Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1921)
- Date
- 1921-01-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Jarmerr 1921 Srr Asrarltt. Nr. 9 Sette 7 Jchenhausen, 90. Dez. Eixe seltene Feier konnte Lie hiesige Israel. GlaubenSgemetnde begehen. Am vorigen Freitag feierte nämlich Herr Distriktsrabbiner Dr. Lohn in voller körperlicher und geistiger Frische seinen SS. Geburtstag unter innigster Anteilnahme weitester Kreise. Im festlich geschmückten Saale hatte die israel. Schule mit ihrer historischen Fahne Aufstellung genommen; ferner waren die Vertretung der Kultusgemeinde, des Stadtmagistrats mit dem 1. und 2. Bürgermeister an der Spitze, der katholische Stadt« Pfarrer und eine Abordnung der evangelischen Glaubensgemeknde erschienen. Von dem Kinderchor mit dem feierlichen Gesang „Boruch h«bo!" begrüßt, erschien der ehrwürdige Greis, gefolgt von seinen Kindern, Enkeln und Geschwistern, die zum Teil aus weiter Ferne trotz ihres eigenen hohen Alters herbeigeeilt waren, um dem Oberhaupt der Familie an diesem Ehrentage nahe zu sein. Der Vorstand der Kultusgemeinde, Herr A. Heller, sprach unter Zugrundelegung eines sinnigen Midrasch dem Jubilar die innigsten Glückwünsche und den Dank der Gemeinde iür seine verdienstliche, 46jährige, segensreiche Tätigkeit aus und überreichte ihm eine künstlerisch ausgeführte Widmung. Außerdem bezeugte die Gemeinde ihre Dankbarkeit durch ein ansehnliches Geldgeschenk. Del/ erste Bürgermeister der Stadt ließ durch einen Beamten der Ortspolizei einen prachtvollen Blumenkorb im Aufträge des Stadtrats nach einerkernigen Ansprache überreichen. Desgleichen brachte auch der katholische Stadtpfarrer, Herr Sinz, seine Glückwünsche zum Ausdruck. Der evangelische Hilfsgeistliche von Gunzburg hatte schriftlich gratuliert. Herr Lehrer Blum, der eist seit kurzem in der Gemeinde wirkt, rühmte in seiner Ansprache das glänzende Rednertalent, die Friedensliebe, das edle/ gotterfüllte Streben und das reine Menschentum des Jubilars. Zugleich brachte er Dank zum Ausdruck für das rege f nterepe das der ehrwürdige Rabbiner, der selbst viele ahre an der hiesigen Schule als Religionslehrer wirkte, noch heute der Schule und insbesondere der Gestaltung des Religionsunterrichts entgegenbringt. Ferner verlieh er dem Danke der Chevraus für die geistreichen Schiurvorträge ihres Meisters Ausdruck. Mit dem Wunsche, daß er dem allseitig geschätzten und wegen seiner Duldsamkeit und seiner noch heute ungebrochenen, alle Mühen und alle Gebrechen des Alters überwindenden Arbeitskraft besonders geschätzten verehrten Rabbiner vergönnt sein möge, an der Sette seiner aufopferungsfähigen Gattin noch viele Jahre seines hohen Amtes walten zu können, schloß er seine zu Herzen gehende Ansprache. Im Aufträgeder bayerischen Rabbinerkonferenz wurde ein Glückwunschschreiben derselben verlesen, in dem diese Organisation ihrem Ehrenvorsitzenden zum Eintritt in das Alter der „Gemoroh" ein herzliches Geleitwort bot, und dessen Verdienste, insbesondere aber auch seine edle Bescheidenheit hervorhob. Herr Dr. Cohn war von der Fülle der Ehrungen sichtlich gerührt. Mit gewohnter Gewandtheit sprach er jedem Redner sofort seinen innigen Dank aus. Hebrätsche Chorgesänge der israel. Volksschule, Gedichte, wie auch ein Solovortrag unseres Kantors Schwarz, verliehen der Veranstaltung, die zugleich ein schönes Zeichen konfessioneller Eintracht in der hiesigen Gemeinde darbot, ein besonders weihevolles Gepräge. Die Familienangehörigen des Jubilars errichteten auf dessen Namen eine bedeutende Stiftung, über deren Mittel Herr Dr. Cohn zu verfügen haben wird. Der jüdische Gesangverein „Zijon" brachte dem Gefeierten am Vorabend ein wohlgelungenes