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Der Israelit · 1921-01-13 · Heft 2 (13.1.1921) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 2 (13.1.1921)
Date
1921-01-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. S oder einen Jaust zu schreiben, rote Goethe, der darf auch das Recht beanspruchen, ein wenig zu fremdwörteln, zu mauscheln. Bet Bismarck stehen die „Gedanken und Erinnerungen" sür die Beurteilung im Vordergrund. Diese, bei Cotta herausgegeben, nicht von der Eingebung des Augenblicks beeinflußt, wie etwa eine Parlamentsrede, sorgsam geseilt und redigiert, geben das Maß für das Sprachgefühl des Eisernen Kanzlers. Und jeder, der das Werk gelesen hat — wer hätte das nicht? —, jeder weiß, daß es in Fremdworten geradezu schwelgt. Einer mag 15 Stück aus der Druckseite zählen, einer 25; — wichtiger wäre es, zu ermitteln, welche sonst gebräuchlichen Fremdworte bei Bismarck nicht Vorkommen. Ich glaube, die Mehrheit ist vertreten. Es würde sich empfehlen, eine Stunde lang in Bismarcks Werk zu lesen und sich dann sofort die nachstehende Stelle vorzuhalten, die ich einer neueren, sehr temperamentvoll abgefahien Werbeschrift entnehme. Ich zittere wörtlich: In Deutschland gibt es wohl keine verächtlichere Bennenung einer Sprachgememheit als Mauscheln. So sage man mir, welcher sprachwissenschastltcher Unterschieb zwischen Mauscheln und Welschen ist? Der hochdeutsche oder jiddische Mauschler durchsetzt sein deutsches Gemauschel mtt hebräischen Brocken: ist etwa Hebräisch die Sprache der Bibel, weniger vornehm als Mönchslatetn und Berlin-französisch? Und was die vielgerühmte Nüankßierung der bekantlich nüankßenarmen deutschen Sprache betrifft, so erkundige man sich bei den Kennern des jiddischen Gemauschels, ob sich mit solchen Knoblauchblüten im Rosenstrauß wie Nebbich, Chuzpe, Stike und ein Wort selbst in dem grenzenlos reichen Welsch völlig „deckt"? Die Ekelhaftigkeit der Mauschelei besteht in der Verschmutzung, die sie in das von ihr verschleimte Deutsch bringt. Dem gesunden, nun gar dem feinhörigen Sprachgefühl klingt jede regelmäßige Sprachverschmuddelung wie Mauscheln und ich empfehle allen Ernstes, schon der Abwechslung wegen, so oft wie tunlich statt Fremdwörteln zu sagen: Mauscheln. Es klingt nicht schön, es soll nicht schön klingen; aber es klingt wahr und ist wahr. Also steht e8 in dieser Werbe- und Kampfschrift Mer eben von den kraftvollen Gedankengängen Bismarcks herkommt, wird dieser Stelle ein besonderes Verständnis enigegenbrtngen. Und setze man neben Bismarck einige andere Sprachmeister und Gedankenformer größten Formates, so wird sich dieses Verständnis noch vertiefen. Vor dem inneren Auge entwickelt sich ein komisches Zerrbild, dem jedoch ein sehr ernsthafter Kommentar gebührt. Und in dieser Erklärung würde dem Jiddisch eine ganz andere Bedeutung zuzuweisen sein, als sie der Vorredner ahnt. Was ihm als ein Angriffspunkt für Schimpf und Hohn, als ein knoblauchdustender Gegenstand des Ekels erscheint, gehört in Wirklichkeit zu den Wurzeln germanischer Sprachkrast. Dem Völkischen wäre anzuraten, sich einmal in den Forschungsschriften von Strack, Klausner, Grunwald, Bodenheimer u. a. umzutun, um bus ihnen die Stellung der ihm so verächtlichen Mundart innerhalb der Sprachkultur zu erfahren. Um ihm dies zu erleichtern, weise ich ihn hier auf etliche Ergebnisse eines Kölnischen Gelehrten, die in aller Kürze erkennen lasten, wie weit sich der Völkische von der wahren Erkenntnis der Dinge entfernt hält. Unter den