Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1921)
- Date
- 1921-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3. Februar 1VS1 Der FSraelU. Nr. 5 Sette 3 Der Gemeindetag hat bewiesen, welch geringes Verständnis die unter dem Einfluß der Großaemeinden stehende Organisation für die Wünsche der Orthodoxie besitzt. Wird sie in der Lage sein, in Zukunft den Hoffnungen der orthodoxen Gemeinden mehr Verständnis und Liebe entgegenzubringen? Wocheimmdschaii. Gemeindehund-Wahlen in Bayern. Der Versuch, eine völlig selbständige orthodoxe Organisation in Bayern zu schaffen, ist seiner Zeit bekanntlich gescheitert. Neben der bayerischen Ginhettstraditton, neben der augenblicklichen, aus den politischen -und wirtschaftlichen Tatsachen erwachsenen Stimmung hat der rücksichtslose Widerstand der Kreise, die von der Gesamtorganisation wirksame Abhilfe aller Finanznöte erwarteten, den grüßten Anteil an diesem — Erfolg der Neologie, gehabt. Die heißen Kämpfe der Revisionszeit um die Ziffer 4 und 5 der M. E. v. 1864 endeten in einem mühelosen Erfolg — es war wirklich kein Sieg, es brauchte nicht erst gekämpft zu werden -- des Liberalismus. An dem Gründungstage des bayerischen GemeindeverbaUdes hat sich die Orthodoxie zu einer energischen Verfechtung dieser Postulate als Verfaffungsgrundlagen nicht zusammengefunden. Der Gipfel neologer Sehnsucht, die einheitliche Organisation, ist erreicht, st eitich nur als Zweckverband, aber mit Befugnissen, die. weit über das von der Orthodoxie an die seiner Zeit geplante finanzielle Organisation zugestandene Maß von Rechten hinausgehen. Immerhin hat sich die Orthodoxie eine relative Selbständigkeit in dem gesetzestreuen Gemeindebund geschaffen, der nach seinen Satzungen eine Körperschaft des öffentlichen Rechts wird und trotz seiner sehr engen Verbindung mit dem Gemeindeverband selbständig vor Behörben auftreten kann der auch in der Aufnahme seiner Mitglieder vom Verbände unabhängig ist. Die Aufgabe des Bundes müßte es sein, eine gesetzestreue öffentliche Meinungen Bayern zu schaffen. Selbständiges, geschlossenes Auftreten des gefetzeötreuen Judentums bei den kommenden Wahlen zum Verbandstage hätte, selbst auf Kosten einiger Mandate, segensreich wirken können. Es ist der Weg des Wahlkompromiffes vorgezogen worden. Dabei gehen die Großstädte München . und Nürnberg mit den Zionisten, die Landgemeinden mit den Liberalen. Das ist insofern ein Trost, als dadurch der opportunistische Charakter der Wahlkompromisse deutlich in die Erscheinung tritt und keine der Parteien die Orthodoxie ganz für sich in Anspruch nehmen kann. Die Zukunft wird zeigen, ob der gewählte Weg der richtige war. Was drin gend gewünscht werden muß, ist, daß nach dem getrennten Marschieren vereintes Schlagen erfolgt. Es soll innere G esch lo sse n h e it der Orthodoxie erreicht werden, um die gesetzestreuen Anschauungen mit allem Nachdruck zur Geltung-zu bringen. In der Gründungsversammlung war die Geschlossenheit leider nicht da. In der so prinzipiellen Frauenwahlfrage herrschte widerstreitendes Verhalten. Das muß repariert werden. Die Orthodoxie soll klar sprechen und nicht Schrittmacher liberaler Forderungen werden. Sie muß in allen Einzelfragen vorbereitet an die Arbeit gehen. Die Verantwortung tragen die Rabbiner im gesetzestreuen Bund. Auch der Gesamtorthodoxir gegenüber hat die bayerische Orthodoxie eine Schuld abzutragen: den Anschluß an den Halberstädter Bund. Die hebräische Sprache aus den preußischen Gymnasien. Zur gleichen Zeit, da Dr. Dinier öffentlich erklärt, daß ihm die „fremde." Literatur in der hebräischen „Geheimsprache" höchlichst beunruhige, geht in der politischen Presse eine rege Debatte über Wert und Notwendigkeit des wahlfreien hebräischen Unterrichtes auf den preußischen Gymnasien. Ein Dr. Krohnert aus Bartenstein in Ostpreußen — einer Gegend also, wo man dem „Zopf" . gar