Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1921)
- Date
- 1921-04-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. No. 15. 100 Mk. Beim Ausbruch des Krieges hatte der Hilssverein rund 50 Bildungsanstalten aller Art mit 6700 Schülern und 148 Lehrern. Davon 30 in Palästina und der asiatischen Türkei mit 3000 Schülern. Ter Krieg hat es aber mit sich gebracht, daß der Hilfsverein das Schulwerk aufgeben mußte. Nach eingehender Schilderung der bekannten Vorgänge in den Ostländern teilt der Jahresbericht mit, daß im Ganzen für die verschiedenen Gebiete des Hilfsvereins im Jahre 1.920 835.000 Mk. aufgewendet wurden. Zum Schlüsse sprach Herr Dr. Paul Nathan, stellvertretender Vorsitzender des Hilssvereins, über die Rückwirkungell der russischen Verhältnisse auf Deutschland und beleuchtete insbesondere die Bedeutung der Ostjudeufcage für 'Deutschland. 'Die durch Veränderungen in der Leitung notwendig gewordene Statutenänderung' wird von der Generalversammlung genehmigt. In das Zentralkomitee des Hilfsvereins lverdell außer 38 statutengemäß ausscheidenden Mitgliedern die Herren Kommerzienrat Maximilian Stein-Berlin,. Ludwig Scherl-Berlin, Dr. Baum- Berlin, '.Dr. Bernhard Kahn-Berlin, Paul Pfefferkorn-Frankfurt a. M., D Strauß-Hagen i. Wests., Fritz Cohn-Charlottenburg. Direktor Schottländer-Charlottenburg, Freirich-Berlin, gewählt, in den Geschäftsführenden Ausschuß Herr Direktor M. Joachimsohn und Dr. Bernhard Kahn. Als Revisoren werden die Herren Georg Tietz und Benas Levy bestellt, Streik 9er Srieöhofsarbeiter. Berlin, 5. April. Der Kampf der Berliner Friedhofsa r'beiter zieht immer weitere Kreise, denn seit heute morgen steht auch die etwa 100 Mann starke Belegschaft des jüdischen Hauptfriedho fes in Weißensee im Streik. Ein Schiedsspruch des Schlichtungsausschusses, oen bisherigen Tarif um vorläufig vier Wochen zu verlängern und bis zum 31. März einen neuen Tarifvertrag abzuschließen, wurde vom Vorstand der Jüdischen Genwinde in letzter Stunde a bgelehnt. Er beharrte darauf, keinesfalls mehr zu zahlen, als die christlichen Kirchengemeinden zu zahlen verpflichtet wären. Da dieser Betrag zur Zeit noch nicht feststeht, bot der Vorstand vom 1. April ab als Höchstlohn 5,50 Mk. pro Stunde, und verlangte Abbau der Kinderbeihilfen. Dieser Lohnangleich wurde von der Betriebsversammlung gegen 13 Stimmen abgelehnt und der Streik beschlossen. von 9er emiorafion- Merlin, 31. März. Man schreibt uns: Von den amerikanisch-jüdischen Organisationen erhalten wir die Mitteilung, daß gewissenlose Agenten Einwanderer, die nach den Vereinigten Staaten wollen, denen aber Schwierigkeiten seitens der Paßbehörden gemacht werden, verleiten, statt auf die legale Beseitigung der Schwierigkeiten zu warten, nach Mexiko zu fahren. Von dort ans sollen diese Einwanderer versuchen, über die Landgrenze nach den Vereinigten Staaten zu gelangen. Die Emigranten, die von diesen Agenten zu solchen Schritten verleitet worden sind, werden dadurch in kritische Lage gebracht. Die Landgrenze von Mexiko nach den Vereinigten Staaten wird strengstens überwacht, sodäß keine Möglichkeit vorliegt, sich nach dem Vereinigten Staaten einznschleichen. Zahlreiche Personen, die dies versucht haben, sind in dem amerikanischen Staate Texas interniert worden, haben nun schwere Bestrafung und Rücksendung zu erwarten. Anders sind nach Mexiko zurückgesandt worden und befinden sich dort in der schlimmsten Lage. Durch ihre Unbesonnenheit haben sie sich