Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1921)
- Date
- 1921-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450138-2450143--68714-2525841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 2× ep/1005097
OCR text
Feuilleton-Beilage zu Nr. 5 des „MM". Alles tu die Erde gesenkt. Aus einer jüdischen Kolonie in Palästina. Der Frühregen blieb lange aus. Die Erde wurde von Ritzen und Spalten durchzogen, die Felsen verloren ihren Hellen Glanz und verdüsterten sich. Feld und Au lagen nockr und trübe, bar jeder grünen Farbe. Nur einzelne Dornen starrten hart und grau aus der dürren Erde, als freuten sie sich über die endlose Oede. Auch im Jordanbett, an dessen Ufer die Kolonie lag, mehrten sich die ausgetrockneten Stellen. Selbst die Berge ringsherum verloren das Grün, den frischen Glanz ihrer Gipfel. Oede und Dürre schlichen sich auch in die Herzen. „Es ist Zeit der Aussaat. Wenn wir nur nicht die Stunde verpaffen! . . Solche Gedanken bohrten in aller Gehirne und fanden Ausdruck in sorgenvollen Worten von Mund zu Mund. Einzig Rabbi Jesaja ließ den Mut nicht sinken und Trübsinn nicht über sich Herr werden. Ein Siebziger bereits war Rabbi Jesaja, einer der Ersten. Schon in seinem russischen Heimatstädtchen hatte er vor vteltzn, vielen Jahren den ersten „Olim"-Verein gegründet. Hier am Jordan hat er sich angesiedelt und den Grundstock zur Kolonie geschaffen. 'Seitdem sieht er seit dreißig Jahren treulich auf seinem Posten. „Er säet" Jahr für Jahr, wie es im Psalmlied heißt, „mit Tränen", und erntet . . . Nicht gerade mit Jubel! Mühe und Arbeit sind sein Anteil von jeher und er blieb von keiner Schickung verschont. Nicht nur sein Geld, auch seine'Seele hat er in die Erde versenkt. Und sie, die Erde? . . . Warum zeigt sie so wenig Gegenliebe? Freilich gibt es auch Tage des Lichtes und Trostes. Im Frühjahr, wenn die Felder grüngedeckt, sich dehnen, dieAehren rauschen und raunen und er ganz versunken in dieses wogende graugrüne Meer wandelt, ach wie unermeßlich ist da sein Glück! Es wächst, dieses Glück, mit der Frucht von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde... Allein, wenn die Ernte kommt, da bringen die kahlen Felder auch die graue Sorge wieder. Die Gläubiger kommen, die Sleuerwächter kommen und alles ist bald weg. Und er wartet mit leeren Händen aber ungetiübtrm Herzen auf neues Blühen, auf neuen Frühling . . . Und am Ende war er ja nicht des Geldes wegen hierhergekommen. Er lebte im heiligen Lance, und bearbeitete der Väter heiligen Boden. Was sollte er sich noch weiter wünschen? Um die Mitternacht, wenn er sich vom Bette erhebt, um das Chazausgebet zu verrichten, läßt er den Blick zum Fenster hinaus schweifen. Der Himmel voll besät mit großen und kleinen Sternen. In der stillen Ebene leuchtende Fluten, blaue und weiße. Die Bäume in den Alleen vom Tau geküßt. In den Ställen im Hofe kauen und wiehern die Pferde, und die Hähne erwachen und rufen den Morgen . . . In solchen nächtlichen Augenblicke spürte es Rabbi Jesaja bis in die Fingerspitzen, daß er sich im heiligen Lande befand. Er ließ die Augen weiter hinaus und hinauf fahren und sah im Geiste den heiligen Berg, auf dem der Tempel stand, und fromme Priester reinigten die Opferstätte von der angesammelten Asche, damit mit Anbruch deS Tages der Opferdienft von Neuem beginnen könne . . . Welche Nacht, welchen Schatten, welcher Tau! Nur in Palästina gtbt es solche Nächte, solchen Himmel, solche Fluten dunklen Lichtes. Und solche Heiligkeit sollte von Wind und Wetter