Merksätzen des Dr. S. Simchowitz behauptet den Vorrang das Jiddisch-Deutsche und weist Wörter und Formen auf, die noch dem früheren Entwicklungsstadium der deutschen Sprache entstammen und jetzt (leider!) aus unserer Sprache verschwunden sind. Es ist ein lebendiger Zeuge alldeutscher Vergangenheit. -Die eigentliche Grundlage ist durchaus deutsch und gerade Wörter, die zunächst uns etwas wunderlich anmuten, erweisen sich bet genauer Untersuchung als rtchriges deutsches Sprachgut. „Ein systematisch durchgearbeitetes etymologisches Wörterbuch des Jüdisch-Deutschen würde uns darüber erstaunliche Enthüllungen bringen"; (ein solches aus der Feder des Prof. Dr. H. Strack wurde übrigens 1916 angezeigt) . . . „Nehmen wir als Stichproben zwei der gebräuchlichsten Worte, die jüdisch-deutschen Bezeichnungensür Vater und Müller: „Tatte" und „Mamme". Das klingt zunächst komisch — (der Vorredner würde sagen, verschmutzt, mauschlig, knoblauchig) —i aber beide Worte erfreuen sich guten deutschen Ursprungs und sind in Deutschland bis ins 17. Jahrhundert gebraucht worden; sie kommen auch noch weiterhin vor, so setzt Aug. Wilh. Schlegel das Wort Tatte an zwei Stellen seiner Stzakespeare-Uebersetzung . . . Auch bei Zacharias Werner ist es zu finden ..." „Heute" heißt im Jüdisch-Deutschen „heint"; das ist nicht etwa eine Entstellung des deutschen Wortes (also keine „Verschleimung"), sondern kommt noch heute tm bayrischen und kärntischen Dialekt vor, wird aber auch sogar von Luther gebraucht: „Lastet uns heint nit weise sein, ein jeder spare seine Weisheit bis moHen : . Die jüdisch-deutsche Bezeichnung für gestern, „nechten" . . . kommt vor allem im Nibelungenlied vor. Sehr wunderlich klingt das Wort „Leilach" lMehrzahl Leilacher) sür Bettlaken; das Wort ist aber mittelhochdeutsch und wird noch jetzt in Bayern und Oesterreich gebraucht. Wenn der russisch-polnische Jude sein Gemüse „Zimmes" nennt, so ist es das altdeutsche „Zumus", wenn er seine Mehlspeise als „Kuggl" bezeichnet, so taucht der gute schwäbische Guglhups auf. Der JSraelit. _ _ Für „lesen" sagt er „leinen"; das kommt her von dem mittelhochdeutschen „lei", das Gesang, Weise und Lied bedeutet . . Der ostjüdische Ausdruck „Jüpitze" für Jacke bewahrt den Anklang an das mittelhochdeutsche Jupve (Schaube); das hessische „Heit" (Art und Weise) hat sich in manchen adverbialen Wendungen erh-tten, wie krankerheit, schwangrerhelt, im Zustand des Krankseins, der Schwangerschaft. Im Ausdruck „Schmadder" (lüderliche Wirtschaft, unsauberer Mensch), steckt das mundartliche „smodderen", besudeln. „Wenn der russische Jude sagt: Ich fahre ken Wilna (oder kein Wilna), so drückt er sich gut altdeutsch aus: gen Wilna. „Eppes" für „etwas" ist schwäbisch wie jeder weiß, der diesen Dialekt kennt". In der Vokalbehandlung ktingt manches wie Nachlässigkeit, während in Wirklichkeit nur das Festhalten an früherer Aussprache vorliegt . . . „Das Jüdisch- Deutsche hat vielfach die mittelhochdeutsche Phonetik beibehalten. Das jüdische o statt a: z. B. statt das „dos", statt was „wos", statt Gras „Gros" . . ., findet sich in der älteren Schriftsprache, so bet Geiler von Kaisersberg (-s 1510) und wenn der russische Jude statt Atem „Otem" sagt, so spricht er „gut lutherisch". Zu den scharfsinnigsten Ausspürern verschollener Sprachschätze gehört G. Regis, der in seiner berühmten Rabelais.Uebersetzung mehrere tausend scheintoter Worte aus dem Altdeutschen neu belebt hat. Sein Werk bietet zugleich eine Fundgrube für den Sprachvergleiche!, der