nicht so abgeneigt ist — nennt dieses fakultative Fach im 'Berliner „Tag" (roten) einen „aus abgelegt«! Zeiten hängengebltebenen Zopf" und verlangt kategorisch seine Abschaffung. Zunächst aus Sparsamkeitsgründen, dann auch, weil die „Einrichtung unvereinbar mit dem Gemeinschaftsgefühl der Einheitsschule sei." Wenn wir auch gar keine Veranlassung haben, für „das Hebräische" in der Art und der Dosis, wie es auf preußischen Gymnasien einigen wenigen Lernbegierigen, zumeist angehenden Geistlichen, gereicht wird, eine Lanze zu brechen, so sei doch hier die Ansicht des greisen und weisen Verteidigers des hebräischen Schrifttums, Professor D. Dr. Hermann Strack, registriert, die er in einer späteren Nummer des gleichen Blattes zu den genannten Bestrebungen äußert. Er schreibt u. a: „Es ist richtig, daß die Anzahl der das Hebräische Erlernenden auf vielen Schulen sehr gering ist. Der Hauptgrund dafür ist, die sehr geringe Zahl derjenigen, welche wirklich guten hebräischen Umerrtcht erteilen können. Fast überall, wo wirklich kundige und befähigte Lehrer vorhanden sind, finden sich auch für dieses Fach Lernwillige. - Das Erlernen des Hebräischen ist von Nutzen nicht nur für Theologen, sondern auch für Philologen und Historiker, und ich kenne Männer, welche als Juristen und in andren Lebensberufen ihrer wenn auch gering gewordenen Kenntnis dieser Sprache sich gefreut haben. So manches in der ganzen Bibel, nicht nur im Neuen Testament, wird durch das Hebräische deutlicher. Das Jüdischdeutsche (Jargon, Jiddisch) ,st stark mit Hebräischem durchsetzt. Ich darf daher aus meinen mit lateinischen Buchstaben gedruckten und mit Anmerkungen versehenen „Jüdischdeutschen Text, zur Einführung in Denken, Leben und Sprache der osteuropäischen Juden", Leipzig 1917, I. C. Hinrichs (56 -I.) verweisen, für welches Büchlein schon während des Krieges viele (Soldaten, Kaufleute u. a) mir dankbar waren." Von Philosophen' und Historikern spricht Strack. Fügen wir dem noch hinzu: auch für deut schvölklsche Schriftsteller, die sich anmaßen, öffentlich in Wort und Schrift über Juden und Judentum zu urteilen, ist einige Kenntnis der hebräischen Sprache unerläßlich. Mit einem freien BekenntniszurJgnoranz kann diese Bildungslücke nicht ausgesüllt werden ... Sie Zudenhehe, eine schwere Gefahr. Wenn auch der Wert des jüdischen Berteidigungskampfes nicht überschätzt werden darf, da er in der absoluten Unbelehrbahrkeit der Hetzer seine natürliche Grenze findet, so ist es doch die Schrift des Herrn Franz Klupsch, Mitglied der Preußischen Landesversammlung, „Die Judenhetze", eine schwere Gefahr für den staatlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands, die dieser Tage in einer Massenauflage im Verlag der Deutschen Wirtschafts-Politischen Gesellschaft, BerlinW.35, erschienen ist, mit Freudezu begrüßen. Der preußische Kultusminister Haenisch versieht das Werk mit einem Geleitwort, in dem es u. a. heißt: „Der Antisemitismus bedeutet nicht nur ein beschämendes Eingeständnis der eigenen völkischen Schwäche, er ist, insbesondere in den widerwärtigen Formen, die er heute in Deutschland angenommen hat, zugleich auch eine schwere inner-politische und äußer-politische Gefahr." Die Einwanderung in Amerika und Kanada. Die amerikanische Presse berichtet aus Washington : Die vom Repräsentantenhaus angenommene Etnwanderungsbitt, welche die Einwanderung nach Amerika für zwei Jahre verbietet, wird jetzt vor derSenatskommission für Einwanderung behandelt. Ein großer Teil der Kommission ist gegen daS Einwanderungsverbot und will die Wirkung des Gesetzes durch verschiedene Amendements mildern. Vor kurzem hat nun die Senatskommission die Vertreter der jüdischen Organisationen etnvernommen, damit sie ihr Gutachten über die Einwanderungsbill abgeben. Groß rühmen will ich den Juden nicht. Er ist ein Soldat, und lat seine Pflicht; Wie tausend Juden, Millionen