Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1921)
- Date
- 1921-03-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Jenilleton-Veilage zu Ar. 13 des Jidf. HRH Von Sordowa nach Chasarien. Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) Nach kurzer Ueberlegung setzte Rabbi Moscheh fort: „In den Aufzeichnungen der späteren Gaonim aus Sura und Pumbeditha ist aber weiter zu lesen, daß nach einigen Jahren die Kunde nach Babylon drang, in Chasarien bekenne sich jetzt fast alles zur Lehre Israels und es sei nötig, daß Lehrer, heilige Gegenstände, Thorarollen und Talmudabschriften dorthin gesandt werden. — Wohl ist in den Aufzeichnungen von Massen Übertritt der Chasaren, nichts aber von ihrer jüdischen Abstammung die Rede . . ." „Sollte ein solcher Wandel, der ein ganzes Volk unter die Fittige der Sckechina brachte, die Babylonier so unberührt gelassen haben, daß sie außer in den genannten Auszeichnungen ihm gar kein Denkmal setzten?" nahm j?tzt der Nässt selbst das Wort. „Spricht dieses Ntchtssagen nicht genug dafür, daß es sich hier mehr um eine Wiederkehr, als um einen Uebertritt . handelte?" Eldad der Danite nickte, daß die bunten Bänder des Turbans flatterten, und fügte erhaben hinzu: „Alles, was ich dort gesehen, gehört und erlebt, bestätigt mir die Ansicht des erlauchten Fürsten Chasdai eben Schaprut, daß wir die Chasaren als Söhne Jakobs anzusehen haben." Dunasch ben Labrat flüsterte seinem Nebenmann ins Ohr, so daß es ben Saruk hören konnte: „Er spricht nur noch von Ansicht und Meinung und nicht mehr mit der sicheren Gewißheit von vorhin. Es ist ihm merklich peinvoll, daß ein so Kundiger wie Rabbi Moscheh seine Mär unter die Lupe nimmt. Diesen großen Babylonier hat er hrer nicht erwartet und hätte ihn wohl lieber bei den Jsachariten oder Mosessöhnen jenseits des Sambarjon gesehen.." „Zweifler und Kritiker", gab Saruk, für Danaich hörbar, zurück, „hören aus Allem nur ihre Zweifel heraus . . ." Dunasch verschluckte eine bissige Gegenbemerkung, denn nun hatte wieder Rabbi Moscheh ben Chanoch das Wort: „Daß die Gaoniten vor zweihundert Jahren vom Uebertritt der Chasaren nicht so viel sprachen, hat seinen eigenen Grund in der Vorsicht vor den Karaim. Diese waren damals unter ihrem Führer Anan, der aus Verärgerung darüber, daß er nicht Exilsürst geworden, seine Partei gründete, mit aller Kraft daran, für ihre Lehre neue Gebiete zu gewinnen, nachdem sie in Babel und Jerusalem nur wenig Glück hatten. Man wollte es vermeiden, daß sie mit ihren Sendboten auch noch das Bergland überfluten und dort einen Stützpunkt für ihre Irrlehre sinden. Darum tat man in den Gaonimschulen alles möglichst still, ohne viel Aufsehen zu erregen." „Und dennoch", setzte Rabbi Moscheh fort, „ließen es sich die Karaiten nicht nehmen, ihre Fühler bis dorthin auszustrecken und Sendling auf Sendling über die Berge zu schicken. Nock vor kurzem, da der Gaon Sa ad iah die große Abrechnung mit der „Bene Mikra" sich nennenden Partei vornahm, erneuerten sie ihre Versuche dort und wußten über große Erfolge zu berichten, die nachzuprüsen wir nicht in der Lage sind. Ihrer viele wollten sogar wissen, ^aß die Chasaren samt und sonders nur der Bibellehre der Koraim, nicht unserer Vollehre anhängen würden.' Wer schafft da Klarheit?" „Eldad der Danite!" ließen sich Stimmen hören. Der fremde Reisende saß während der Rede Rabbi Moschehs bewegungslos da und in seinem ehernen Gesicht zuckte keine Miene. Nun bewegten sich seine Mundwinkel und er sprach langsam, abgewogen, indem er es vermied, Rabbi Moscheh, den Nassi oder Rabbi Nathan anzusehen. „Ich sah ihr Leben und ihr Treiben ihre Gebräuche und ihre Gesetze und kann beschwören, daß sie sich ganz zu uns zählen, sich selbst für unsere Brüder halten. Von. Anhängerschaft an Parteien und Sekten, die nicht zu Israel zählen, habe ich nichts gemerkt." Eldad vermied offensichtlich das Wort „Karim" oder „Bene Mikra". „Er dreht sich und windet sich und umgeht den Kern der Sache im weiten Bogen", flüsterte Dunasch ben Labrat. „Er sagt, was er weiß", rechtfertigte ben Saruk. „Es ist noch zu beachten", setzte Rabbi Moscheh ben Chanoch in seinem klaren, präzisen Hebräisch unerbittlich fort, „daß in letzterer Zeit die Karaim in Babel und Erez Jisrael die Mär verbreiten,' die Chasaren seien Nachkömmlinge der „zehn Stämme". Ihre Absicht ist klar durchsichtig: Während sie im Vertrauen auf ihre Sendboten in Chasarien schon das ganze Chasarenland geistig als das ihrige ansehen, soll hier in der Diaspora bekannt werden, daß die ältesten Stämme Israels ebenfalls die karäische Lehre teilten und immer schon zu eigen hatten. Sie hätten sich nur zurückgefunden zu der Lehre, die von jeher Urlehre des jüdischen Volks gewesen wäre. — Wir in Babylon, die wir seit zwei Jahrhunderten im harten