Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1921)
- Date
- 1921-01-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Ar. 2 des „Maelit". Ser „Wucher"-Zude. In Boberik an der Warte in der nördlichen Ecke der Provinz Posen, aus der mit den Deutschen zur Zeit auch die Juden in Massen westlich ziehen, lebte vor wenigen Jahrzehnten, da zwischen*Polen, Deutschen und Juden noch das beste Einvernehmen herrschte, Herr Anschel, einer jener edlen Menschen, wie sie die Provinz zu Hunderten aufzuweisen hatte. Seine Türen standen weit geöffnet für Arm und Reich und seine Sabbat- und Festtafel war stets von Gästen umgeben. Das Städtchen lebte zur Hälfte von seinen Guttaten und milden Gaben. Eine schöne Erscheinung war Herr Anschel, weißLärtig, mit großen, stillen Augen, in denen Gelehrtheit, Reichtum und Weisheit sich spiegelten. Vom Beruf war er Holzhändler und er hatte viele Wälder an Warte und Weichsel, auch jenseits der polnischen Grenze in Besitz oder in Pacht. Mehrmals im Jahre fuhr er über die Grenze nach Polen oder weit in das deutsche Reich hinein, und eine ansehnliche Schar von Angestellten und Arbeitern lebte von ihm, außer den vielen Armen, denen er andauernd Gutes erwies. Als einstens das Städtchen von einer Feuersbrunst heimgesucht und fast ganz eingeäschert wurde, kaufte Anschel zwei Millionen Ziegelsteine, ebensoviele Balken, Kalk und weiteres Baumaterial, das er, in gleichen Teilen den Betroffenen auf die Stätte ihres früheren Heimes fahren ließ. Als sich später die Häuschen neu von den Trümmern erhoben und die Leute anfingen, sich mählich zu erholen, kamen sie mit ihren Ratenzahlungen zu Herrn Anschel. Selbstverständlich wies er die Annahme von Zins oder Verdienst an den gelieferten Materialien entschieden zurück. Allein nicht von seinen Wohltaten an Juden soll hier erzählt werden. In jener Stadt hielt sich ein Bauer auf, Iwan, war fein Name. Er war aus dem Polnischen gekommen, aber keiner wußte woher und wozu. Wer kümmert sich um einen fremden Bauer, der in den Straßen herumsteht? Hier und da nahm man gern seine Dienste in Anspruch. Er holte willig gegen kleines Entgelt das Wasser vom Brunen, hackte das Holz klein, zündete in der Synagoge die Lichter an, heizte die Oefen und besorgte derlei Verrichtungen mehr, die einem Nichtjuden in der Gasse obliegen. Etwas dumm sund unbeholfen war Iwan, aber im Grunde ein guter, stiller Mensch. Er zeichnete sich durch große Liebe zu Kindern aus. Ob jüdische oder ntchtjüdtsche Kinder, war ihm gleich. Er konnte stundenweit durch die Nacht laufen, um einem Kinde eine Freude zu bereiten, und das wurde ihm hoch angerechnet. Eines Tages in der Dämmerstunde kommt Iwan zu Anschel ins Haus, ziehr den Hut vom Kopf und steht verlegen mitten in der Stube. „Was willst Du, Iwan?" Iwan starrt verlegen vor sich und stammelt unverständliche Worte. Er hat einen Wunsch, aber nicht die Worte, um ihm Ausdruck zu verleihen. Anschel klopft ihm wohlwollend und ermutigend auf die Schulter. „Sag's Iwan, was Dich drückt. Du weißt, ich helfe gern." Nach vielem Stottern und Stammeln bringt Iwan in unzusammenhängenden Sätzen sein Anliegen hervor: „Panje, Gearbeitet bald vierzig Jahre. Kein Weib, kein Kind und angesammelt fünfhundert Rubel, ganze fünfhundert Rubel! Ich werde älter. Was soll mit dem vielen