Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1921)
- Date
- 1921-02-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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8. Februar 1921 Der JSraettt. No. 5 Sette 5 werden. Vor Kurzem wurde sogar im Landtag eine Interpellation über die Ausschließung und Amtsentsetzung von Juden in allen staatlichen Betrieben eingebracht. Natürlich wußte der Regierungsvertreter von nichts, und versprach eingehende Ausforschung, die aber, wie die Zeitung berichtet, bis jetzt nicht erfolgt hat. Große Erbitterung herrscht in den hiesigen jüdischen Kreisen über gewisse eigenmächtige „Bolksbeglücker", die sich an die Regierung herandrängen und dort angeblich die jüdische Sache vertreten. Man sprach auch von einem „Dezernat für jüdisch-religiöse Angelegenheiten." Dagegen setzte aber rechtzeitig eine starke Opposition ein, mit dem Erfolg, daß auf eine Anfrage des „Verbandes der rumänischen Juden" diesem vom Ministerium die Mitteilung zuging, daß die Einsetzung einer oberen Vertretung der Juden über die Köpfe der jüdischen Bevölkerung hinweg nicht in Aussicht genommen sei. Die bisherigen Maßnahmen hatten lediglich statistische Bedeutung. Das Ministerium will die Organisation der Juden in Rumänien diesen selbst überlassen und empfiehlt die Einberufung eines Kongreffes zu diesem Zwecke. Dieser Kongreß findet auch Ende Januar in Bukarest statt und es ist zu hoffen, daß auf ihm die Frage in einer Weise gelöst wird, d'e in einer Erstarkung des jüdischen Lebens in Rumänien dient. Jfoläßina. im neuen lerusnlem (Bim neue Wendung im religiösen Schulwesen — Die Sabbat-Entweihung. — Einwanderer nnd LevenSmittel- Preife. — Arabischer Nationalismus. — Die Ausgrabungen in Liberias. — Das Overrabbinat. Jernfatenr, 9 Januar. Während man in den Kreisen des „Waad hachtnuch" die größten Anstrengungen macht, um trotz der teilwetsen Zurückziehung der amerikanischen Geldmittel das Schul-Budget halbwegs aufrecht zu erhalten (zunächst sind 20% gekürzt worden), hat ein Teil der Jerusalemer Orthodoxie, an ihrer Spitze Rabbiner Kuck, einen erfolgreichen Schritt in Amerika unternommenum angesichts der Budget-Schwierigkeiten der zionistischen Kommission die religiösen Institutionen und ihre Beamten einigermaßen sicherzustellen. Das orthodoxe „Z entral Relief Komitee" hat daraufhin telegraphisch mttgeteilr, daß es für die nächste Zeit das Budget dieser Institutionen übernimmt. Damit ist in moralischer Hinsicht ein ganz außerordentlich begrüßenswerter Fortschritt erzielt. Die bisherige Abhängigkeit der religiösen Institutionen von den zionistischen Machthabern hat höchst bedauerliche Wirkungen ausgeübt und es wäre ein wahres Glück, wenn die Erhaltung der Bothe Dinim sowie der Lehrer an den Jeschiwos und Talmud Thora-Schulen in Zukunft ausschließlich von orthodoxer Seite, sei es in Amerika, sei es im übrigen Ausland, in die Hand genommen werden könnte. Allerdings dürsten aus den amerikanischen Geldmitteln die Kreise, die bisher schon ihre volle Unabhängigkeit von den Zionisten aufrechterhalten haben, insbesondere das Bes - Din Sonnenfeld-Diskin, keinerlei Subvention erhalten. Ihre Position wird also nicht gebessert. Am vorigen Mittwoch fand eine weitere große Versammlung in Sachen der palästinensischen Arbeiterküchen statt. Nach einem Referate von Rabbiner Kuck wurde beschlossen, sich nochmals an den jüdischen Nationalrat mit der Frage zu wenden, warum er, trotz aller Versprechungen, fortgesetzt passiv bleibe und die Orthodoxie dadurch zwinge, bte ganze Welt gegen die unerhörte Entweihung des Heiligsten, daö sich in Jerusalem unter Duldung der nationalistischen Machthaber vollzieht, aufzurufen. Es wurde ein besonderer Ausschuß zur weiteren