Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 16-17 (24.4.1921)
- Date
- 1921-04-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sk. IS 11. 17 neuesten Errungenschaften der Technik gearbeitet wird, wahrend in den weiterliegenden Kolonien das Leben aus den primitiven Anfängen nicht herausgekommen ist. Auch herrsche in „Rtschcn" und Umgebung, im Gegensätze zu anderen Gegenden das friedlichste Verhältnis zwischen Juden und Arabern. eine orthodoxe Yerfammlung. Jerusalem, 3. April. Mittwoch abend fand im Saale des Zentralkomitees eine Versammlung der zum konservativen Kreise Kuk gehörenden Mitglieder der Delegiertenversammlung statt, um zu einigen Punkten der Tagesordnung ans der Delegiertenversammkung Stellung zu nehmen. Diese boten Zündstoff genug. Steht doch auf der Tagesordnung ein Antrag, düs Erziehung? Programm des Nationalen Komitees von dem Paragraphen zu befreien, der besagt, die Erziehung habe aus dem Grundsatz der Glaubensfreiheit zu basieren. Ferner sind noch die Fragen des Frauenwahtrechtes und derFriedeusgertchte zu entscheiden. In der Versammlung wurde vor allem auf das ungesetzliche Verhalten des Präsidiums hingewtesen, aus eigener Machtbefugnis Anträge zu stellen, ohne drese, wie es im Statute vorgesehen ist, zuerst im Nationalen Komitee zu beraten. Nach langen Debatten wurde eine fünfg iedrige Kommirsion ernannt, die über die Grundsätze der Gesetzestreuen zu wachen und unter Wahrung der religiösen Jntereffen die Beziehungen zum Nationalen Komitee zu erhalten hat. Ledenserneuerung. Das Fest, das uns alljährlich mit dem Frühling der Gotteswelt draußen die Botschaft von der Verjüngung der Menschenseele und von der Neugeburt des jüdtschm V o l ks k ö r p e r s bringt, führt uns zugleich auch zum Tale Dura hin, dorthin, wo vor dem Auge des Propheten das Wunder der DTiöH rvnn, der Auferstehung gestorbener Menschenleiber, sich einst voll zog, wo der qualvollen Frage: nittJö>n einmal doch beglückende Antwort zuteil ward. Nichts in dem reichen Schatze der jüdischen Gedankenwelt entzieht sich so sehr dem leichten unmittelbaren Verständnis, wie die Lehre von Crtön rVTin, und es ist kein Zufall, daß die westeuropäische Reformtheologte bet der Verschlimmbesserung der alten Tesilla ihre kecke Hand zu allererst an die jene Lehre wider spiegeln den legte, um die physische Wledergeburt in eine seelische Unsterblichkeit uwzudruten. Da ist es denn für den von wahrhaftiger DtäH erfüllten Juden, grade weil er für den Aufbau seiner persönlichen Ueberzeugung den wechselnden Hypothesen der zünftigen Naturphilosophie keine entscheidende Bedeutung beimrßt, von besonderem Jntereffe, in die Geistesarbeit eines modernen Naturwiffenschastlerseinzudringen, der, ursprünglich aus dem Lager der materialistischen Physiologie herkommend, zu ganz überraschenden Ergebnissen hinsichtlich der Lehre vom Sterben und Leben gelangt. Es ist der Berliner Mediziner Carl Ludwig Schleich — bekannt durch das nach ihm benannte Anästhesie-Verfahren —, der uns in einer nur 50 Seiten starken Schrift über das „Problem des Todes*-*), die folgenreichsten Erkenntnisse vermittelt. Schleich fußt auf der vor dreißig Jahren von dem berühmten Biologen Weißmann ent- *) La» Problem de» Lode». Bon Carl Ludwig Schleich. Berlin. Ernst Bo«o-ltBerlag. Preis »eheftet. Ntt. OM, geb. 10.