Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1921)
- Date
- 1921-01-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 Nr. 4 Set zusehen. Trotz der zahlreich erschienenen Zionisten wurde dieser Bitte ohne Widerrede entsprochen. Der Aguda blühen Erfolge, wenn zielklare Redner von Zeit zu Zeit die Indifferenten aufrütteln. Leipzig, 7. Dez. Mit den bevorstehenden Wahlen zur Gemeindevertretung der Jsraeltttschen Religionsgemeinde zu Leipzig, beschäftigte sich am Samstag, abend, 4. Dezember, im „Volkswohlsaale" eine Versammlung, die von den Parteien des demokratischen Flügvls, bestehend aus dem „Gesetzestreuen Versand", dem „Jüdischen Geüleindeverein", dem „Talmud-Thoraverein" und der „Zionistischen Ortsgruppe Leipzig", gemeinsam etnberufen worden war. Wie vom Vorstandstische mitgeteilt wurde, ist noch in letzter Stunde mit der Gegenpartei, dem „Verein für das liberale Judentum", ein Uebereinkommen getroffen worden. ES wird hiernach für die Neuwahl der 30 Gemeindeverordneten ein einziger gemeinsamer Wahlvorschlag ausgestellt, welcher 18 Anhänger der liberalen Richtung und 12 Unterzeichner des demokratischen Programms enthält. Das demokratische Programm sieht namentlich die Gleichstellung des orthodoxen und des liberalen Kultus, die Berbefferung des geltenden Wahlrechts und seine Ausdehnung auf sämtliche Gemeindemitgiieder ohne Unterschied der Staatsangehörigkeit, sowie die Förderung der Palästina-Wanderung vor. Breslau, 21. Dez. Ueber „Rembrandt und Judentum", sprach am Samstag abend Herr Dr. Freyer, Berlin, in den Ausstellungsräumen bei Frau Dr. Jreudenthal, vor einem zahlreich erschienenen Auditorium. Sehr interessante Beziehungen zwischen diesem größten Maler aller Zeiten und den Juden des 17. Jahrhunderts, wußte der Redner aufzudecken. So stand Rembrandt, der 20 Jahre lang in der Judengaffe in Amsterdam wohnte, in naher persönlicher Fühlung mit vielen bedeutenden spanischen Juden, die nach der Ausweisung aus Spanten sich in den freien Niederlanden angefiedett hatten und dort im Kulturleben eine große Nolle spielten. In einer großen Anzahl von Porträts sind diese Rabbiner aus der Zeit Spinozas, des großen Manaffe ben Israel und des SabbaraiZwi, des falschen Messias, von Rembrandt festgehalten worden und aus allen diesen Bildnissen leuchtet ein außerordentliches Berstöndnls des großen Meisters für das Wesen und den Geist des Judentums. Aber, auch in seinen großen bibltchen Gemälden verwandte Rembrandt die typischen Juden als Modelle, da er im Mischen Volke seinerzeit die gerade Fortsetzung des alten Testamentes erblickte. Rembrandt als typisch unklassischer Künstler suchte in seinem Schaffen das Seelische unmittelbar in die Erscheinung rieten zu lasten, ohne die äußere Hülle als Träger des Seelischen zu manifestieren und fand auch hierin einen Zusammeuklang mit dem durchaus unphystsch Geistigen des Judentums. Breslau, 2i. Jan. Seit einiger Zeit beginnt sich auch hier in Breslau, vor allem hervorgerufen Lurch Zuzug junger Leute, die es mit dem Thorastndium ernst nehmen, regeres jüdisches Leben bemerkbar zu machen. Ein beredtes Zeugnis hierfür iegle eine am 8. Schwat stattgesundene Stjum-Feter ab, die für einen Kreis eifriger, junger Leute den Abschluß auf das Lernen einer Masechto bildete und zugleich einen Rückblick gab auf daß in regelmäßigen Lernzusammenkünften im Hause von Oberrabl-iner Dr. Vaßfreund Geleistete. Gewürzt durch ernste und heitere Thaurowurte der Beteiligten, wobei auch der leiblichen Genüsse nicht vergessen ward, verlief die würdige, anspruchslose Feier und htnter'ietz bei allen Anwesenden tiefen Eindruck und den Vorsatz weiter eifrigen StrebenS zur eignen Vervollkommung und Vorbild gebend allen'' Gleichgesinnten. Bremen, 14. Dezemver. In Bremen, wo zur Zeit die Schifte des Norddeutschen Lloyd.expediert werden, bat der Hilfsverein der Deutschen Juden unter dem