Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1921)
- Date
- 1921-02-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Gsite 4 No. S Der JSraeltt. 3. HeSruar 1681 Zunächst verhandelte dte Kommtsston mit John Bernstein, dem Präsidenten der Hebrew Immigrant Aid Soc-ely(Hajas). Vor allem stellte Bernstein fest, daß dte Nachricht, dte „Hajas" allein beabsichtige, im Jahre 1921 250.000 Emigranten nach Amerika zu bringen, falsch sei. Um dies zu tun, müßte die GeseÜjchaft mehr als 37 Millionen Dollar aufwrnden. Ihre größten Einnahmen aber betrugen im Jahre 1919 325 000 Dollar. Eine ebenfalls von den Gegnern der Einwanderung ausgestreute Nachricht, daß im Oktober 1920 allein 58.000 Juden nach Amerika eingewandert seien, bezeichnete Bernstein mit ziffernmäßigen Belegen als unrichtig: er konnte nachweifen, daß im ganzen Jahre 1920 65.000 Juden eingewandert seien, davon im Oktober 12.217. Er wies auch darauf hin, daß die Behauptung, das ckbrerikanische Konsulat in Warschau habe täglich 25(30 Juden abzufertigen, welche Paßvisa verlangen, nur in beschränktem Maße richtig sei. Wohl werde das Konsulat täglich von.einer solchen Menge umlagert, doch das seien immer dieselben Leute, welche infolge der schleppenden Amtsführung des Konsulates oft durch sechs Wochen lang täglich sich anstellen müssen, bis sie das Visum erhalten. Auf die Frage des kalifornischen Senators^Johnfohn, ob der Drang der Juden, nach Amerika auszuwandern, wirklich so groß sei, antwortete Bernstein: Dte Juden würden lieber in Polen bleiben, wenn ihre Lrge sich bessern würde, wofür jetzt auch verschiedene Anzeichen vorhanden seien. Dte Senatskommission vernahm dann Louis Marshall als Vertreter des Amer.can Joint Distribution Komitee. Er wies darauf hin, daß jedesmal, wenn das Land eine Wirtschaftskrise durchmacht, die Emigrattonsgegner die Sperre fordern, damit die Arbeitslosigkeit nicht vergrößert werde. Sie vergessen aber, daß die Wirtschaftskrise im Lande selbst die Einwanderer besser abhält als Gesetze aller Art. Amerika verdankt den Emigranten viel. Die Einwanderer haben in Amerika die Bahnen gebaul. Sie bilden auch kein fremdes, den Staat schädigendes Element. Viele bedeutende Amerikaner sind Kinder von Einwanderern, so Präsident Wilson, eine Anzahl von bedeutenden Gesetzgebern, Richtern usw. Im letzten Kriege haben sich der amerikanischen Armee über eine halbe Million Einwanderer cm ge schlossen. Auf die Frage des Vorsitzenden der Kommission, Senators Colt, ob es richtig sei, daß gewisie Regierungen in Europa ihre Bürger zur Auswanderung nach Amerika auffordern, speziell ob die polnische Regierung dies tue, um die M-nderheitsnattonen loszuwerden, antwortete Marshall, eine solche Politik Polens wäre angesichts der übernommenen Verpflichtungen des Friedenstrages wohl unmöglich. Im übrigen wissen es dte regierenden Kreise in Polen selbst, daß die Juden ihrem Staate nützen. Die Juden in Polen lieben ihr Land und wenn sie dort Lebensmögltchkeiten haben, so werden sie wohl nicht in großen Massen nach Amerika abwanderen. Als Vertreter der Vereinigten jüdischen Gewerkschaften, welche über eine Viertelmillion Arbeiter umfassen, sprach vor der Kommission Max Fein, ferner Morris Rottenberg als Vertreter des jüdischen Kongresses in Amerika. Die Senatskommtssion will noch andere Vertreter jüdischer Organisationen etnvernehmen. Die Gegnerschaft gegen die rigorose Einschränkung der Einwanderung hat sich letztens wieder verstärkt. Kongreßmitglied