betroffen werden? „Mit Lichtern huldigt Gott!" war der Wahlspruch Rabbi Jesajas. Er liebte die Palästinasonne, das Palästtnalicht, wie das heilige Licht von oben, von dem er einen Abglanz in seiner eigenen Seele empfand ... Zur Erntezeit in den langen Sommertagen, da die Arbeiter Schutz und Schatten vor der Mittagsglut suchten, arbeitete Rabbi Jesaja ununterbrochen und unermüdet mit Sichel und Sense. In Strömen floß ihm der Schweiß die Stirne herab, Rabbi Jesaja ließ sich von der Sonne nicht die Sense aus der Hand reißen. „Liebt Rabbi Jesaja so sehr die Schwitzbäder?" witzelten junge Arbeiter. Rabbi Jesaja blieb die Antwort schuldig. Was wußten auch diese Grünschnäbel von dem, was er bet diesen Ltchtfluten empfand? Was wissen die um ein Licht, das von oben, von höchster Hö^ekam!?... Eine Wonne ohnegleichen erfüllte sein Herz beim Anblick des Sabbatlichtes nach der getanen Arbeit der Woche. Nach einem Bade im Jordanwasser, stand er in den Sabbatkleidern, ganz vertieft in das blinkende Sabbatltcht. Rein und edel flackerte die Flamme, sie flackerte aus seiner eigenen Seele herans und leuchtete in das ewige Licht des ewigen, oberen Jerusalem . . . Wie es auch im heiligen Sohar geschrieben stand . .. Er wußte, die Schechina leuchtete in dieser Stunde zur Erde hinab, Gott lachte mit seinem Volke, mit seinem Lande . . . Um die Mitte des Kislew verfinsterte sich plötzlich der Himmel und starker Regen prasselte herunter. Nur für wenige Minuten unterbrachen sengende Sonnenstrahlen, um gleich darauf wieder den Regenströmen Platz zu machen. Alle Gruben, Brunnen und Zisternen füllten sich, man freute sich, allein der Regen hörte nicht auf und bald tropfte es auch durch die Dächer aller Häuser. Aber man nahm auch dieses gern in Kauf und. ing mitten im Regenguß in Garten und Feld inaus, um zu graben und zu hacken. Weitere Tage vergingen, grau und trübe. Der Regen ließ nicht nach, man konnte nicht mehr ins Feld an die Arbeit. Mit dem anhaltenden Regen stellte sich aber auch der alte böse Gast der Kolonie wieder ein, die Malaria. Die Fieberhitze schüttelte Bauer und Arbeiter, Jung und Alt, Mann und Weib. Dieses Mal traf cs besonders die Jungen, Kräftigen, und zu den ersten, die von der Krankheit erfaßt wurden, gehörte Rüben, der älteste verheiratete Sohn Rabbt Jesajas. Die Krankheit verstärkte sich. Der Arzt kam aus der Nachbarkolonte und blieb im Hause Rabbi Jesajas über Nacht. Die Kolonisten erschraken, sie wußten, daß der vielbeschäftigte „Doktor" nur in äußersten Fällen hier nächtigte. Es fehlte das ganze Jahr nicht an kleinen Plänkeleien und widerwärtigen Streitereien, aber im Leide waren alle einig. Alle Unstimmigkeiten waren vergessen und an deren Stelle verband ein Gefühl von Brüderlichkeit alle Herzen. Den ganzen Tag.schloß sich die Türe bei Rabbi Jesajas nicht. Die Bauern und ihre Frauen gingen und kamen, sahen besorgt den Kranken und seine Umgebung und boten ihre Hilfe an. In den Augen der Frauen perlte eine Träne. Der Zustand war unverkennbar ernst. Rüben hatte Weib und Kind und teilte mit dem Vater Haus und Feld. Scheindel, seine Frau, faß die Nacht an seinem Belte mit stummen tränenlosen Augen. Die zwei kleinen Kcnder warfen sich auf dem Boden so lange herum, bis lie auf der Matte fest einschliefen. Die Mutter sah zu den Kleinen mit einem Blicke hin, wie ihn nur eine Mutter für ihre schutzlosen Kinder hat. ,Wißt ihr, Kinder, daß der Todesengel durch die Nacht schreitet und daß ihr. als Waisen aufwacht? . ..." Das älteste Kind, ein Junge, wußte