Vorsitz des hochgeschätzten Herrn Rabbiners Dr. Nosenak seine volle Tätigkeit wieder ausgenommen. Es wird dafür gesorgt, daß die Auswanderer in sauberen Uut rkunftsräunren untergebracht sind, daß sie zu rsten bekommen, daß die Kinder der Emigranten, die länqere Zeit hier bleiben müssen, jüdisch lernen usw. Am 7. Dezember ging der dritte Dampfer von hier ab und nahm mehrere hundert jüdische Pastagiere mit. Am Abend vorher fand in der Auswandererhalle eine schöne Chanukaseter statt, die den Emigranten in guter Erinnerung bleiben wird. Die Feier wurde eingeleitet durch den herrlichen Gesang eines ungarischen Kantors, der gleichfalls auswanderte. Der Herr Rabbiner hielt eine ergreifende Rede. Er erinnerte im Hinblick auf das Chanukalicht, wie oft schon der liebe Gott uns die Nacht zum lichten Tage gewandelt, darum soll das Mische Herz immer 'hoffnungsfroh in die Zukunft schauen. Sehr dankbar waren die Emigranten auch für die schönen Gaben au Obst, Schokolade, Kuchen u. dgl., welche Frau Rabbiner Dr. Rosenak mit liebenswürdigen Worten verteilte. Einen schönen Abschluß fand die Feier durch den Gesang des emigrierenden Kantors und durch verschiedene jüdische Lieder, die die Tochter des Herrn Rabbiners vorgetragen har. Sulzbach i. d. Oberpf., 17. Jan. Gestern beging Hauptlehrer Sigmund Stein sein 25jähriges Ortsjubiläum als Lehrer der israelitischen Volksschule und Beamter der Kultusgemeinde. Die KultuSverwattung beglückwünschte den Jubilar in einer warm gehaltenen Ansprache, unter Ueberreichung einer namhaften Ehrengabe. Poetische Borträge seitens der Schüler und viele sonstige Widmungen verschönten den Ehrentag des Gefeierten. Nürnberg, 17. Dez. Eine große öffentliche Versammlung der* Aguda war von demselben Erfolg und Gewinn begleitet, wie im Sommer die stattliche Kundgebung des Willens der Jugend. Herr Zahnarzt Ehrman n-Frankfurt, erörterte die Ausgaben, die der Aguda aus der jetzigen politischen und ideellen Weltkonstellation erwachsen. Das Verantwortlichkeitsgefühl das von jeher den Juden eigen gewesen, wüste in jetziger Zeit um so mehr zur Geltung kommen, als neben vielen GegenwariSaufgaven hauptsächlich zwei Grundfragen gelöst werden müssen, die Präzisierung unserer Ideologie und die Durchdringung unseres tnnenlebens mit dem Geiste der Thauro, die den entralpunkt unseres SeinS bilden muß, unter deren Gesichtspunkt alle Kultur betrachtet werden muß. Starker Beifall lohnte die Ausführungen des beliebten Redners. Herr Rabb. Horowitz, Jerusalem, überbrachte „brühwarm" in der ersten Stundedie er in Deutschland verbrachte, zum ersten mal die Herzlichsten Grüße und Wünsche des Sir Herbert Samuel, die dieser ihm persönlich vor seiner Abfahrt übermittelte. In tiefempfundenen Worten würdigte der Redner den Qberkommissar als eine wohlwollende Persönlichkeit, die überall für die Kowaud Hathau o eintritt und besonderes Gewicht auf die Mitarbeit der Orthodoxie legt, niit der er sympattsiert. Reicher Beifall zeugte für die Uebereinstimmung d^r Zuhörer mit den Worten des Redners. München, 22. Dez. Der Ausschuß, der im vergangenen Jahre unter dem Vorsitz des hiesigen Rabbiners, Herrn Dr. B a e r w a l d, gegründet wurde, ist es nach langen Bemühungen gelungen, ein geeignetes Anwesen für das jüdische Landheim zu erwerben: das Hotel zur Kronenmühle in Wolftatshausen. Das Landheim soll vor allem einer Reihe von Kindern aus dem Mittelstand einen Ferienaufenthalt ermöglichen. Diese Gelegenheit wird zweifellos allen Eltern willkommen sein, die unter den heutigen Verhältnissen nicht mit der ganzen Familie verreisen können und die doch ein oder das andere Kind der Wohltat eines Landaufenthaltes möchten teilhaftig werden lassen. Ferner soll das Heim schwächlichen oder erkrankten Kindern einen lang ausgedehnten Genesungsurlaub bieten, mit der Möglichkeit eines geordneten Schulunterrichtes. Neben diesem Hauptzweck