nur gründlich mißverstanden habe? Halberstadt, am 12. Adar n 5681. Gottfried'Goldschmidt. II. Der verehrte Fragesteller saßt die Begriffe der sozialen und der nationalen Emanzipation zu eng; darin liegt die Wurzel seines Mißverständnisses. Weder bei der sozialen noch bei «.er nationalen Emanzipation denke ich an eine Emanzipation im R e ch t s s i n n e. Tas Gesetz vom 3. Juli 1869 ist mir völlig gleichgültig, und selbst das englische Mandat hat für mich nur die Bedeutung eines allerdings recht augenfälligen Symptoms. Ausschlaggebend ist dagegen für mich die mit dem Stichwort der sozialen Emanzipation gekennzeichnete geistige Bewegung innerhalb des westeucopäkschent Judentums des 19. Jahrhunderts, der ich die mit dem Stichwort der nationalen Emanzipation gekennzeichnete geistige Bewegung innerhalb des Gesamtjudentums der Gegenwart zur Seite setze. Wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Bewegung einsetzte, die jeden westeuropäischen Juden, in Ablehnung oder in Zustimmung, zwang, sich mit der .Kultur Westeuropas auseinanderzufetzen mb über sein Verhältnis zu den Bürgern seines Staates in eine grundsätzliche Ucberlcgnng einzutreten, so nötigt die Bewegung unserer Tage nicht nur jeden Einzelnen unter uns, sondern auch Israels Gesamtheit, über Wesen, Aufgabe und Ziel der jüdischen Nation, über das welthistorische Verhältnis der jüdischen Nation zu den politischen Nationen des Erdballs, ja selbst über das Verhältnis des jüdischen Einzelnen zur jüdischen Natron und zu den politischen Nationen völlige Klarheit zu erringen und dem Jdeenkomplex des Judentums diejenige Ausprägung zu geben, die dem Problem der Gegenwart, dein schwersten vielleicht, das je zu lösen war, gerecht zu werden vermag. Agudas Jisroel hat keine andere GesamtheitsaMgabe, als die jüdische Nation und die jüdischen Einzelnen aus der furchtbaren Gefahr zu retten, in die sie durch die nationale Emanzipation als geistige Bewegung geraten sind, keine andere Gesamtheitsnusgabe, als die latenten 'Kräfte dieser Bewegung, soweit sie für den Dienst Gottes zu verwerten find, zu aktualisieren und einznsetzen. Die Erkenntnis, daß es gegenwärtig, da die Wogen der nationalen Emanzipation als geistige Bewegung über uns zusammenschtagen, um Sein oder Nichtsein der jüdischen Nation in ihrer historischen Eigenart geht, diese Erkenntnis scheint mir die Grundvoraussetzung von Agudas Jisroel als Weltbewegung zu se n. Tust Agudas Jisroel n-cht berufen ist, die nationale Emanzipation im Rechtssinn in Angriff zu nehmen, ist nach obigem wohl selbstverständlich. Im übrigen darf ich den Herrn Fragesteller auf die weiteren Artikel verweisen, jj die denselben Gegenstand behandeln und zur Klarg stellung Einiges veitragen werden. f . Dr. Jsaar Breuer. Der Begriff der Organisation. Tie Geschichtsschreiber der kommenden Zeiten werden einst — mit einem gewissen Schmun--, zeln über ihre leichte Aufgabe — feftfteiCcn, daß in unserem Geschlecht das Problem der Organisation das leitende Motiv aller politischen und sozialen Geschehnisse darstellte, daß in nuferem Zeitalter sich oftmals die geistige Gestaltung in Fragen des gesellschaftlichen Zusammenschlusses erschöpfte. Geschichtsphilosoph, der — sich über die Zeitlichkeit der Ereignisse erhebend — die inneren Zusammenhänge und Verknüpfungen mit den großen kosmischen Bewegungen erforschen will, wird erkennen, daß alles so und nicht anders eintreten, daß die Geschichte diesen und keinen anderen Weg einschlagen konnte, weil die Menschen dieses Geschlechtes ihren sittlichen Beruf verstümmelt und verkannt hatten. Wohl stellt auch in dieser Zeit das Zehnwort, das durch die göttliche .Erscheinung unter Aufregung der ganzen Natur am Sinai offenbart ward, das konstituierende Moment der Gesellschaftsbildung dar, wohl lasien sich überall im geistigen Leben seine Einflüsse beobachten, aber man vergaß dresa Grundlage und ihre Auswirkungen bei dem Ausbau des sittlichen Lebens, man wußte- oder wollte nichts