Ständchen. Auch sonst wurden ihm zahlreiche Beweise treuer Liebe und Verehrung entgegengebracht. Mögen sich die Wünsche erfüllen, die man dem ehrwürdigen Rabbiner zu seinem Ehrentage entgegenbrachte'. D'iPjn nxo -w. Hamburg, 2. Jan. Eine Frau, deren ganzes Leben nichts anderes als Erfüllung jüdischer Pflicht gewesen ist, ist mit Frau Semmy Hesse von uns icgangen und wird darum nicht nur vom Kreise der lamilte und der Freunde, sondern von unserer ganzen Gemeinde aus aufrichtigem Herzen innig betrauert. Einer edlen, jüdischen Familie entstammend, von Jugend auf im Geiste der Menschenliebe erzogen, war die Verstorbene würdige Gattin ihres Mannes und fand in dieser Bestimmung den vollen Inhalt ihres Lebens. Wenn ihr Mann, neben seiner beruflichen Tätigkeit, neben seiner Inanspruchnahme durch die orthodoxen Institutionen unserer Gemeinde, neben feiner hingebungsvollen Tätigkeit für die Agudas tisroel, ein Sammelwerk ohnegleichen für alle der rstarkung gesetzestreuen Judentums dienenden Vereinigungen, seien es die Jeschiwos im Osten und Ungarn, seien es die jüdischen Schulen und Lehrerseminare in Deutschland, sei es unsere hiesige Talmud- Thora-Schule, entfalten konnte, so konnte er das nur, weil diese Gattin ihm als ->w zur Seite stand, weil ihr warmes Herz für alles Jüdische, für alles Gute schlug und dadurch seinem Herzen immer wieder neue Wärmeweüen Zuströmen ließ. All , dem gab unser Herr Rabbiner in seinem warmen idvn tiefergreifenden Ausdruck. Möge in dieser schweren Zelt das jtdt dieser frommen Frau uns betstehen, möge, da sie nun aus unserem Kreise geschwunden, weiter ihr Geist sein mit ihrem Manne und ihren Kindern und mit uns sie so unsterblich fortleben. n"am Vermischtes. Berlin, 4. Jan. Am 28. Dezember ist Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Leopold Landau verstorben. Er wird als Zierde der ärztlichen Wissenschaft und Freund und Helfer der leidenden Menschheit geschildert. Er war auch Mitglied der Repräsentanten-Bersammlung der jüdischeu Gemeinde. . Berlin, 3. Jan. DieersteWohlfahrtstagung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden findet am 24. und 35. Januar er. in Berlin, im Logenhause, Kleiststraße 1», statt. Den Vorsitz führt Berthold Timendorfer, Berlin. Den Geschäftsbericht erstattet Eugen Caspary und Dr. Segall, Berlin; über die Satzungen der Zentralwohlfahrtsstelle berichtet Justtzrat ^Salomon, Berlin; über den Stand der Finanzen Frau Henriette May, Berlin. Außerdem halten Referate: Frau S. Wronskt, Berlin, die Herren Emil Waldstein, Breslau, Dr. Fritz Lamm, Berlin, Sanitätsrat Dr Hanauer, Frankfurt a. M., Dr. I. Cohn, Dr. W. Feilchenfeld, Dr. Nawratzkt, Frau Clara Samuel, Herr Eugen Kaspari, Dr. Albert Levi, Dr. F. Ollendorff, Dr. Alfred Klee und Dr. Kaufmann, Berlin. Jchenhauseu, 30. Dez. Ein Elternabend vereinigte am ivtMs (7. Tag Chanukka) «itern und Schüler der hiesigen Gemeinde zu einem harmonischen Feste, dem der größte Teil der übrigen Gemetndemitglieder durch seine Anwesenheit erhöhte Bedeutung verlieh. Herr Lehrer Blum wies in seiner Ansprache unter anderem auf die innigen Wechselbeziehungen zwischen Schule, Elternhaus und Gemeinde hin. Zahlreiche Darbietungen der Schuljugend erfreuten durch ruhige Sicherheit und gelungenes Spiel. Die Pausen wurden durch Vorträge des Gesangvereins „Zijon", sowie durch Lledervorträge sangeskundiger Damen verschönt und damit wurde auch äußerlich eine Brücke geschlagen zwischen Schule und Gemeinde. Die strahlrnden Augen der Kinder — alle, selbst die Kleinsten, durften auf der Bühne auftreten — sowie die freudig erregte Stimmung im Saale zeigte, daß derartige Veranstaltungen geeignet erscheinen Licht und Anregung ins Schulgetriebe zu bringen und zugleich