Behandlung der Angelegenheit gewählt. Die Versammlung beschäftigte sich auch mit der traurigen Lage der neuen Einwanderer. Diese ist aus Mangel einer organisierten Fürsorge äußerst schwierig, trotzdem die Lebensmittelpreise in den letzten Tagen erfreulicherweise etwas zurückgegangen find. Die arabischen Nationalisten scheinen sich bei der abkühlenden Antwort, die Herbert Samuel auf die Forderungen des Kongresses von Haifa erteilt hat, nicht beruhigen zu wollen, sondern suchen nunmehr durch Einholung von Unterschriften in den Moscheen die Bevölkerung für ihre Proteste zu gewinnen. Großes Interesse erregten die Mitteilungen, die Professor Sluß vor einer großen Versammlung, der Herbert Samuel beiwohnte, über seine Ausgrabungen in Liberias machte. Die aufgedeckten Synagogen-Ruinen ziehen natürlich die Aufmerksamkeit der ganzen Bevölkerung auf sich, Die arabischen Lehrer kommen mit den Schulkindern und zeigen ihnen die bloßgelegten Marmorquaderneiner von ihnen dozierte seinen Schülern mit großem Ernste, daß sie hier den „Tempel des Königs Salomo" vor sich hätten. Die Rabbiner von Liberias haben sich übrig; ns in den neuerschloffenen Räumen dieser Tage versammelt und ihnen durch gemeinsames NN22 erneut 2".T2 JWHP erteilt. Im Norden der gegenwärtigen Grabung hat Sluß eine neue Ausgrabung begonnen, wobei wiederum sehr rasch neues Mauerwerk, anscheinend aus herodianischer Zeit aufgedeckt wurde. Längs der Mauer zieht sich in der Tiefe von 3% Metern ein ganz in Stein ausgeführter Waffer-Kanal. Merkwürdigerweise hat man in der Tiefe von vier Metern alsdann auch einen Sarg mit menschlichen Gebeinen gefunden. Die Form des Sarges deutet angeblich auf die Zeit vor der Tempelzerstörung hin. Bet der wetteren Fortsetzung ergaben sich dann untrügliche Zeichen dafür, daß man einen Friedhof vor sich habe. Christliche oder heidnische Embleme waren nicht zu finden, wohl aber eine griechische Aufschrift, wonach ein Ratsherr namens Isidor dort begraben liegt. In einem der Gräber hat man eine Flasche und einen Becher gefunden, die dem Bezalel-Museum übergeben wurden. Weiter nördiich fand sich dann eine weitere Friedhofsanlage, die nach dem Zeugnis eines einheimischen jungen jüdischen Gelehrten der sogenannte Friedhof der Masoreten sein soll. Man darf aus die weiteren Ergebnisse der Grabungen jedenfalls gespannt sein. Aus New-Dork ist Rabbiner Baruch Cohen hier angelangt, der sich hier niederzulaffen beabsichtigt und von dem man sich eine Stärkung der orthodoxen Sache verspricht. Die aus der Ukraine Ein gewanderten haben sich hier zu einer festen Organisation vereinigt, die bemüht ist, mit der unwirtschaftlichen Heimat in Verbindung zu bleiben und möglichst viele ukrainische Flüchtlinge nach Erez Jisroel nachzuziehen. Die Frage des offiziellen Oberrabbinats ist noch immer ungeklärt, während die wirtschaftliche Lage der Rabbinen selbst immer schlechter wird. 'Im Daur-Hajom wird vorgeschlogen, an die Spitze der jüdischen Gemeinschaft eine Rabbiner-Kommission aus 8 Mitgliedern zu setzen, in die die größeren palästinensischen Gemeinden ihre Vertreter entsenden sollen. Ihr könnte zur Mitarbeit eine Laienkommission zur Seite stehen. Die einwkmSerung in pslülllns. 