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Der Israelit · 1921-03-10 · Heft 10 (10.3.1921) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 10 (10.3.1921)
Date
1921-03-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Mc 4 tt». 10 »er ASraeltt. 1». «ikr, 1M1 allen Machthaber verstanden, sich künstlich eine Mehrheit zu erhalten, indem sie trotz Etnführung eineS neuen Wahlrechts mit stark erweiterter Wählerschaft statt einer Gesamterneuerung der Gemeindevertretung nur Ersatzwahlen für die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder vornehmen ließen. Immerhin — ein etwas größere- Maß von Entgegenkommen und Duldsamkeit, alS es bisher in Berlin gegen Andersdenkende üblich war, durfte man doch von Männern erwarten, die sich liberal nennen, und deren allgemeine politische Stellung darum auf die Anerkennung und Durch, führung der formalen Gleichberechtigung derschiedenartiger Weltanschauungen im öffentlichen Leben hinzielt. Aber im Grunde genommen ist allebeim Alten geblieben. Das zeigte sich bei der Gründungsversammlung der ueucn Gesamt, organisatton der deutschen Juden, wo die Berliner Stimmen als geschloffene Einheit in die Wagschale geworfen werden mußten. Noch deutlicher wurde es bei der Beratung über die Frage der Errich. tung jüdischer Volksschulen, über die wir in letz'er Nummer belichteten. Die Antragsteller hatten gar nicht die Absicht, die sofortige Errichtung solcher Schulen zu verlangen, was man auf Grund des in der Begründung des Antrags vorgedrachten reellen Materials eigentlich hätte erwarten sollen. Ganz bescheiden wollten sie sich vielmehr mit der Einsetzung eines gemischten Ausschusses zur Vorberatung der Angelegenheit begnügen. Weniger konnten die Herren von deS Vorstands ge-reuester Opposition wahrlich nicht fordern. Den Liberalen allerdings war auch das noch zu viel. Man höre ihren ablehnenden Gegenantrag wörtlich: „Die liberale tzraktien hält die -emeinsame Erziehung der Sinder aller Konfessionen in pemetnsamen Schulen für das Erstrebenswerte. Sie geht dabet von der Voraussetzung au», daß auch jüdische Lebrer in genügender Zahl an solchen Schulen zur Anstellung pelanaen und auf die religiösen Bedürfnisse der jüdischen Kinder tinrelchend Rücksicht genommen wird. Sie hält die Beratung des vorliegenden Antragerst dann für angebracht, wenn die preußische Schulgesetzgebung die Durchführung obiger Grundsätze unmöglich machen Mit diesen fadenscheinigen Argumenten will man offenbar dem harmlosen Wähler, der die wahre Lage der Verhältnisse nicht kennt, Sand in die Augen streuen. Denn wer der inneren Politik nur ein wenig Aufmerksamkkit schenkt, weiß längst, daß die gegenwärtige preußische Schul, gesetzgrbung, seit zwei Jahren unter dem Schutze der Weimarer Verfassung, die Durchführung der liberalen Grundsätze tatsächlich unmöglich macht. Das ist auch den Herren Prof. Türk und Genoffen recht gut bekannt. Also setzen sie wohl ihre Hoffnung auf die kommende Schulgesetzgebung, die nach ihrer Meinung etwas frischen Wind in die schlaffen liberalen Segel bringen soll. Nun konnte auch vor den Preußenwahlen jeder Politiker sich recht gut ein Bild von der kommenden schulpoltttschen Entwicklung machen, wenn anders unsere gegenwärtigen staatlichen Einrichtungen nicht unter dem außenpolitischen Drucke zusammenbrechen, und wir eines Tage» vor dem gänzlich Unbekannten stehen. Damit rechnen wohl die Berliner Liberalen selbst nicht. Dann überlegen die Dinge ganz klar. Die ReichSregterung hat durch den Mund des Retchsmtnisters Koch und seines sozialdemokratischen Staatssekretärs bereits wiederholt erklärt, daß sie das Schulkompromiß der Verfassung in loyaler Weise durchführen werde. Es wird also in weitestem Maße die Möglichkeit geschaffen werden müssen, auf Wunsch der Erziehungsberechtigten öffentliche Schulen