mehrvon der göttlichen Basis wissen, die dieses ganze Gebäude »rügt — und schuf solchermaßen einen Luftbau, dem man nun hinterher ein sicheres Fundament schenken wollte. Losgelöst hatte sich das geistige Leben von der Idee des 'l-eben- 'digeil Gottes, frei hatte sich die gesellschaftliche Verbindung von dem Grundsatz der Golteskindschaft gemacht und sich auf die Suche nach Surrogaten begeben. Glücklicherweise fand sich bald das Ersatzideal, aus! dessen Geist sich das große Menschengeschehen in sein: I einzelnen Faktoren auflösen und ihr ZusommenwirLen erkennen lassen sollte; Entwicklung hieß das Zauberwort. Entwicklung mit seinen Trabanten Vererbung und Anpassung wurde der Schlüssel zum Verständnis des Weltenlaufes. Kampf ums Dasein hieß das regulierende Moment, das den Entwicklnngsoorganz in 'bie richtigen Bahnen leitete; Differenzierung und Assoziation bilden die Imperative, denen zu folgen die Pflicht aller Wesen darstellt, um sich im irdischer Getriebe behaupten zu können. Um die Anfeindungen der Natur bestehen zu können, schloß man sich überall zusammen, suchte man Schutz in Verbindungen. Organisation bildet das Allheilmittel, daß den Men-- scheu ans den Krallen, des Daseinskampfes rettet. Organisation ist der Höhepunkt dös Prozesses der Loslösung vom lebendigen Gott, die Ueberwin-i düng der göttlichen Seele im Mensche»», ist die Hingabe an die Ichheit, an die Welt des Seins, ist die Konstituiermlg der menschlichen Selbstherrschaft, ist der Ausdruck der größten Verirrung des Menschen. Und wozu dann Agudas Jisroel? Wir Juden, die das göttliche Recht erfüllen, stellen beit ewigen Protest gegen diese entgottete Auffassung der Schöpfung dar. Bewußt beugen wir uns? unter die unuinschränkte Herrschast.GotteZ, um seinen Zielen zu leben. Aus der kausalen Bedingtheit deS Universums, aus der naturgesetzlichen Beherrschung des Kosmos, aus der Sphäre des Seins, in der dev Kampf ums Dasein richtunggebender Faktor bildotz. erhoben sich »msere Urväter — durch das göttlich? Gesetz und die gewährte Gottesnähe — in die GotteSwelt, in die Welt der Freiheit, in die Sphäre des Sollens, in der der Mensch außerhalb jedes Kausal- I gewebeS sich ohne Zwang gestaltet um — der göttlichen Seele in sich freie Austvirklmg bietend — sich zum Ebenbild Gottes zu forme»». Ter Geist der Sollenswelt fordert kategorisch die Ueberwiirdnng des Seins, das Befreien von irdischer Gesetzmäßigkeit und diesen göttlichen Willen müssen wir vollführen, um die Grundlage unsres Soseins zu erringe»» und zu erhalten. Nicht schließen wir uns zusammen, um bett Kampf u»ns Dasein zu bestehen, nicht verbinden wir uns, um unser Sein zu behaupten, im Namen Gottes einen wir uns, um seinen Gesetzen zu folgen, dio von unsern Vätern erreichte Höhe zu behaupte»», in ihrer Freiheitswelt leben zu können; im Kamps ums jüdische Sosei.r. stehen wir zusammen, das Sofeiri, das der Väter Leben gestaltete, das n»is Gott nabe gebracht, das de»i Sinn unsrer Nation bildet. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen alle, aber auch -alle ihre Kräfte dieser jüdischen Organisation zur Verfügung stellen, nicht darf der Einzelne zaudernd — besorgt um die eigene Persönlichkeit, die doch erst in der Gemeinschaft ihren Wert erhält I — zurückstehen, fest muß er für das erkannte Notwendige eintteten, um es zur Höhe zu führen. Lehagdil taurvh ulehadiroh! Artur Nathans-Nürnberg, Der Berliner „Jüdische»» Preise" dem Zentralorgan des Misrachi in Deutschland ist es natiiilirii sehr unangenehm, daß gerade im jetzigen Augenblick, wo die zionistische Organisation bcsireht ist, den Keren Hajefsodsonds auch in nichtzionistifchen Kreisen zu propagieren, der. Zentralrat der Aguda den in unserer vorigen Nummer niitgeteilten 'Beschluß gefaßt hat. Man sollte nun eigentlich mchmt, baß die „Jüdische Presse" den Nachweis verflicht, daß die Motive, welche den Zentralrat zu diesem Be- r l •er -v v . . 1 U f r

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