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Der Israelit · 1921-01-20 · Heft 3 (20.1.1921) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 3 (20.1.1921)
Date
1921-01-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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3 fl'.. B Der JSraettt. 26. Januar 1931 üdischen Nationalrats ein, welcher die Leitung sämtlicher Interessen der litauischen Juden in Händen haben soll. Leider mußte die Orthodoxie bald eine schmerzliche Enttäuschung erfahren. Ungeachtet ihrer bei weitem überwiegenden Majorität auf der allgemeinen Kehillos-Versammlung wurde zum Präsidenten des Nationalrats nicht ihr Repräsentant, Dr. Rachmilewitz, sondern, dank der Gewandheit der Zionisten ihr Partetmann, Herr Rechtsanwalt Rosenbaum, gewählt. Somit sind die beiden höchsten Posten nach innen und nach außen den Zionisten zugefallen. Jedoch wurde als erster Gehilfe des Präsidenten imu erhin Dr. Rachmilewitz und als zweiter Gehilfe der Demokrat Rechtsanwalt Finkelstein, welcher Vertreter einer verschwindend winzigen Minorität ist, gewählt. (Wie bekannt haben sich die sozialistischen Parteien an besagtem Kongreß nicht beteiligt.) Es vergingen aber kaum einige Monate, als die Zionisten den Antrag einbrachten und durchsetzten, daß beide Gehilfen des Präsidenten gleichgestellt werden sollten, um so den bescheidenen Einfluß der Orthodoxie zu schwächen. Aber auch damit sich nicht zufriedengebend, haben die Zionisten mit dem so wichtigen Posten des Generalsekretärs des Nationalrats einen ausgesprochenen Parteimann betraut, dagegen die Forderung der Orthodoxie, auf den Posten des zweiten Sekretärs einen von ihrer Partei zu ernennen, abgelehnt, um auch diesen Posten für die eigenePartei zu bewahren. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Leiter sämtlicher Sektionen des jüdischen Ministeriums fast ausschließlich Zwisten sind und kein einziger Orthodoxer dort hat Anstellung finden können. All diese empfindlichen Zurücksetzungen ließ die Orthodoxie in ihrer bewährten Friedensliebe ruhig über sich ergehen, um die einheitliche Leitung der politischen und ökonomischen Jntereffen nicht zu stören, welche doch ihre prinzipielle Ueberzeugung nicht unmittelbar berühren. Umso energischer und entschiedener Leharrte die Orthodoxie darauf, daß mit der Leitung der kulturellen Sektion, wo das Schulwesen den ersten Platz einnimmt, ein bewahrter Schulmann ihrer Partei, Herr Dr. Deutschländer, betraut werden soll, welcher als Leiter des jüdischen Schulwesens im litauischen Ministerium der Volksausklärung und durch mehrjährige erfolgreiche Tätigkeit im gesamten Schulwesen des Ostens durch eminente Korrektheit und Loyalität anderen Richtungen gegenüber sich einen ehrenvollen Namen erworben hat. Diese eben allgemein rühmlichst anerkannten Eigenschaften des Herrn Dr. Deutschländer waren für seine Wahl entscheidend, sodaß auch die Zionisten ihre Zustimmung nicht verweigern konnten. Allem Anscheine nach diese Nachgiebigkeit bereuend, Einiges über die Ruhe im Gotteshanse. Aus dem JO” ""n *®b: In dem ersten der zehn Gebote ist schon die dringende Warnung enthärten, im Gotteshause peinliche Ruhe zu bewahren. Durch müßiges Gerede an der Stätte des Gebetes verleugnet man die Gegenwart des Einzigeinen und seine Anwesenheit rm heiligen Raume. „Maharam Schiff" schreibt.- Wer in der Synagoge Unterhaltung pflegt, zeigt, daß er mit der Seele nicht in Gott wurzelt. Mit jedem unterlassenen Omen wird deWoitesglaube gemindert. DerBeter leugnet mit jedem Worte, das nicht zum Gebete gehört, die Nähe der Schechinah. Denn wer würde es wagen, in Anwesenheit des Königs der Könige sich von ihm abzulenken und anderen Dingen zuzuwenden? „Schulchan Aruch, Jore Deah", Kapitel 247, Abschnitt 17: Man führe im Beihause keine Unterhaltungen. Man grüße keinen und wünsche keinem Gesundheit beim wollen nun die Zionisten auch diesen Posten der Orthodoxie entziehen, indmr sie beschlossen