ihre- Bekenntnisse- oder ihrer Weltanschauung einzurichten. Wie dar geschehen soll, darüber haben sich die preußischen Bischöfe in ihrem Memorandum deutlich ausgesprochen. Da sich die gesamte liberale Presse über diese Forderung einer konsequenten Durchführung der Reichsverfassung hinreichend entrüstet hat, werden die Berliner Gemeindegewaltigen von dem Inhalt der bischöflichen Forderungen wohl Kenntnis haben. Ebenso aber auch davon, -aß Herr Konrad Harnisch, dessen Verbleiben im Unterrichtsministerium in dem. Augenblicke der Niederschrift dieser Zeilen noch durchaus ungewiß ist, die Anerkennung feiner Loyalität bei der Durchführung der herrschenden Gesetze in Anspruch nimmt — er verdient sie auch tatsächlich in höchstem Maße — so -aß er unter der zustimmenden Heiterkeit deganzen Hauses unlängst im preußischen Landtage dem Zentrum zurufen konnte: „Ich habe schon soviel für dich getan, daß mir zu jun fast nichts mehr übrig bleibt." WaS wird erst sein eventueller Nachfotgex rufen! Dem Bilde, das den Berliner Gemeindeliberalen vorschwebt, wird die zukünftige Schule nicht ganz entsprechen. In den größeren Städten werden die auf Wunsch der Erziehungsberechtigten eingerichteten Volksschulen sicherlich Überwegen. Auf der einen Seite arbeiten die Anhänger der ganz radikalen Linken und der größere Teil der Sozialdemokraten mit Hochdruck für die Errichtung von rein weltlichen (religionslosen) oder gar von von Weltanschauungs- (d. h. reltgionsfeindlichen) Schulen und sie hoffen nicht ohne Grund, ihren Schulen recht viele Kinder zuführen zu können. Auf der anderen Seite stehen die Befürworter der reinen Bekenntnisschule (nicht der gemeinsamen christlichen Simultanschule)/ihr Anhang läßt sich aus den Abstimmungszahlen der Landtagswahlen unschwer feststellen. Und dazwischen das kleine Häuflein — siehe ebenfalls Wahlergebnis — der „für alle gemeinsamen Schule". Wir können uns eines leisen Verdachts nicht erwehren. Muß am Ende gar die jüdische Schule im höheren Jntereffe des Liberalismus deshalb verworfen werden, weil dik paar tausend jüdischen VolkSschüler — ihre Zahl wird durch die Abschaffung der Vorschulen noch etwas zunehmrn — zur Auffüllung der für alle gemeinsamen Schule, mit dem so erstrebenswerten Ziele der gemeinsamen Erziehung aller Konfessionen unentbehrlich sind? Welch erhabenes Schauspiel wird nicht eine Berliner Gemeindeschule bieten, die von einer mehr oder weniger großen Zahl jüdischer Schüler besucht wird und an der sogar „auch jüdische Lehrer in genügender Zahl" angestellt sind! Nur ein paar Konzessionsjuden, und der ganze Verein zur Abwehr des Antisemitismus ist überflüssig! Gar erst die „hinreichende Rücksicht auf die religiösen Bedürfnisse der jüdischen Kinder", natürlich mit gleichzeitiger Berücksichtigung deS „Gemeinsamen". Etwa so vielleicht, daß neben der in allen Schulen herkömmlichen gemeinsamen christlich-germanischen Weihnachtsfeier auch eine ebenso gemeinsame jüdische Chanukkafeier abgehalten wird. Die Sonnenwendfeier im Sommer fällt dann nur deswegen aus, weil retnarische Kinder diese Schulen bestimmt meiden werden. Der Parität halber fällt am Sabbat der Unterrtcht für Lehrer und Schüler ganz aus. Oder gilt es schon als „hinreichende Rücksicht", wenn die Schule erst um 10 Uhr beginnt und dann nur solcher Unterricht erteilt wird, der jede Veranttffung zum'Schretben und sonstigem Arbeiten, ebenfalls für Lehrer und Schüler, ausschließt? Wahrlich, um ein solches Idyll zu ermöglichen, mußte der Antrag Loeb abgelehnt werden. — Zur Tragödie gehört das Satyrspiel. Einer der liberalen Repräsentanten ist Herr Dr. Gutmann, seine- Zeichens Direktor des Lehrerseminars der Berliner. Gemeinde und deren Knabenschule. D-n Zeitungsnachrichten zufolge brachte er gute Gründe für den Antrag vor/ die jüdische Schule schaffe da, wo sie existiere, keine Kluft