es, er weinte in einem fort und sah hilfesuchend zum Arzte hin, der am Bette mit bewegungsloser Miene den Kranken beobachtete. Im Nebenzimmer saß aber der alte Rabb Jesajas vor einem, offenen Folianten, schüttelte den Körper und lernte eine Stelle aus Sohar, die von Saat und Ernte, Blühen und Wurzrlschlagen, im Felde und im Menschenleben handelte. Aber die Lernmelodie klang wie Totengebet . .. Da schwieg Rabbi Jesaja. Er sah plötzlich in das flackernde Licht. „Licht, Licht!" rief eS in ihm. „Und was in uns ist und lebt, ist auch Licht . . . Und wenn das Licht genug geleuchtet, dann geht es zum andern, zum Lichtmeere, hinauf in die Ltchi fluten des Palästina-Himmels.. So heißt es auch hier, im heiligen Sohar . . Draußen ging die Türe auf und zu. Abwesend, von der Macht der Gewohnheit getrieben, ging Scheindel in den Stall, um der Kuh das Futter zu reichen. Als sie wieder ins Haus kam, war die Stimme Rabbi Jesasas im Nebenzimmer verstummt und sein Auge haftete am Lichte. Drinnen lag Nuben tot im Bette . . . Nach den sieben Äauertagen ging Jesaja wieder ins Feld hinaus. Der Regen hatte seit Tagen nachgelassen und der Palästinahimmel lachte wieder sein heiliges Lachen. Die Arbeiter standen still um den Greis und. betrachteten ihn mit inniger Teilnahme. „Warum steht ihr da?" fragte der Alte. „Auf zum Spaten. Die Erde ist erweicht und wir müssen graben, graben und graben ... Und die Saaten darin senken . . . Alles, alles müssen wir der Erde geben. Sie gtbt es uns eines Tages wieder..." Seht ihr nicht das heilige Licht, da oben am Palästina-Himmel? Der große Verteidiger. Ium Kharaktervitde eines chaffidifcherr IüHrers. Einer der Schüler des Baalschem, Rabbi Lewy Jtzcho! aus Berditschew, zeichnete sich durch seine schrankenlose Liebe zu all seinen Volksbrüdern aus, auf welche et nichts kommen ließ. Seiner Meinung -nach war der geringste der Juden noch voller jüdischer Tugenden und Eigenschaften, die man nur herauslocken mußte, um den Irrenden aus den rechten Weg zu bringen. Von dieser seiner Liebe und seinem großen Erbarmen sprechen auch eine ganze Reihe von Volksliedern in jüdischem Dialekte, die sich in der. jüdischen Gasse, besonders in Beßarabien und in der Ukraine, bis auf den heuttgen Tag erhalten haben. Auch die bekannten Varianten des „Om ani Chaumo"^ und des „Boruch Elaukenu" mitsamt ihren warmherzigen Melodien werden auf diesen Rabbi zurückgeführt. Von Rabbi Lewt Jtzchok wird erzählt, daß er beim Anblick eines jüdischen Fuhrmanns, der mit den Tesiütn auf dem Kopfe die Wagenräder schmierte, ausgerufen hatte: „Was ein großes Volk! Selbst wenn sie den Wagen schmieren, haben sie Teffillin an! . . ." Später wurde das Gleiche von dem große» Litauer, Rahbi Israel Galanter, erzählt. Wieder ein Beweis, wie wenig die Lehren und Anschauungen der chassidischen Welt und der litauischen Muffarschule sich im Grunde von einander unterscheiden. An einem Peßachfeste soll Rabbi Lewi Jizchok seinen Getreuen befohlen haben, ein Stück Br o t und ein t ü r k isch es Tuch in das „Stübel" zu bringen. Die Einfuhr von türkischen Tüchern war damals in Rußland bei hoher Strafe verboten. Man erschrak über diesen Befehl, doch wagte man nicht dem Rabbi zu widersprechen und vermutete dahinter hjnen tieferen kabbalistischen Sinn. Gegen Abend brachten die Chrssidim wohl einige türkische Tücher, aber natürlich kein Brot. „Wir suchten in der ganzen Stadt", sagten sie, „und gingen von Haus zu Haus, fanden aber keinen Krumen". Da sprang der Rabbi in ungeheurer Extase auf und rief: