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Der Israelit · 1921-03-31 · Heft 13 (31.3.1921) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 13 (31.3.1921)
Date
1921-03-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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T M PV ■««<*.. .. ...-> i■.. ■1 ,i.i aemrtn behaupt»! wird, bis Dmchführuna der jüdischen Autonomie, welche der viel spater erfolgte Brief der litauischen Delegation an das „Cowite d-:S Delegations Juives" nur konstatiert und sanktioniert hat, welcher Wrigens nicht die kolossale Bedeutung hat, welche Herr Rosenbaum ihm zuschreibt, ihn Magna Charta libertatum benenriend. Laß Herr Dr. Rachmilewitz wesentlich dazu beiaetragen hat, den in Regierungskreisen noch tvenig bekannten Dr. Soloweitschik zum Minister für jüdische Angelegenheiten zu ernennen, ist bereits auf dem Khillos-Kongreß öffentlich konstatiert worden, weswegen er seit jener Zeit scherzweise der „politische Schadchen" genannt wird. Herr Rvsenbamn weiß so gut wie wir, daß das litauische Ministerium ganz offiziell den Auftrag erteilt hat, den Budgetentwurf für das jüdische Ministerium auszuarbeiten und sollte dies wissen. Wie Herr Rosenbaum diese allgemein bekannte Tatsache in Abrede stellen kann, ist unbegreiflich: ebenso unbegreiflich ist, wie Herr Rosenbaum die Tatsache in Abrede stellt, daß die Orthodoxie auf dem Khillos-Kongreß die faktische Majorität hatte. Ein flüchtiger Anblick in die Protokolle hätte ihn sicherlich eines besseren belehrt. Gemäß diesen Protokollen halten „Achdut" und „Zerret Jsroel" zusammen nachdem durch spitzfindige Scheingründc 7 Mandate der Orthodoxie als ungültig erklärt worden sind, 56 Mandate, die Misrachisten — S Mandate, die Handwerker, die meistens auch zu den traditionellen Juden gehören, zusammen mit den Demokraten — 22 Mandate; darunter auch solche, welche durch Kooptation ernannt worden sind, gegen weiche Kooptation seinerzeit der rühmlichst bekannte Ponewescher Raw Kahanemann, als Delegat erfolglos protestiert hat, und schließlich die Zerrei-Zion mit den allgemeinen Zionisten zusammen 46 Mandate hatten. Tie in der ganzen parlamentarischen Praxis unerhörte Kooptierung der Delegierten, hat auch den Aus.- schlag gegeben, und zum Zwecke der Majorisierurrg der Orthodoxie sind eben die kooptierten D^legierkuW die tatsächlich von keiner Khillo gervählt worden sind. Herr Frnkelstein zum zweiten Vize-Präsidenten und Herr Tr. Goldberg zum Mitglied des Actions-Comites gewählt, wodurch eben die Vertreter der linken Parteien die Majorität im Präsidium und im Actions- Comite erhalten haben. .Hinsichtlich der Auswahl der ca. 100 Angestellten im jüdischen Ministerium und im Nationalrat, unter welchen bloß 8 der Orthodoxie-gehören, beteuert Herr Rosenbaum, daß bei der Anstellung nur nach Tüchtigkeit gefragt wuroe. Hat Herr Rosenbaum bei dieser Beteuerung sich gar keine Rechenschaft abgegeben, wie schwer er mit derselben die Orthodoxie öffentlich beleidigt hat. Diese öffentliche Beleioigung der Orthodoxie von Seiten des Herrn Rosenbaum überrascht uns allerdings nicht. Sie ist nicht die erste und nicht die einzige. Hai er ja auf der letzten Plenarsitzung des Natiunalrates der Leitung der Lehrerkurse ber „Zeirei Jsroel" eine häßliche grobe Verdächtigung ins Gesicht gc* schleudert, ohne, wie es sich protokollmäßig erwiesen hat, den geringsten Grund dazu zu haben, wie er freilich, nachdem dieselbe ihre Wirkung gehabt hat, zurückgenommen hat. Auf derselben Versammlung