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Der Israelit · 1921-03-10 · Heft 10 (10.3.1921) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 10 (10.3.1921)
Date
1921-03-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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«WWWWSVSS Seite 3. Nr. 10. aufgaben der Gegenwart diejenigen besonderen Gegenwartsausgaben abzufolgern, die gerade in Posemuckel zu lösen sind? Ist sie nicht genötigt,. auf diese Weise eine geistige Vorarbeit Iu Leisten, die nicht ihr, sondern der gesamten Landesorganisation, um nicht zu sagen.- Weltorganisation, obliegt? Und so schläft denn die Ortsgruppe Posemuckel, weil das Programm der Agudas Iisroel ihr statt Brot — Steine gibt. Agudas Iisroel muß zur Gegenwart in Beziehung gesetzt werden. Agudas Iisroel muß sich daÄber ausweisenwelch oberste, einheitlich bestimmte Gesamtheitsaufgabe Gott gerade in der Gegenwart der jüdischen Nation gesetzt hat, und zur Lösung dieser in der Gegenwart gestellten Aufgabe muß Agudas Iisroel ihre Mitglieder aufrufen, ihre Ortsgruppen mobil machen. Einen anderen Weg gibt es nicht. Diesen Weg schlägt nun das Frankfurter Programm ein. Das zeitlose und darum auch beziehungslose allgemeine Programm konkretisiert es m der Idee des Agudismus auf die Gegenwart, weist in der Idee des Agudismus die zwar mit der von Gott gefegten zeitlosen Bestimmung in unmittelbarem Zusammenhang stehende, aber aus den Zuständen der Gegenwart nicht minder unmittelbar abgeleitete besondere Aufgabe nach, die die j ü d i s ch e N a - tion der Gegenwart unbedingt zu lösen hat und versucht zugleich die Mittel anzugeben, wie diese Aufgabe von der Frankfurter Ortsgruppe gelöst werden kann. Unter solchem Aspekt will nun dieses Programm kritisiert sein. Inwiefern aber die Idee des Agudisnms tatsächlich die einheitliche Zusammenfassung der jüdischen Gesamtheitsaufgaben der Gegenwart bedeutet, soll in einem weiteren Artikel dargetan werden. vr. Isaac Breuer-Frankfurt a. M. Stimmen der Zelt. In einem beachtenswerten Leitartikel des „Jüdischen Boten am SH $ ein ", *' berichtet dessen Redakteur T-r. Emil Cohn über die Eindrücke, die er bei der Tagung des D. I. G. Bin /Berlin erhalten habe. Er ist im Gegensatz zum Hamburger Familienblatt so ehrlich, einzugestehen, daß die l iberale Mehrheit versagte, als von ihr Konzessionen für die Gesetze streuen verlangt worden sind. Ta der Schreiber deS Artikels, wie er selbst zugibt, zwar vom liberalen Lager kommt, aber dort kerne Befriedigung gefunden hat, begreift, es sich, daß er im jetzigen Stadium seiner Entwicklung noch nicht das volle Verstänonis dafür hat, daß die gesetzestreuen Kreise ihrerseits keine Möglichkeit hatten, „Konzessionen" zu machen in Tingen, die ja nicht ihre -igene Angelegenheit, sondern die chnen zur Hut übergebenr Gotteswahrheit darstellen. In Wahrheit ist sich die Orthodoxie wohl bewußt, daß innerhalb der deutschen Judenheit im Augenblick eine schwere religiöse Krise durchgemacht wird. Sie weiß, daß weite Kreise, die sich brsher ablehnend verhielten, zu der Erkenntnis «sind, die in oben erwähntem Artikel folgen- ,en formuliert ist: „Man sieht, daß es so nickt weittmeht, daß die Erziehung der Kinder unmöglich ist ohne Formen, Satzungen, Brauche» man redet von religiös Erneuerung, stürzt sich auf die mystischen Schriften der literarischen Gegenwart, und schaudernd merkt der Hellhörige, wie der Katholizismus schon