Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1921)
- Date
- 1921-02-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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3. Februar ^S1 Der JSraeltt. Nr. » Geile » „Großer Gott, Herr der Welt! Ein irdischer König hat Hüter und Zollwächttr an allen Grenzen und Kreuzwegen aufgestellt, um die Einfuhr von türkischen Tüchern zu verhindern, und dennoch find hier Tücher zu haben ... Du hast durch deinen Lehrer Moses vor Jahrtausenden uns an den Peßachtagen Chomez verboten, hast aber keine Zollämter errichtet und keine Grenzwächter begeftellt und siehe: Es ist in der ganzen jüdischen Stadt kein Krümchen davon zu.finden! Stehst du nun, was du für ein großes Volk hast und wie treulich es all deine Gebote erfüllt!" Ein anderes. Mal ging er in einer Nacht der zehn Bußtage in das große Vadehaus, wo arme Juden und Ntchtjuden zu nächtigen pflegten. Er nahm rin vollgefülltes Schnapsglas in die Hand und weckte einen der Ntchtjuden. Dieser griff sofort nach dem Glas und leerte es gierig bis zur Neige. Dann füllte er das Glas noch einmal und weckte einen Juden. Dieser suchte schlaftrunken zunächst nach Wasser, um die Hände zu waschen und da er ketns fand, lehnte er den gereichten Trank ab. Der Rabbi aber rief: „So sind sie und so sind wir, Herr der Welt. Bei einer Andacht aus Anlaß von Judenbedrückungen soll er einmal in höchster Extase gerufen haben: „Wenn ein einfacher, schlichter Jude aus Versehen seine Tefullin zu Boden wirft, so hebt er sie erschrocken auf, führt sie ehrerbietig an den Mund und fastet wohl noch einen Tag zur Buße. Und du, o Gort, solltest, da deine Tcfittin, das Volk Israel, zu Boden liegt, schweigen? ... Sind deine Tefillin, Herr der Welt, in denen geschrieben steht: „Und wer ist wie dein Volk Israel ein einziges Volk auf Erden!" noch brauchbar, nachdem dieses Israel gedrückt zu Boden liegt? . . Rabbi Lewi Jizchok pflegte zuweilen auch Bibelsätze, die die Schuld Israels bezeichnen, bewußt in ihr Gegenteil umzudeuten und so aus der Anklage eine Verteidigung zu machen. So beispielsweise übersetzte er das Wort in Jesaijas „Am Kewed owaun": ein Volk, dem es schwer fällt, Sünde zu begehen, „Sera mereiim": „Nachkommen der Gott es freunde, der Erzväter". „Nosauru ochaur": und wenn sie noch so abgewichen sind, sie kehren doch immer wieder zurück usw. Einmal traf er mit Kaufleuten zusammen, die zur Jahresmeffe wollten und es sthr eilig hatten, ihre Gebete darum sehr rasch, abgehackt und ohne besondere Andacht verrichteten. Als sie dann an ihn herangtngm um ihn zu begrüßen, beantwortete er ihre Worte mit abgehackten Sätzen und unartikulierten Lauten. Sie sahen ihn verständnislos an. Er aber sagte: „Ihr habt meine halben Sätze nicht verstanden? Und ihr erwartet, daß der liebe Gott eure eiligen und abgehackten Worte erhören soll?" Einer der Chassidim antwortete aber schlagfertig: „Wenn ein Kind in der Wiege „Ae" und „Mä" lallt, so versteht es kein Mensch, aber Vater und Mutter verstehen diese kindlichen Laute. Ist nicht Gott unser Vater?" Diese Porte gefielen dem Rabbi derart, daß er sie an 'den hohen Feiertagen sogar öffentlich in seiner Gemeinde mit Inbrunst wiederholte. Eines Tages kam ein hartgesottener Verbrecher, der alt und krank geworden, zu ihm und flehte ihn um Unterstützung an. Rabbi Lewi Jizcbok brauste auf: „Bist du nun mit deiner Kraft zu Ende, versagen nun deine Beine und Hände bei den Dtebesgeschäften, daß du nun zu mir kommst?" „Rabbi", weinte der Alte, „zwanzig Jahre lang war ich sündhaft, der liebe Gott wußte es und trotzdem ernährte er mich, ohne mich zu beleidigen. Und nun da ich alt und krank bin, und ein einziges Mal zu dir um ein Stückchen Brot komme, beschimpfst du mich, bevor du mir noch etwas aeretcht bast! . . Diese Worte des Alten, so erzählt der Rabbi wiederholt selbst, haben auf ihn großen Eindruck gemacht, und er lernte daraus Vieles . . . Aus den Memoire» des Grafen Witte. Die englischen Zeitungen veröffentlichen Teile auS dem Tagebuch des früheren russt'chen Ministerpräsidenten