3etufatmf 30. Jan. Die vom Etnwanberungsdkpartement in Jerusalem zusammengestcllten Einwandernugszjfftrn zeigen, daß vom 1. August bis 30. September 1920 etwa 6500 Juden nach Palästina eingewandert find. Von diesen waren mehr als die Hälfte unverheiratete Männer und Frauen, die als Siedler kamen, 2400 Personen waren Rückwanderer. Bis zum 15. Dezember betrug die Zahl der Einwanderer 8000. Nach den heutigen Bestimmungen dürfen bemittelte Personen und 'olche, die eine Anstkllung im Lande von vornherein Nachweisen können, beliebig etnwandern. Die monatliche Einwanderung beläuft sich zurzeit aus 2000 bis 2500 Personen. jmmrtHa« flmeriftflnifdier Brief. Dt« polnischen Berficherrmgen. — Juden in hohe»» Amtsstellen. — Antisemitismus. — Savvathetliguns. New-Darü, 10. Jan. Die bereits mitgeteilte Erklärung des polnischen Konsuls in New Aork, die Verhältnisse in Polen hätten sich dermaßen gebessert, daß es dort eine Judenfrage überhaupt nicht mehr gebe, wird hier von der gesamten Presse als Vertuschung und Verdrehung der Tatsachen dahingestellt. Es wird darauf hingewiesen, daß der Konsul, Graf Ulaski, seit einem Jahre nicht mehr in Polen gewesen ist. Interessant ist auch, daß der Konsul als Kronzeugen für das politische Wohlergehen der Juden in Polen Rabbiner Perlmutter anführt. Gewiß ist es wahr, daß der genannte Rabbiner, wie alle besonnenen, friedliebenden Elemente auf Verständigung und Aussöhnung hinwirkt. Allein Rabbiner Perlmutter war nie in Amerika und hat nie eine Besprechung mit polnischen Vertretern dort gehabt. Auch hat Rabbiner Perlmutter niemals die Lage der Juden in Polen als eine den jüdischen Wünschen und den Grundsätzen der Gerechtigkeit entsprechende geschildert. Wie in England, so ist auch jetzt in Amerika ein Jude in eine hohe Regierungsstelle etngerückt. Der bisherige Vizeadmiral Josef Strauß hat mit dem Admtraltitel das Kommando über die Asiatische Flotte der Vereinigten Staaten übernommen. Wie amerikanische Zeitungen zu berichten wissen, ist Admiral Strauß bewußter Jude. Er steht im 54. Lebensjahre und dankt seine Beförderung seinen hervorragenden Leistungen in den Kriegsjahren. Natürlich schweigt, wie in England, auch hier die antisemitische Presse zu dieser „Verjudung der höchsten Amtsstellen" nicht. Ueberhaupt hatte in letzterer Zeit die jüdische Oeffentlichkett häufig Anlaß, einen Kampf gegen die antisemitische Hetze zu führen. In Philadelphia ist vor kurzem sogar ein eigenes Organ gegründet worden, das, ähnlich den „Mitteilungen" der deutschen Abwehrvereine, die Widerlegung der antisemitischen Angriffe zur speziellen Aufgabe hat. Aus dem inner-jüdischen Leben ist über einen erfreulichen Steg der Sabbattdee zu berichten. In Harles stand ein jüdischer Fabrikant vor Gericht unter» der Anklage, seine Arbeiter am Sonntag beschäftigt zu haben. Als Entschuldigungsgrund gab er oie völlige. Arbeitsruhe am Samstag in seinem Betriebe an. Die Richter sprachen den Angeklagten frei, und erteilten ihm das Recht, auch fernerhin am Sonntag statt am Sabbat mit seinen Angestellten zu arbeiten. Diese richterliche Entscheiduug ermutigte den „Verein der Sabbatfreunde" zu weiterem energischen Vorgehen. In einer großen Versammlung wurden wichtige Beschlüsse nach der Richtung hin gefußt. Rabbiner Margulis, Präsident des „Orthodoxen Rabbinerverbandes in Amerika und Kanada" versprach, daß alle im Verbände vereinigten Rabbiner nunmehr in den Kampf für die Heilighaltung des Sabbat mit gesteigerter Kraft und Energie eintreten werden. Personalien. Bir stein, 37. Jan. Am Freitag, wurde unter zahlreicher Beteiligung auch seitens der christlichen Bevölkeruna, die in ihrem fast 74. Lebensjahre Heimgegangene, allseitig geehrte LehrerSwtttwe Nanchen Schuster zur letzten Ruhestätte geleitet. Vornehmes, bescheidenes Wesen und wahre Frömmigkeit, waren ihr stets eigen. DeS Lebens Schicksalsschläge waren auch ihr nicht erspart geblieben. Vor elf Jahren verlor sie ihren Galten und im Kriege einen Sohn, auf den sie ihre ganze Hoffnung gesetzt hatte. Obzwar ein Schlaganfall vor sieben Jahren ihre körperltchen Kräf«e gelähmt hatte, so war doch ihr Geist bis au das Lebensende frisch und rege geblieben. Möge der Entschlafenen der Lohn ihrer Tugend und Frömmigkeit zuteil werden. tsn.