Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 16-17 (24.4.1921)
- Date
- 1921-04-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 1*. ,B lütter" 81. April ISA. Solange es sich um die Beziehung von Mensch zu Mensch handelt, tritt die individuelle Ueberzeugung in den Vordergrund und erscheint das Judesein lediglich als ein qualifiziertes Menschsein. Aber schon in dem berühmten— oder berüchtigten — Aus trittsstreit ist deutlich zu erkennen, daß dem Präger der Wortverbindung: Mensch-Jisroel das Judesein als Gern e i n s ch a s ts s ein doch noch mehr bedeutete .als ein qualifiziertes Menschsein, daß das jüdische Gemein s ch a f t s s e i n nicht mehr auf die rein individuelle Ueberzeugung abzustellen war, vielmehr über die Individuen und ihre subjektive Ueberzeugung hinaus auf eine rein objektive, rein göttliche, ewige Organisation hinführte, derer: Konstituante nicht mehr die den Gemeinschaftswillen als bindend anerkennende subjektive Ueberzeugung, sondern der göttliche Wille schlechthin, nicht mehr das „Religionsgesetz", sondern Gottes Gemeinschaft stiftendes Recht in vollster Souveränität bildete, dem gegenüber die jüdischen Individuen nicht mehr als wertende, erkennende und anerkennende P e r s ö n l i ch k e i - tc.it, sondern in ihrem historischen Verstricktsein als R e ch t u n t c r w o r s e n e, R e ch t u n L e r t an e n erscheinen mußten. Daß der Präger der Wortverbindung: Mensch-Jisroel zugleich der Retter der .souveränen jüdischen Gemeinschaft, zugleich Retter der Auffassung des Judentums als Inbegriff des absoluten, Gehorsam heischenden Rechtes Gottes geworden ist, das nur Gehorsam kennt oder Verrat und das seine Herrschaft als Gemeinschaftskonstituante nicht mit irgend einem anderen Faktor auf Erden teilen kann; diese geschichtliche Tatsache ist, wie keine andere, geeignet, die Lebensleistung des großen Mannes in ihrer zeitlich-ursächlichen Bedingtheit sowohl wie in ihrer zeitlosen Ewigkeit ins rechte. Licht zu rücken und vor jedem Mißverständnis endgültig zu schätzen. Die Zeitgenossen haben sich von Mißverstand nicht frei zu halten vermocht. Sie jiub in begeisterter Zustimmung dem Präger von „Mensch-Jisroel" gefolgt. Aber als ihr Führer den großen Schrittwagte, der sie über „Mensch- Jisroel" hinaus, der sie a ls „Mensch-Jisroel' dahin hätte bringen sollen, wo Gottes ewige Gemeinfthaftsstiftung ihrer als Gottes Rechtsuntertanen harrte, wo Gottes Gemeinde als Bestandteil dieser ewigen Gemeinschafksstiftung jede Menschenwillkür weit von sich wies, die sich erkühnte, neben Gottes Schöpfung ihr Tagesgeb'lde zu seiober Gottes Schöpfung zu ihrem Tagesgebilde herabzuwürdig'en: da haben sie ihm vielfach die Gefolgschaft verweigert und haben so etwas wie „Separation" in einen: Akt erblicken zu müssen geglaubt, der dem Nachfahren als nichts anderes erscheint, als der wahrhaft grandiose A u s ch! u f von „Mensch-Jisroel" in seiner geläuterte:: Subjektivität an die reiu objektive, rein absolute, rein von Gottes Recht getragene jüdische Rechts aemeirftcha ft — Kl all Jisroel — jüdisch e Nation. - Seit dem „Austrittsstreit" ist das ehedem so frische Geistesleben der deutsch-jüdischen Orthodoxie mehr und mehr einer bedenklichen Versumpfung verfallen. Der gleichzeitig emporwuchcrnde Antisemitismus hat ein übriges getan, um das Interesse nach einer ganz anderer: Richtung zu lenken. Auf den Lorbeeren von | „Mensch-Jisroel" ist die deutsch-jüdische Orthodoxie eingeschlafen. Ihr Schlaf hat die schweren organisatorischen Kämpfe der letzten Jahrzehnte, hat selbst das Emporkommen des Zionismus überdauert. Der deutsch-jüdischen Orthodoxie ist es fast gar nicht z zu Bewußtsein gekommen, daß im Grunde schon der „Austrittsstreit", ganz gewiß aber die organisatorische'.! Auseinandersetzungen nur den Auftakt zu einen: neuen Zeitalter bildeten, dessen Grundproblem nich: mehr die Beziehungen des g Jude sein zum Menschsein und erst nicht die Be- I Ziehungen des