die jüdischen Worte an der Wurzel ersoffen will. In Regis findet er, um nur einige zu nennen, das jüdische „geh"! sür gelb (in „Gelbschnabel"), „Goderl" für Doppelkinn („Göderlein"), „übern Gänsdreck führen" für nasführen, „Händsch oder Händschkes" für Handschuh. Wer zudem seinen Luther, Dürer usw. darauf nachliest, kann bei einiger Kenntnis des Jüdischen die Liste bis zu beliebiger Länge ergänzen. Die angeblichen Mauschelwörter „Seiger" (für Zeiger, auch Uhr), „Fickes zeigen" (die Feige bieten, jemand Spott erweisen), „tur" (sür darf, bet Luther), „Kaut" (für Kugel, erhalten in Kaulquappe, Kaulbars), „Nebbich" (aus die Nebigen, die Danebenlausenden, die Knappen; also nicht ein hebräischer Brocien, wie der Völkische fälschlich unterstellt), „derohn" für ohne dieses (sogar noch bei Schopenhauer anzutreffen) — sind allesamt altes vortreffliches, deutsches Sprachgut. Daraus folgt nun mancherlei. Erstens, daß es nicht angeht, eine Mischsprache zu verlästern, die sich in ansgedehnten Gebieten des Ostens als der stärkste, auf weiten Strecken sogar als der einzige Wegebahner des Deutschen erwiesen hat; wie sie auch im Westen unter schwierigsten Bedingungen noch immer Reste deutscher Kulturarbeit leistet. Zweitens, daß es noch weniger angeht, sie in ihrer Wirkung auf uns Deutsche zu beschimpfen, denn diese Wirkung ist eine hervorragend erhaltende; viele sprachliche Bortrefflichkeiten, die nahezu verloren sind und sonst wahrscheinlich unwiederbringlich verschwinden müßten, werden einzig im Jüdischen erhalten, das als ein Lebendiges den Berwesungskeimen enigegenwirkt. Sonach müßte gerade der Völkische durch sein eigenes Jntereffe auf die sorgsame Erkundung einer Sprache hingewiesen werden, die bei allem äußern Mißklang doch im Innern so wertvolle echtdeutsche Sprachgüter verwaltet. Je weiter man dieser Betrachtung nachgeht, desto mehr verflüchtigt sich die Sinnspur in der zuvor angeführten Parallele. Es gibt Gleichnisse, die auf einem Bein, und andere, die avf beiden Beinen hinken. Das oben angeführte, worin Fremdwörterei und Mauscheln durch das Gleichheitszeichen verbunden werden, begnügt sich damit noch nicht. ES blickt gleichzeitig nach dem Ehrenlempel des Schrifttums und nach der Judengasse, vergleicht Vortreffliches mit Verwerflichem, übersieht, daß das Verwerfliche gar nicht vorhanden, und übersieht besonders, daß es Dinge gletchsetzt, die ihrem Wesen nach schnurstracks auseinandergehen. Jenes Gleichnis ist also, gelinde gesagt, ein Vierfüßler, der es fertig bekommt, auf allen vier Beinen zu hinken. Von Genf nach Jerusalem. General Smuts, der bekannte StaatSchef Südafrikas und Mitglied des englischen Reichskabineis, hat auf einem zu Ehrendes Chief-Rabbi Dr. Hertz in Johannesburg gegebenen Bankett vor kurzem eine bedeutsame Rede gehalten, in der er zunächst über das jüdisch-nationale Heim in Palästina sprach und an die Geduld der Juden appellierte. Die Juden müßten ihre Politik danach einrichten, Laß es möglich sein werde, die große Idee des jüdischnationalen Heimes zu verwirklichen, ohne der arabischen Bevölkerung tm Lande zu sehr Gewalt anzutun. Er wtffe, daß die jüdischen Führer angeklagt würden, sie hätten ihr Volk getäuscht, aber er appelliere an sie und an die ganze Judenheit, geduldig zu sein und sich das große Ideal, Palästina zum Heimatland der Juden zu machen, immer vor Augen zu halten. Wenn sie das täten, dann werde eS ihnen gelingen mit einem Minimum von Verlusten und Reibung en mit der anderen Bevölkerung durchzukommen. „Wenn