die Sichel schleift. Retten kann uns, das fühlen wir alle mit leidenschaftlicher Inbrunst, nur die Thora. (Im Original gesperrt gedruckt.) WaS nützt uns aber der Ruf zur Thora, wenn die Thoratreuen mit dem Entweder-Oder ihrer starren llnbedingtheit die Heimkehr schwer, ja, fast unmöglich machen, da sie doch mit einer leichten Wendung dte;uite Gesinnung für die gute Tat nehmen könnten, die über Nacht nicht erblühen und Früchte hot.m kann, später aber tragen wird uird freilich auch muß. Wie dem auch sei: Wer heute aus dieser Krise heraus will, muß zur Thora zurück, man kann auch sagen, zur Thora voran, denn die ist immer vorn. Und haben wir nicht das moralische Recht, ja wäre es heute noch ganz aussichtslos, zu rufen: „Werdet gesetzestreu!" " Sesetzestreuer werren lann jeder. Und dahin geht der Weg, ob wir eS nun ritten /oder /nicht. Ausgebettet aus dem Strome unserer Ueberlierem lg, verstrickt in die Bedingtheiten des Zeitlichen, müssen wir bei Zetten sorgen, daß wir uns wieder einbetten in den ewigen Strom des für uns allmächtigen Ju- *) Ber jüdische Boten vom Bon» « Rtz . „VlSttter.» ^ntums, 'wiedevauS einer vom re^gÄrn Aaimn- Lruch deS Rationalismus übriggeblieb^nen stehenden .. Lache zur strömenden Welle werden, damit wir mit { allen unseren Brüdern den gemeinsamen Tonnergang i zum-Meer der Ewigkeit nehmen, und unsere schwache Stimme dem Brausesang unseres heiligen Glaubens leihen können." Wir hoffen, daß allmählich auch die Erkenntnis aufdämmern wird, daß die thoratr-ue Weltanschauung als solche ihre Geister und Gemüt-r gewinnende Werbekraft verlieren würde, wenn sie die individuelle Mangelhaftigkeit durch „Konzesslinen'- prinzipieller Art sanktionieren würde. II. Eine bemerkenswerte Parallele zu den obigen Ausführungen des „Boten am Rhein" sinder sich in der Londoner sozialistischen Jargon-Tageszeitung „Die Zeit" vom 10. Februar. Einer ihrer Hauptmitarbetter Lev König konstatiert, daß „In der jüdischen Gasse im Gegensatz zur HaSkala-Epoche immer stärker der Ruf ertönt: zurück zu Gott! zurück zur Jlidischsttt! zurück zur Frömmigkeit! Tiefer Ruf „zurück" ist aber schöpferischer wie daS FortschrittSgeschrei, weil er tiefer ist und begründeter vor allem deshalb, weil der Turchschnitts-Freid»nker seelisch ärmer ist als der fromme Jude, sogar wenn er ein Unwissender ist, denn immerhin bietet diesem sein Sabbath, seine Feiertage, sein Sivdur doch einen T-afeins-Jnha.lt, eine Lebenspoesie, wäh-end der erster« außer eiriigen Broschliren und dem ersten Mai nichts besitzt, mn seine Persönlichkeit — und sein Familienleben zu bereichere" Es wäre dringend zu wünschen, daß die Konsequenzen dieser Erkenntnis von len Führern der jüdischen Arbeitermassen gezogen würden. III. Tie Pariser „ Bo ix Juive " bringt folgenden Brief Max Nordau'S über die Gründe feines Austritts aus dem großen zionistischen Aktionskomitee. MsMMWKMM £ifn diesen'JlubttiU wenden toi» künftighin die^enanstaftungen den ©ids» u. fugendgsuppen ankündigen. Aiio die nächste iKttmmeir enbitten rvio uns entsprechende olTiitteilungen bis 21. 