Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1921)
- Date
- 1921-03-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 0 &dit 8 r. März:Vm Eingang gefunden. Wir sind nicht mehr gewillt, ewig der Spielball selbstherrlicher Gemeindewillkür zu sein, wir wollen im gleichen Recht verhandeln, wie Freie mit Freien. Der israelitische Lehrerverein für Bayern hat deshalb innerhalb seines Bereiches „Lelkerräte" und eine Zentralkommission für gewerkschaftliche Angelegenheiten ins Leben gerufen, welche die Pflicht haben, mit allen Mitteln die Annahme unserer Forderungen durchzusetzen. Ohne zwingende Not werden wir keine Kämpfe heraufbeschwören, aber man soll an unserer Geduld keinen Raubbau treibenman soll uns nicht mit Rachmonus Helsen wollen. Man soll kür unS nicht den Klingelbeutel schwingen und nicht die Not in unseren Kreisen zu einem Anrecht aus ein Drück vbip auSnützen. Der Steuerzettel allein kann uns Hilfe bring»». Daß wir nicht tm ersten Anlauf alle Uebel beseitigen konnten, daran ist nicht unser schlechter Wille schuld, sondern die Verhältnisse, die stärker sind als wir, die Zerfahrenheit der deutschen Judenheit, die eine gemeinsame Aktion zur Besserung unserer Verhältnisse nicht zuließ. Wir sind deshalb gezwungen, mir jeder Einzelgemeinde zu verhandeln und stoßen hier vielfach auf eine katastrophale Verständnislosigkeit gegen unsere Forderungen. Zum großen Teil suchen sich diese Steuerakrobaten durch eine Vogelftraußpolitik aus der Schlinge zu ziehen, indem sie auf unsere Vorstellungen überhaupt nicht reagieren und es unter ihrer Würde halten zu antworten. Wie im Vorjahre, so trat auch dieses Jahr der bayerische Lehrerverein in einem eindringlichen Rundschreiben an die Gemeinden heran, um eine zeitgemäße Erhöhung der Gehälter zu erzielen. Wir ersuchten um Rückäußerung innerhalb vier Wochen. Rur wenige Gemeinden haben in positivem Sinne geantwortet, vielfach lautet die Antwort: Wir sind nicht in der Lage. „Sie find nicht in der Lage!!" Wenn eS Prunk und Tand gilt, wenn Brillanten und kostbare Pelze locken, dann sind sie in der Lage; wenn der Steuerbote kommt und eine zehnfach höhere Steuer verlangt als in der Borkriegszett, dann sind sie in der Lage; wenn es den sünfzehnfach teueren Haushalt zu bestreiten gilt, dann sind sie in der Lage; nur wenn der jüdische Religionslrhrer um eine zeitgemäße Entlohnung nachsncht, dann sind sie nicht in der Lage. Diese kurzsichtige Gewaltpolitik wird sich eines Tages zum Schaden der jüdischen Gesamtheit als ein großer Fehler Herausstellen. Eines Tages werden sie alle in ihrem krassen Eigennutz am Pranger stehen und man wird mit Fingern nach ihnen weisen. Wir müssen und wollen die Waffen anwenden, die uns zu Gebote stehen, ohne jede Rücksicht; die Verantwortung mögen die übernehmen, die uns aus diesen Weg drängen. Die „Räte" sind angewiesen in persönlicher Fühlingnahme mit den Gemeinden, diesen eindringlich alle Konsequenzen nahezulegen. Wenn wir wieder um schwer enttäuscht aus der diesjährigen Bohnkampagne ziehen sollten, werden wir ohne Scheu unseren Weg gehen. Die Gemeinden sind gewarnt." Von einigen scharfen Redewendungen, die sich durch die lange, harte Geduldprobe, auf die die Lehrer gestellt sind, erklären, abgesehen, möchte man von den Ausführungen nur