Grafen Witr e. In einem Abschnitt, der seine Amerikareife zum Zwecke des Friedensschlusses mit Japan behandelt, spricht er auch ausführlich über die Juden inNew-York: „Beunruhigend für mich war meine beständige Be« wachung durch Geheimagenten. Baron Rose sagte, es gingen Gerüchte über ein geplantes Attentat gegen mich vonseiten einer Gruppe extremer japanischer Militaristen, die den Frieden »m Rußland verhindern wollten. Eine andere Gefahr, sagte er, drohe meinem Leben von den Juden in New Jork . . . insbesondere von denen, die vor den Pogromen dorthin geflüchtet sind. — Zu dieser Zeit erreichte die Zahl der jüdischen Bevölkerung in der Stadt eine halbe Million. Trotz der Warnung besieg ich morgens ein Auto und fuhr in Begleitung eines Botschastsbeamten in das jüdische Ghetto, das ganz von Emigranten bewohnt war. Anfänglich wnrr-e ich mit scheelen Blicken empfangen, kauur aber hatte ich mit Einigen ein paar Worte in russischer Sprache ousgetauscht, als schon das Eis gebrochen war und ich volles Vertrauen fand. Bei meiner Rückkehr ins Hotel traf ich den Agenten, der zu meinem Schutz von der amerikanischen Regierung bestellt war. Als er hörte, daß ich aus dem Judenghetto komme, staunte er einigermaßen, mich noch bei lebendigem Leibe zu sehen, da nach den poli eilichen Berichten, dort große Erbitterung gegen mich herrschte. Von seinem Besuche in Boston erzählt Gras Witte: „Der Bahnhof war angesüllt mir einer Menge jüdischer Typen, die den amerikanischen Behörden viele Sorgen machten. Man befürchtete eine Demonstration gegen mich, oder sogar einen Ueberfall. Meine Begleiter warnten wich auch dringend davor, auS dem Wagen zu treten. Da aber die Menge mich zu sprechen wünschte, trat ich auf den Perron. Die Leute in meiner Nähe nabmen ehrerbietig den Hnt ab und ich tat das Gleiche. Es waren lauter jüdische Emigranten aus Rußland, und das Gespräch bewegte sich in höflichen, ja freundschaftlichen Formen. Sie alle erklärten, den Druck ihrer Brüder in Rußlnd nicht länger ertragen zu können. Ich versprach, was ich versprechen konnte und erkundigte mich, wie eS ihnen hier in Amerika politisch und ökonomisch ginge. Sie erwiderten einstimmig, daß sie in Amerika auf Grund der politischen Rechte und der bürgerlicher» Freiheit ein ordentliches Leben führen könnten. Ich fragte sie dann, ob sie mit ihrem Lose zufrieden seien. Die mir am Nächsten Stehenden antworteten laut und schnell: „Nein, wir sehnen uns nach der russischen Helmat zurück." Rußlands Erde, sagten sie, birgt die Gebeine ihrer Väter uns Rußland wird ewig ihr Vaterland bleiben, wenn sie jetzt auch amerikanische Bürger seien. „Wir lieben nicht das russische Regime, aber wir lieben Rußland über alles. Darum gebt denen keirr Gehör, die von unserer Vorliebe für Japan sprechen. Wir wünschen Euch Erfolg bet den Verhandlungen. Wir beien mit dem russischen Volk für Rußlands Wohl!" Als ich von ihnen Abschied nahm, töme mir ein lautes „Hurra!" nach. Die gleiche Liebe zu Rußland fand ich Überall unter den Juden in Amerika. Ueber das Verhältnis des Zaren Nikolaus zu den Juden, schreibt Witte: „Der Zar ist umringt von ein geschworenen Judenhrfsern, wte Treppow. Plehve, Jgnattew und den Führern der „Schwarzen Hunderten." Was die persönliche Stellung des Zaren zu den Juden betrifft, so erinnere ich mich, daß er, so oft ich ihn auf Judenexzesse aufmerksam wachte und es für unhaltbar bezeichnete, daß die Veranstalter ungestraft ausgingen, er, der Zar, sich iit eisiges Schweigen hüllte, oder die kurze Bemerkung tat, „die Schides" (Schimpfwort für die Juden in Rußland) feien selber daran Schuld. Wahr ist es aber, daß die judenseindliche Strömung nicht von unten herauf, sondern von oben nach unten ging. Im Dezember 1905 brach in Homel der große Pogrom aus. Ach veranlaßte eine Ausforschung und diese ergab, daß die blutigen Exzesse von langer Hand vorbereitet und ins kleinste organisiert waren. Der Ministerrat, dem die Resultate der Ausforschung Vorlagen, verurteilte scharf die Tätigkeit der Homeler Geheimpolizei und verlangte die Absetzung und