Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1921)
- Date
- 1921-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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er Israelit Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum gssasaas-si fayiifct otm Br. Lehmaan In IBaimt ßo üflfarjififiifl tyfinhVurf n fffi rfon 20. Januar 1921 Jfg 3 o<£ janrfiüSty« SSSfe=sa srannum a Hl«, n Schebat 8681 BSonnement pro Vierteljahr r Deutschlandvei den Postämtern sowie bei direkt. Bestellung u. Rechnungserteil. durch d.Berlag M. 7.20 viertel), f. Lehrer u. Kultusbeamte (n. direkt) M. 3.60 vierteljährlich, Deutsch-Oesterreich Kr.50.— vierteljährlich: Lschecho-Slotvokei Kr. 12.— Ungarn Kr. 50.— vierteljährlich, Polen (nur in deutscher Reichsmk.) M. 10. vierteljährl., Rumänien 10 Lei. Holland fl. 1, Skandinav. Kr. 2. Schmeizfs.l.50.Frankreich ».Belgien Fr.2.50, England l sh. 6 p., Amerika 0.50 Doll, vierteljährl. Einzelnummer 60 Pfg. Durch den Buchhandel wie beim Verlag. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag Inserate: Mk.2.— für die sechsgespaltene Colonel-Zeile einschl. Teuerungsznschl.;Ausland-Jns.Mk. 4.—pro Zeile Rab. nach Tarif Bei laufenden Jnseratauftr. tarifm. Preiserhöhung jederz.vorveh. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b H., Frankfurt a. M., Gr. Eschenheimerstr. 23 Del. 6842, Amt Hansa, sowie sürntl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands. VlaüvorfchrMru ohne NerbiudUchkrit. Zahlungen außer direkt an den Verlag — Postscheckkonto Frankfurt a. M. No. 18 803 — erfolgen an: Postsparkasse Wien No. 79«^ Postsparkassenamt Budapest Ro. i Postscheckamt Zürich Nr. VII* 7384 m BÜ3 ' Postscheckamt Amsterdam No. 34809 Böhmische Uniondank in Prag Banca Marmarosch Blank & Co. in Bncaveit Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. Der lksckömck Ser Mike! und Correipmidenjen des „Israel“ M nur unter genauer Quellenangabe, ur«3t lnwelt es fidi um ßrö&ere fiuffäfce handelt, nur nadi uorfterlßer ßenehmlßune geklsttei. IrrhalLsK-erstcht. 1. y p 11 o 11 i? e I: Der litLuisch-jüdische Uatisnairüt und die Orchsdorie. — 2. Homiletik: Einiges über die Kühe im Gotteshause. - 3. Klein es Feuilleton: Hoch?eit im Hause Samuels. — 4. W o che n r u n d s ch a u: Max Nordau über religiöses Judentum und Agudas Jisroel. - Welzmann, Sokolotv und die Orthodoxie. — 5. Aufsätze: Dr. Felix Kanter: Statuten-Sktauerri. — A. Mannheimer: Zur Majxsirrrforguug 1921. — 6. Kor re sp orrden z en und Nachrichten: Frankfurt am Main, (Die Beschaffung jüdischer Flüchtlingslehrrr). — Berlin, (Ausländer im linksrheinischen Gebiets. — ' Breslau, (Zur Abstimmung in Oberschlesien). — Wien, (Streik der israelitischen Religionslehrer). — Wilna, (Die Wilnar Wahlen). — Bukarest, (Ein Erlaß der rumänischen Regierung). — Basel, (Neue Erschwerung des Schächtens). — Paris, (Die jüdische Emigration und -der Völkerbund.) — London, (Der neue Vizekönig von Indien). - London. — New-Iork, (Die litauischen Juden in Amerika). — Jerusalem, (Die jüdische Gerichtsbarkeit in Palästina.) — Jerusalenr, (Die Araber an den Oberkommissar.) — Jerusalem, (Einwanderung). — Jaffa, (Zurückgewiesene Einwanderer). — Berlin, (Die Arbeiterküchcn in Palästina). — 7. Personalien. — 8. Vermischtes. — 0. Sprechsaal. . — 10. Frankfurter Berichte: Arbeitsgemeinschaft jüdischer Studierender. — Jüdisch-soziale Frauenarbeit. — Beleidigung am Wahltage. — Verein zur Pflege jüdischen Wissens. — Entstehung und Lehre des Kusri. — Personalien. - Familiennachrichten. — Vereinskalender. — Gebetzeiten. — 12. Feuilleton B e t l ag e: Im AülMge nach §stlin. — Siegfried Jeidel: Gefangerrerrgräber in Zttrirrerr. — 13. Kinde recke: Schabbos-KLumeu. — Heinrich Einstädter: Chamischo ofor. — Jüdische Sprichwörter. — Äer lttäüW-jödWe Aationalrat und die Orthodoxie. Die Geschichte einer SrrLLLuschrrrrg. Die nachfolgende Darstellung geht uns von gut unterrichteter Sette ans Litauen zu. D-.r einzige Winkel. auf der weiten Erde, wo Juden eine vom Staate, wenn auch noch immer nicht nach allen Formalitäten der Legislatur, aber doch faktisch gewährte innere Autonomie besitzen, ist das kleine Ländchen Litauen mit seiner 167090 Seelen starken jüdischen Bevölkerung. Dieser neue, erst nach dem abgeschlossenen Brester Frieden gebildete Ranbstaat des früheren Rußland )at sich auffallender Weise gegen Juden so loyal betätigt, zu einer Zeit, wo im benachbarten Polen : 5e Wögen des' abscheulichsten, mittelalterlichsten mttsemitismus himmelhoch brandeten, wo un- Huldiges jüdisches Blut!n Strömen floß und V fließt, wo jüdische Frauen von der verwilderten rohen Soldateska mißhandelt werden, I jüdische Heiligtümer, jüdische