Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1921)
- Date
- 1921-01-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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20. Januar 1921 zu stören, braucht ihr vor ihnen nicht zurück-, zuschrecken. Ihr, von denen von jeher Tausende für die Beobachtung der Religionsqesetze den Märtyrertod starben und die weder Kreuzzüge, noch spanische Inquisition noch Pogrome davon abhalten konnten, den Geboten der Thora zu gehorchen — Nordau betonte dabei, daß auch einer seiner Ahnen als Märtyrer starb —, ihr braucht euch vor Störungen seitens der Zionisten gewiß nicht zu fürchten." Nordau stellt sich die Lebensführung der frommen Juden so vor, daß sie ihre religiösen Pflichten wohl erfüllen, aber dabei Andere nicht stören. Wenn z. B. ein Eruw gemacht werden soll, so sollten die Drähte über den Dächern gezogen werden, damit sie durchfahrende Araber und Engländer nicht hindern. So sollte alles eingerichtet sein. Ebensowenig dürften die nichtfrommen Juden die Gefühle der frommen verletzen und etwa die Religionsgesetze in ihren Stadtvierteln öffentlich übertreten. „Ihr müßt die Zionisten als Brüder betrachten. Ihr seht doch, daß die Christen selbst dem Enkel eines Getauften noch „Jud" Nachrufen. Um wieviel mehr müssen die Zionisten euch als Brüder ansehen. Ja, sie müßten vor euch besondere Hochachtung haben, weil ihr es wäret, die das Judentum mit der größten Aufopferung lebendig erhalten haben." Dr. Nordau bemerkt dabei, daß selbst ein Minhag, der mit jüdischem Blute bezahlt ist, ihm heilig sei. „Sehe ich heute einen polnischen Juden mit Bart und Peos in seiner langen Tracht, so empfinde ich Hochachtung vor ihm, seitdem ich höre, wieviel Verfolgungen, Mißhandlungen und Blutverluste letzthin Juden wegen dieser Kleidung zu erdulden hatten und sie halten an ihr fest. Ein gewisser Grad von Martyrium I Deshalb ist sie mir ein jüdisches Heiligtum geworden. Ein zionistischer Führer brüstete sich vor mir damit, daß er am Jom Kippur in Jerusalem mit der Zigarre im Munde vor einer mit Betenden besetzten Synagoge vorbeiging. Ich kann diesem Menschen nicht in die Augen schauen! Er ist ein Verbrecher gegen das Heiligtum eiv.es alten, großen und idealen Volkes. Ich, der Verfasser der „Konventionellen Lügen" sage es euch, wenn jemand auf dem Tempelberg den Sabbat entweiht, er ist des Todes schuldig weil er nicht einen Menschen töten wollte, sondern -tt die Seele eines ganzen Volkes!" „Ich machte die Bemerkung — erzählt der Besucher —, daß es sich dem jetzt zu neuem Leben erwachten religiösen Judentum keineswegs darum handle, von den Zionisten die Erlaubnis zur Ausübung der Religionsgesetze in Erez Jis-- roel zu erhalten, sondern um die Möglichkeit, &cx dort ein religiös-jüdisches Gemeinwesen zu errichten, das auch auf das Judentum in der Diaspora befruchtend wirken sollte. Ich legte meine persönliche Auffassung dar, wonach oie Religion und besonders die jüdische nicht blos eine individuelle, sondern eine soziale Erscheinung ist. Die Thora enihälr mehr soziale Gebote als individuelle. Es ist deshalb m. E. das größte Unrecht, die Thora aus dem Leben hinaus zudrängen, sie in das Bes-Hamidrasch zu bannen und als Prtvarsache zu erklären. Nordau erwiderte darauf, daß die neuesten Soziologen in der gleichen Welse wre ich die Religion und speziell die jüdische als soziale Erscheinung betrachten. Die Orthodoxie habe sicher Rechr, die Thora in das Lebenszentrum der jüdischen Gesamtheit hineinzuftellen. Zum Schluffe versicherte Nordau, er glaube, oas religiöse Judentum werde nicht besiegt werden." Soweit die Erzählung des Besuchers im „Morgen Journal". Wir fragen uns: werden die jüngeren zionistischen Schüler Nordaus gleichfalls erst im hohen Alter zur Erkenntnis solcher elementarer Wahrheiten gelangen? — Weizmann, Sokolow und die Orthodoxie. Scheinbar ohne äußere Veranlassung bekunden die zionistischen Führer in den letzten Wochen eine besondere Sehnsucht nach „Verständigung" mit der organisierten Orthodoxie, d. h. mit „A g u d a s I i s r o e l." Ueber das Sokolowffche Jnterwiew in der Schweiz haben wir bereits berichtet. Nunmehr sinden wir in holländischen Blättern folgende protokollartige Kundgebung: „Am Mittwoch, 25. Teweth 5681, 5. Januar 1921, fand irr Amsterdam im Hause des