Banet hatte in Marion eine Besprechung mit Harding, dem er einen Plan zur Lösung der Einwanderungsfrage vorlegte. Banet erklärt, daß die Bill, die Einwanderung für ein Jahr zu verbieten, im Senat nicht angenommen werden dürfte. Statt die Tore zu schließen, müsse die Regierung ein neues System einführen, nach dem die Einwanderer über das ganze Land, und zwar hauptsächlich aus die Farmen, verteilt werden könnten. Das Land hat genügend Platz für neue Immigranten und der Kern des Nebels liegt nur darin, daß die meisten Immigranten sich nur in gewissen Städten konzentrieren, während im ümetzm in Amerika genügend Raum und Arbeit für alle ift- Banet habe Harding Vorschläge unterbreitet, wie dte Regierung am besten die Verteilung der Einwanderer über das ganze Land durchführen könnte. Seit dem 1. Januar werden, wie aus London berichtet wird, in Kanada die verschärften Etnwanderungsvorschriften gehandhabt. Von diesem Tage an werden nur solche Siedler eingelassen, deren Familienoberhaupt mit einem Barvermögen von zumindest 250 Dollar, die Kinder über 18 Jahren mit je 150 Dollar und Kinder unter 18 Jahren mit je 50 Dollar sich auszuweisen vermögen. Nach einem Communiquee der kanadischen Regierung geht aus den Berichten der europäischen Vertreter Kanadas hervor, daß bet einer milderen Handhabung des Etnwanderungsgesetzes nicht weniger als 15 Millionen Menschen, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, aus Europa nach Kanada einzuwandern im Begriffe sind. Anßer dem erwähnten Nachweis des Bargeldes werden die Einwanderer auch äußerst streng auf ihre Erwerbsfähigkett und daraufhin untersucht, ob sie in ihrem bisherigen Beruf in Kanada ihr reelles Fortkommen finden können. Um die Auswanderer, welche trotz dieser Gesetze dte Reise nach Kanada unternehmen, und dann die kanadische" Hafenstationen überfüllen, schon vor ihrer Einschiffung von einer Weiterreise abzuhalten, hat die kanadische Regierung in Havre und Antwerpen Exposituren errichtet, deren Aufgabe es ist, schon in diesen Etnschiffungsstationen die nötigen Untersuchungen und Prüfungen vorzunehmen. Korrespondenzen und Aachrichte«. Deuts rhes Reich. Kamöurg, 14. Jan. Das Repräsentantenkollegium-der Deutsch-Israelitischen Gemeinde beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit der Beratung des Voranschlages des HaushaltungsplaneS für das Jahr 1921. Der Kommissar des Gemetndevorstandes, Heinrich Levy, wies darauf hin, daß die Gemeindesteuern beträchtlich erhöht werden müßten, da die Gemeinde sonst nicht in der Lage sei, ihren sozialen Aufgaben gerecht zu werden. In der allgemeinen Ansprache wurde allgemein anerkannt, daß die mit 600000 Mk. veranschlagten Steuern als sehr gering anzusehen seien und es unbedingt erforderlich eijdfein?, sie bedeutend zu erhöhen. Im übrigen wurde der mit eitlem Fehlbetrag von 272709 Mk. abschließende Voranschlag genehmigt. Gestenreich. ver Streik Ser Relioionsfehrer. Wien, 31. Januar. Der Verband der Angestellten der Stadt Wien hat folgende Zuschrift an den Bezirksschulrat gerichtet: „Da trotz des nunmehr seit Wochen andauernden Streiks der israelitischen Religtonslrhrer die berechtigten Forderungen dieser Lehrer ungeachtet der bei den letzten Verhandlungen gemachten Zusicherungen noch immer nicht erfüllt sind, durch den Streik aber der Dienftbetrieb der Schulen gestört und so auch die übrige Lehrerschaft in Mitleidenschaft gezogen ist, so ersucht das gefertigte Verbandspräsidium, der Wiener