hat Herr Rosenbaum die Unverfrorenheit, ine Orthodoxie mit „Schechorim", die Schwarzen zu titulieren, 'was eine solche Entrüstung hervorgerusen hat, daß, wie verlautet, der zu jener Zeit 'tagende Kongreß der Agudas horabbonim den Präsidenten des Nationalrats zu seiner Eröffnung nicht eingeläden hat. Herr Rosenbaum behauptet, daß von vornherein beide Bize-Präsidentm gleichberechtigt gewesen wären. Wenn dem tatsächlich so wäre, wozu sahen sich, di« Zionisten bemüßigt, auf der dritten Tagung der Pi«- nums des Nationalrats die ausdrückliche Förderung ber Gleichberechtigung beider Vize-Präsidenten zu stellen? Zum Beweise für die Loyalität des Nationalrats der Orthodoxie gegenüber führt Herr Rosenbaum die Tatsache-an, daß alle Forderungen der Orthodoxie mit Ausnahme einer einzigen von der letzten Plenarsitzung des Nationalrats einstimmig angenommen wurden. Aber schon diese Tatsache stellt die Loyalität des Nationalrats in das richtige Licht, nur sehe ich mich genötigt, auf dieselbe näher einzugehen. Tie letzte Tagung der Plenarversammlung des Nationalrats war überhaupt ein ununterbrochener, heißer Kamps der Delegierten der Orthodoxie gegen von ihr erlittene Unbill von Seiten des Nationalrats, jedoch den Höhepunkt erreichte dieser Kampf, als ihre wesentlichste Forderung mit 16 gegen 15 Stirnmen abgelehnt wurde; die zwei anderen Forderungen der Orthodoxie waren im Vergleich zu der abgeworfenen ganz geringfügig. Tie Hauptforderung der Delegierten sämtlicher orthodoxen Fraktionen, Misrachi eingeschlossen, bestano in einer durch die bittere Erfahrung der Orthodoxie aufgozwungenen Ergänzung zum Punkt 1 des § 9 des Gesetzesprojektes, welches demnächst der Negierung unterbreitet werden soll. Dieser Punkt lautet: „Zur Kompetenz oes Khrllos-Kongresses uno des Nationalrates gehört: „Ate Ausführung der Aufgaben, welche in § 1 des Gesetzes angegeben sind, wenn sie «eine allgemeine Bedeutung für die ganze jüdische Bevölkerung haben." Zu diesem Punkte, welche alle internen jüdischen Angelegenheiten, inklusive religiöse, welche im 8 1 obenanfteht, dem Nationalrat anvertraut, haben die Orthodoxen folgende Anerkennung hinzugefügt: „In allen religiösen Angelegenheiten handelt der Nationalrat im Einvernehmen mit einer von sämtlichen Rabbinern Litauens gewählten Rabbinerkommission." Tie Ablehnung dieser Anerkennung, welche für die Orthodoxie geradezu eine Lebensfrage ist, hat geradezu einen Sturm sittlicher Entrüstung hervorgerusru, welche den hierbei folgenden energischen Protest des Rabbiner-Kongresses zur Folge hatte, welcher von den Delegierten sämtlicher orthodoxen Fraktionen in den Nationalrat eingebracht und feierlich von dem hochangesehenen Marrampoler Raw imb Mitglied des Seims Rabbiner Poppel verlesen wurde, und einen förmlich erschütternden Eindruck gemacht hat. Diese eklatante moralische Niederlage, so schließt unser Gewährsmann, war für die Herren der momentanen Situation eine ernste Warnung, eiligst einzulenken, besonders, da der Wahlkampf in nächster Zukunft bevorsteht, und in minder wichtigen Forderungen der Orthodoxie sich nachgiebig zu erweisen, dies umsomehr, als es in den Händen des Präsidiums und des Aktions-Komitees liegt, bei der Ausführung der Beschlüsse des Plenums durch geschickte Handhabung dieselben teilweise zu vereiteln, was schon tatsächlich verschiedene Male unternommen wurde, worauf ich gelegentlich noch zurückkommen werde. Soweit ist es mit den „Unwahrheiten", Unrichtigkeiten" und dem „Leichtsinn" bestellt, welche