Herrn A. Asscher eine Konferenz statt zwischen dem Herrn Oberrabbiner A. S' Onderwtjzer und Prof. Weizmann, Präsident de,. Zionistischen Organisation. Im Verlaufe dieser Unterhaleung erklärte Prof. Wetzmann zufolge einiger Fragen des Oberrabbiners, daß beim Ausbau Palästinas vonseiten der Zionistischen Leitung nichts geschehen wird, was dem Jüdischen Religionskodex widerspricht. Prof. Weizmann sagte, daß er unter Religionskodex genau dasselbe verstehe, wie der Oberraübrner. — Betreffs der in der Presse erhobenen Anklagen über Entweihung des Sabbar und Ueber tretung der Speisegesetze in zionistischen Küchen in Jerusalem sagte Prof. Weizmann, daß er bei seinem baldigen Aufenthalt in Palästina die Angelegenheit untersuchen und für rituelle Speisung der Chaluzim mit Ausrechierhalrung der Sabbatgesetze eintreten werde, wie er letzteres einige Tage zuvor schon in seiner Konferenz mit Repräsentanten des holländischen Misrachi ausdrücklich erklärt habe. In Palästina ist der Sabbat als offizieller Ruhetag für die Juden anerkannt. Post, Telegraph und Eisenbahn sind jetzt in Händen der regierenden Macht. Darin hat die Zionistische Leitung jetzt kein Mirbestimmungsrecht. , Sobald dies wohl der Fall sein wird, wird auch in diesem Punkte \ Ar. 3 Srtir 3 den Anforderungen des jüdischen ReligionSkodex Rechnung getragen werden. Hinsichtlich der Verständigung mit der nicht an die Zionistische Weltorganisation anzp schloffenen Orthodoxie erklärte Prof. Weizmann, daß er nach seiner Rückkehr aus Palästina das seinige tun würde, um zu versuchen, dies zu erreichen, wenn durch Agudas Jisroel oder auf deren Veranlassung an b*e Leitung der Zionisttschen Weltorganisartvn der Wunsch hierzu zur Kenntnis gebracht werde. Der Oberrabbiner erklärte, daß er das seinige dazu beitragen werde, um zu versuchen, nach Möglichkeit eine Einigkeit zu erwirken." Wir glauben nicht, daß Agudas Jisroel" sich beeilen wird, den Andeutungen des Herrn Prof. Weizmann Folge zu leisten. Mehr als ein Jahr hat das zionistischeZentralbüro alle Bemühungen der Orthodoxie, zu einer Verständigung in Einwanderungs- und Paßangelegenheiten zu gelangen, mit konsequenter Nichtachtung oder mit nichtigen Ausflüchten vereitelt. Die Preßburger Konferenz der „Agudas Jisroel" hat dieses Verhalten der zionistischen Organisation mit dem Beschlüsse beantwortet, daß die Aguda-Leitung nunmehr endlich aufhören solle, ihre positive Arbeit durch ewiges Verhandeln lähmen zu lassen. Man wird also zunächst abzuwarten haben, welche Wünsche der Zionismus auf dem Herzen hat. Statuten-Sklavem. Bon Rabbiner Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). Die Anregung des Herrn Pros. Dr. A. Sulzbach unter obigem Titel in Nr. 51 dieses Blattes, dürfte nicht nur von allen, die mit Verwaltungsangelegenheiten, sondern von allen, die es mit den Armen und Hilfsbedürftigen zu tun haben, an denen es in dieser Zeit leider nirgends mangelt, freudig begrüßt werden. Es wäre nur zu wünschen, daß es nicht bloß bet dieser „Anregung" bliebe, sondern daß der Vorschlag des greisen und weisen Frankfurter Gelehrten befolgt und beherzigt werde. Es ist in anbetracht der herrschenden Not und des furchtbaren Elends in vielen Gemeinden des In- und Auslandes tatsächlich nicht an der Zeit, sich sklavisch an die wörtliche Auffassung und Ausführung alter und veralteter Stiftungs- Urkunden zu klammern, um Arme nnd Notleidende von einer Wohltat auszuschließen, weil es „gegen die Statuten" verstoße. Diese Statutenänderung sollte sich aber nicht nur auf die Waisenhäuser und deren Zöglinge allein beschränken, sondern auf alle humanitären Stiftungen und Anstalten, die den Zweck verfolgen, Armen und Bedrängten Hilfe zu leisten, Not und Elend zu lindern und zu milden. Hochzeit im Hause Samuels. Palästinensische Zeitungen bringen ausführliche Berichte über die Hochzertsfeierlichkeiten im Hause des Oberkommiffars bei der Verheiratung seines ältesten SohneS Menachem Samuel mit Fräulein Hadasa Grasowski äm ersten Chanukatag. Bet allem fürstlichen Glanz und Pomp hatten doch die Festlichkeiten ihren jüdischen Charakter und den religiös-traditionellen Umerton in einer Weise beibchalren, die geradezu erhebend wirkte. Schon in aller Frühe sausten die Autos und Galawagen durch die Straßen Jerusalems, die die Gäste aus Stadt und