Bestrafung des Hauptschuldigen am Pogrom, Gras Podgoritschant. Die Met. nungen, des Ministerrates wurden zu Protokoll gebracht, aber in äußerst milder Form, denn diese Protokolle kamen zu Gesicht des Kaisers. Aber auch in dieser milden Form erregte der Beschluß den Zorn des Zaren. Er schrieb an den Rand: „Was geht mich die ganze Sache an? Die Angelegenheit des Grafen Podgoritschant oehört in den Bereich des Innenministers." Einige Monate später erfuhr man aber, daß der gleiche Graf zum Chef der Polizei in eitler Großstadt am Schwarzen Meere berufen wurde. Die Grundsätze des Zaren Nikolaus in der Judenfrage deckten sich vollkommen mit denen der „Schwarzen Hunderten." Die ganze Macht dieser schwarzen Verbindung wurzelte darin, daß das Kaiserpaar in der fixen Idee lebte, diese allein würbe der Dynastie das Heil und die Rettung bringen. Ainderecke. Das Pfand der Amen. Bon Dr. Michael Sachs. „Wenn du das Kleid deines Nächsten pfändest, bis zum Sonnenuntergang gieb es ihm zurück." (Wochenabschnitt „Mischpott,n" Cap. 33. B. 35). Es spricht der Herr: Du bist an jedem Tag in neuer Schuld, Ünd jeden Tag leih' ich mit neuer Huld. Du giebst, wenn nachts du dich zur Ruhe legst, Die Seele mir; sie ist in meiner Hand Für deine große Schuld ein Unterpfand. Und wenn öu morgens deine Glieder regst, Hast du dein Pfand nicht ohne dein Verlangen Aus meiner Hand gutwillig stets empfangen? So lerne dies von mir! DasPfand des Armen— Gieb's ihm zurück mit willigem Erbarmen! Sobald die Sonne sinkt, zur Abendzeit, Gieb's wieder ihm — es ist sein einzig Kleid. So du dich aber sträubst, so bleibt das Pfand, Dein mir gehörges, auch in meiner Hand! Liede junge Freunde! Wenn Ihr aus folgenden Versen je ein Wort wählt, so ergibt sich eine Stelle in Mischle, die eine wichtige Mahnung enthält: Schein aus, Kap. 18, Vers 19. Jeschajohu, „ 8, „ 10. Mischte, „ 19, „ 20. Mischte, „ 6, „ 33. Es grüßt Euch Euer Onkel in der Ktnderecke. Die nufiöfung des Rütfels in Nr. 2 lautet ihn Nippt» mjw> nana mw rinrw nawi iwn Die Anfangsbuchstaben ergeben die Worte: nipp niyen. Richtige Lösungen sandten ein; Hermann Cahn, Köln-Deutz; Lotte Heermann, Hannover; Albert SulkeS, Heidelberg; Karotins und Siegfried Epstein, Freiburg- Fritz Süß, Mainz; Sara, Berta und Anselm Berlinger, Battenhausen; Helene Werrheimer, Hardheim; i udwig Marr, Stefan Felsensteiu, Fürth; Arthur und Ludwig Samuel, tzreudenburg; Jakob Strauß, Josef Bachrach Manfred n. Frida SchenkolewSki, Hamburg; Max Gutmann, Ichenhausen; Michael Battda, Wien; Jsak Schöndorf, Jakob Salvmon, Ludwig u. Selma Wilner, Lilly, Martha u. Ktlrr Flamen, Nürnberg; Philipp Goldmann, Wiesbaden; Kallmann Hammel, Fulda; Heinrich Simon, Darmstadt; Hermann Roßmann, Beritt,; Egon und Günther Feinmänn, Berlin; Miriam Gvldschmtdr, Anonymus v. d. Heuwagen, Zürich; Esther Duckesz, Altona; Heinrich' Teitelbaum, Jda Reich, Jsak, Robert u. Martha Lange, Samuel Herbst, Harry Weinbe.g, Jakob Ratzkcr, Rudi Haas, Max, Carlebach u. Fritz Lewi, Arthur Staßner, Josef Singer, Werner Groß, Siegfried Gans, Mathilde u. Isaak Lange, Stegbert Neuland, Julie Bamberger, Paula Bamberger, Theodor Ochsenmann, Max Aron, Nritz Gutmann, Fanny Aron, alle in Frankfurt a. M.; Isidor Winnal jun., Ludwigshafen; Hermann, Arthur Goldberger, Nürnberg; Ernst und Markus Sichel, Schlüchtern. Oie Nullösung 9er hebräifchen rrvn in 9er gleichen Nummer lautet; TX» - ->XN. Richtige Lösungen sandten ein: I. Sternglas, Mannheim; Jakoo Strauß, Hamburg; Elias Chwadanski, Heidelberg; Gedale Katz, Karlsruhe; Isaak Lubinski, Friedrichstadt; Simon Erlanger, Luzern; Hans Zinke?, Leo Gabel, Frankfurt a. M. » * * Beide Rätsel lösten: Hermann Cahn, Manfred FiUcher, Julius TarUbach, Hamburg; Markus Neuherger, Berlin; Oskar Feuchttvanger, Amsterdam; Moritz Jeidmann Leipzig; Markns Ansbacher, Nürnberg; Lini Markus, Assenheim; Andrä Nordmann, Straßburg; Lilli Speier, Sögel; Erich Silberstein, Heidelberg; Jakob Aschkenast, Wien; Helene Löwinger, Wilhclmsdurg; H. JaffL, Tilsit; Bella Weinreb, Jakob j und Hanna Rothschild, Frankfurt a. M. I 1