- deckten Unster-cktchkett der Einzeller d. Ij, jener kleinsten Lebewesen, die man Bakterien. Protozoen, Monaden. zu nennen pflegt. Bei diesen Urformen des Lebens gibt es keine Leichen, keine Verwesung, keine Vermoderung, keinen Substanzzers^ Aus einer Mutterzelle werden zwei Töchter, diese werden nieder zu vier Enkrln. diese zu sechszehn usw. Alle diese zahllosen Iw divtduen erhalten dieselbe Form und Eigenheit. Lebensbedingung und Wirkungsweise. Nun ist aber der zeugende Same überall in der Welt nichts anderes als jene Einzeller, die in Wirklichkeit — im Sinne der modernen Funkt onslehre ausgedrückt — eine bestimmte und sich fortpflanzende „Rythmmsolge der Aetherwirbel" darstellen. Diese Zellen nehmen — das ist ihre Ernährung — von überall her Zellbröckelchen in sich auf und pflanzen sich .unendlich weiter fort. Nur das Feuer kann ihr Fortleben zerstören und sie in Asche, ins Unorganische zurückschleudern. Auch wenn man den Einzellern die Befruchtungsd. h. Ernährungsmögllchkeit nimmt, ruhen sie aus und schlummern wo immer, im Erdboden, in der Luft, im Wasser — aber ihre „Sporen", kleine organische primitive „Garantiekapsein" des Lebens bewahren die Testamente ihres Geschlechtes und sichern die Möglichkeit ihres Wtederaufblühens. Aus diesen unsterblichen Einzellern besteht aber alles Organische, auch des Menschen Körperlichkeit. „Es ist kein Grund erfindlich, warum diese Kernsubftanzen des Lebens nur in Einzellern unverntchtbar sein sollten. Was bet Amöben, Bakterien, Protozoon bis zur relativen Unvernichtbarkett organisiert ist im Aufsttkg der Materie zur höchsten Geistigkeit, warum sollte die gewiß noch höher geführte Organisation derselben Substanz in höheren Lebewesen, wenn sie alle biologischen Kriterien dieser Wunderballung, dieses Zaubergesüges gleichfalls besitzt, nicht dieser gleichen Elgenschastew -tFtlhaftig> geMkden ^ftin, wie sie allen PrjyAtvformenj.KufMn MstM ^erMlstus Mnt- MWfrtuM^chsMebMS-rvrMeheyr wordeMj,. Os - gM ^Mechterd'inM -kelfte ^Möglschkeitz^üvEn Gedanken abzulehnen, daß dieselbe Unsterblichkeit, welche ten Einzellern zuteil wurde, auch den Kleinsiegelträgern der Persönlichkeit, .die sich ja nur aus zusamu en verbundenen Einzellern figuriere, verliehen worden ist. Auch das Nukllrn der höheren Zelle ist unzerstörbar, stets zeugungsfähig, Rhythmenkontakte auStchend, Eigenschaften übertragend, infektiös und einzig allein durch Feuer vernichtbar." Daraus folgt nun . für Schleich die gewaltige Konsequenz, daß sowohl derUebergang organischer Stoffe tn den Menschenkörper (oei der Ernährung), alsderUebergangsotcher Nukle'insuvstanz bet der Zeugung, als endlich auch derUebergang des gestorvenen Menschenkörpers ins Erdreich nichts anderes bedeutet als eine planmäßige Wanderung und Wandlung der im Lebenskampf gesteigerten, tm Dienste des Individuums höher geprägten Ursubst.anz. Welch ungeahnte Ausblicke eröffnen sich von der Warte dllser Idee aus weiteste Gebiete der tn der Gotteslehre wurzelnden jüdischen Welt- und Lebensanschauung! Die Ernährung — sagt Schleich — bedeutet „Milliarden Zellhochzetten"; Speisung ist ern „heiliger Akt". Begreift man nun nicht, wie das göttliche Wort durch Nahrungswahl, Schechtta, Nahrungsbehandlung den Uebergang der unterblichrn Zellsubstanz und ihre Höhrrjteigerung m Menschenkörper liebevoll regelt und überwacht? Begreift man aber nicht weiter, wie die jüdische Lehre den gestorbenen Menschenletb gar nicht rasch und vollkommen genug mit dem mütterlichen Boden der Erde wieder in Berührung gebracht unssen kann, auf daß die unsterblichen Lebenszellen, nachdem sie vom Individuum in ehrlichem Lebmsrmgm bereichert und erhöht worden stno, wieder ringehen in den kosmischen Strom des immer ne« sich steigernden Werdens und Lebens? __ A «prtt 1921 Nur die von der Seele zur Persönlichkeit zusammengefaßte Organisatton der Zellen löst sich int Tode auf, diese selbst strömen ins All- Leben unsterblich ein, wenn — sie nicht durch Feuer künstlich zerstört werden. Es ist der Mühe wert, zu lesen, was Schleich über die Feuerbestattung, diese furchtbarste Entartung geistlosen modernen Banausentums, schreibt: „Es besteht ein Postulat, mit der Unoerwesbarkett unserer Chromosome, der Natur unsere Keime möglichst schuldlos und unbefleckt zurückzugeben. Diese Verpflichtung freilich fällt weg, wenn wir unfern Leib verbrennen lassen. Ist es auch ausgeschlossen, daß die metaphysische Seele, welche unseren LUb erst ceblldet hat, die plastische Idee, der jedes Lebewesen seinen Ausbau und seine Existenz verdankt, etwa verbrennbar sein könnte, so ist doch mit der Vernichtung und Annullierung unserer körperlichen Chromosom- Unsterblichkeit, falls dieser schwere Kultürmißbrauch je allgemein würde, ein gewaltiger Eingriff in die Oekonomie des Lebens, ein Übertrumpfen der Joee des Todes gleichsam herbeigeführt. Der icregeleitete, von materialistischer Weltanschauung arg verführte Menschen- und Kulturgeist will unser; Leiber noch toter machen, als der Prozeßdes Sterbens beabsichtigt; der Tod ist ihm noch lange nicht radikal genug. Unter dem Vorwand der größeren Hygiene und der reineren Aesthetik der Vernichtung durch die Flamme vollzieht er einen Materialetnbruch gleichsam in die Physiologie des Todes, wie er von unserem Standpunkt von der Heiligkeit und Unantastbarkeit des Lebens- Materials gar nicht fürw tziger und überklüger ausgegrübelt werden konnte. Er wirft sich mit offenen Armen und Augen der dunklen, pessimistischen Idee der Verwesung und Vernichtung erhabener Lebensgedanken in die Arme. Das ewig wtederkehrende Schreckgespenst des von den Maden und Würmern im Grabe ZelfressenwerdenS führt diesem Mißbrauch des Feuers immer neue ' Wissen sch aftl i eher Seite.hex dleftm-MHäMnisv ollen Spiel mit dem Tode,'^diesem Mißbrauch mit den nur scheinbar entseelten Leibern der Verstorbenen ein kräftiges „Halt" zuzurufen. Nicht auf Grund getstes- und reUgionswlffenschaftlicher Sentiments, sondern mit den Muffen einer reinen, neuen, überraschenden Erkenntnis und einer ungeheuer vertieften Einsicht in das Problem des Todes in der Hand. Ist es doch trübste Dunkelmännertakttk, dem Kaien immer wieder das Gruseln etnzuflüstern von der Schrecklichkeit und Häßlichkeit des in der dunklen Erde Zerfressenwerdens von allerhand eklem Gewürm und Geschmeiß. Wer mikroskopisch jemals Einblick genommen hat t r die hier sich vollziehenden Zellhochzetten und , Befruchtungen der Kleinlebewesen durch die Chromosombröckel des erschlossenen Keimmaterials der Begrabenen, der kann tn diesem Vorgang nichts Fürchterliches, Schauriges und Ekelhastes je mehr erspüren, seine Phantasie steht staunend, lauchzend vor dem allergrößten Wunder voller Schönheit, Sinn und Herritchkett. Er müßte sonst auch Ekel empfinden vor dem Anblick eines befruchteten Etchens, aus dem eine Blüte, ein Kindchen oder ein Vöglein wird. Denn nichts anderes ist die Zeugung neuer Individuum als dies Sterben und Weroen, ohne die man nur ein trüber Gast in oder auf der dunklen Erde ist. Das Wunder der Zeugung ist wahrlich nicht größer als das der dauernden Erhaltung des ndiotduellen Lebens durch dre Regeneration aller Zellverbände. Die Mechanismen von der Erzeugung eines Individuums durch Kopulation von Sperma und Ooartum sind genau dieselben wie die Vorgänge bet der Uebersruchtung schon geborener Zellen mit dem ausgetauschten Lebensmaterial aller mit der Nahrung einverletbtm Chromosome. In beiden Fällen findet ein auslösender rhythmischer Kontakt, eine Jdeeninfektion statt. Gleich wie nun mit dem winzigen kleinen Schwarmkometen des männlichen Lebenserweckers alle spezifischen körperlichen und geistigen Eigenarten des Vaters auf das Eichen übertragen