Einzelnen zum Judentum, oesfen 8 Grundproblem vielmehr das Wesen der jü-ß d i sch e n G e m ei n f dj a f t als solche s, das jj Wesen der I ud eneinh e i t bildete, zu oesfen I Ergründung! nicht nur das Auseinanderfallen der deutschen Juden in Orthodoxe und Liberale, sondern ebenso sehr der Antisemitismus tausendfältigen Anlaß bot. Während solchermaßen der Durchschnitt der deutsch-jüdischen Orthodoxie, soweit er nicht überhaupt, angewidert von dem fruchtlosen „Austrittgezänk", dem öffentlichen jüdischen Leben sich fernhielt, in müder Lethargie das eirrlullende Bewußtsein hegte, daß Rabbiner Hirsch s. A. einfür allemal die Probleme der Neuzeit für sich und für alle Nachfahren gelöst habe, vollzog sich unmerklich eine völlige "Umwandlung dieser Neuzeit, eine Umwandlung!, die für die deutsch-jüdische Orthodoxie die Gefahr völligen Ueberranntwerdens in sich birgt, wenn sie sich nicht in elfter Stunde ermannt und die Traditionen ihrer Väter in voller geistiger Wachheit da fortsetzt, wo sie selber ernst die Entwicklung gehemmt und gehindert hatte. Das Zeitalter der nationalen Emanzipation hat im Gegensatz zum Zeitalter der sozialen Emanzipation nicht eine zentrifugale, sondern eine z e n t r ipe t al e B ew e gu n g ausgelöst. Die Tatsache der Judeneinheit ist dem Empfinde:: unseres Zeitalters fast zur baren Selbstverständlichkeit geworden. Aber das Zentrum, zu dem die geistige Bewegung unserer Tage Petiert, ist nicht das historische Zentrum der historischen Judenheit, sondern das materielle Substrat diesen Zentrums, ist nicht die nationale Thora, sondern die Nation selber, die nicht mehr zielbewußte Schöpfung Gottes, sondern Selbstzweck ist, vom Schicksal geformt, erhöht, erniedrigt und künftiger Erhöhung gewärtig. Es ist vielleicht eine besondere .Fügung Gottes, daß das Ostjudentum, im Gegensatz zum Westjudentum. die soziale Emanzipation -zugleich mit der nationalen Emanzipation durchzuringen hat. Vielleicht gelingt es, die zentrifugalen Kräfte der einen Bewegung durch die zentripetalen Kräfte der anderen zu paralysieren und so dem Ostjudentum die Katastrophe des Westjudentnms zu ersparen, vorausgesetzt, daß die Einstellung des historischen Gesamtjudentums auf die nationale Emanzipation und damit die Nutzbarmachung ihrer zentripetalen Kräfte für die historische Jndeneiuheit in Klarheit und Tatkraft unverzüglich in Angriff genommen wird. Wie ich unter sozialer Emanzipation das Hinaustreten des einzelnen Juden in den Kreis , seiner Mitmenschen oerstehe, so fasse ich unter dem Merkwort der nationalen.Emanzipation all; die Strömungen zusammen, die zum Hinaustretcn j der Judeneinheit in den Kreis der historischen! Menscheneinheit, zur Anknüpfung von Bezie-! Hungen zwischen der Judeneinheit und den übrigen! historischen Menscheneinheiten Hintreiben. Wie s im Zeitalter der sozialen Emanzipation der eina achte Jude die Aufgabe hatte, im Kreise seiner Mitmenschen sein Judentum zu erhalten rmd trotz der westeuropäischen Kultur durchzusetzen und zu verwerten, so hat im Zeitalter der nationalen Emanzipation die historische Judeneinheit die Aufgabe, ihreunvergleichliche, unmittelbar auf den Gott der Geschichte hinweisende Eigenart ihren einzelnen Gliedern einzuprägen und nach außen hin gegenüber dem erdumsassew den Antisemitismus,' gegenüber den politischen Nationen, in deren Mitte ihre zerstreuten und dennoch geeinten Glieder weilen, nicht zuletzt aber gegenüber der großen Weltmacht, die ihr, aus Gründen^ welcher Art auch immer, eine kleine Türe zur politischen Tribüne öffnet, in vollster Klarheit, in einer jedes Mißverständnis ansschließenden Eindeutigkeit herauszustellen. Dem jüdischen Einzelnen mag die Thora sein von individueller Ueberzeugung getragenes religiöses Gesetz — Religionsgesetz — bedeuten; er mag sich im Gegensatz zu dem abgefalleuen Stammesaenosftn als gesetzestreu bezeichnen. Aber die Thora ist nie und' nimmer das — Religionsgesetz der von Gott gestifteten