Gelde? Ich laß es Dir zur Aufbewahrung. Ich verlangs nicht umsonst. Ich zahle Zinsen . . Anschel hört ihn ruhig an und unterdrückt mit Mühe das Lachen. Er weiß, mit wem er es zu tun hat, so stellt er sich ganz dumm und fragt: „Wieviel Prozent willst Du zahlen?" „Bankzinsen!" gibt Iwan prompt zur Antwort. Verwundert über diese Kenntnis Iwans fragt Anschel, ob er von „Bank" etwas wisse. „Nein", gesteht Iwan beschämt. Er hat das Wort irgendwo gehört. Anschel unterzieht Iwan noch einem strengen Verhör. Woher er das Geld habe, wie unb wo er es erspart. Iwan gibt, aber nur krause, halbe Antwort. Da sagt endlich Anschel: „Ist also gut, Iwan, Du kannst mir die fünfhundert Rubel übergeben, mußt aber die Zinsen pünktlich und gewissenhaft zahlen . . ." Umständlich zählt Iwan Scheine, Gold, Silber und Nickel auf den Tisch. Herr Anschel stellt ihm einen Schein aus, mit dem sich Iwan Hochbeglückt nach Hause begibt. Nun fing eine Geschichte der Prozente an. Iwan hielt treulich Wort. Er zahlte ehrlich und pünktlichkaum ein Tag verging, an dem er nicht iü Anschels Haus etwas brachte. Ein Huhn, eine Gans, zuweilen eine Fuhre Holz, ein Korb voll Eier, Laub für die Suckoh und so weiter. Im Städtchen wußte kein Mensch von dem Geschäfte. FrauAnschel hatte aber den Auftrag von ihrem Manne, alles, was Iwan ins Haus brachte, nach Tag, Datum, Gegenstand und Preis genau auf einen Zettel m schreiben und die Zettel in die Schublade Hu dem großen Buche zu tun, das die Ueberschrift „Iwan" trug. Die Zeit stand nicht still. Herr Anschel baute sich ein großes Haus und Iwan half Tag und Nacht mit. Anschel feierte die Hochzeit seiner einzigen Tochter und Iwan brachte ins Haus, was er nur an guten Dingen auftreiben konnte. Was sich auch im Hause Anschels ereignete, Iwan stand im Mittelpunkte der Vorbereitungsarbeiten und leistete Hilfsdienste, die nicht zu bezahlen waren. Die Zettel in der Schublade häuften sich aber zu Bergen, auf denen alles genau nach Tag und Leistung verzeichnet war. Iwans Haare grauten, aber die Zinsen zahlte er mit Geld und Arbeit ehrlich weiter. Anschel, der sein Geschäft im großen Stile betrieb und mit vollen Händen nach allen Seiten spendete, kümmerte sich wenig um Iwan. So sind zwei Jahrzehnte in die Lande ge-;angen. Inzwischen trat ein großes Ereignis tt der Gegend ein. Der Großgutsbesitzer Baron UpinEi bei Bobirik beschloß, seine Güter zu pareellteren und zu veräußern. Wer es irgend konnte, nutzte gern die Gelegenheit, unter günstigen Bedingungen zu einem Ackerstücke oder gar zu einem kleinen Gütchen zu gelangen. Von allen Seiten kamen" die Gutsbesitzer, Bauern, auch Juden, zu dem Baron gefahren. Man handelte und feilschte und schloß Verträge ab. * Natürlich fehlte auch Anschel nicht bet dem Baron, der ihn von jeher hochschätzte. Man maß, prüfte und rechnete, und endlich hatte ich der Kaufmann ein ansehnliches Stück Ackerland ausgesucht, das er für sich ankaufen wollte. Zu Hause angelangt, schloß sich Anschel in sein Arbeitszimmer und nahm sich das Iwan- Buch vor. Er rechnete lange Zahlenreihen zusammen und wie er fertig war, ließ er den Iwan holen und sagte ihm kurz: „Morgen fahren wir zusammen zum Herrn Baron." Iwan wollte zunächst nicht begreifen, wozu und warum er fahren sollte und was er, Iwan, mit dem Baron zu tun hätte. Aber, wenn Panie