Kampfe mit den „Bene Mikra" stehen, der sich in den Tagen R. Saadjahs noch besonders zugespitzt hat, wir haben ihre Pläne durchblickt und kennen ihre Machenschaften bis aus den tiefsten Grund. Vorsicht vor denen, die von den „zehn Stämmen" in Chasarien sprechen! ..." So streng und ablehnend die Worte waren, so klangen sie doch in Ton und Ausdruck sehr mild und versöhnend. „E r hat nicht zuerst von den „zehn Stämmen" gesprochen, der Nassi nannte sie nur", raunte Saruk. „Der Nassi tat es, aber er widersprach nicht, sondern klammerte sich an diese „Stämme", bemerkte Dunasch. „Ob unseres'Blutes oder nicht", sagte der Nassi, „die in Chasarien sind unseres Glaubens und ich habe gelobt, nicht eher zu ruhen, als bis ich diese zunächst erreichbaren Brüder gefunden habe und ihre Zugehörigkeit zu Israel ihnen selbst und uns allen zu Bewußtsein kommt. Ich will auch die Anwesenheit der Abordnung des Königs von Byzanz dazu benutzen, die Unterstützung des Kaisers Romanus für die Absendung eines Boten aus unserer Mitte nach Chasarien zu gewinnen. Es wird gelingen, Byzanz für unsere Sacke günstig zu stimmen. Aber wen betrauen wir mit dieser hohen und zugleich beschwerlichen Aufgab r?" „Eldad der Danide, der kundigste und erfahrenste aller Reisenden wird unsere Botschaft dorthin überbringen", schlug Menachem ben Saruk vor. „Nein", lehnte der Nassi ab, „Eldad will, wie er mir sagte, nach Jerusalem und wir wollen seinen Weg nicht durchkreuzen. Zudem soll es einer aus unserer Mitte sein. Wer also wagt den Weg über Konstantinopel nach Chasarien?" Es herrschte Stille im Raume. Dann stand in der Jüngerbank ein jüngerer Mann auf, groß und kräftig gebaut, mit glühenden Augen im Schatten buschiger schwarzer Wimpern. „Du, Jtzchak„ Sohn Nathans?";; „Ja, wenn es dem Nassi genehm und dem Vater recht ist." Rabbi Nathan legte seine Hände segnend auf das Haupt des tapferen Sohnes. HI. Zur gleichen Zeit, da sich diese Umwandlung im Lehrhause ereignete, weilte in Cordowa eine Gesandtschaft des byzantinischen Kaiser Romänus II., der durch eine Verbindung mir dem mächtigsten Staate Spaniens sein Reich vor dem völligen Verfalle bewahren wollte. Einen Tag nach der öffentlichen Aussprache mit Eldad und Rabbi Moscheh ben Chanoch hatte der Nassi und erste Minister Chasdai eben Schaprut im Seitenbau des Califats die Gesandten im Aufträge des Calis zu empfangen. Die Byzantiner, riesengroß und strotzend i» Gold und Waffen, beugten das Knie vor dem kleinen jüdischen Minister. Romanus liebte es, hinter recht viel eitlem Tand und Glanz die Hohlheit und Hinfälligkeit seines Staatgebtldes zu verbergen. So kargte er auch diesesmal nicht mit Gold und reichen Geschenken, um den neuen muslimltischen Bundesgenossen zu blenden. Die Ueberreichung-dieser Geschenke hatte bereits tags zuvor bet der öffentlichen Begrüßung durch den Calif selbst stattgefunden. Unter anderem überbrachten die Gesandten auch das künstlerisch ausgeführte Exemplar eines berühmten Buches der Heilkunde in griechischer und latainischer Sprache, nach dem sich die Aerzte in Cordowa schon lange gesehnt hatten. Chasdai, bewandert in der Heilkunst, und der einzige in Cordowa, der das Latainische vollkommen beherrschte, übernahm es, die Schrift in kürzester Zeit ins Arabische zu übertragen, was sein Ansehen in den Augen des Calif und des Hohen Rates noch erhöhte. Nach all den vorangegangenen Förmlichkeiten blieb heute Chasdai nur noch übrig, die fachlichen Verhandlungen mit den Byzantinern zu leiten und zum Abschluß zu bringen. Die Gesandten übermittelten den Willen Ramanus, mit Cordowa einen Freundschoftsbund zu schließen, wobei der Kaiser gegen Gewährung freien Handels im byzantinischen Reiche aus Unterstützung Andalusiens in seinem Kampfe gegen alle, die ihm in und außerhalb von Byzanz den Thron streitig machen, rechnete. Schaprut hörte den Sprecher gelaffen an und sagte dann: „Ich habe vom edlen Calif Abdul RahmaN Vollmachten, den Vertrag abzuschließen und möchte nur noch unsere letzten Bedingungen stellen." „Wir wollen die Bedingungen des begnadeten Califen aus dem Munde seines ersten Dieners hören", bat der byzantinische General. „Wir schließen Bündnisse des Friedens und der Freundschaft mit allen Völkern, die gleich uns die Wissenschaften und edlen Künste schützen und in Recht und Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit die Bande sehen, die alle Bürger im Laude verbinden." „Das römische Recht und das alte Gesetz der Bürgerfreiheit ist uns geheiligt und wird gegen alle Freien in Byzanz geübt", sagte der Byzantiner vornehm. „Auch gegen die Juden", fragte Schaprut. unvermittelt. Der Sprecher der Gesandtschaft stutzte: „Was sollten-die Juden, fett Liberins und Caftgula die Feinde des römischen Reichs uno fett Konstantin Hasser der nazarenischen Kirche, wohl.