Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1921)
- Date
- 1921-01-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 No. 2__ innerlich wohl ziemlich unvorbereitet aus westjüdischer Assimilation in die Wunderwelt des jüdischen Ostens htneintrat, spricht in formschönen, dichterischen Ergüssen, die den Rahmen eines Kommentars wett übersteigen, von allem, was die Welt des Ostjuden erfüllt. Die Einsicht ist ihm nicht fremd geblieben, daß diese jüdischen Menschen alles, aber auch alles der göttlichen Lehre verdanken, der sie ihr Einzel- und Volksleben restlos hingegeben, und die ihnen diese in der Weltgeschichte einzig dastehende Hingebung durch Errettung vom sonst unvermeidlichen Völkertode und durch die Begabung mit köstlichsten sittlich-religiösen Werten gedankt hat. Wir können unseren deutschen, unseren westeuropäischen Brüdern nur raten, selbst zu lesen und zu urteilen. Fast möchte man wünschen, daß auch der dem Gesetze treu gebliebene Teil der westeuropäischen Judenheit einmal einen so hellhörigen und von Liebe erfüllten Beurteiler finden möchte,' der würde auch in Deutschland und anderswo manche stille Quelle wahrhaftigen sittlichen und religiösen Lebens springen hören, die heute für unsere literarischen Parteibonzen bei ihrer einseitigen Orientierung nicht vorhanden ist. Aber dieser Künstler müßte wohl aus dem O sten kommen und — auf der Str aße könnte er seine Typen nicht finden. Mit ebensolcher Wärme wie das Struck- Zweig'sche Werk begrüßen wir die musikalische Darstellung ostjüdischen Seelenlebens, wie sie Fritz Mordechai Kaufmann in seinem Volksliederbuch bietet.^) Für den gesetzestreuen Juden des Westens, der im Kreislauf des Jahres mit jedem Sabbat und Festtag, der seiner Empfindende in jedem^Wochentag-Ntgun, den Strom innerer Beglückung empfindet, der von «unseren religiösen Melodteen ausgeht, ist es von besonderem Interesse, die volksmäßige Verbreiterung dieses Stromes im Alltagsleben des Ostjuden zu verfolgen. Die Quelle ist hier wie dort die gleiche: an der Liebe zu Gott, an den „Grüßen aus einer besseren Welt", mit denen der Schöpfer in Thora und Mizwos die Wanderschaft durch diesen dunklen Aulom dem Juden erträglich gemacht, entzündet sich der musikalische Geftaltungstrieb und umrankt nun das vom Gesetz unverrückbar Gegebene mit freiester Mannigfaltigkeit des Singens und Sagens. Wie wunderbar einfach und doch so rührend streut gleich das zweite dieser Lieder, das bekannte aPir? "n für den Sabbat- Ausgang, mitten in den Text, gleich nach den ersten 3 Worten den prachtvollen Aufruf kindlicher Liebe: „ja, Vaterl, ja", um dann das japr KTn 7>8 „hob nit kein Forcht, man Knecht Jankow" mit dem Ausruf zu beantworten: „nein, Vaterl, nein und dann sieghaft in festen, gehaltenen Vierteltönen zu schließen: ehob nit kein moir (Furcht) var kein — nor var dir allein, nor var dir«allein! Noch charakteristischer ist die Paraphrase, die das gleiche Lied in Südrußland und Rumänien gefunden hat. Hier weint sich das Kind am Vaterherzen aus und mißt angstvoll die trübe Gegenwart an dem tröstenden Zuspruch des Propheten. So könnte man Nummer für Nummer durchgehn, um überall neben der unmittelbaren Freude am Liede den feinen Fäden nachzuspüren, die das religiöse Erlebnis, die Frucht des Erziehungswerkes der Thora an ihrem Volke, mit dem äußeren Leben und seiner musikalischen Verklärung verknüpfen. Das gilt nicht nur von den spezifisch religiösen Liedern, sondern von allen, seien es Wiegenliedchen oder Kinder- und Chederlieder, ja sogar von manchen (nicht von allen) der Liebeslieder, die Kaufmann in die Sammlung ausgenommen hat. Diesen letzteren schickt der Vers) Die schön sten Lieder der Ostjuden. 