die Juden eine Nation sind, muffen sie ein Heim haben. Niemand würde zweifeln, daß Israel eine Nation Ist, die Nation der Nationen. Niemals hat ein Volk auf Erben gelebt mit intensiverem nationalen Fühlen als die Juden. Seit Jahrhunderten aus dem eigenen Heim vertrieben, haben sie ihr nationales Empfinden nur vertieft. Sie hatten Palästina niemals wirklich verloren:: je iS. Januar *321 länger sie dem Lande fern waren, desto tiefer hatten sie es in den. Schrein ihres Herzens eingesenkt." Sicherlich werde über die ganze Welt noch der Ruf vernommen: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem". Bei den Juden ist der Patriotismus eine Religion geworden, ein Teil der Religion des Volkes. Aber das jüdische Volk ist nicht yur das nationalste, sondern auch das internationalste und in diesen Tagen könne das jüdische Volk in dieser Hinsicht der Welt eine der wertvollsten Lektionen geben, die sie zu lernen habe. Sie treten in diesem Augenblicke in ein Stadium der Weltentwicklung ein, da der internationale Gedanke in hohem Grad mtt ihnen rechnen mutz. „Der Patriotismus wird die Welt nicht retten. Patriotismus ist nicht genug, es gehört dazu noch etwas, es gehört dazu Sympathie mit der übrigen Welt, der Kampf gegen die Selbstsucht, die Betonung des Menschlichen, und die Liebe zum eigenen Volk mutz auf andere Völker und andere Länder ausgedehnt' werden. Das ist die große Lehre unserer Tage. Nun wohl — ich kenne kein Volk auf Erden, daß aus seiner eigenen Liebe und aus seiner eigenen bitteren und sorgenvollen Erfahrung heraus jene Lehre besser vertreten kann, als das jüdische Volk,' das durch alle Jahrhunderte national geblieben ist. und das doch, zerstreut unter die anderen Nationen und kraft seiner historischen Schicksale das internationalste allerBölker geworden ist. Wenn ich vom Internationalismus spreche, so denke ich an die große Tagung des Völkerbundes, die gegenwärtig in Genf stattfindet. Dieser Völkerbund in Genf ist noch ein sehr gebrechliches schwaches Baby, das sehr der Pflege bedarf, und unser tiefstes Denken klammert sich an den Erfolg dieser Pflege. Ich weiß nicht, meine Herren, ob Ihnen allen gegenwärtig ist, daß der Völkerbund zuerst die Vision eines grotzen Juden war. Der edelste Ausdruck ward -er Idee der Liga der Nationen vor 3000 Jahren durch den größten Dichter des Judentums gegeben, durch den Propheten Jesajas. Seine Vision war der Völkerbund, ob Jesaja auch Genf nicht erwähnte. Aber vielleicht, so schloß der Redner, ist Genf nur eine Starion auf dem Wege nach Jerusalem. (Lauter Beifall). inderecke. >>■ Liebe junge Freunde! Ihr habt mir durch die Lösung des letzten Rätsels gezeigt, daß Ihr in der Geschichte wohl bewandert seid. Jetzt möchte tch sehen, ob Ihr Euch auch in der Religionslehre gut auskennt. 1. Wie heißt der hebräische Ausdruck für das zum Genuß verbotene Tierfett? 2. Welche Abgabe müssen wir von unserem Einkommen den Armen geben? 3. Welches ist das Hauptgebet an Werktagen? 4. Welcher Lobgesang wird an festlichen Tagen angestimmt? 5. Welche Pflanze bringen wir am letzten Suckaus-Tage in die Synagoge? 6. Wie heißt das letzte Fest vor Beginn des Winters? 7. Welches sind die ersten Bußtage? Die Anfangsbuchstaben bilden zwei Worte, die Ihr im Kalender findet. Gut natp* Euer Onkel in der Kinderecke. •rrm rprr -j-wri '7>2i rprr??aa ’ianfön /pm ntoaa irr ■>n'Dn "i dki ^K^lpn v ‘ 221 new? ns?n ‘inth pK3 ~\b aus zirmn dk •pp T*?2 aian k*? Kreuznach. E. Agulnik.

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