außerdem die Möglichkeit, nach Amerika zu kommen, für immer verscherzt. Es ist selbstverständlich, daß keine jüdische j Organisation eine ungesetzliche Einwanderung * Der Israelit. dieser oder anderer Art unterstützt. Die Emigranten müssen aber eindringlichst gewarnt werden, den Lockungen gewissenloser Agenten zu folgen, die es nur darauf abgesehen haben, ans der Unwissenheit, der begreiflichen Ungeduld und dem Elend der unglücklichen Emigranten Kapital zu schlagen. Es muß immer wieder darauf hingewiesen werden, daß jeder Versuch, in illegaler Weise mit nicht ordnungsmäßigen Pässen und Papieren die Vereinigten Staaten zu erreichen, die Emigranten nur ikl dauerndes Elend führen muß. Die Beben in Schlesien Ares tau, 7. April. In einer Betrachtung über die,,rote Woche' in Breslau stellt der Breslauer Korrespondent des „Berliner Lokalanzeiger" zwei Flugblätter — ein kommunistisches und ein antisemitisches nebeneinander und schreibt: „Die rechtsradikalen Antisemiten und die linksradikalen Moskauanhänger geben einander auch hier nichts nach. Die einen Hetzen zum Bürgerkrieg, die anderen zum Pogrom. Ein geheimer Antisemitenbund in Breslau hat bereits begonnen, in der Oeffentlichkeit hervortretende Inden zwar nicht zu töten, aber zu verprügeln. Ich halte die Gefahr einer Pogromhetze in Breslau für größer als die kommunistische; denn dieser steht die Arbeiterschaft unbedingt ablehnend gegenüber, Mer aber arbeiten die gesamte reaktionäre Studentenschaft, die Bismarckbündler und Schutz-, und Trutzbündler vor. Der Wahnsinn beider Bewegungen muß aufs schärfste bekämpft werden, wo er sich zeigt." Die Ofljuden in vsnzlg. Danzig. 28. Marz. Ein Vertreter der Deutsch-nationalen Partei brachte auch in der Tanziger Gründungsversammlung die Frage der Ostjuden zur Sprache. Mit -stark übertreibenden Zahlen malte er das Gespenst der Ostjndeninvasion so schwarz aus, daß Senator Schummer eine Prüfung der Angelegenheit versprach. Tie Frage der Einschränkung der Einwanderung sott im Zusammenhang mit den anderen Fragen des noch in Ausarbeitung befindlichen Fremdenstatutes gelöstwerde. Molen. Die Rabbinerfrage. Warschau, 6. April. In der gestrigen Plenarsitzung der Gemeindeverwaltung wurde zunächst der Protest der orthodoxen Ratmänner gegen die Wahl Dr. Poznanskis zum Rabbiner verlesen, dann auch der energische Protest des Warschauer Rabbinates, in dem zugleich erklärt wird, daß bei einer Durchführung des Beschlusses oer Verwaltung, die Warschauer Rabbiner gezwungen wären, ihr Amt niederz n l e g e n. Der Vorsitzende, Herr Rund st ein, suchte auf die Orthodoxen einzureden. Er hält die Wahl eines fortgeschrittenen Rabbiners für ein wirksames Schutzmittel gegen die überhandnehmende Taufe. Tavidsohn referiert über die Frage und bittet die Orthodoxen, auf ein Kompromiß emzugehen. Darauf nahm Herr E. K i r s ch b r a u n das Wort zur Begründung der orthodoxen Interpellation. Er zeigte die prinzipielle Seite der Frage und erklärt, daß die Orthodoxie auf die Autorisation von Seiten des Rabbinates für den Mann, der den Rabbiner- Posten in Warschau versehen soll, nicht verzichten kann. Gegen den Willen des Rabbinates könne unmöglich eine solche Wahl getroffen werden. Er rrarnt davor, kraft einer zufälligen Majorität die großen jüdischen Massen zu vergewaltigen, da diese Gewalttat zu einem nicht mehr gut 'zu »rächenden Bruch führen müßte. Ter Austritt der Orthodoxie und die völlige Trennung wäre dann unvermeidlich. Aehnlich spricht sich