47 ausgemöhlte Volkslieder. Herausgegeben von Fritz Mordechai Kaufmann. Berlin 1620, Jüdischer Verlag. Der JSraeltt. fasfer einige Sätze aus Cahans Einleitung zu seiner Volksliedersammlung voraus, aus denen sich ergibt, daß die Liebeslieder ein gleichsam „unterirdisches" Dasein in den unteren Volksschichten geführt haben und von da erst ans Tageslicht gefördert wurden. Erschütternd wirkt der eine der letzten Nummern bildende. Aufschrei der jüdischen Soldaten: „Fratik var Nacht": mit dem rythmisch bewegten Refrain: — „En wei, Brider, mir sennen Soldaten, Mir hoben varspielt unser Welt." Was in diesem einfachen Liedchen lebt, das besondere Martyrium des seiner Miz wo-Freuden beraubten jüdischen Soldaten, das schreit nach sechs Jahren unaufhörlicher Militärherrschaft über jüdische Seelen, förmlich nach künstlerischer Gestaltung und hat es hier in rührender Einfachheit gefunden. So sei auch dem verdienstvollen Merkchen Kaufmanns weiteste Verbreitung in jüdischen Kreisen gewünscht. Die Ausstattung ist prächtig, nur sollte für bessere hebräische Typen gesorgt werden. In diesem Zusammenhang ist der im gleichen Verlag erscheinenden Sammlung „Jmdische Volkslieder", bearbeitet von Arno Nadel, zu gedenken, von der das erste, Heft vorltegt. Es sollen vierteljährlich 8—10 Lieder je einem Heft erschienen,- vier Hefte bilden einen Jahrgang. Das erste Heft enthält das bekannte „Alef-Bees" von Warschowski, „demMilners trern" des gleichen Komponisten sowie eine Reihe anomymer d. h. echter Vokslieder, z. T. mit Noten für Cellobegleitung versehen. Das neue Regiment in Naben. Karlsruhe, 30. Dez. Im Mat d. I. ist aus den Synodalwahlen ein neuer Oberrat hervorgegangen, das alte autokratische Regime wurde durch ein auf demokratischer Basis beruhendes ersetzt. Mit großen Hoffnungen hat man allenthalben im Lande diesen Szeneriewechsel begleitet, hoffte man doch ein frischer Zug echter Toleranz und Demokratie durchwehe die soeben gewählte Oberbehörde, aber auch ein frisch-fröhliches Arbeiten würde einsetzen und dem Lande eine der Neuzeit entsprechende Verfassung und den einzelnen Gemeinden geordnete Verhältnisse bringen. Nichts von alledem! Eine bittere Enttäuschung durchzieht das Land und verbittert die Wähler, die von einzelnen Gemeindegewaltigen geknebelt und vergewaltigt werden. Der Oberrat hat offenbar — trotz ^des einmütigen Wunsches aus dem ganzen Lande — Wichtigeres zu tun, als Wahlen auszuschreiben! Insbesondere hat ein „Geheimerlaß" des Oöerrates an die Gemeinden des Landes berechtigte Mißstimmung nicht nur in konservativen, sondern auch in liberalen Kreisen hervorgerufen. Die Synagogenräte des Landes wurden nämlich aufgefordert, sich mit einem entsprechenden Geldbetrag für eine geplante „Ehrengabe" an das frühere Oberratsmitglted Geh. Oberregterungsrat Dr. Meyer zu beteiligen! Von konservativer Seite muß eine derartige „Ehrengabe" den entschiedensten Widerspruch Hervorrufen! „Ehrengaben" sind doch sonst nur bei besonders großen Verdiensten üblich. Welche Verdienste hat aber Herr Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer der Orthodoxie gegenüber zu buchen? Doch nur solche in negativem Sinne! , Es ist deshalb auch unverständlich und entschieden zu mißbilligen, daß die konservativen Oberratsmitglieder diesem Beschluß zur Ueberreichung einer Ehrengabe die Sanktion verliehen haben, — spricht doch das oberrätl. Geheimschreiben von einem einstimmigen Beschluß! Wie sehr sich auch die liberale