1021 abends Mit Agudahgruß*! Die Redaktion der „Blätter“ Frankfurt am Main, Röderbergweg 71, II. „In der letzten Nummer Ihrer Zeitung meldeten Sie. daß ich deshalb aus dem großen Aktionskomitee ausgetreten bin, weil man in dasselbe Usischkin gewählt hat. Tiefe Mitteilung ist unrichtig. Ich bin nicht ausgetreten, denn ich wollte von vornherein nicht zur Wahl kandidiert werden. Wenn, ich nicht erlaubte, daß man meinen Namen bei Wählet ausnützte, die bwß Schatten von wirklichen Wahlen sind, so war das nicht die Folge irgend eines Beschlusses des „großen Aktionskomitees, über dessen Aufaabenkreis ich bis zum heuttgen Tage nichts weiy, sondern deshalb, weil das zionistische Aktionskomitee in seiner Majorität aus bezahlten Angestellten besteht; sie sind durch T-r. Werzmanrr gewählt worden und sind meiner Ueberzeugung nach völlig von ihm abhängig» infolgedessen können sie sich über die zionistische Tättgkeit keine Krittk gestatten und müssen vielmehr die Ansicht ihres BrotgeberS teilen. Sie werden gewiß begreifen, daß ttir mich in diesem Gremium kein Platz vorhanden ist." Es ist in der.zionistischen Presst üblich geworden, die Kritik Nordaus an der zionistischen Tätigkett als persönliche Eigenbrödelei zu bezeichnen. Wer auch nur einigermaßen den Verhandlungen der französischen zionistischen Landesorganhatton bei ihrer jüngsten Versammlung gefolgt ist, wird erkennen, welch starke Resonanz Nordaus scharst Kritik in ihr gefunden hat.' (Agudakreise dürften dafür Interesse haben, da solche Aeußerungen aus dem Zionistischen Lager mindestens ber Verhandlungen die Vorsicht gebieten, sich davon zu überzeugen, daß hinter den offiziellen Führern auch in der Tat. die Organisation steht?, IV. Zionistische Politik. „Gehen wir zum zweiten Abschnitt unserer Krieaspolittk über: zur PalästinapolitiL Sie ist in ihren Wesenszüaen imfc in, ihren Manifestationen, in der Geschicklichkeit ihrer Orientierung und ihrer Einst,Nung ans den Augenblick, 10. März 1SS1. in ihrer trunkenen Vertrauensseligkeit und nüchternen Jdeallosiakeit, in der moralischen Struktur ihre- Glaubens und in der moralischen Tragweite - ihrer Rückwirkung Fortsetzung und Fortführung der gekennzeichneten Realpolitik, die, weil sie über keine realpolitischen Aequivalente verfügt, Volksseele und VolkSmoral in das diplomatische Spiel einsrtzen mutzte. Von Anfang an war sie auf eine innere Festlegung, auf eine seelische Bindung des jüdischen Volkes an eine bestimmte^ Krisasideologie bedacht. Man denke an die wiederholten Ansprachen zionistischer Führer, die im Namen deS jüdischen Volkes — also auch namenS der Juden der Zentralmächte: eine an und für sich tapfere nationale Politik Über alle Scheidunä der Landesgrenzen hinaus — „den Sieg über die Barbaren" herveiwünschttn; Ansprachen, die ganz und gar von der Phraseologie der Kriegspropaganda durchwirkt waren. Ein diplomatischer Fetzen Papier genügte, um unsere politischen Führer in eine Ekstase zu versetzen, die ihnen jeden Sinn für die politische Weltlage genommen hat. Sie peitschten das Volk in einen Jubel hinein, dem — wie nicht anders zw erwarten war — bald bittere Enttäuschungen folgten. Im Osten ist eine Katastrophe Wer das Judentum hereingebrochen, wie sie in dieser Fruchtbarkeit und in diesem Ausmaß kaum ihresgleichen in unserer Leidensgeschichte hat. In solcher Zeit — und auch angesichts des Pogroms in Jerusalem — wurde dem jüdischen Volke Jubel anbesohlen, Jubel Wer unseren diplomatischen Sieg. Es siel nicht leicht die telegraphisch verlangte Freude austzub ringen, aber wir haben auch diesen Seelentribut gezahlt. Man stierte die Hochzeit Israels mit Britannia, der Schechejanusegen wurde Wer sie gesprochen, urtd unsere Führer predigten von „einer Paarung, die im Himmel geschlossen wurde". Man verkündete die Erlösung, England