wünschte, daß man fah?e, so fährt man eben ohne zu fragen. Auch das war vielleicht eine Art Ztnsleistung, dachte Iwan und spannte ein. Nach langer Fahrt hielten sie im Hofe des Herrn Baron. Der Gutsherr begrüßte seinen alten Freund herzlich und bat ihn in sein Gemach. Anschel winkte aber Iwan mitzukommen. „Was soll der Stallknecht mit dabet?" staunt der Baron. Aber Herr Anschel bestand darauf, daß der Iwan bei dem Geschäftsabschluß mit dabei sei. Der Kauf war fertig. Nun legte Anschel einen ganzen Haufen von Büchern, Zetteln und Verzeichnissen auf den Tisch und nach langer Rechnung bat er den Schreiber ein Protokoll aufzunehmen, ungefähr in folgender Weise: „An dem und dem Tage in dem und dem Jahre hinterlegte Iwan bet mir 500 Rubel. Tags darauf brachte er mir ein Huhn, und an einem späteren Tage eine Gans und später . . usw. usw." Nichts fehlte in dem Verzeichnis von dem, was Iwan in all den Jahren in das Haus Anschels gebracht und für dasselbe getan hatte. „All dieses", hieß es im Schreiben weiter, „ergibt die Gesamtsumme von 10,000 Rubel, für welchen Preis nun Anschel das Ackerstück vom Herrn Baron für Iwan angekauft hat." Allgemeines Staunen. Der alte Baron glaubte zu träumen, der Schreiber traute seinen Ohren nicht, und seine Finger fuhren unsicher über das Papier. Iwan schien taub und stumm, nur Herr Anschel tat, als wäre gar nichts geschehen und bat mit der größten Ruhe der Welt den Schreiber, den Akt zu Ende auszufertigen. Endlich hatte es Iwan begriffen und machte eine Bewegung, als wollte er Anschel zu Füßen fallon. Dieser aber beruhigte ihn und sagte: „So sei doch vernünftig Iwan, es ist Dein Geld und Deine Arbeit, die in all den Jahren so reiche Zinsen getragen haben." So ist Iwan, der bis dahin zum Gespötte der Gasse gewesen ist, auf seinen alten Tagen ein Grundbesitzer geworden, Inhaber eines Ackerstückes. So sahen die „Wucher"-Juden von damals aus. Sa- Geheimnis der Sprache. Alexander Moszkowski, der nicht nur einer der besten Humoristiker, sondern auch einer der feinsinnigsten Sprachkenner ist, läßt in der Bücherreihe „Lebenswerke" Verlag Hoffmann u. Campe, Hamburg, unter dem Titel „Das Geheimnis der Sprache", eine Reihe von interessanten Aufsätzen erscheinen, denen der folgende entnommen ist: Wir haben unter uns Besserschreiber und Besserwisser, denen es ein Leichtes ist, in den Schriften Bismarcks mit dem Rotstift herumzuwerken, ihm die Sprachfchwätzereien anzustreichen und die ihn ganz bestimmt zu einem sauberen Schriftsteller erziehen würden, wenn er noch auf Erden wandelte. Nämlich Bismarck — so behaupten diese Sprachheiligen der jüngsten Tage —, Bismarck —- mauschelte. Und wer das noch nicht weiß, der sollte ich darüber durch die gestrengen Herren aufklären! assen. Man glaube mir, daß ich hier weder erfinde, noch übertreibe: auf erschrockene Anfragen ist der Bescheid in diesem Sinne tatsächlich ergangen und zwar auf Grund der identischen Gleichung: „fremdwörteln" gleich „mauscheln". Ich füge sofort hinzu, daß im Linzelsalle mildernde Umstände zugebilligt werden. Man mache ein Kredit- und ein Debet-Saldo auf und untersuche, ob das Guthaben stark genug ist, um die Belastung zu ertragen. Das wird denn auch im Bescheide als eine Erfreulichkeit festgestelltwer imstande st, ein Deutsches Reich zu gründen, wie Bismarck