Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1921)
- Date
- 1921-03-17
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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17.'März 1921.' Beite 8 Nr. 11. Diadem vor die politischen Nationen hinzutreten. Sie hüteten ihr Diadem wie ein teueres Geheimnis, und als teueres Geheimnis haben sie es uns vermacht. _ Es ist ja voll unermeßlicher Schicksalsschwere: in fürchterlicher Verantwortungslosigkeit wird unser Geheimnis hinausgeschrien, hiuansgeschrien tausendfach entstellt und besudelt, als ob Gottes Diadem nur eitel Menschenwerk, nur eine Erdenkrone sei, wie sie das Haupt aller Nationen trägt — —: und heute hallt jede Gasse wider von dem verratenen und bis zur Unkenntlichkeit verballhornten Geheimnis der Ahnen — —: und heute reckt der Nachfolger des römischen Weltreichs die Hand aus, als wollte nun er das Haupt der Nation schmücken, daS einst Gott geschmückt hat. Gleichwie die Aufgabe der sozialen Emanzipation bereits vor der Katastrophe Napoleons vorbereitet, durch diese Katastrophe aber erst in voller Deutlichkeit und Schärfe vor uns gerückt wurde, hat auch die Aufgabe der nationalen Emanzipation schon vor dem Weltkrieg die Gemüter beschäftigt, ist aber nun erst zu einer Größe angewachsen, die dem Beginn einer neuen Epoche im Leben des jüdischen Volkes gleichkommt. Man mag die politischen Rechte, die der M a n d a t se n t w u r f dem jüdischen Volke einräumt, noch so gering einschätzen: die Rcjlexwirlung des Mandats auf das jüdische Volk, die Reslexwirkung aus die übrigen Nationen in ihrem Verhältnis zum jüdischen Volk ist unter allen Umständen u n ü b e r s e h b a r g e w a l t i g. Nicht als Geschenk, sondern als Aufgabe, so hart und so schwer, wie sie keinem anderen Volk der Erde jemals zngefallen ist, wie sie selbst das jüdische Volk vielleicht noch nie übernehmen mußte, will dieses Mandat gewertet sein. Dieses Mandat, wie immer es ausfallen mag, stellt das jüdische Volk endgültig vor die Aufgabe der n a t i o n a l e n E m a n & i £ ci t i o it. D i c n aj tionate Emanzipation ist die Ge-k „Glätte r." sam theitsaufgabe, die das jüdische Volk der neuen Epoche im Geiste der Thora zu lösen hat. Ich wiederhole: wahrlich nicht wir, nicht die Orthodoxie, hat sich in spielerischem Leichtsinn diese furchtbare Aufgabe gestellt. Mer ich füge hinzu: wir habet! nicht mehr die Freiheit der Wahl! Wie einst vor hundert Jahren die Besten unserer Väter in erhabener, in unendlich bewundernswerter Schätzung der vorhandenen Kräfte am liebsten auf die ganze soziale Emanzipation verzichtet hätten, weil sie die Größe der Aufgabe in höchster Geistesklarheit erkannten,' so möchte auch heute mancher unserer treuesten Führer, so möchten auch heute vielfach die Männer innigster Frömmigkeit unter uns am liebsten das ganze Problem der nationalen Emanzipation von sich weisen, um, wie bisher, ein Leben der Gotteserkenntnis in der Thora, still für sich und ihren Kreis weiter zu leben. Me aber die Aufgabe der sozialen Emanzipation schließlich dennoch gekommen ist, weil es eben Gott war, der sie über uns verhängt, so stehen wir heute, ob wir wollen oder nicht, im Zeitalter der nationalen Emanzipation und haben in vollem Bewußtsein der unendlichen Schwere des uns zugefallenen Loses zu tun, was Gott von uns erwartet. An dieser Aufgabe kann Agud'as Jisroel nicht tatenlos vorübergehen, ohne das Recht zum Dasein einfach zu verwirken. Agudas Jisroel hat die Einstellung des jüdischen Volkes auf die nationale Emanzipation vorzunehmeu. Lehnt sie dies ab, so ist sie verloren. Das Frankfurter Programm will diese Eiustelllung vorbereiten. Das Frankfurter Programm ist die Mahnung an Agudäs Jisroel, die Zeit zu begreifen und ihrer geschichtlichen Mission sich bewußt zu loerben. Die Idee des Agudismus will den Weg zeigen, wie diese Einstellung vorzunehmeu ist. Ueber diesen Mg soll in einem weiteren Aufsatz das Notwendige gesagt werden. Dr. Jsaac Breuer-Urankfurt a. M. Aus derVewegung. Frankfurt a. M. Ter heutigen Nummer liegt ein Aufruf der Palästinazentrale bei. Wir bitten