wurde als Messias gepriesen und das jüdische Volk mtt der Aufgabe des Wächters am Suezkanal betraut. Und da die Dttftiastrone vergeben war, blieb für unsere polittschen Führer nur der bescheidene Vergleich mit Esra und Nehemia. Ein bescheidener Vergleich: Esra und Nehemia wären an diplomatischer Geschicklichkeit unseren Diplomaten von heute wohl kaum gewachsen.. Sie waren eben Prophetennaturen. Diplomaten und Propheten, es ist zum mindesten ein hinkender Vergleich. Empfindet man garnicht die Untvahrhaftigkeit solcher Polittk, die jegliches Gefühl für historische Distanz verloren hat und mtt den heftigsten Shmbolen der Volksseele Tiplomatie treibt? Wo ist das Schamgefühl, wo das nationale Taktgefühl, daS nns solche Entwürdigungen verbieten müßte? Mer es handelt sich wahrlich um mehr, als um verletztes Scham- und Taktgefühl. Es handelt sich um die Temvralisierung der Volksmasse, und vornehmlich der Jugend. Man erzieht nicht eine Jugend für eine neue nationale Zukunft, indem man sie lehrt, mtt ihren nationalen Symbolen, mit ihrer Seele, mtt ihren Idealen, wie mit einem Bettelpfennig umzugehm. Aus unserer Geschichte könnten sie lernen, daß das jüdische Volk Enttäuschungen feiner ZionSjehnsucht schwer verwinden kann. Es rst bezeichnend: all unsere Leiden im Galuth vermochten nicht daS jüdische Volkstum innerlich und tief )u verletzen. Wir waren in der Fremde immer auf Schlimmes und Schlimmeres gefaßt und konnten hier keine Desillusionen erleben. Vielmehr empfanden wir jeden guten Ausgang als ein Wunder. Es ist, als vo wir im Galuth nur angenehme Enttäuschungen erfahren hätten: Sie wurden als Nissim gefeiert. Verhängnisvolle Enttäuschungen erlebten wir eigentlich nur in einer bestimmten Seelenrichtung, und in der Sphäre unserer Hoffnungen auf Erlösung aus dem Galuth. Sie allein vermochte unser Volkstum schwer und dauernd zu schädigen. Selbst kurze Episoden, pseudomessianifcher Erwartung, waren von folgenschweren Rückschlägen begleitet, die sogar unseren nationalen Lebettswtllen gefährdeten. Erez Iisroel ist eben die empfindliche Seite der jWischen Volksseele. Eine verantwortungsvolle Polittk des Zionismus sollst sich davor hüten, diese zarte Saite in allzu starken Schwingungen einer Jubelstimmung zu bringen. Wir haben gejubAt und Dchechejanuh gebetet; wir sprechen von Geulah, von den Zeiten des Messias. Hier liegt die ungeheure Gefahr. Man hat in einer Polemik gegen den hier dargelezten Standpunkt gesagt, nur hätten mtt England ein Geschäft geschlossen und müßten Konzessionen macken; jedes Geschält beruhe auf gegenseitigem Vorteil. Ganz recht. Geschäfte darf man schließen; Geschäfte beruhen aus gegenseitigem Vorteil. Alles richtig. Nur: ein Geschäft nennt man nicht Geulah; bei einem guten Geschäftsabschluß sagt mau nicht Schechrjanuh, und einen Geschäftspartner, auch wenn man vtet an ih« verdient, nennt man nicht den Messias." Nicht etwa aus dem Agudahlager erschallen dstst Stimmen, sind nicht etwa eine Antwort von agudistischer Sette auf zionistische Hallelstimmttng anläßlich San Remos, auf die shnagogalen Festesseiern von Warschau bis Leipzig, sondern es ist ein Auszug aus Heft 1 der »^Freren Zionistischen Blätter"*) von — Klatzkin und Nachum Goldmaun. Hofjentlich werden diese Zeichen der Vernunft im zionistischen Lager nicht veveirizelte Ausnahmen bleiben. H«idelb«vg der ^Krestn Zionistischen VAttsr",

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