Herr Priwes aus. — Tie Herren in der Warschauer Kultusstube scheinen aber unbelehrbar zu sein. Nach einigen nichtssagenden -Redewendung wurde die Abstimmung vorgenom- ___ 14. «prit 1121, men. Elf Deputierte stimmten gegen die orthodoxen Proteste, sechs dafür. Sv wurden die Orthodoxen Proteste ab gelehnt. Tie orthodoxen Ratmänner zogen die Konsequenzen und verließen sofort den Sitzungssaal. Inzwischen wird bekannt, daß sich auch Rabbiner aus der Provinz in großer Zahl dem Proteste des Warschauer Rabbinates gegen Dr. Posnanski angeschlosfen und zum Teil sogar gleich ihren. Warschauer Kollegen ihre Demission emgereicht haben. v»n 9er orthodoxen Paläfiina-Delesation. Warschau, 7 Aprtl. Als weitere Mitglieder der orthodoxen Delegation, sind gestern nach Palästina abgefahren die Herren Abraham Eisner, ein bekannter Großindustrieller aus Lodz, H. S ch z e r a n s k i, Fabrikant ans Lublin, M. Lewin und der Lodz er 'Großindustrielle Tobias Bialer. giianen. Die Sabbatruhe in Litauen- Aorvuo, 8. Aprtl. In der Handelskommission der Litauischen Gründungsversammlung kam bei Beratung des Arbeitsgesetzes eine Interpellation der jüdischen Landtagsmitglieder zur Besprechung, die für Arbeiter und Angestellte, welche aus religiösen oder nationalen Motiven am S abb at ruhen, die A rb eitsfreih eit am Sonntag verlangt. Als Verteidiger der Resolution tritt Deputierter H e l l m a n n mit einer energischen Rede ans, in der er auf den vollständigen ökonomischen Ruin hinweist, den eine zweitägige Ruhezeit in der Woche dem jüdischen Handel bringenwürde. Dagegen ergeht sich der christlich-nationalistische Deputierte Dr. Reinhardt in antisemitischen Auslassungen und meint, man merke schon tu den Straßen der litauischen Städte genug vom jüdischen Sabbat. Tie litauische Bevölkerung, die immer noch in den Städten die Mehrheit bilde, nüroe in der Sonntagsarbeit dev Juden eine Verletzung ihrer -Gefühle sehen und sie nicht dulden. Andere Freunde Reinhardts sekundierten ihm tapfer. Allein die jüdischen Deputierten blieben ihnen die Antwort nicht schuldig, und am Ende wurde doch der Zusatzantrag angenommen. Dafür stimmten die Sozialdemotraten und die nationalen Minderheiten, dagegen : Bauern, Demokraten und die Christlich- Nationalen. Schnrei;. Die Sabbatruhe in den schweizerischen Schufen- Zürich, 10. Aprik. Im Züricher B e z i r k s r a t kam eine Interpellation zur Sprache, die, von jüdischer Seite eingebracht, für jüdische Schüler Dispens vom Schreiben am Sabbat verlangt. ErzieHungsdirektor Mousson erklärte nach einer längeren Debatte, daß der Dispens 'jüdischen Schülern ans Antrag der Eltern nur dann erteilt werden kann, wenn die Eltern selbst es daheim nachweislich mit den Säbbatvorschriften genau nehmen. (f&txQicmb. €re? üisroel im englischen Unterhaus- London, 8. April. Im Unterhause teilte Unterstaatssekretär Amery auf Anfrage mit, daß bisher keinerlei wirtschaftliche Konzessionen in Palästina vergeben worden seien. Jedoch werde man wohl jetzt dazu übergehen müssen, solche Konzessionen zu gewähren, da die-wirtschaftliche Lage des Landes ein längeres Zuwarten trotz der noch, ausstehenden Ratifikation des türkischen Friedensvertrages nicht gestatte. Nur für M i n e r a l e und O e l e werde man an der früheren negativen Entscheidung festhakten. Kolonialminister Churchill, der diese Woche heimkehrte, werde dem Hause ehestens berichten. Bei der Vergebung von Konzessionen werde keiner Nationalität ein Vorzugsrecht eingeränmt werden.