soll das Landkeim gleichzeitig der Ausbildung junger jüdischer Mädchen in Kinderpflege, Küche- Haus- und Gartenarbeit dienen. Das Heim, das eine den kindlichen Verhältnissen angepaßte, d. h. einfache aber gute und reichliche Verpflegung bieten soll, muß natürlich auf streng ritueller Basis geführt werden. Das altbekannte Hotel zur Kronenmühle ist ein gut und solid'gebauteS Haus, dessen prächtige Veranda zu einem parkähnlichen, weitläufigen Garten hlnunterleitet, in dem eine Obstkultur, ein Fischwether und ein Hühnerhof sich befinden. An den Garten grenzen weite, sonnige Wiesen, die einen herrlichen Tummelplatz bilden München, 17. Dez. Der Herausgeber der Münchener antisemitischen Wochenschrift „Auf gut deutsch", Dietrich Eckart, hatte in seiner Zeitschrift einen Preis mm 1000 Mark für den Nachweis aufgesetzt, daß eine jüd.sche Familie während des Krieges drei Wochen lang auch nur drei Söhne b im kämpfenden TeU einer Kamxftruppe oder im Schützengraben gehabt habe. Rabbiner Dr. Freund von Hannover legte daraufhin eine Liste von zwanzig Familien seiner Gemeinde vor, auf die diese Voraussetzungen allerdings zutrafen und stellte, da Eckart diesen Nachweis nicht gelten lassen wollte, beim Landgericht München Klage auf Grund des § 857 B. G. B. (Beir. Auslobung) auf Zahlung des ausgesetzten Preises. Nach Durchführung der Beweisaufnaüme, in der der Kläger ein Verzeichnis von weiteren fünfzig jüdischen Familien aus anderen Genieinden vorlegte, die bis zu sieben und acht Söhne im Felde hatten, und von denen einige sogar den Verlust von drei Söhnen zu beklagen haben, erkannte der Beklagte den erbrachten Nachweis an und zahlte an den Kläger den ausgefetzten Preis von 1000 Mark. Dr. Freund überwies seinerseits den Betrag an jüdische Organisationen für gemeinnützige Zwecke. Burgpreppach, 1. Dezember. DiePräparanden- und Bürgerschule Talmud-Thora hat das Nachsehen der ft'-Lri und das Knüpfen der s^Lri-Knoten in ihren Lehrplan ausgenommen. In Oeffnen, Nachsehen und Schließen der psn werden die Befähigten und Gewissenhaften nach gründlichem Studium der einschlägigen Vorschriften, im Knüpfen der Knoten alle Schüler unterwiesen. Für dieses hat Herr Lehrer Berlinger Zeichnungen entworfen, die das Entstehen.der Knoten in den einzelnen Phasen veranschaulichen. Interessenten werden diese auf Wunsch zur Kenntnisnahme zugesandt. Diesbezügliche Mitteilungen sind an die Vorstandschaft zu richten. Heidelberg, 16. Dez. Der frühere Privatdozeni Dr. Arnold Rüge hatte bei der letzten Universitatsfeier Handzettel mit beleidigenden Bemerkungen gegen die Universität verteilen lassen. Darauf hat der Allgemeine Studentenausschuß jetzt folgende Entschließung gefaßt: „Der Allgemeine Studentenausschuß mißbilligt aufs schärfste das Verhalten des Herrn Dr. Rüge bei der letzten Univerfitätsfeier am 14. De¬ A. Januar 1931 zember und wendet sich, gegen die Beleidigungen der philosophischen Fakultät und der jüdischen Studenten/ ohne zu dem Streit zwischen Dr- Rüge und der ph.il»- ophischcn Fakultät sachlich Stellung zu nehmen." Wien- 24. Dez. Die Wiener Zentrale de.r Agudas JiSroel har ein Archiv für die SonntagSruhe- Frage angelegt und fordert alle Organisationen und Persönlichkeiten, die im Besitze von Material wie Gesetzesvorlagen, Verordnungen, Parlaments-Pxot«- kollen, Broschüren oder Notizen sind, auf, sie im Interesse der Sache an das Zentralbureau der Agudas Jisroel in Wien U, Malzgasse 12a, einzusenden. Wien, 6. Jan. Rabbiner F ürst erläßt eine Bekanntmachung, wonach die vom Joint in Wien unterhaltenen jüdischen Küchen nicht mehr unter Aufflcht der Schiffschut stehen und das vom Joint zur Verteilung gelangende Oel nicht mehr benutzt werden darf. Wie wir erfahren, ist die Bekanntmachung darauf zurückzuführen, daß eine chemische Untersuchung in dem ^Oel Zusätze tierischen Jettes festgesteüt hat. Das Verlangen des Herrn Rabbiner