haben, einen Parteigenossen Herrn Dr. Demschlander zur Seite zu stellen, wohl wissend, daß er ein solches Mißtrauensvotum sich keineswegs wird gefallen lassen und es vorzlehen dürfte, sich zurückzuziehen. Ermutigt durch die Nachgiebigkeit und Friedensliebe der Orthodoxie, die jedem Hader aus dem Wege geht, damit es nicht in einer so ernsten Zeit, wie die gegenwärtige, zu einem öffentlichen 7>l^n käme, fährt der Nationalrat fort, die heiligsten Interessen der Orthodoxie zu verletzen. So hat er neulich den Talmud-Thoras in Kelm und Plungjan und dem einzigen Cheder der „Agudas Jisroel" in Kowno die ihnen gebührende Unterstützung gesperrt, aus dem Grunde, weil er das Programm für die allgemeinen Lehrfächer dieser Lehranstalten nicht als ausreichend befand, während der Nationalrat wiederholt ausdrücklich sich verpflichtet hat, in die inneren kulturellen Angelegenheiten der Parteien sich nicht hinemzumtfchen und die Feststellung der Schulprogramme jeder Parteileitung anheimzustellen. Ungeachtet dieser zugestandenen Verpflichtung hört der Nationalrat nicht auf, feine Pression auf die Orthodoxie auszuüben und ist unablässig bemüht, besonders auf pädagogischem Gebiete seine prinzipielle Tendenz ihr aufzuöürden, die darin besteht, zu Gunsten der allgemeinen Lehrfächer den Unterricht in den jüdischen Lehrfächern auf ein Minimum zu reduzieren, wogegen die Letter der „Achduö" und „Zeirei-Jisroel" energisch zu protestieren sich genötigt sahen. Es würde zu weit führen, wollte ich auf das parteiische Verfahren des Nationalrats gegenüber der Orthodoxie näher eingehen. Es dürsten wohl die obenongeführten Tatsachen genügen, um das untolerante, geradezu empörende Verhalten des Nationalrats gegen die Orthodoxie in das richtige Licht zu stellen. Wenn das jo weiter fortgeht, wird der Orthodoxie nichts übrig bleiben, wenn auch mit schwerem Herzen, aus dem Nationalrat auszutreten, und auf die Quasi-Autonomie zu verzichten. Die litauisch-jüdische Orthodoxie ist sehr arm an kriegserfahrenen und kampfgewandteu Kräften. Zudem ist 'sie zu schwach organisiertste muß daher im parlamentarischen Kampfe mit ihren kräftig organisierten und zudem in ihrenKriegswaffen meist nicht wählerischen zionistischen und bundlstischen Gegnern ohne weiteres unterliegen, obgleich sie die bet weitem überwiegende Majorität der jüdischen Bevölkerung bildet. Zu dem fürchterlichsten QVN TJlbfi innerlichen Bruderzwistes gesellt sich somit noch die voraussichtliche Niederlage. Ist es demnach nicht weit ratsamer, sich von jedem inneren Kampfe, innerer! Nießen. — Dazu der Verfasser des „Ture Sahaw": Wenn schon für Unterbrechung im Lernen hohe Strafe angedroht wird, um wie viel mehr, für das Sprechen mitten im Gebete. Im Werke rfei wird angeführt, daß es zu den Anordnungen des Rabbi Gerson, auf deren U?bertretung das Cherem steht, gehört, beim Gebete und Borlefen der Thora kein Wort zu sprechen. Der „Sohar" zum Wochenabschnitt Wajakhel: Wenn die heilige Thora aus dem Schrein geholt wird, öffnen sich im Himmel die Pforten des Erbarmens und eine große Liebe vom Heiligen, gelobt sei Er, wird wach. Darum sollten alle Beter mit Angst und Beben vor der Thora stehen, als ständen sie jetzt am Sinai-Berg, um die Thora zu empfangen und sollten auf jedes Wort der Vorlesung hören, ohne etwas anderes zu hören und zu sprechen, nicht einmal Worte der Thora, um wieviel weniger leeres Gerede. Der Lohn derer, die ganz mit allen Sinnen zuhören, ist wie beim Empfang der Thoro am Berge Sinai, bemessen. Ihnen baut der Heilige, gelobt sei Er, einen Palast aus Feucrflammerr (vrr ruhö) und sie werden aller Güte und Hilfe teilhaftig. Die Ablenkung vom Gebete, sagt Sohar weiter, verlängert das Golus. Die verwaisten Omens (das Omen" das auf ein Gebet gesagt wird, auf welches man nicht aufgemerkt hat, wird nvw' (BK genannt) schwirren heimatlos im Wellenraume umher und klagen uns vor dem Richterthrone Gottes an. Im Buche ,ie»d '■jvt ist zu