Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1921)
- Date
- 1921-03-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Mrwwer 11 VIL. Zayrgaug =s 7. A d a r N. 5681 heran s^g.e gebe n v o ttt Gruppenverband, der Palästina-Zentrale und der Zugend-Organisation der Agudas Zisroel für Deutschland. Inhaltsübersicht. 1. Dr. Jsaae Breuer: Die Idee deS AgudtsmuS. — S. AuS der Bewegung. — „3. Spendenliste. — 4. Sammy «ronemann: Tohuwabohu. — Literarische Notizen. Die Idee des Agudir««-. II. Das Frankfurter Programm entfernt sich in keiner Weise von der formalen Grundlage, die sich Agudas Jisroel gesetzt hat. Nach wie vvr gilt auch dem Frankfurter Programm als unumstößliche, ja als selbstverständliche Voraussetzung, daß die souveräne Orthodoxie als AgudaS Jrsroel berufen ist, die Gesamtheitsaufgaben im Geiste der Thora zu lösen. . Aber das Frankfurter Programm geht den entscheidenden Schritt weiter. Es unterninunt die Aktualisierung der für alle Zeiten formulierten Bestimmung der Agudas Jisroel für die Gegenwart. Es ist nicht nur die rm vorigen Aufsatz geschilderte Lage der deutschen Ortsgruppen, die eine solche Aktualisierung zu gebieterischer Notwendigkeit macht. Die Lage der jüdischen Nation selber am Ausgange des Weltkrieges ist'svor allem, die das Frankfurter Programm ins Leben gerufen hat. Vor dem Weltkrieg mochte es — vielleicht! angängig sein, in Ruhe und systematischen: Fortschritt an dem Aufbau der jüdischen Nation — Klall Jisroel — zu arbeiten unl sich damit zu begnügen, dieser Nation — dem Klall — die göttlich-zeitlose Bestimmung als ausreichende, alles besagende Formel auf die Stirne zu schreiben. Aber jetzt geht cs nicht mehr. Tor, wer da glaubt, am Ausgange des Weltkriegs einfach da fortfahren zu können, wo er am 31. Juli 1914 aufgehört. Wenn der Gott der Geschichte den Weltkrieg — ich sage nicht: heraufgebracht, aber ich sage: zugelässen hat, zugelassen hat, daß mehr als zehn Millionen in Seinem Ebenbilde geschaffene Menschen zerfetzt, verstümmelt, im Lebensnerv geknickt werden dürften, wenn Er solch unfaßbares Geschehen uns hat erleben — überleben — lassen, so hieße es gegen diesen Gott der Geschichte fürchterlich freveln, wollten wir auch nur einen Augenblick daran zweifeln, d a ß e i n e n e u e E p o ch e n i ch t nur in der Geschichte der politischen Nationen, s o n de r n a u ch 8 e r j ü d i s ch e n Nation begonnen hat, eine neue Epoche, für die nach Gottes uueuthüIIbaremGeheimnis auch dic Breucl des Weltkriegs in Kauf geuontmeu werden mußten. Wie die Katastrophe des Jahres 70, wie die Katastrophe Napoleons, so hat auch die Katastrophe des Jahres 1914 eine neue Epoche der jüdischen Nation eingeleitet. Die Künstler, die Philosophen, die Gelehrten aller'politischen Nationen sehen wir heute un- - ablässig , beschäftigt, den „Sinn" unserer Tage zu fassen. Unter dem von den Lastern der Verbrechensjahre gesponnener: Mantel eines niederträchtigen Materialismus pocht das Herz der politischen Nationen in Zagheit und Jrrnis, in Verzweiflung und leis sich regender Hosfnrnlg -: und nur wir, und nur die jüoische Nation sollte der Pflicht sich entschlagen dürfen, ftdj in Gewissenhaftigkeit und Zemütiger Ehr- > furcht Rechenschaft darüber zu geben, „was Gott da gewirkt", was Gott von urrs gewirkt haben will? Ist denn etwa der Weltkrieg nur der Weltkrieg der politischen Nationen, ist er nicht auch der Weltkrieg der jüdischen Nation gewesen? Ich denke nicht an die Tausende und Abertausende ihrer Glieder, die die Schlachtfelder der Erde decken, weil sie den Staaten, in die sie Gott gewiesen, nach dem Ausspruch des Propheten die Treue gewahrt. Ich denke an die jüdische Nation als solche. Hat nicht auch sie das Fazit -dieses Weltkriegs zu ziehen? In vollen: Bewußtsein der entsetzlichen Bedeutung der Worte spreche ich es aus: A!s Fazit des Weltkriegs sehe ich den Boden wanken unter der jüdischen Nation, sehe ich die jüdische Nation am Rande eines «Abgrundes schweben, sehe ich die jüdische Nation in einer Lebensgefahr, wie sie am Tage der Z e r st ö r u n g ihres Tempels nicht größer war. Wacht auf, ihr Schläfer, werdet sehend, Blinde: wir gehen, tut Gott kein Wunder, wir gehen zu Grunde, wenn ihr die Gefahr nicht erkennt, wenn ihr nicht, Mann für Mann und Frau für Frau, euch aufrafft, mit Einsetzung eures Lebens die Gefahr zu bannen! Mit stürmender Hand hat der Weltkrieg die schützenden Mauern des Ostens niedergelegt, hat die festgefügten Schichten des östlichen Judentums wie Spreu ineinander geschiittelt, hat die Autoritäten des Ostens entwurzelt unb die wehrlos umhergeworfenen Massen des Ostens nicht nur den grausigsten Qualen des Leibes ausgesetzt, sondern auch mitten in eine gewaltige geistig Revolution gestellt, deren