auch sonst fernstehende Kreise für die Schule zu interessieren. Prag, 5. Jan. Die Reste der am 16. November durch rohe Gesellen im jüdischen Rathause geschändeten und zerrissenen Thora-Rollen werden — soweit sie bis dahin an die Kultusgemeinde abgeliefert sein werden — Sonntag in vorgeschriebener Weise beerdigt werden. Dieser Tag ist vom Prager Oberrabbinate zum allgemeinen Fasttage bestimmt worden. Bratislava, 6. Jan. Oberrabbiner Sp itze r aus Kirchdrauf, der als Vertreter der tschechoslowakischen Landesorganisation an der Aguda-Delegalion nach Amerika teilnehmen soll, hielt auf der Durchreise hier in Bratislava, sowie in Duna-Szerdahely vor großem Publikum „Vorträge über Zwecke und Ziele der Aguda." Er setzte sich in glänzender Weise mit dem Misrachi und dem Zionismus auseinander und verstand es, das viel behandelte Thema durch eine Fülle geistvoller Ausführungen besonders interessant zu machen. Vereinswesen. Berlin, 10. Jan. Nach mehrjähriger Pause hatte der Israelitische Fortbildungsveretn Montefiore, Berlin dl. 24, dem großen Kreis seiner Mitglieder, Freunde, und Gönner, wieder einmal zu einem Stiftungsfest — dem 36. seit seinem Bestehen — geladen. In vornehmen Nahmen wickelte sich das Programm der Darbietungen in bunter Folge ab. Ein aus mehreren, teils ernsten, teils launisch-heiteren Bildern bestehendes Festspiel, das in einer Apotheose der Vereinsziele ausklang, leitete den Abend ein. Hervorragend künstlerisch-musikalische Darbietungen der jungen jüdischen Vloltnvirtuosin Fräulein Elisabeth Kramer und des Oberkantors Pinkaso-vicz, der sich außer in jüdischen Gesängen auch als Interpret klassischer Gesangskunst bewährte, rissen die Erschienenen zu stürmischen Ovationen hin. Durch diese in allen Teilen wohlgelungene Veranstaltung hat der rührige Verein bewiesen, daß selbst in Zeitläuften, die von der jüdischen Jugend nachdenklichste Selbstbesinnung fordern, eine edle Geselligkeit dem Veretnsleben neue wertvolle Impulse zu erteilen vermag. Llfltraria^eWarfe Die Shnagogale Poesie des Mittelalters von Dr. Zunz. Zweite, nach dem Handexemplar des Verfassers berichtigte und durch Quellennachweise und Register vermehrte Auflage im Aufträge der Zunz-Stiftung yerauSgegeben von Pr^Dr. A. Kreimann. Frankfurt «. M. 1930, % Kauffmanrr TI unS 384 S. Preis drosch. 23 Mk., geb. 29 Mk. und 40»/» Zuschlag. . „Wenn eS eine Stufenleiter von Leiden gibt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenrr die Dauer der Schmerzen und der Geduld, mir welcher sie ertragen werden, adeln, so nehmen es dw Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenigü klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührS dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrtausend» währt, gedichtet und dargestellt von d.en Helden, selber?" Mit diesen Worten leitet der Verfasser das zweit» Kapitel des vorliegenden Buches „Leiden" ein, unv schon dieser Abschnitt allein berechtigt, abgesehen von dem wissenschaftlichen dauernden Wert des ganzen! Werkes, seine Wiederherausgabe, nachdem 63 Jahrs seit seinem ersten Erscheinen verstrichen sind. Ist';a die Literatur der Shnagogalen Poesie des Mittelalters zum großen Teil nichts anderes als die Epopöe des LeiderrsgangeZ der Judenheit durch die WelL es ist der jammerersüllte Ausschrei eines bis aufs Blut gräusam verfolgten Volks zu Gott um Rettung und Hilfe, der uns aus diesen Gebeten entgegentönt. Sie erzählen uns, wie unser Volk gelitten, abe» auch, wie sie durchgehalten und ihr Leben hingegeben, um die Treue gegen Gott nicht zu verleugnen. Sich in diese Lieder, die der Verfasser in metrisch schöner Uebersetzung der Welt zugänglich macht, xv vertiefen, sst wahrlich reichlich lohnend; mit Ehrfurcht