um eifrige Benutzung der dem Aufruf beigefügten Zahlkarte. Lublin. Tie Verwaltung der „Agudas Schlome Emnne Jisroel" in Lublin hat eine umfassende Aktion zur Hilfe der armen Lubllner Bevölkerung gegen die wachsende Teuerung eingeleitet. Sie hat sich mit einer Reihe von Aufrufen an die Lubllner Be. völkerung gewendet. Am 13. Februar fand eine von der Aguda einberufene Beratung statt, an der hervorragende Personen der Stadt und Vertreter der Gemeinde teilnahmen. Wien. Die englische Paßstelle in Men teilte der hiesigen Agudazentrale mit, daß fortan alle von der Agudah empfohlene Palästina-Emigranten das Visum erhalten. Spendenliste: Agnda-HnuPts-nd. Berlin: Moritz A. Loeb 50, gesammelt 1175. Borghorst: Gerson Hertz 30. E d e l f i n g e n: Hilde Moses 9. Freidurg i. Br.: Salomon Weil 20, Jacob Picard 10, Josef Bloch-T-rehfus 10, Rechtsanw. Sigmund Kassewitz 50. Gailingen: Tr. Hasaall 30. Halber st adt: Fanni Goldschmidts Sammelbuch 40, Lassar Seckbach 50, Terselbe, Büchsenleerung 46, Rimmler 10, Fr. Clara Auerbach zu Hanna Goldschmidts Verlobung 80, Max Mil desgl. statt Blumen 10, Heinr. Eichelöerg desgl. 10, Fr. Rosa Auerbach desgl. 20, Hanna Goldschmidt und Gustav Pappenheim danken allen Glückwünschenden 120. H a m b u r g: Wolf und Käthe Jacobson zu Hanna Goldschmidts Verlobung 5. Hettstedt: Herrn. Adler zur Hochzeit Paula Freuaenthal-Tann mit Siegfried Lönnerstaoter- Haßfurt 6. H o m b u r g, Pfalz: Heinrich Levy 120. Bad Kisjingen: Ghitu Jeidel 76. Mannheim: durch Sigmund Würzburger von N. N. 20. Sammy Gronemann: - Tohuwabohu.*) Schon der Titel ist charakteristisch tiiv das ganze Buch: ein Tohuwabohu. Das dann einem nicht tveiter Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß unter einem Tohu Wabohu nichts anderes zu verstehen ist, als eine bunt zusammengewürfelt;, zusammenhangslose .Maste. Mt Notwendigkeit ergibt sich daraus, daß auch das Buch, in den: von einer solchen Materie die Rebe ist, ein zusammenhangsldses Machwerk bilden niuß, es sei denn, daß der Verfasser turmhoch über den Tangen steht, die er behandelt. Das tut Sammy Gronemann mit Nichten. — Er gibt uns einzelne Szenen, von denen eine geschmackloser ist tow? die andere. Man denke an die Morgenstunde im Hause des Landg-richtsdrrektors, au die Gerichtsverhandlung betreff. Esrogim, die sich über sage und schreibe 7 Seiten erstreckt (inan glaubt fast, dieser Episode wegen sei das Buch gelchrieben), um das Minjan-Machen uss.: daß Heinz Lehnsen, früher Heinz Levysohn, in fast jeder Szene vorkommt, erscheint wie zufällig. Vielleicht liegt in dieser Erscheinung die Kernfrage, weshalb das Buch geschrieben wurde. Jede Szene soll beweist» wie morsch, wie faul die deutsche Judenheit ist, besonders die noch gesetzestreue; als leuchtender Stern erscheint der Östjude: Ex oriente lux! Tiber, ist dieses Licht wirklich so helleuchtend, kann der Thp des Ostjnden, den S. Gronemonn arfübrt, der deutschen Judenheit jemals Gesundung bringen? Man verstehe mich recht: Nicht den ostjüdischen Jeichiwah-Bachur, der dem deutsch-jüdischen Jüngling die Kenntnis der jüdischen Rechtswelt vermittelt, der ihn mit der für ihn so notwendigen Welt der Chassidrm vertraut macht, importiert Gronemann nach Teutschland, vielmehr einen Ostjuden, der zwar auch ,,lernen" kann (er „lernt" ja Goethes „Faust"), aber in Deutschland kein anderes Ziel kennt, als sich „Bildung" anzueignen, eben das, von dem wir so gerne loskommen möchten. Wer möchte behaupten, daß die Gestalten von Jassel Schlenker und Chane Weinstein urs irgendwie besonders sympathisch sind? Wären sie es, dann doch nur deshalb, weil die anderen allesamt so krank, Z Sammy Gronemann: Tohuwabohu. Wrltverlag Berlin 1930. so faul und vermodert sind. Man könnte ironisch werden und sagen: Tie einzige Gestalt, die uns vielleicht sympathisch werden kann, ist das Faktotum des Rabbiners: Herr August Ferdinand Kluck. Wieviel Jehudim ermöglicht er, einerseits selbst den Sabbat zu halten, andererseits aber den Geschäftsbetrieb am Sabbat ungehindert wrtgehsu zu lasten. Ein wahrer Wohltäter für das Judentum!! — — Es erübrigt sich, auf andere Sienen näher ein- Mgehen, denn alle ergeben das gleiche Bild. Stur Schattenseiten vermittelt uns das Buch. Gewiß, die deutsche Judenheit ist faul und morsch, aber bedeutet es nicht geradezu einen Verstoß gegen ^vrr nny r.