Wellen voll Feindschaft gegen alle Werte heranrollen, die die vergangenen Jahrhunderte geprägt. Das alte Ostjudentnm, von dem wir so gerne gewähnt, daß wir in seinem Schatten weiten könnten, das alte Ostjudentum ist das erste und vornehmste Opfer des Weltkriegs geworden. Und bei uns? Wie sieht es in Deutschland aus? Der Weltkrieg hat die Kapiüftisierung der deutschen Judenheit vollendet, hat die deutsche Judenheit — wohl endgültig — in den Großstädten angehäuft, hat das sogenannte „Reservoir" des „Landes" furchtbar ausgeschöpft, hat aber — bis jetzt fast nirgends sich als der große Mahner zur Rückkehr bis zu Gott bewährt und hat lediglich — ein einziger Lichtstrahl! — den bereits vorher neu erwachten Lerneifer der Jugend nicht zu betäuben vermocht. Dies aber ist nur die eine, die Habenseite der jüdischen Nation am Ausgange des Welt-- kriegs. Auf die andere aber, auf die Sollseite der j ü d i s ch e n N a t i o n hat der Weltkrieg eine Forderung ei ng e t x a g e n, iv i e s i e s ch w e r e r.z u erfüll en diejüdische N a tio n vi eil eicht n och n iemals gehabt hat! Die K a t a st r o p h e des J a h. r e s 70 stellte die jüdische Nation vor die Aufgabe, sich auf eine staat- und landlose Existenz von unbestimmter Dauer einzurichten. Die Geschichte bezeugt, wie wunderbar unser Volk diese Ausgabe gelöst hat. In mehr als siebzehn Jahrhunderten gewaltiger Arbeit des Geistes und des Willens ist unser Volk geworden, was feilte Propheten während seiner Staatlichkeit immer wieder so fchmer-lich an ihm vermißt: daS Volk de» Thora, das Volk der Gotterkenntnis durch die Thora. Ich schweige von der spanischen Kä t astroph e, die das sephardische Judentum gebrochen hat. Es kam die K a t a st r o p h e N a - pv l e o n s und stellte das Judentum Westeuropas vor die Aufgabe der sozialen Ern an zi Patron. Branche ich hier zu schildern, rvie uns die Lösnilg gelungen? Wir deutschen Orthodoxen tragen alle die Brandmale des zehrenden Feuers an'"unserem Leibe, des zehrenden Feuers, das in lueutjjen Jahrfünften Schätze vernichtet hat, an deren Häufung Jahrhunderte gearbeitet: Krücken finb wir, feuergerettete Krücken, gerettet von Ihm, den uns Gott gesandt, als die Gefahr am größten: Rabbiner Hirsch s. A. Aber voll Dankbarkeit dürfen wir es aussprechen: Sind wir auch Krücken, vom Feuer gerettet, tragen wir auch die Brandmale des teuflisch zehrenden Feuers an uns: die deutsche Orthodoxie, sie lebt dcntwch; die historische Aufgabe der sozialen Emanzipation hat sie dennoch, dem Osten in manchem ein nicht ganz unlvertes Vorbild, dennoch, wenigstens dem Grundsätze nach, gelöst; hat den Gedanken der souveränen Orthodoxie inmitten einer organisatorischen Wirrnis ohnegleichen unter Frankfurts Führung dennoch durchgekämpft und hat sich irr den letzten Jahrzehnten, trotz der sozialen Emanzupation, dennoch eine entscheidende Wendung zu dem Wege gegeben, der von Rabbiner Hirsch s. A. und mit Rabbiner Hirsch s. A. zum — alten Talmud zurückgeführt, eine Wendung, dke gerade in Frankfurt so offensichtlich ist, daß die Frankfurter Ortsgruppe zu dem in ihrer Mitte weilenden Mitglied des obersten rabbinischen Rates, daß sie zu ihrem Rabbiner in Liebe und Dankbarkeit doch wohl emporblicken darf. Und nun ist wieder eine Katastrophe über uns hereingebrochen. Eine Katastrophe, die nicht nur das Judentum Westeuropas, sondern das Welkjudentnm erfaßt hat. Die K a t a st o ph e des Weltkriegs bildet eine Epoche im Leben des Judentums. Sie stellt das Judentum vor die schwerste, vielleicht vor die letzte Aufgabe, die es im Golus zu lösen hat: die Aufgabe der nationalen Emanzipation! Es ist ja herzzerreißend, voll unermeßlicher Schicksalsschwere: In eurem Augenblick, da die Habenseite des jüdischen Volkes, gerade durch den Weltkrieg, kärglicher ist als je, da der Körper unseres Volkes zerfetzt und zerstückelt erscheint, seine ganze Struktur sich in voller Auflösung, fein westlicher Vortrupp in eurer Atmosphäre politischer Ohnmacht sich befindet: in diesen: A n g e n b l i ck ruft e b e n d e r W e l t k r r e g die jüdische Nation, zun: e rsten Male seit der Katastophe des Jahres 70, a u f d e n S ch a u p l a tz d e r p o l i t i s ch e n N ationen, ergeht der Ruf des Nachfolgers des.römischen Weltreichs an die jüdische Nation, daß sie sich als Nation ihres Landes bewußt werde und als N a tion am Aufbau ih res Landes Anteil n e h in e. Es ist ja.herzzerreißend: da wir in Wahrheit gerade als Nation stärker waren als je, in all den vergangenen Jahrhunderten, da die Thora als Mark unsere Knochen füllte, da scheuten unsere?lhnen voll Demut davor zurück, den kostbaren Schmuck, mit dem Gott sie geschmückt, vor den Augen der Nationen anzulegen und als Gottes Nation mit GottoS