blicken wir zu unfern Ahnen auf, die mutig und in Ergebenheit in Gott gelitten und unentwegt im Vertrauen auf ihn ausgeharrt und nicht be» zweifelt sind. Was sie erduldet, haben sie für nutz ihre Nachkommen erduldet, und wie sie nie bis Hoffnung auf den Sieg des Rechts und der Menschenliebe aufge,geben haben, lehren sie auch uns, an der Zukunft nicht zu verzweifeln, wenn auch die Gegenwart uns die Zukunft dunkel erscheinen läßt. Abe« noch eins, und dies stellt dem hohen EthoS vesl jüdischen Geistes ein glänzendes Zeugnis aus: Selichoth heißen die Gebete, in denen wir über da» große Leid klagen, Bitten um Verzeihung, wir bürden nicht andern die Schuld aus, unsere Sünde» haben die Not verschuldet, und so wird das Lei? zu einem Läuterungsprozeß für uns. Was nun den wissenschaftlichen Wert deS Werkes betrifft, so bedarf eS nicht vieler Worte, um diesen ins rechte Licht zu stellen. Daß das Werk den Namen Zunz trägt, genügt. Nur möchte ich auf die Beilagen aufmerksam machen, welche di« Sprache der Peitaninr grammatisch behandeln u»A wertvolle Aufschlüsse über manche Dunkelheiten geben. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Partien, di« alphabetisch geordnet, die in übertragenem Sinn von den Peitanim angewendeten Bezeichnungen unter jeweiliger Angabe der Verfasser anszählen. Eine erdrückende Menge wissenschaftlichen Materials, da» noch viele Forscher zu beschäftigen vermag. War uns aber die neue .Herausgabe mehr bringt, als di« alte, sind nicht nur die Randnotizeu aus dem Handexemplar des Verfassers, die manches ergänzen, beziv. berichtigen, es ist vielmehr das Eigene, vas Prof. Dr. A. Freimann hier hineingearbeitet hat. Zu dem in skizzenhaftem Hinwnrf behandelten geschichtlichen Teil des Mittelalters, welcher die Zeit der mitgeteilten Poesieen umfaßt, fehlten in oer ersten Ausgabe die Quellennachweise, ein Mangel, der schon beim Erscheinen des Buches beanstcurdet wurde. Ter Herausgeber hat diesem Mangel abgeholfen; durch gründliches Nachforschen nach den entlegensten Quellen hat er einen wertvollen Beitrag zu diesem Werke geliefert. Handlich hat der Herausgeber ferner das Werk gemacht durch Anlegung eines Namen- und Sachregisters, eines Registers der hebräischen Termini und der zitierten mrd übersetzten Poesieen. So dient das Buch auch znm Nachschlagewerk, eine Notwendigkeit für alte geschichtlichen Werke und nicht zum wenigsten für ein Werk von Zunz. Der Herausgeber hat sich besonders verdient um das vorliegende Buch gemacht. Sntzbach^ Biologie der Ethik. Von Max Nord au. Leipzig. Verlag von B. Elischer Nachi. VreiS Mk. 3—. geb. Mk. 18 — Man hat fiich daran gewöhnt, in N o r d a u nicht mehr den Verfasser der „Konventionellen Lügen", sondern einen für das Geschick seines Volkes warm fühelnden Juden zu erblicken, der sich innerlich mindestens zur besseren Würdigung des religiösen Faktors dnrchgerungcn habe. Das vorliegende Merkchen zeigt, wie falsch diese Aufsagung und wie sehr Nordau der alte Feind und Hasser des Göttlichen in Geschichte und Menschenleben geblieben ist. Sich mit den Gedankengängen des Buches wissenschaftlich auseinanderznsetzen, lohnt nicht, denn es spricht die Sprache einer von der philosophischen Ethik längst überwundenen materialistischen Vergangenheit. Ihm ist die Sittlichkeit lediglich eine dem Zusammenleben der Aienschen dienliche Nützlichkeitsschöpsung der Natur, eine Illusion vielleicht, aber eitle zweckmäßige Illusion. Kant wird als Mystiker abgctan, alles Theologische überlegen ironisiert, dem Matmvnides ein „Widerspruch" angedichtet, der nur ta der Phantasie des Kritikers existiert, und da» TranAcendcntale überhaupt in den großen Topf der „theologischen Armseligkeit" geworpu. Hermann Co Yen