Herr Rosenbaum leichtsinnig, unwahr und unrichtig genug mir vorwtrft. Der Frie-rn-schluß in Riga. Nach langen Verhandlungen ist der Frieden zwischen Sowjet?Rußland und Polen geschlossen worden. Unter den vielen Paragraphen, die die Rechte und Pflichten beider Pasteten regeln, spricht einer von „dem Schutz l und den Rechten der nationalen und religiösen Minoritäten." Hier ist der Punkt, wo der jüdische Leser stehen bleibt, wo sein jüdisches Jntereffe an der Sache sich zu regen beginnt. Die Rechte-er jüdischen Minorität in P o l e n bildet ein allzu bekanntes Kapitel, um aus Anlaß dieses neuesten Friedensschluffes noch einmal erörtert zu werden. In Sowjet-Rußland, wo die jüdische Minorität bis jetzt mit all den Anderen ein gleiches Recht hatte auf Hunger und Elend, hat dieser Rechtschutz unter den verworrenen Zuständen gewiß nicht viel zu bedeuten. Jndeß weckt dieser Friedensschluß Erinnerungen an die jüngste Vergangenheit in der Ukraine, und der Seufzer, der sich dabei der jüdischen Volksseele entringt, dürfte kaum ein Seufzer der Erleichterung sein. Der Krieg zwischen Polen und Sowjet-Rußland hat mittelbar und unmittelbar das große Judenschlachten in der Ukraine mit sich gebracht. Denikin und Petljura, Balachawitz und die anderen Pogrom-Generäle, die ihren Meister und Schutzpatron aus dm fünfzehnten Jahrhundert Chmelnitzki weit in den Schatten stellten, waren die Bundesgenossen Polens in diesem Kriege. Sie traten auf den Plan gleich nach Kriegserklärung Polens an Rußland, um selbständig gegen'Rußland zu operieren und bauten ihre Operationen, mit oder ohne Wissen und Willen Warschaus, zu einem Feldzuge gegen die Juden aus, wie er einzig in der Geschichte dasteht. Dieses Zwischenspiel in der Ukraine ist ein Teil des letzten polnisch-russischen Krieges, und der Friedensschluß in Riga läßt die Erinnerung an diese furchtbarste aller blutigen Tragödien der letzten Zeit in uns neu aufleden. Nun ist Frieden zwischen den stammesverwandten Polen uud Russen und eine Reihe von Paragraphen sorgt für Schadenersatz und Wiedergutmachung. Wer gibt den jüdischen Waisenkindern in der Ukraine ihre Väter wieder, wer baut die eingeäscherten Synagogen wieder auf, wer denkt daran, die Millionenschäden an jüdischem Gut zu ersetzen, die unzähligen Verbrechen an jüdischem .Menschenleben zu ahnden, die noch blutenden Wunden zu heilen? Darauf gibt kein Paragraph des Friedens- Vertrages Antwort. wm. Gesetz und Freiheit. Zum ms 's- Sßon Rabbiner Dr. M Lewin in Hamburg. ES ist nicht nur die persönliche Freiheit, die Be'? freiung von äußerem Druck und von leiblicher Kriech* < tung, die des Herrn Liebe unfern Vätern schenkte, als - Er ihnen die Sklavenketten brach. So bedeutsam auch ' jene Mttielnachtsstunde gewesen, die Israel von der harten Frohn Mizraims aufatmen ließ, es war dies' nur die Vorstufe für die wahre und echte Freiheit, die erst das Gesetz, die Thora sicherte. Das ist es, was ' der dritte Sabbat, der ms nstf, beim Nahen des ’ hob uns zum Bewußtsein bringen will, mw« npn ran. Das ist die Satzung der Thora — diese ist des Lebens Kraft und Blüte, unseres jüdischen Daseins Ziel und Krönung. Schon in Mizraim, noch ebe Israel dos Morgenrot der Freiheft oufstrahlte, sollten sich unsere Vater von ägyptischer Gebundenheit und Unreinheit loSlösen und darum zum Protest gegen den Tierdienst, wie er in dem Lande der Knechtschaft geübt wurde und den Menschen zum Sklaven feiner Leidenschaften und Triebe machte, das Pessachlamm dem Einig.Einzigen