Umgebung in den Palastürachten. Man sah die Scheichs aller Gemeinden des Bezirkes in ihren orientalischen Prachtgewändern, auch die Vertreter der verschiedenen christlichen Kirchen und aller Behörden. Die meisten Wagen waren mit Davidstern und jüdischen wie englischen Fahnen und Wappen geschmückt. Der Weg, der nach dem Oelberg führt, war angefüllt mit Paffanten, die Zeugen des seltsamen Vorganges sein wollten. Im großen Saale des Palastes, der zur Feier des Tages in prächtigem Schmucke prangte, versammelten sich die teingeladenen Gäste bereits kurz nach 12 Uhr, mittags. Mitten im Saale war ein Baldachin aufgestellt, aus kostbaren farbigen Tuchen und mit vielen hebräischen Btbelsätzen versehen. Ueverall, von Decke und Wänden des herrlichen Saales, grüßten hebräische Worte und - alte jüdische Sinnbilder. Kurz nach ein Uhr füllten sich Saal und Tribünen i bis auf den letzten Stehplatz. Unten sah man in den vordersten Rechen die Herren Rabbiner Abraham Jizchok Kuck, Zewt Frank, Rabbi Fischmann, Rabbi Jacob Meir, Rabbi Papa, wie alle Führer der Gesetzestreuen in Jerusalem. Und ihnen zur Seite die höchsten Würdenträger des Islams, der griechischen, römischen und armenischen Kirche, Vertreter der Stadt die Scheichs sämtlicher Gemeinden im Regierungsbereich des Oberkommissars, die Konsulen aller Länder in ihren Nationaltrachten, Vertreter des Gerichtes und der Beamtenschaft, der Aerzteschaft, sowie alle angesehenen Männer aus Stadt und Provinz. Die Aufrechterhaltung der Ordnung oblag englischen Offizieren. Die Ehrenwache an den Eingängen bilderen englische Soldaten und Angehörige der jüdischen Legion. Gegen '/»2 Uhr flammten auf einmal sämtliche elektrische Lampen auf und unrer den Klängen der englischen Nationalhymne traten in den Trausaal mit großem Ehrengeleite der Bräutigam, hinter ihm der Oberkommissar und der Brautvater. Kurz daraus folgten die Braut in Begleitung ihrer Mutter, der Gemahlin des Oberkommiffars und den anderen Ehrendamen. Das gesamte Auditorium stellte sich in heiliger Weihe auf und Kantor Schur stimmte das „Mt Adtr" an, wobei auch die Vertreter der christlichen Konfessionen wie auf ein Signal sämlich ihr Haupt bedeckten. Nun traten Rabbiner Kuck, Jacob Meir und der Chacham baschi von Jerusalem, Ben Zion Usiel auf das Podium unter dem Baldachin. Rabbiner Kuck rezitierte die ersten Segenssprüche und nahm den Kidduschin-Akt vor. Daraus wurde von Herrn Schur als Zeugen (als zweiter Zeuge fungierte Mordechai Ben Hillel Hakohen) die Kesubba im aramäischen Wortlaute vorgolesen. Die Herren Rabbiner Jacob Meir und Ustel rezitierten die letzten Segenssprüche, worauf der Bräutigam nach altem Brauch das Glas zerbrach. Cin hunderifttmmigeS. „Maffeltow!" erscholl und übertönte die einsetzende Musik. Kurz darauf fand im anderen Galasaal der Empfang in feierlicher Weise statt. Auf kostbaren Sesseln unter einem kunstvollen Baldachin faß das Brautpaar, ihnen zur Rechten und zur Linken standen die Brauteltern. Einer nach dem anderen zogen die Gratulanten in Ruhe und Ordnung am Brautpaare vorbei, jeder in feiner Sprache unter warmem Händedruck seine Glückwünsche aussprechend. In einem Nebenraume standen lange Tische, reich gedeckt mit Wein und allen denkbaren Erfrischungen, an denen sich die Versammelten gütlich taten. Den Schluß bildete ein feierlicher Akt, der unvergeßlich bleiben wird. Zwölf Scheichs aus der Umgegend vonBerseba übertrugen dem Bräutigam als Zeichen der Liebe und Dankbarkeit das Ehrenamt des Oberscheichs vom Bezirke Berseba. Die Ernennung ging in der Weise vor sich, daß der Aelteste der Scheichs, ein patriarchalischer Greis den Bräutigam an seinem Arm in den Hof führte und ihm dort vor versammeltem Volke die bunten Prachtgewänder des Oberscheichs mit dem Ehrensäbel anlegte. Die Versammlung begleitete diesen Vorgang mit begeisterten Ovationen. Das Fest war nachgerade zum Volksfeste aller Parteien und Konfessionen der heiligen Stadt geworden. * * * Am Samstag vor der Hochzeit hatte der Bräutigam in Begleitung seines Vaters, des Oberkommiffars, den Gottesdienst m der großen Synagoge, der „Ruine des Rabbi Jehuda Hachafftd" besucht. Die Wethe und Feierlichkeit des ganzen Gottesdienstes erinnerte von Anfang bis zu Ende an jenen denkwürdigen Sabbat Nachamn, da der Oberkommiffar zum ersten Mal diese