Judeneinheit. und diese Judeneinheit — Gottes Nation — Klall Jisroel — hat es wahrlich nicht nötig, sich als gesetzestreu von irgend einer sonstigen Judeneinheit — gibt es denn noch eine? — abzuheben. Im Zeitalter, der nationalen Emanzipation, da fnt politischen Nationen, da jeder Bürger auf der Straße die Judeneinheit äl& vorhanden empfindet, in einem solchen Zeitalter, da die gefährlichste aller Abfallsbestrebungen, gestärkt und gestützt durch „Gesetzestreue", die den: „Religionsgesetz" nach wie vor anhangen, eine fürchterliche Verfälschung des Wesens' der Judeneinheit vornimmt und hierbei nur zu sehr auf das Verständnis der politischen Nationen und des Bürgers auf der Straße rechnen kann, in einem solchen Zeitalter muß die wahre und echte Judeneinheit, vielleicht zum ersten Male seit Beginn des Golus, vor den Augen der Welt, für die Welt und für ihre eigenen Glieder, Pas Diadem anlegen, mit dem sie Gott einst geschmückt, und muß durch den Mund der Organisation, der einzigen, die den Weg bis zu ihr gefunden, muß durch Agudas Jisroel der Welt und ihren eigenen Gliedern laut und öffentlich erklären: Gottes Nation sind wir, Gottes Thora ist unser das ganze nationale Leben erfassendes und regelndes Recht, die Verwirklichung dieses göttlichen Rechts ist unsere einzige nationale Bestimmung, nach Gottes Land geht unsere Sehnsucht, weit nur in Gotte- Land das Recht Gottes vollste Verwirklichung finden, nur nach Wiedervereinigung der Nation Gottes und des Landes Gottes unter der Herrschaft der Thora als Gottesrecht der Nation nach prophetischer Verheißung der Gottesstaat neu erstehen und Gottes Herrlichkeit wieder in unsere Mitte sichtbarlich einziehen kann. Die Thora ist nicht das „Religionsgesetz" der jüdischen Nation, dergestalt, daß innerhalb dieser Nation eine! Partei denkbar wäre, die das Religionsgesetz — wie Religion überhaupt — negiert, und eine andere Partei, die sich als gesetzestreu zu ihrem Sachwalter macht. Die Thora ist das Recht der jüdischen Nation, ihr einziger konstitutiver Faktor, dergestalt, daß, wer dieses Recht negiert oder es zu bloßer Parteisache herabwürdigt, ob er will oder nicht, die Nation selber der Auflösung leinesteils preisgibt. Die Herausstellung des wahren Wesens der Judeneinheit ist aber nur die eine, die leichtere Aufgabe von Agudas Jisroel. Will Äguj das Jisroel die Organisation dieser Judeneini heit sein, muß sie auch ihre Bestimmung Herausstellen und übernehmen. Es hat aber die! Judeneinheit im Golus keine andere Bestimmung,! als — sich des Golusendes würdig zu machen. | Es war das Sehnen der Einzelnen in all l den vergangenen Jahrhunderten, ihr eigentlicher j Lebenszweck, ihres Teils das Golusende herj Leizuführen. Im Zeitalter der nationalen Eman-! zipation, da die Wogen des Abfalls turmhoch über uns zusammenschlagen, da die Völker und irrende Stamnresgenossen sich förmlich verbündet haben, den Blick der Nation wie ihrer Glieder von ihrer einzigen Golusbestimmung abzulenken, in einem solchen Zeitalter bleibt ans keine Wahl: die Judeneinheit selber muß durch den Mund ihrer Organisation ihre Glieder aufrufen, diese Organisation selber muß in den Dienst der Bestimmung der Judeneinheit im Golus treten, muß diese Bestimmung zu der sie tragenden Grundidee machen und muß aus dieser Bestimmung all ihre einzelnen Aufgaben in unmittelbarer Folgerung herleiten. Agudas Jisroel ist zu Bewußtsein gebrachte Judeneinheit. Die Idee des Agudismus ist zu Bewußtsein gebrachte Golusbestimmung dieser Judeneinheit. Und so ergibt sich als Idee des Agudismus was folgt: Agudas Jisroel erstrebt die Bereitstellung der Nation Gottes und des Landes Gottes für ihre Wiedervereinigung unter der Herrschaft deS Rechtes Gottes zum Gottes'staat. Aus dieser Idee sind die Aufgaben der gesamten Agudas Jisroel wie jeder einzelnen Ortsgruppe abzuleiten, wie dies für die Frankfurter Ortsgruppe im Frankfurter Programm versucht worden ist. Dr. Jsaac Breuer-Frankfurt a. M.