^jn 8) mir derartiger epischer Breite, der man ohne Mühe eine gewisse Wollust anmerkt, das in Deutschland lebende Glied der jüdischen Nation, weil deren Körper durch hundert Jmpiunaen schier durchs löchert ist, in solcher Weise zu veru'wlimpsen? — Auch rein methodisch ist oas Buch oanz falsch angelegt. Es will Blößen ansdecken. gut, aber eine Gesundung der deutschen Judenheit läßt sich dock niemals dadurch erreichen, daß man recht eindringlich auf die kranken Stellen hinweist, ohne zu zeigen, wo denn noch etwas frisch und unverdorben ist. Alles in allem: Taß dieses Erzeugnis eines nur rein intellektuell gerichteten Schriftstellers, dem jedes jüdische Gefühl abgeht, gedruckt, gekauft. gelesen wird, daß es zudem in den Schaufenstern der jüdischen Buchhandlungen schiedlich und friedlich neben den Werken von Rabbiner Hirsch neben einem so ernsten Buche wie BreuerZ „Kampf um Gott" M nruc Käufer wartet, ist mehr als schmerzlich. Bor wenigen Wochen wurde in Frankfurt von gesund empfindenden Jungens und Mädels ein Berg von Schundliteratur errichtet, die den Flammen übergeben wurde. Unwillkürlich mußte der Wunsch in mir aufstelgen: Möchten auch jüdische Jungens und Mädels endlich ansangen, len Kampf gegen Schund von jüdischer Seite auizunehmem Wir genießen kein Volltier, es sei denn durch das Schächten der Rechtswelt Gottes geweiht; aber Bücher, voll von Trivialität und Blasphemie, werden in ungezählte» Mengen uns als geistige Nahrung geboten. Ter deutsche Wandervogel und mit ihm zusammen der Dürer-Bund haben es fertig gebracht, Buchhandlungen zu errichten, in denen cs wirklich nur gute Bücher gibt. Könnte dasselbe Werk nicht auch die Agudas-Zisroel beginnen? — Mer was soll der Maßstab sem, mit dem man die Bücher bewertet? i Die Ehrlichkeit des Verfassers, der ein Werk schafft in Schönheit und Reinheit!! — — Harry Abt. Literarische Aolizen. In den jüngsten Nummern des „Jud" *) findet sich eine vorzügliche Monographie über S. R. Hirsch s. A. aus der Feder des Rabbiner I. Guttentag (Sochatschin) deren Lektüre vornehmlich allen denjenigen zu empfehlen ist, welche einen Gegensatz zwischen der „Altorthodoxie" der östlichen Volkspsychv und der assimilatorischen Frankfurter „Neuorthodoxie" konstruieren möchten. Es ist im Rahmen der „Agudo- Blö'tter" nicht möglich, die gediegene Whandlung des Autors wiederzugeben, wir begnügen uns mit dem Hinweis darauf, daß Autor mit uns in Hirsch den Führer und Wegweiser unserer Zeit erblickt und dem Gedanken Ausdruck verleiht, daß aus feinen Werken die wahrhaft jüdische Nationalkultur zu gewinnen sei, daß aber Hirschs Gegner, welche neuerdings im Osten wie früher schon im Westen ihn ftum „Reformator" oder „national-jüdischen Assimilanttn" stenipeln möchten, entweder seine Werke nicht gelesen oder sie nicht verstanden haben. Im Anschluß daran möchten wir daraus Hinweisen, daß die Ausgabe der „Neunzehn Briefe" der A. I- Jugendgruppe Frankfurt a. M. auch in unseren polnischen Zsirei Emunei Jisroelgrnppen sich starker Verbreitung erfreut. Bei L. Sänger, Verlag Frankfurt a. M>, erscheint in Kürze der Bericht über die Preßburger * -r- * Das 1912 erschienene Büchlein Ben Iairs: Susiana, heute noch so frisch wie am ersten Tag, sei nicht nur als Lektüre zu Purim unseren freunden nachdrücklichst empfohlen. Ter bekannte jüdische Dichter verwebt den Estherstoff unter Spott und Scherz, mit Ironie und Sa ihre, darüber schwebend aber durch goldenen Humor zu einem lachenden. Ganzen. Der Preis ist durch Entgegen*vmmeu des Verlags für Mitglieder der Agudo auf 2-50 Mk. sür das broschierte, 6,75 Mk. für das elegant gebundene Buch, exkl. Porto reduziert. ist, wir wir hören, nahezu vergriffen. (Verlag A. I. Hosnrann, Frankfurt a. M.). 2) „Ter Jud", Organ der Schlaume Eurnneh Jisroel (der polnischen Agudah), Warschau. Spendet am Purim für „nsrrr Fonds!