wünschen, daß sie an den interessierten und zuständigen Stellen die verdiente Beachtung finden, bevor es zu einer Verschärfung des Kampfes kommt. Sie Wiener Sochsteiger Der Wiener „Alpenverein" hat große Sorgen: die jüdische Invasion. Man spricht sogar von >. »«maro miii.'i uw vwn m f srledenheit, wo man auf die Gleichheit der Rechte pocht, ohne jene der Pflichten voll anzuerkennen. Der Harle schwere Klassenkampf, der unftre Zeit erfüllt und di« soziale Ordnung umzugestalten sucht, kann nur dann zum friedlichen Ausgleich komme», wenn die Lehre vom halben Schekel in allen Geistern und Herzen zündet und Anerkennung findet, wenn eS> alle beherzigen, daß in der Arbeit allein die Frucht und der Erfolg verbürgt liegen, daß nicht genießen darf, wer nicht hurtig und geschäftig am Werke tätig ist. Die Gemeinsamkeit des Ringens und Schaffens, das gemeinsame Streben zur Berjttngung der Menschheit und zur Verbesse, rung der Welt, das ist der Kommunismus, dem unser Judentum uns huldigen heißt. Möge er siegreich durch die Erde schreiten, dann werden allenthalben die Dünste und Nebel zerfließen und inmitten der Menschheit wieder alle guten Geister und Kräfte zur Entfaltung kommen und der MenschheitSfrühltug zeitigt überall, die herrlichsten Blüten ber Freude und Beseltgung. Sie wetteren Memoiren des Grafen Witte. Die vom „Daily Telegraph" veröffentlichten Memoiren>d«S Grafen Witte werden von Kapitel zu Kapitel intcreflauter. I« S». Kapitel behandelt Graf Witte dar kaiftttich« Sakral tivsa die Duma und die Der MmÄ«. «»iw imwwih ii'iimni«ni iii.'ii vctmi > »i— im »i imm nwi.iwi^mnij.» den „g a lizische n" Juden. Wer wußte es noch nicht, daß die galizischen Flüchtlinge, eigens dazu nach Wien gekommen sind, um dem Bergsport zu fröhnen, um allsonntäglich im Lodenzeug, Rucksack, Wickelgamaschen und Bergstock ins Tiroler Hochgebirge htnausgehen und die gute reine Alpenwelt zu verjuden?... Wer eS dennoch noch nicht wußte, konnte es auf der Generalversammlung des „Alpenverelns" erfahren, wo der Vorsitzende in langer, gescheiter Rede auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Weg —- über „Galizien" — zum Arier-Paragraphen gelangte, der letzten Eni es den Ausschluß der Juden schlechthin bezweckt. Man könnte über die ganze Affäre, über die im Korrespondenzenteil der heutigen Nummer berichtet wird, lachen, wenn sie nicht nach mancher Richtung hin gar' zu traurig wäre,' zunächst als Barometer für den Stand der antisemitischen Seuche in der Donaustadt, jgegen die sogar die reine Alpenluft als Heilmittel versagt. Noch unerfreulicher wirkt aber da- Benehmen vieler Wiener Juden, die in einer sonderbaren Auffassung vom Begriffe der Ehre und Selbstachtung nicht locker geben und sich den Platz im anttfeM'tischenVeretn nachgerade erzwingen wollen. ES ist ganz unbegreiflich, wie national gesinnte Männer vom Schlage des Herrn Marmorek die jüdischen Mitglieder dazu auffordern können, in Erwartung anderer und günstigerer Winde im Verein weiter zu verbleiben. „Man kann keinen zur Liebe zwingen!" Das ist ein Wort, daS man gerade in zionistischen Kreisen oft genug gehört hat. Es ist darum nicht zu erklären, warum die jüdischen Mitglieder des Wiener „Alpenvereins", nachdem sie die eine moralische Ohrfeige — die natürlich nur den Schläger entehrt — erhalten haben, noch die linke Wange zu weiteren Ohrfeigen Hinhalten ftllen! . . . Kluge und besonnene Leute werden andere Konsequenzen aus dem Arier-Paraphen desVereinS ziehen. Zum Glücke bedarf eS noch keines Visums des Alpen Vereins, um die Tiroler Bergluft für ein paar Stunden oder Tage zu genießen. Sur Frage In einer uns vorliegenden hnlachischen Schrift unter dem Titel D^nHrr fUH und niJtta flttfHä bietet uns der Herausgeber, Menachem, Mendel Käscher (Marschau, Nalewki 4), eine Zusammenstellung des halachischen Materials über die Frage des Frauenwahlrechtes in so erschöpfender Fülle, Tiefgründigkeit und klarer Uebersichtlichkeit, daß man in diesem Merkchen — ohne Ueüertreibung — daS entscheidende Arbeiten des Ministerrates. Er schildert seine Be- « mühungen, Reformen durchzuführen, die Ausnahmegefetze gegen einzelne Konfessionen zu beseitigen oder zu mildern, die Zensurungeheuerlichkeiten einzustellen. Doch seien alle seine Bemühungen an dem Einfluß ber reaktionären Parteien, welche sich der kaiserlichen Unterstützung erfreuen durften, gescheitert. Das Ministertalkomttee — führt Graf Wüte auS — erklärte, daß das jüdische Problem endlich einer definitiven Lösung zugesührt werden müsse und daß es eine andere Lösung als die allmähliche Abschaffung der Ausnahmegesetze gegen die Juden nicht gebe. Der Ministerrat vertrat auch den Standpunkt, daß die Judenfrage in diesem akuten Stadium nicht ohne Hinzuziehung von Vertretern derjenigen VevölkerungSkreise, welche jetzt mit den Juden in Kontakt leben oder nach Beseitigung ber judeufelndlichen Rechtsbegrenzungen mit den Juden in engere Berührung kommen werden, gelöst werden könne. Da ich nun sah, daß die Tätigkeit deS Ministerkomitees zu keinem ernsten Crgebniffe führe, sah ich mich veranlaßt, Sr. Majestät zu besten sichtbarer Befriedigung, die Einstellung der Tätigkeit dieses Komitees zu beantragen. So wurde eine Maßnahme, die zum Segen des Volkes hätte werden können, völlig fruchtlos, wenn nicht gar für bas Land schädlich. Auch dieser Fall mußte die Intelligenz davon überzeugen, daß der Kaiser und seine Regierung unfähig oder nicht willens sind, Reformen zu gewähren. An mehreren Stellen hebt Graf Witte hervor, wie verhältnismäßig klein die Zahl der Juden war, welche mit der sogen. Emanzipationsbewegung, die schließlich zur Revolution geführt hat, fympaihifiert haben. Ueber die Organisation von Pogromen von amt»wegon «zählt «ras Witte mm andere«! Wort in dieser Frage, die tm neuen Palästina zum Schiboleth geworden ist, wird sehen müssen. Im ersten Teile sind die Gutachten der Rabbiner des Beth Din zu Jerusalem und die Resolution der palästinensischen Rabbtnerversammlung, unterschrieben von etwa hundert Rabbinern, enthalten. Dazu kommen zwei ausführliche Responsen vom bekannten Ostrower Rabbiner, Rabbi Meir Don Plocki. Zu diesem reichen Material fügt der Herausgeber aus Eigenem eine Broschüre hinzu, die die ganze Gedankenwelt von Talmud und Deztsoren über diesen Gegenstand wiederspielt. Eine scharfe Abfuhr erfährt darin Herr Chajim Tschernowttz, der in Mtsrachiblättern es versucht hat, den rabbinischen Gutachten entgegenzutreten. Herr Tschernowttz sieht „im Geiste der Thora" die Wählbarkeit der Frau begründet und er beruft sich im übrigen auf die sogenannte