lesen: Klagt uns (as? bei Gott ob unserer täglichen Vergehen gegen sein heilig Gesetz, gegen Recht und Sitte an, so verweist der Weltenrichter auf des Juden Umwelt, die es noch weit schlimmer treibt. Im Vergleich zu den Völkern und ihren Vergehen schrumpft Israels Sünde zusammen. Klagt er aber über Unruhe und unanständiges Benehmen ' Zwistigkeit fernzuhalten und friedlich aus dem Nationalrat auszuschetden, als, seine Macht über sich anerkennend, diese als schweres, das jüdische Bewußtsein tief beletdigendesJoch des deprtmterendsten jüdischen Golus sich gefallen zu lassen? Wir erachten diese ehrlich gemeinte, im Interesse der Einigkeit und des Friedens gemachte Warnung für geboten, so lange es noch nicht zu spät ist. Möge der Nationalrat in die Bahnen der objektiven Unparteilichkeit und Korrektheit lenken, daß es zu einem öffentlichen OVN hlbn, zu offenkundigem mni>n nid>t komme. Die Orthodoxie hat mit dieser rechtzeitigen Warnung ihre Pflicht getan. Die Schuld ihres etwaigen Austritts aus dem Nationalrat fällt somit ganz und gar auf die gegnerische Seite. Wocheiminöschaii. Mar Nordau über religiöses Judentum und Pudas Asroel. Im New-Aorker „Morgen Journal" vom 28. Dezember wrrden Aeußerungen wiedergegeben, die Max Norda u einem Besucher gegenüber getan hat und utc weitere Kreise interessieren dürften. Auf die schriftliche Anfrage des Besuchers, ob die Einzelheiten der Unterhaltung der Oeffentlichkeit übergeben werden dürften, antwortete Nordau am *27. September v. Js.: „Ich beharre fest bet meiner Ueberzeugung, daß dem religiösen Judentum eine übernatürliche Kraft mnewohnt und daß es unbesiegbar sei. Sie können es deshalb zu jeder Zeit, an jedem Orte und in jeder beliebigen Form veröffentlichen." Es wird unsere Leser sicherlich interessieren, wie dieser hartgesottene Atheist in seinem 71. Lebensjahre über „Agudas Jistoeiu und ihre Ziele denkt. Wir lassen den Besucher erzählen: „Bezüglich der „Agudas Jtsroel" sagt Nordau, daß in einer Gemeinschaft, in der hunderttausende frommer Juden vereinigt sind, sicherlich eine lebendige jüdische Kraft vorhanden sei, mit der man sehr rechnen müsse. Er meint, die Aguda könne in der Form, wie sie jetzt besteht, in brüderlicher Freundschaft mit den Zionisten für den Wiederaufbau Palästinas arbeiten. Ec glaubt nicht, daß die Zionisten die frommen Juden in Palästina in der Beobachtung der Rrligionsgesetze ftö.ren würden. Ich kann mir, sagt er, überhaupt ein Ecez Jisroel ohne den originellen Typus des frommen Juden nicht vorstellen. Welchen Wert hätte doch sonst unsere ganze Kulturarbeit? Und selbst wenn die Zionisten es unternehmen wollten, euere Jüdischkett im G-ourshause, so wirkt der Hinweis aus die Völken noch straferschwcrend für Israel, denn in nichijüdische Beihäusern herrschen Andacht und Anstand und weihe volle Ruhe. *) „Ichel oh" schreibt: Wenn du Schlaffheit und Schlappheit (wohl geistige) bei deinen Kindern merkst, so prüfe dein Benehmen im Hause des Gebetes und der Lehre. Wohl im gleichen Sinne ist es zn verstehen, wenn K'Onn schreibt: Liebe Brüder, habt Mitleid mit eueren Kindern und mit der ganzen Welt und enthaltet euch des Sprechens beim Beten und während der Thorovorlesung. Noch schärfer heiß! es in cmByn 'n: Wie lange wollt ihr, die ihr durch Sprechen unter Gebet stört, uns ein Stein des Anstoßes sein! Wie traurig, daß dieses unwürdige Benehmen schon vielen durch Macht der Gewohnheit zur zweiten Natur geworden! Wie soll ihr Gebet Annahme finden, wenn sie mit jedem profanen Worte selbst einen Ankläger schaffen, der sich zwischen sie und den Heiligen, gelobt sm Er, stellt? Darum nehmet es euch zu Herzen zu euerem und euerer Kinder Wohls! *) Eine rabbinifche Anekdote ziüert in diesem Zusammenhänge den Satz aus der Sidra: db*? bn'r 'n |wnnn enKi, d. h. Gort will auch hierin für Euch — gegen Satan — kämpfen, vorausgesetzt, daß Ihr schweiget — in der Synagoge.

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