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Der Israelit · 1921-03-17 · Heft 11 (17.3.1921) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 11 (17.3.1921)
Date
1921-03-17
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 11 des „Israelit". u mim 'H»ii Von Lordowa nach Gasarien. I Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) „Auch diese suchte ich überall", ging Eldad in aller Ruhe auf die Frage ein. „Schon glaubte auch ich hie und da den Simeon iten auf die Spur gekommen zu sein, doch ergaben nähere Untersuchungen immer, daß die Annahme nicht aufrecht zu hallen war. Schon hatte ich alle Hoffnungen aufgegeben, als ich sie endlich fand." „Wo, wie?" fragten Chasdat und Menachem ben Saruk zugleich. Dunasch b. Labrat zuckte aber die Achseln und schwieg. „Ich fand sie, die versprengten Brüder aus den Stämmen Simeon und Halbmrnaffe, hinter hohen, wildragenden Bergen, an einem großen Waffer, „Kaspisches Meer" genannt-" „Sind auch diese noch Juden. Erzähle Eldad", bat der Nassi. „Es sind Juden, die nicht Druck und Schmach unter fremder Herrschaft leiden, noch um Recht und Freiheit betteln müssen. Sie find selbst des Landes eigene Herren bilden das mächtigste jüdische Reich, das je vorhanden war, und leben gut und sicher, fromm und zufrieden unter ihrem Könige Joseph . . ." „Wie nennt sich das Volk, wie heißt das Land, sprich, Sendbote des Herrn!" „Chasarten heißt dieses Land und Chasaren nennen sich die Leute. Am letzten Pessachfeste aß ich mit ihnen das ungesäuerte Brod und wir schieden von der Hoftafel, an der wir uns, der König an der Spitze, vom Auszug aus Mizraim erzählten, mit dem Segenswunsche: „Im kommenden Jahre in Jerusalem! . . ." Des Nassi Augen füllten sich mit Tränen. Er stand auf und umarmte Eldad. „Der jüdische König eines jüdischen Volkes, sagst Du, betete um Jerusalem?! . . ." Eldad nickte, daß die bunten Bänder des Turbans flatterten. „Er betete nicht nur, sondern er gelobte sogar, sobald ihn der Gott Abrahams und Dawids die nötige Macht und Ruhe verleiht, gen Jerusalem zu ziehen, um die heilige Stadt zu befreien und das heilige Land für Israel zurückzugewinnen, Iras nun ein geeintes Volk wie zu Dawids und Salomos Zeiten tragen soll . . ." „Geschworen hat er, sagst du, der jüdische König eines jüdischen Volkes?" wiederholte ChaSdai, wie um sich zu vergewissern, daß die Worte auch gesprochen wurden. „Warum schweigst du Dunasch zu dieser Erlösungsnachrtcht?" Dunasch ben Labrat nahm langsam das Wort: „Der Nassi wird schon verzeihen, wenn ich es wage, in den Bericht Zweifel zu setzen." Eldad sah betroffen zum Nassi und zu ben Saruk hin, als erwartete er von ihnen Hilfe und Genugtuung für diese Kränkung. Muf welche Tatsachen gründen sich deine Zweifel?" fragte Schaprut sichtlich unwillig. „Es genügt Dunasch, daß Andere etwas für gut und echt halten, um es für falsch zu erklären", warf Menachem ben Saruk verärgert ein. Dunasch parierte den Hieb mit kalter philosophischer Ruhe. „Wenn Freund Saruk etwas für gut und wahr hält, tst es schon in der Tat ein wenig zweifelhaft.. . Aber meine Zweifel gründen sich in diesem Falle auf Tatsachen, die in Bagdad bekannt sind." Der große haarige Kopf Eldads bewegte sich unruhig wie der eines aufgeschreckten Löwen. „Ich durchmaß die Erde von Pol zu Pol", sagte er tief gekränkt, „und fand nicht überall die verdiente Achtung und Freundschaft, aber überall Glauben und Vertrauen. Schenkt,Dunasch meinen Worten keinen Glauben, so mögen Dokumente reden. H?er der Brief des Ministers Chilkijah am Hofe Josephs in heiliger Sprache, in der er mich für die Festtage an die Hoftasel geladen." „Nicht nötig", wehrte Dunasch ruhig ab. „Ich zweifele nicht am Bestehen der jüdischen Niederlassungen hier und da, am wenigsten am jüdischen Chasarien, auch glaube ich an den Besuch unseres Gastes bei diesem jüdischen Volke. — Allein wir haben in Bagdad andere Berichte über die Abstammung der Chasaren und ihre jüdische Zugehörigkeit. Sie haben sich gefunden zum Judentum durch einen jüdischen Gelehrten, nachdem sie lange Jahrhunderte als Heidenvolk fremden Stammes gelebt hatten . . Eldad lachte höhnisch. „Dunasch meint wohl, Rabbi Jzchak Sangor i, den Freund und Lehrer Bulans vor zweihundert Jahren.