zwischen Juden und Christen/ wenn eS konfessionelle christlkche Schulen gibt, muß eS auch jüdische geben. Und dann stimmte er — für Ablehnung deS Antrags/ denn es gilt ja, die Entwicklung abzuwarten. Es geht wirklich nichts über die Objektivität (oder waS hier dasselbe ist, den Fraktionszwang). Wo sollen denn alle die jungen Leute, die demnächst nach bestandener Prüfung die LehrerbildungSanstatt verlassen, ein Unterkommen finden? An dieser Stelle wurde unlängst nachqewiesen, daß das ohne Schaffung jüdischer Volksschulen nicht möglich ist. In Wirklichkeit haben die Le! der Abstimmung Unterlegenen alle Veranlassung, ihren liberalen Gegnern recht dankbar zu secn. Ehrliche An-, Hänger jüdischer Schulen können garnicht wünschen, daß die Berliner Gemeinde heute solche auf der Grundlage der alten Gesetze errichtet; diese Neugründungen würden weder den Wünschen des Herrn Loeb, noch denen der Herren Klee und Löwe entsprechen. Wenn aber in absehbarer Zeit die neuen Schulgesetze in Kraft treten, dann müßten diese Schulen, so wie sie sind, als Bekenntnisschulen wettergeführt werden, ob sie den Erziehungsberechtigten gefallen oder nicht. Fahre man darum l-eber auf dem bisher in Berlin eingeschlagenen Weg fort, die Adaß JiSroel-Gemeinde hat ihn zuerst gezeigt, dann wird bei der Uebrrleitung in die kommenden Verhältnisse die jüdische Gemeinde ausgeschaltet sein — daS ist erfreulich und sie hat sich selbst ausgeschaltet — das ist noch erfreulicher. Die Erziehungsberechtigten haben dann das Wort, um Schulen ihrer Konfession oder ihrer Weltanschauung einzurichten. Lorresponoenzen «nd Aachrichte«. Deutsches Reich. D I. 0- 0 un9 aelefcesfreuer OemelnOebunB- Kaköerstadt, 7. Februar. Vom„ BundgesetzestreuerGemeid e n " in Halberstadt wird uns geschrieben: „Nachdem unser in der letzten Nummer des „Israelit" veröffentlichter Auftuf bereits verschickt war, wurden uns die neuen Satzungen des Deutschen Israelitischen Gemeindebundes bekannt, in der Form, wie sie an die Gemeinden mit der Aufforderung zum Anschluß ergangen sind. Diese Satzungen enthalten einige nicht unwesentliche Abweichungen von den Beschlüssen, die auf hem Gemeindetag vom 23. Januar gefaßt wurden. Wir behalten uns vor, auf diese Satzuwaen, wie sie jetzt wohl als authentisch gelten sollen, später zurückzukommen. Der vielumstrittene § 36 Abs. 2 betreffend Kultus- und Unterrichts-Ausschüsse in seiner jetzigen Form zeigt den nachträglichen Versuch einer Annäherung an die auf dem Gemeindebundtage geäußerten und mit r/s Majorität abgelehnten Anträge der Vertreter gesetzestreuer Gemeinden. Durch diese Abänderung ist eine bezügliche Bemerkung unseres Ausrufes gegenstandlos geworden. Die allgemeine Sachlage nick unsere Stellungnahme zur neuen Organisation des Deutschen Israelitischen Gemeindebundes bleiben hierdurch jedoch unberührt". Oberldilelilctie NdMmrnuna. ZSresta«, 8. März. Für die jüdischen Abstimmungsberechtigten ist durch die „Freie Vereinigung für die Interessen deS orthodoxen Judentums, Abteilung Schlesien" im Einvernehmen mit der „Zentralstelle für die technische Durchführung der oberschlefischen Abstimmung" und dem „Deutschen Schutzbund" eine Organisatton mit dem Sitz in Breslau geschaffen worden. An der Spitze der Organisation steht Herr Bankier Loewy, an den alle Anfragen organisatorischer Art zu richten sind. (Telefon: Ring 7687, 7688, 7689 ) Für alle VerpflegungSangelegenhsiten ist Frau Bertha, Kober, Köntgsplatz 5, Telefon Ring 3923, zuständig. Die Organisatton verfügt über ungefähr 300 Helfer und Helferinnen, die den Abstimmungsberechtigten in jeder Hinsicht mit Rat und Tat zur Seite stehen und an allen Breslauer Bahnhöfen warme Speisen verabreichen werden. Alle Anfragen über den Helferdtenst find an Fräulein Emmi Guttmann, Bcktorta-

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