opfern. Der Glaube an den Unsichtbaren, an den Ewigen und Unvergänglichen, erhebt den Menschen über das Irdische hinweg zu den Höhen der Sittlichkeit und entfesselt in ihm die reinsten und lautersten Triebe, sodaß er, gebunden an das Ewige und Reine, der Schöpfung Krone und Zierde wird. Opferten nun Israels Kinder zum Feste der Freiheit das Pessachlamm, so war ihnen das eine Mahnung, daß ihre wahre Freiheit bedingt sei durch die Ueberwindung des Niedrigen und Tierischen im Menschen und zugleich die Lehre von der Ewigkeit des Geistes, der in jedem Erdenkinde lebt und webt. bn>& mv» >5 tm minn rwr. Das ist nun die Lehre - (ihr Wesen und ihr Höhepunkt): Wenn stirbt der Mensch tm Zelle — verunreinigt er . . . Aber nur der dem Irdischen entuommene Teil im Menschen ist vergänglich, während in diesem auch ein Ewiges lebt, was den Erdensohn erst zum Gotteskinde macht und ihn im Strahlenglanze der Reinheit und Freiheit leuchten läßt. Die Egel- «nde, der Jsroel unmittelbar nach der göttlichen 'Offenbarung verfiel, war ein Abfall nicht so sehr'vom Glauben an Gott, als vom Glauben an das Unsichtbare, an das Geistige und Ewige. „Das sind deine Götter, Israel", so riefen sie in Verzückung, wo sie mit ihren Augen schauten, was ihre Sinne berückte. Das ist es wohl auch, was unsere Lehrer im Hinblick auf die Satzung von nrrn n*iB sagen. „Das Opfer der roten Kiuch befreie Israel von der schweren Schuld feiner Jugendsünde". Wenn erst Israels Kinder in ihren Gedanken sich zu dem Unendlichen erheben, dann sind sie Kinder der Freiheit und Ewigkeit. Die Triebe und Leidenschaften verstummen vor dem Mahnrufe öeS ewigen Gesetzgebers, der mit seiner Thora uns daS Leit,eil reicht, an dem wir uns ausrecht erhalten, um nicht in den Strudel des Irdischen zu versinken. Wer sich an einer Leiche verunreinigt hatte, mußte erst mit dem Sühnewaffer besprengt werden, ehe er das Pesfachopfer darbringen durfte. Um in die Welt des GraubenZ und der Reinheit sich versetzen zu können, ist es nötig, daß das Vergängliche, das Irdische und Niedrige uns fernbleibe — und wollen wir den Pessachgedanken, die uns zu dem Höchsten befähigen, zugänglich werden und uns der uns verliehenen Freiheit würdig erweisen, müssen wir uns mit dem Sühnenwasser des Glaubens besprengen und uns über das Irdische zum Geistigen erheben. Wir sind Ebenbilder des göttlichen Urbildes und als solche der edelsten und heiligsten Triebe fähig — darum ist uns das Gesetz gegeben, das unsere Gottebenbildlichkeit schützerr..und entfalten will. Als ewige Mahnung an unsere Aufgabe und Bestimmung werden d« Thora Satzungen, die Sprossen an der Leiter der Sittlichkeit, deren Spitze wir nicht ersteigen, wenn-wir in der Thora eine Last und nicht eine Lust erkennen. Nicht dürfen wir klügeln und mit der Sonde der Kritik Gottes Wort meistern. Was uns.rm Verstände verhüllt bleibt, das hat keinen geringeren Wert, dieweil wir seinen Sinn und sein Ziel nicht zu ergründen vermögen. Ueberall sind dem menschlichen Verstände Grenzen gezogen und Schranken gesetzt. Warum glauben wir den Schleier lüften zu müssen, wo des Herrn Weisheit über sein Wort und seine Satzung einen solchen gebreitet hat und bescheiden wir uns nicht bei der Erkenntnis, daß wie das irdische Lehen unendliche Rätsel birgt, solche auch dem höheren und geistigen nicht fehlen? Hier und dort liegt - aber' die ösung Sek dem, der tm Himmel tront und machtvoll und weise über alles waltet. Bannen wir den Zweifel,

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