Christen, Die zu kämpfen verstehen und zu sterben wüßten, Er soll nicht Dithyramben hier lesen. Weil er ein Mann unter Männern gewesen. Doch wünscht ich, daß jene läsen die Mär, Die feind den Juden seit altersher, Sie niemals neben sich haben gelitten, Ihm Deutschtum und Mannesmut abgestritten. Bon denen wird mancher sich doch nun bequemen, Sich ganz, ganz heimlich ein wenig zu schämen. (Gefangenengräber in Sibirien). In dem Artikel „Gefangenengräber in Sibirien" muß es heißen: Chaim Reichmann aus Lemberg, anstatt Chaim Fleischmann. Ferner ist noch hinzuzufügen, daß die Angehörigen der Verstorbenen genaue Auskunft über dieselben auch bei dem jetzt aus Sibirien zurückgekehrten Herrn Bertold Bloch, Papa (Ungarn), Szent Laszlo-ulca 5, einholen können. („Synagogale Musik"). Ueber dieses Thema sprach - im Beeihoven-Saal zu Berlin Arno Nadel. Er ist ein gründlicher Kenner dieser Materie und feine Ausführungen waren in hohem Grade feflelnd. Nadel vertritt im Gegensatz zu anderen Fachkollegen die Meinung, daß cs durchaus spezifisch jüdische Musik gibt, daß sie aber beim synagogalen Gottesdienst nur allzu selten in ärer Reinheit noch gepflegt wird. Eine weniger araktervolle Mischknnst ist in „Bearbeitungen" an re Stelle getreten. Er erkennt das Wesen echt jüdischer Musik — eS gibt nur religiös, keine weltliche — in der -Inbrunst ihres Stimmungsgehaltes, aber auch in äußeren Merkmalen. Zu diesem gehören die Ueberetnstimmung mit dem Metrum der Dichtung, ein gewisser Paralleltsmus, in Mifchform von Tonarten und Rhytmen. Dem sehr ausführlichen Vortrag folgten praktische Beispiele, ausgeführt von Berliner Sängern. Diese Gesänge boten auch Interesse vom allgemein musikalischen Standpunkt. So das „Kol nidre" für Unisono- und Solochor in der Fassung Hirsch Weintraubs, so Sulzers „B'rosch haschono" für Männer¬ und Knabenchor. Mehr modernen und heiteren Charakter- Hat Samuel Naumbourgs klangvolles „Etz chaykm", oas Rossini zugeeignet ist. Völlige Ueberetnstimmung mit der Bokalkunst des 16. Jahrhunderts zeigt Salomone Rossis „Kaddisch". Einen Begriff deffen, was ganz auf nationale Empfindung gestellter Synagogengesang ihm bedeutet, hat Arno Nadel in seinem „Hin'ni heont mimaas" für Solo und Chor gegeben. Die dichtgedrängte Zuhörerschar lauschte gespannt und ergriffen und dankte dem Veranstalter des Konzertes durch lebhaften Beifall. (Herr Veneoiger). Herr Richard Kunze, der im Nebenberuf geschäftstüchtig Gummiknüppel vertreibt und darum auch den Beinamen „Knüppelkunze" erhielt, hat jetzt auch ein antisemitisches Witzblatt gegründet. Das war überflüssig, da sein „Deutsches Wochenblatt" in jeder Nummer, wenn auch unfreiwillig, starke Heiterkeit hervorruft. Wir stehen nun vor der ulkigen Tatsache, daß Kunzes Witzblatt traurig, sein Wochenblatt lustig ist. In der letzten Nummer findet sich folgende Briefkastennotiz: „Herrn W. In Sch., Venizelos wird von wirklichen Griechen nicht Wenlselos ausgesprochen, sondern I Venizelas, was etwa Venediger heißt". : Lieber „leutscher" Leser, merkst du was? Der Kreier Venizelos, der so zähe gegen den König Konstantin gearbeitet hat, bis dieser den griechischen Thron verlaßen und ins Exil gehen mutzte, heißt eigentlich Venediger und ist ein Jude .... Herr Venizeloswird sich über diesen ernsten Witz damit trösten können, daß die deutschvölkischen Blut- und Namendurchschnüffler selbst das urarische Blut eines Karls des Großen anzwetfeln. Des Schöpfers Tiergarten ist sehr groß! Familiennachrichten. Geburten. Eine Tochter: E. Reutlinger-Mandel, Scheveningen (Holland). Gestorben. Leo Preuß, Breslau, Goethestr. 33. Sadvat-Anfang und Ausgang. 0 R Ti Anfang Datn« Ausgang Uhr tai, 19» l| 5681 Uhr Mir. Frankfurt a. M, 5 4. Febr. 36. Schob. 6 15 Berlin ... 4 55 5 43 München . . 5 — 6 01 Strastbnrn . — — — — Stuttgart. . — — - — Pose« .... — — - — NSrnSers... 5 — 5 59 8 Harnbn-s» 5 6 - N.2