Fürst, hinsichtlich der Küchengeräte, Geschirre rc., die religionsgesetzlich gegebenen Konsequenzen aus dieser Feststellung zu ziehen, wurde von der Leitung des Wiener Joint abgelehnt. Herr Rabbiner Fürst mußte daraufhin die Aufsicht niederlegen, zumal ihm bet Ausübung seiner Kontrolllätigkeit auch vorher wiederholt Schwierigkeiten gemacht worden waren. Ast die Verwendung von Butter, die ohne Aufsicht hrrgesteltt ist, rituell gestattet? Geehrte Redaktion! Der Krieg hat in religiöser Hinsicht die Anschauungen der Menschen geändert. Viele, die früher streng rituell lebten, sind jetzt der Ansicht, daß man bei dem Mangel an Lebensmitteln es mit der Erfüllung der Speisegesetze nicht mehr so peinlich genau nehmen müsse. Bei Einkauf von Lebensmitteln fragt Mn in ben seltensten Fällen banadj, ob man dieselben auch rituell genießen darf.' Es ist in streng frommen Rabbinaten vorgekommen, daß Jchudim, die aus dem Boden des gesetzestreueu Judentums stehen, bei christlichen Metzgern wiederholt Kleisch kauften, bei dem eine Koscherplombe nicht vorhanden war. Man begnügte sich mit der ehrenwörtliche» Versicherung des Metzgers, daß das Vieh kosche» geschachtet fei. Es ist erstaunlich, wie leichtgläubig die meisten Glaubensgenossen in religiösen Angelegenheilen geworden sind. Am meisten wird bei Einkauf der Butter gesündigt. Es soll nicht bestritten werden, daß ursprünglich nach unserem Religionsgesetz irgend ein Bedenken bezüglich Einkauf und Verwendung von Butter, di» ohne Aufsicht hergestellt wurde, nicht bestand. Bor ungefähr 50 Jahren schossen allenthalben die Margarinefabriken wie Pilze aus der Erde hervor. Es ist ja bekannt, daß bei der Fabrikation der Margarrn« zumeist auch tierische Fette verwendet werden. Ta die Margarine wesentlich billiger war als die Butter, so kam es häuftg vor, daß listige Bauersfrauen die Butter mit Margarine oder sonstigen minderwertigen Tierfetten vermengten, um einen höheren Kaufpreis zu erzielen.. Ich selbst war ine Februar 1909 bei einer Gerichtsverhandlung an-- wesend, wo eine Bauersfrau zu 2 Wochen Gefängnis verurteilt wurde, weil ihr in 6 Fällen nachgewiesen wurde, daß sie minderwertige tierrsche Fette mit der Butter vermengt hatte. Zu den Abnehmern de» versWchten Butter gehörten auch 2 Glaubensgenosse». Es war daher eilte unvennkidUche Pflicht unserer großen Rabbinen, daß sie die ohne Aufsicht yergestetlie Bultrc für oervo^n erklär!«:. Während des Krieges sahen sich viele genötigt, sich bei der großen Fettnot über dieses Verbot hinwrgzusetzen. Wenn auch unsere Rabbonim offiziell ihr Verbot nicht aufgehoben hatten, so fanden trotzdem viele Fromme kem Bedenken, uuck Butter zu genießen und z!u verwenden, die ohne Aussicht hergestellt war. In der Tat war bei der Knappheit der Margarine nicht zu befürchten, daß eine Vermischung derselben mit fButtev ein treten könnte. TUrch die vor einigen Monaten, erfolgte Freigabe der Fette hat sich die Sachlage tvieder geändert. Allenthalben kann man jetzt Margarine zUM Preise von 13—14 Mk. pro Pfund in unbegrenzten Mengen einkaufen. Für Butter zahlt man heut« noch gerne 24—25 Mk. pro Pfund. Sollte das für viele Butterfabrikanten nicht ein Anreiz sein, die Butter wieder durch billige Fette git strecken, um auf diese Weise einen nicht unerheblichen Geldgewinn zü erzielen? Umso weniger werden sich viel» letzt aus dieser betrügerischen Handlung ein Gewissen machen, da ja bekanntlich durch den lange» Krieg die Moral im allgemeinen sehr zurückgegangen ist. In der Tat hört man, wie aus einer Notiz in einer der letzten Israelit-Nummern hervoracht, wieder von vorgekommenen ButterverWschungen. Auch sind in meiner Gemeinde wieder zwei Fälle zu fo*r [tatteren, too der untrügliche Nachweis geliefert wurde, daß Butter mit minderwertigen Fetten vermengt würde. Achnliche Erfahrungen mögen He»ry DWikKrabbine» Dr. Bambergs* in KW»g»n zu »«rW-srAre