Ehre mit Füßen8 getreten, jüdisches Hab und Gut geplündert und I zerstört wird. Und dabei sind die Litauer mit den Polen seit Jahrhunderten nicht blos kirchlich, als der römisch-katholischen Konfession angehörend, sondern auch politisch und ökonomisch eng verbunden und sogar innerlich verschmolzen. Wi: mag es wohl zu erklären sein, daß gerade in den jüdischen Fragen die Litauer von den Polen so ganz und gar auseinander gehen, und sogar eine schnurstracks entgegengesetzte Politik verfolgen? Diese rätselhafte Erscheinung hat ihre tiefe Begründung einerseits im Charakter der litauischen Judenheit, andererseits im historischen Verhalten der Polen zu den Litauern und Juden. Der litauische Jude hat sich seit uralten Zeiten nicht blos durch aufrichtige, innige Frömmigkeit, sondern auch durch eifriges Studium der Thora ausgezeichnet, das ihn veredelte, seine Denkfähigkeiten entwickelte und seinen geistigen Horizont erweiterte. Der litauische Jude war in den letzten Jahrhunderten das, was die spanischen Juden im Mittelalter waren, der edelste, jüdische Typus. Als solcher bewährte er sich im Umgänge mit dem gleich ihm von dem im Lande herrschenden polnischen Abel und in dessen Dienste stehenden katholischen Klerus hart bedrückten litauischen Bauer, welcher, gemeiniglich die Landbevölkerung ausmachte. Zwischen ihr und den die überwiegende, oft ausschließliche städtische Bevölkerungbildenden Juden, entwickelte sich nach und nach ein intimes, freundschaftliches Verhältnis. Beide hatten einen gemeinsamen Bedrücker, den polnischen Adel, der, auf seine Privilegien pochend, aus den Juden und oft noch mchr auf den Litauer, der für ihn nichts als „Bidla", Tier war, verächtlich herabschaute und beide nach Kräften aussaugte. Als Leidensgenossen gewannen Juden und Litauer für einander Sympathie, dies umsomehr, als sie ökonomisch aufeinander angewiesen waren. Der städtische Jude verschaffte dem ländlichen litauischen Bauer seinen bescheidenen industriellen Bedarf und kaufte von ihm seine Bodenprodukte. Dieser Handel wurde meist äußerst solid betrieben. Der gemeiniglich sehr arme und in seinen Bedürfnissen höchst anspruchslose Jude begnügte sich mit einem sehr bescheidenen Gewinne. Das wußte der verständige litauische Bauer ganz gut und zog es vor, seine nötigen Einkäufe in der Stadt lieber beim jüdischen als beim polnischen Krämer zu machen. Diese gegenseitigen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Litauern haben sich schon bei den Wahlen in die russische Reichs-Duma erwiesen. Es war ganz selbstverständlich, daß die litauischen Wähler ihre Stimmen für den jüdischen Kandidaten gaben und die jüdischen Wähler für den litauischen Kandidaten stimmten. Diesen Beziehungen sind die jüdischen Politiker in Litauen auf die Gefahr hin, das Verhalten der Polen, die urplötzlich so mächtig wurden, zu den Juden noch zu verschlimmern, treu geblieben. Sie schlossen sich ohne weiteres Bedenken eng an die Litauer an und unterstützten nach Kräften ihre politischen Bestrebungen. Die an einem geschulten Ltteraten- Stand, welcher für den sich neu bildenden Staat so unentbehrlich ist, noch so armen Litauer waren auf die intellektuell weiter vorgeschrittenen Juden wesentlich angewiesen, dies umsomehr, als aus begreiflichen Gründen die Litauer höchst ungern die polnische. Intelligenz, zu der sie wohlberechttgtes Mißtrauen hegten, zu Staatszwecken ausnutzen durften. So entstanden intime Beziehungen zwischen den Lettern der litauischen Politik und den jüdischen Politikern, vornehmlich zu Herrn Dr. Rachmilewitz, der auch das Litauische gut beherrscht, und als Großkaufmann dem jungen Staate bedeutende Dienste leisten konnte, weswegen er auch sofort nach Konsolidierung des litauischen Staates zum Vize-Minister für Handel und Gewerbe ernannt wurde. In dieser Eigenschaft war es ihm nicht schwer, engere politische Beziehungen zwischen den Litauern und Juden anzubahnen, und die jüdische Autonomie in Litauen durchzusetzen. Als streng orthodoxer Jude war er doch tolerant genug, zum Minister für jüdische Angelegenheiten den in religiöser Hinsicht einen radikalen Standpunkt einnehmenden Zionisten, aber politisch gewandten Dr. Soloweitzik in Vorschlag zu bringen und für ihn bei seinen politischen Freunden Propaganda zu machen, in der Voraussetzung, daß letzterer das auf seine Loyalität gesetzte Vertrauen betätigen und mindestens tolerant gegen die kulturellen Interessen der Orthodoxie, welche die bei weitem überwiegende Majorität der Juden Litauens bilden, bleiben und nicht die Interessen seiner Partei bevorzugen werde. In derselben Ueberzeugung willigte die Orthodoxie in das Projekt zur Bildung eines