— Nun was diesen Mann und sein Wirken anbelangt, so hört man in Chasarien viel Widersprechendes darüber. Gewiß ist nur, daß er aus Bagdad kam und die Männer Chasariens, die ihrer jüdischen Abstammung wie ihrer jüdischen Pflicht längst vergessen hatten, wieder in die Wege Gottes wies. Daß die Stämme Israels dem Götzendienste verfallen waren, lesen wir schon in der Schrift. Was besagt das gegen die Tatsache, daß die vertriebenen Stämme sich zur jüdischen Lehre gefunden, um sich mit ihr zur jüdischen Gemeinschaft wiederzufinden?" Ben Saruk sah nicht ohne Schadenfreude auf seinen Rivalen Dunasch hin, er hielt ihn für geschlagen. Aber Dunasch ben Labrat gab die Position nicht ans. % „Unser Gast spricht vom König der Chasaren, der Zion und Jerusalem befreien will. Das könnte er aber auch dann nicht, wenn er wirklich dem Blute nach einem der zehn Stämme angehörte. Wissen wir doch, daß nur Maschiach aus dem Hause Dawids, also aus dem Stamme Jehuda, Israel erlösen und ins heilige Land führen wird." „Und kennt Dunasch nicht die Weissagung aus alten Schriften, daß dem eigentlichen Maschiach ein solcher aus dem Hause Josephs vorangehen wird, um ihm den Weg zu ebnen?" wandte der Nassi ein. „Der König heißt Joseph", sagte Eldad mit Nachdruck und lehnte das Kinn sieghaft an den koreanischen Griff seines marokkanischen Stabes. „Maschiach ben Joseph", wiederholte Saruk feierlich. „Der König dürfte aus Menasse kommen, der ein Sohn Josephs ist-" „Ich werde nicht ruhen, bis ich der Sache auf den Grund gegangen und die Verbindung wenigstens mit dem großen Bruderstamme in Chasarien hergestellt habe", gelobte der Nassi Chasdai ben Schaprut. „Doch", fügte er hinzu, „ziemt es sich, die Ansicht des Lehrhauses und des Rabbi Nathan anzuhören. Wir werden mit unserem G^ste morgen das Lehrhaus aufsuchen und in Gegenwart aller Weisen und Gelehrten aus der Schule des Rabbi Nathan über die Sache beraten. II. Im großen Lehrhause zu Cordowa saß Rabbi Nathan auf seinem Ehrensitze vor einer großen Versammlung von Schülern und älteren Freunden der Lehre und des gefeierten Rabbi. Alles, was in der Stadt auf das Studium der Gotteslehre hielt, pflegte sich zu den Hauptvorträgen, die in den frühen Abendstunden im großen Lehrhause stattfanden, einzufmden. Hter pflegten auch alle öffentlichen Fragen, die die Juden in Spanten und der gesamten Diaspora betrafen, zum Austrag zu kommen. Oö tu Palästina oder in Babylonien, in Deutschland oder in Frankreich sich in der jüdischen Welt etwas ereignete, auf dem Wege über das Kalifat, wo der Nassi Chasdat ben Schaprut als Außenminister treue Wacht über die Weltereigniffe hielt, gelangte es auch bald in das Lehrhaus des Rabbi Nathan. Da verhandelte man und beriet und fand, wenn eS Not tat, Wege und Mittel zur Abwendung voy Gefahren oder zu großen Hilfeleistungen. Auch die geistigen Wege, die aus und nach Spanien führten, waren gut geebnet. War irgendwo in der Welt eine neue Schrift erschienen, die neue Pfade wies, so hatte man sich im Lehrhause Cordowa bald eine Abschrift verschafft, die den Gegenstand tage- und wochenlanger Studien bildete. Ben Saruk, der erste Mitarbeiter des Nassi, war beständiger Besucher des Lchrhauses. Zuweilen pflegte auch D»nasch ben Labrat zu kommen, und nur in äußersten Fällen und bei dringenden weitgehenden Entscheidungen erschien auch der Nassi selbst und pflegte damit dem Lehrhause einen gewissen Glanz und den Entscheidungen abschließende Kraft zu verleihen. Er war aber auch sonst durch mündliche Berichte des Rabbi Nathan stets über die Beratungen, Beschlüsse und Vorgänge im Lehrhause genau unterrichtet. Heute war wieder der Besuch des Nassi mit seinen beiden Sekretären angemeldet. Die Kunde seines Erscheinens hatte sich Bahn gemacht, so daß schon am späten Nachmittag das Lehrhaus von einer zahlreichen Gelehrtengemeinde angefüllt war. All die Männer von Namen waren anwesend und nahmen die vordersten Reihen ein, während die Jünger bescheiden auf den hinteren Plätzen in stiller Erwartung zu den Alten htnschauten und hinhorchten. Rabbi Nathan hatte früher denn sonst seinen Vortrag begonnen, denn man wollte bis zum Erscheinen des Nassi mit dem Pensum fertig werden. Er begann nach den Schriften der Gaorrtten zu Babylon die letzten halachischen Entscheidungen aus des Talmud tiefem Meeresgründe hervorzuholen, und schon bei den ersten Sätzen ergaben sich im Rate der Gelehrten abweichende Meinungen. Manche zweifelten die Richtigkeit des abgeschriebenen Textes an, andere hatten auf Grund der einschlägigen Materie aus anderen Traktaten etwas etnzuwenden oder entgegengesetzte Responsen gegen Rabbi Nathan ins Feld zu führen. Es entspann sich eine rege Aussprache, in der der bescheidene Rabbi Jeden, auch den Jüngsten und Geringsten, zu Worte kommen ließ und anhörte, Jedem sachlich und eingehend Rede und Antwort stand, eines Jeden Meinung in reifliche Erwägung zcg. Die Frage, um die es ging, betraf eine Frau, die längere Zeit als Gefangene unter Nichtsuden weilte und deren Reinheit daher im Zweifel stand. Ob und unter welchen Umständen sie die Ehegemeinschaft mit ihrem Manne, der noch zudem Cohen war, aufnehmen durfte, dieses und alles, was mit dieser Frage zusammenhängt, ließen die Meinungen hoch aufflackern und aneinanderprallen. — (Fortsetzung folgt.) £.y- '.•i.j : ::, ' V '• ■j j.

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