Staatsraison, vor der zuweilen religiöse Rücksichten zurücktreten müßten. So führt er als Beispiel die Pflicht der „öffentlichen Versammlung" am AuSgang des HüttenfesteS im Erlaßjahre an, an der, weil nationale Einrichtung, auch die Frauen teilnehmen mußten. Rabbi Meir Don weist die Haltlosigkeit dieses Arguments an der Tatsache nach, daß die Frauen von der Wallfahrtspfltcht, die doch gewiß national gedacht ist, befreit sind, und daß die Versammlungs- Pflicht nicht dem ganzen Volk obliegt, sondern nur den in Jerusalem zur Frstesfeier Anwesenden, wovon sogar Kinder nicht ausgeschlossen sind. Der eigentliche Grund dieser Versammlung einmal in sieben Jahren liegt wohl darin, daß nach dem Schemttahjahre das Volk sein Wirtschaftsleben von Grund auf neu errichten mußte und daher besonders der öffentlichen Belehrung über Gesetz und Moral und die dem Nebenmenschen schuldige Liebe und Rücksicht bedurfte, die auch im gesteigerten Kampf um das Brot und die Bedürfnisse des Tages nicht außer Acht gelaffen werden sollten. Selbstverständlich bedurften die in Jerusalem gerade anwesenden Frauen, die Hüterinnen deS Hauses und der Familie, die Erzieherinnen threrKtnder, ebenfalls, und erst recht, dieser Belehrung und Ermahnung ans dem Munde des Königs und aus dem Buch der Thora heraus. Aehnltch werden dte^ anderen Argumente Tschernowttschs widerlegt und wird gezeigt, wie willkürlich er die Gesetze und Einrichtungen als „privater" oder „nationaler" Natur rubriziert. Aus einer Reihe von Vorschriften in der mündlichen Lehre, aus einer noch größeren Reihe vsn Aussprüchen, Anordnungen und Erzählungen in Babli und Jeruschalmi geht aber mit zwingender Klarheit hervor, daß die Aufgabe der Frau in Im Polizeidepartement bestand eine eigeneDruckerpresse, aus welcher die Po gromproklnmat tonen hergestellt wurden, durch,welche die Volksmaffen gegen die Juden aufgehetzt werden sollten. Diese Tätigkeit des Polizeidepartements, welcher ich später ein Ende bereitete, erfuhr ich von dem Polizetdicektor Lopuchin, der gegenwärtig in sibirischer Verbannung lebt. In Petersburg konnte ich diese Pogromagitation von amtswegen einstellen, in der Provinz jedoch blühte diese Pogromtndustrte auch weiter fort. So wurde während meiner Amtstätigkeit als Ministerpräsident in H o m e l ein furchtbarer Judenpogrom inszeniert, der direkt von der Gendarmerie provoziert wurde. AlS ich diese beschämende Tatsache feststellte und hierüber dem Ministerrat referierte, schrieb Se. Majestät auf das über diese Angelegenheit unterbreitete Memorandum, daß solche Angelegenheiten (oa sie zu unbedeutend seien), ihm nicht zur KenntmS zu bringen seien . . . Der Kaiser ist damals sicherlich in dieser Frage vom Minister des Innern Durnowo beeinflußt worden. Der Kaiser — sagte Gras Witte an einer anderen Stelle — fand es überhaupt ganz natürlich, daß Leute, die wegen Verbrechen, begangen an Juden und Liberalen, im Sinne der Gesetze verurteilt wurden, seinerseits begnadigt werden. Famttiennachrichlen. Geburten. Eine Tochter: Jakob Waffermann und Frau Johanna, geb. Reutlinger, Königsbach. . Barmi-wohferer. Josef Lurkaska, Pflegesvh» deS Herrn Vorstand Daniel «atz, in der Synagoge Egelsbach. —- Manfred Tannenwald, Schmalnau. — Marti», Sohn dv« Hsrrn Jonas JeAner- N. 14, Johannisst*. 4. '