Seite für diese „Ehrengabe" erwärmt, möge ihm die Zusagen der liberalen Großgrmetnden, die sich nur mit minimalen Beträgen beteiligten, zeigen und ihm sagen, daß sein erster Schritt schon ein Fiasko bedeutet! — lieber 6 Monate sind ins Land gezogen und besitzen die neuen Herren offenbar viel Zeit für _ 13. Januar 1981 weniger wichtige Dinge, während die z. Zt. dringendsten und wichtigsten Angelegenheiten — die Gemeindewahlen — noch immer der Erledigung harren! Die Herren Oberratsjuristen überlegen und prüfen immer noch und prüfen wiederum und überlegen nochmals, ob nicht irgend ein § für oder gegen spricht! Die „vox populi" hört man in Karlsruhe nicht, offenbar sitzen — trotz des annähernd 7a Dutzenb — immer noch zu wenig Juristen im Oberrat! In allen Gemeinden des Landes wurden schon längst dringend Neuwahlen verlangt, ohne daß man darauf bisher die gebührende Rücksicht genommen und solche ausgeschrieben hätte! Ist es den neuen Herren um „Demokratie" wirklich ernst, so müßten die Neuwahlen längst angeordnet sein, wie es auch bei den beiden andern Konfessionen seit bereits zwei Jahren der Fall! Dem simplen Latenverstand ist diese Zurückhaltung einfach unbegreiflich. Gegenwärtig werden in einer großen Anzahl von Gemeinden dteGemetndegeschäfte von 70—80 jährigen Greisen geleitet, und nicht zum Besten der betreffenden Gemeindensoll dies so wetterbleiben, soll so weiter fortgewurstelt werden oder kann sich der Oberrat nun doch zur Tat ausraffen? Wir Werdens ja bald sehen! Ein Zweifel über die Wählart kann doch wohl nicht bestehen. Da noch keine neue neue Verfassung und damit auch kein neues Wahlgesetz vorhanden und solche erst von zu wählenden Syndde in unbestimmter Zeit geschaffen werden müssen, kann nur nach dem bisherigen, alten Wahlsystem gewählt werden, oder aber der Oberrat könnte bestimmen, daß die Wahl nur den Charakter einer vorläufigen habe, und Neuwahlen nach 17-—2 Jahren, nach Vollzug des neu zu schaffenden Wahlgesetzes stattfinden müssen. Aber Wahlen müßten stattfinden, die Gemeinden bestehen unbedingt darauf und verlangen es. Es ist übrigens in letzter Zeit bekannt geworden, daß verschiedene Gemeinden selbständig dazu übergehen, Neuwahlen vorzunehmen und sich um Anordnungen, des Oberrates nicht mehr weiter kümmern! Es ist erfreulich, daß diese Gemeinden die Energie aufbringen, die der Oberrat so sehr vermissen läßt! Ob aber dadurch das Ansehen und die Macht des Oberrates gehoben werden wird, möchte ich füglich bezweifeln, im Gegenteil möchte ich sagen, daß sich auf diese Weise der Oberrat den letzten Rest von Achtung verscherzt und sich so sein Grab selbst gräbt, umsomehr als auch auf andern Gebieten seine Arbeitsleistung gleich null ist! Möge deshalb der neue Oberrat rechtzeitig noch die Zeichen der Zeit verstehen, damit das Rad der Zeit nicht auch über ihn hinweggehe. Korrespondenzen und Aachrichte«. De-rtfchs« Weich. Ule Schulpolifih Ser Berliner öemelnSe. Aerlm, 3. Januar. In der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung kam es zu einer lebhaften Auseinandersetzung über den Schulvorstand der Religionsschulen der Gemeinde. Konservative und Volkspartei verlangten die Berufung von Vertretern ihrer Richtung in den Schulvorstand und setzten diese'Forderung schließlich auch durch. Es wurden von konservativer Seite die Herren Goldschmidt, M. A. Loeb, Dr. Mach, von der Volkspartei Dr. Klee, Rabbiner Dr. Liebermann und Rechtsanwalt Dr. Loeb gewählt. In der Debatte wurde dem Gemeindevorstand seine parteiische Schulpolitik in ernsten Worten vorgehalten. Gegenüber dem zettge-