Bezirksschulrat möge seinen ganzen Einfluß dahin geltend machen, daß diese Angelegenheit endgültig zur Befriedigung erledigt wird. Sollte die behördliche Intervention erfolglos sein,; so würde sich der Verband genötigt sehen, andere Mittel zur Unterstützung der Streikenden in Anwendung zu bringen und eventuell einen allgemeinen Schulstretk für den 2. Bezirk in Erwägung zu ziehen". Diese Zuschrift wurde auch der Kultusgemeinde übermittelt. Vom Verbände der städtischen Angestellten wird weiter betont, daß im Falle der Nichtberücksichligung der bisherige Teilstreik sich zu einem allgemeinen Lehrerstreik auszubreiten drohen könnte. Die am 1. Februar fälligen Gehälter der streikenden ReUgionslehrer im Gesamtbetrags von. 119 637 Kronen find bereits vom Verbände der städtischen Angestellten vorschußweise ausbezahlt worden. Beim "Vorstand der Kultusgemeinde sind Deputationen von Elternvereinigungen mit der Bitte vorstellig geworden, die Forderungen der Lehrer zu bewilligen. Litauen. Das Neueste aus lUilna. Wilna, 26. Januar. Das von Zeligowski eingesetzte Ministerium für dcn von ihmausgerufeneZentrallttauen hat demissioniert. Das neue Ministerium hat noch keine Farbe bekannt. Inzwischen bleibt die Lage ungeklärt und die Stellung der Juden zu den ausgeschriebenen Landtagswahlen unsicher. Auch die Reise der Herren PriluLkt und Hirschhorn aus Warschau hierher mit dem Zwecke, die Wilnaer Juden im Sinne der Jüdischen Volkspartei zu beeinflussen und sie für die Opposttion innerhalb des Landtages zu gewinnen, brachte keine Einigung noch Klärung. Es herrschte keine Begeisterung für das von General Zeligowski aus Kosten Litauens neugeschaffene Staatsgebtlde. England. Die ,/6rnennungen." cSööbott, 27. Jan. Die Tatsache, daß drei hohe Posten — Jfaacs, Montague und Samuel — mit Angehörigen angesehener englisch-jüdischer Familien besetzt sind, hat dte konservativen Blätter veranlaßt, sich darüber zu beschweren, daß solche Stellen, die bisher den Angehörigen der alten englischen Aristokratie Vorbehalten waren, „der jüdischen Intelligenz und dem jüdischen Geldadel" zugewiesen werden. Sie machen ihrem Parteigenossen Lord Curzon, der auf diese Ernennungen zweifellos einen bestimmenden Einfluß rmsgeübt hat, den Vorwurf, daß er eine hergebrachte Einflußsphäre und Machtposition der englischen Herrenklasse pretsgegrben hätte. Organe, die der Regierung nahestehen, und liberale Blätter weisen demgegenüber daraufhin, daß diese Ernennungen kein Zufall seien, son- -dern wohlerwogene Entschlüsse des besten englischen Asienkenners Curzon darstellen. Er und seine Mlntsterkollegen glauben, daß nicht dte Vertretung der äußeren Macht und des Glanzes, sondern Klugheit und Regierungskunst jetzt die Eigenschaften sind, die von den neuen englischen Kolonialregenten erwartet werden, denen die Ausgabe zugefallen ist, zwischen Okzident und Orient, zwischen dem britischen.Weltreich und dem Nationalismus der orientalischen Völker dte taktvollen Vermittler zu spielen. Die liberalen englischen Blätter könnten in diesem Zusammenhang auch an die Tatsache erinnern, daß dte Idee der britischen Kaisermacht in Indien von Dtsraeli stammt. Rumänien. Allerlei Sorgen in Rumänien. Bukarest, 24. Jan. Die rumänisch-jüdische Zeitung „Mennuroh" klagt über zweideutige Judenpolttik in Rumänien. Auf der einen Seite kehrt die Regierung Toleranz hervor, auf der andern aber läßt sie es ruhig gewähren, daß Juden aus Stellen und Aemtern herausgedrÄgt und existenzlos gemacht